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Sonntag, den 12. Oktober 1890.

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Druck u. Verlag der Fuldaer Acttcndruckcre, (A. Dmmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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♦ Die Augst vor den Jesuiten

hat das sensationslustige .Berliner Tageblatt' wieder einmal eine italienische Kloster-Schauermär erfinden lassen. Das „Centrums-Parlaments-Bureau" hat sich an einen Bekannten in Neapel, wo die Geschichte im „Kloster der lebendig Begrabenen" (hu!) passirt sein soll, um Auskunft gewandt. Heute spricht das ,Berl. SEagebL' von einer „polizeilichen Razzia gegen alle süd- italienischen Klöster". Diese Judenpresie, die über Judenverfolgungen in Rußland nicht genug zu tarnen« tiren weiß, knüpft an einen knappen Bericht über die Kölner Katholiken-Bersammlung die erlogene und abso­lut unmotivirte Bemerkung: „Ob gerade die Jesuiten die Leute sind, um einen guten Geist unter der Ar­beiterbevölkerung zu erhalten und zu verbreiten? Religiöse Eintracht und sozialer Frieden haben, soweit die bisherigen Erfahrungen reichen, niemals geblüht, wo dieser Orden sein Wesen trieb." Will das Blatt vielleicht glauben machen, daß die Juden „die Leute sind, um einen guten Geist unter der Arbeiter-Bevöl­kerung zu erhalten und zu verbreiten?" Dann zähle man doch nur einmal die Juden allein unter den Berliner Agitatoren der Sozialdemokratie, an andere Städte gar nicht zu denken. Mit demselben Recht könnte man auch sagen: „Sozialer Friede hat, soweit die bisherigen Erfahrungen reichen, niemals geblüht, wo Juden ihr Wesen trieben." Ohne widerlegt zu werden, darf man kühn behaupten, daß unsere gegne­rischen Blätter fortfahren werden, derartige Skandal- Geschichten zu erfinden, so lange die Ordensfrage nicht geregelt ist. Es geschieht dies, um das protestantische Volk gegen die Orden aufzuhctzen und die Orden zu verdächtigen!

„Hereingefallen" ist mit ihrem Wettern und Pol­tern gegen die Jesuiten außer der ,Köln. Ztg.' auch eine große Anzahl geistesverwandter Blätter, welche einen angeblich von einem „Jesuiten" mit Namen Julius Lang verfaßten Bettel-Brief abdruckten. Dieser Lang nennt sich Dr., katholischer (!) Publizist und Mitglied (!) des 2. allgemeinen österreichischen Katho­likentages. Besagter Dr. Julius Lang hat nun in Wien eine Schrift erscheinen lassen, betitelt:

„Die Hochzeit unserer Kaisertochter. Von Julius Lang, katholischer (!) Schriftsteller, Wien 1890. Im Selbstverlag« (!) des Verfassers: Julius Lang, Ul., Hörnesgasse 17. Druck von Plaut & Co., IX., Maria-Theresien-Straße 5."

Diese von der kürzlich vollzogenen Hochzeit der Kaisertochter Marie Valerie ausgehende Schrift mit ihren lächerlichen Ueberspanntheiten nach oben hin, und mit wahrhaften Karrikirungen katholischer Anschauungen und widerlichen Lobhudeleien über die Jesuiten und fanatischen Ausfällen auf das Preußen des Jahres 1866 — diese Schrift wurde unter Wien in der .Köln. Ztg.' mit Unterschlagung des auf dem Titelblatte stehen­den Verfasser-Namens den — Jesuiten unterschoben und dann kräftig gedonnert, daß diese Jesuiten mit solcher Gesinnung in's deutsche Reich zurückzukehren gedächten! DaS war der Zweck der ganzen Fälschung, und als durch eine Erklärung des Oberen der Wiener Jesuiten an die „Köln. Ztg.' die Fälschung konstatirt war, da — wurde doch noch in der .Köln. Ztg.' die Finte gebraucht, der Verfasser der in Rede stehenden Schandschrift sei dem Inhalte nach, wenn auch kein wirklicher Jesuit, dann doch — von Gesinnung! Es muß gar sehr schlecht um die Gründe gegen die Rück- kehr der Jesuiten ausscheu, wenn sie so — geschaffen werden müssen!

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Oktober.

* Von verschiedenen Seiten wird eine Herbstsessian des Landtags in Aussicht gestellt. Demselben soll auch eine Vorlage über Umgestaltung des Armenwesens zugehen.

* Auf die 170 Millionen zur Zeichnung aufgelegte 3°/e Rtichsaaleihr wurden 422 und auf die 65 Mill, zur Zeichnung gestellte 3% preußische konsolidirte An­leihe 97 Millionen Mark gezeichnet. Beide Anleihen zusammen sind somit 21/« Mal gezeichnet.

* Der Urlaub des Reichskommiffars, Majors v. Wissm ann, ist um 1 Monat verlängert worden.

* Das .Grünberger Wochenblatt' kündigt zahlreiche Arbeitereutlaffungeu in den Wollwaarenfabriken an, die eine Folge der Mac-Kinley-Bill sind.

* Der französische Jrsuitrnpater Forbes veröffent­licht im Pariser Univers ein Schreiben vom 7. Ok­tober folgenden Wortlauts: „Die .Deutsche Reichs- zettdug' vom 30. September 1890 hat einen angeblich von mir an einen deutschen Geistlichen ge­richteten Brief in Umlauf gesetzt. Da einigePer- foneu mein Dementi im Monde für unzulänglich er­achtet haben, um jede Zweideutigkeit aus der Welt zu fchaffe», erkläre ich, daß ich von diesem Briefe nichts geschrieben habe; er ist unecht von einem Ende zum andern, eine reine Erfindung. Ich habe keinen Brief an einen deutschen Geistlichen betreffend den Lütticher Kongreß und die soziale Frage geschrieben. Ich for­dere Jedermann auf, eine von mir an einen deutschen Geistlichen über den Lütticher Kongreß und die soziale Frage gerichtete Zeile vorzuweisen. Ueber den Ur­sprung des Briefes befragt, verweist die ,Deutsche Reichszeitung' mich auf die bayerischen Blätter, ohne irgend eines derselben zu bezeichnen." — Daß das betreffende Schreiben eine Mystifikation gewesen ist, steht somit außer allem Zweifel. Wir haben bereits darauf hingewiesen, schreibt das .Münchener Fremden­blatt', daß das angebliche Schreiben des P. Forbes in der bayerischen Presse zuerst in der von Herrn Anton Memminger in Würzburg dem bekannten Bismarck-Interviewer, rebigirten ,Neuen bayerischen Landeszeitung' auftauchte und schon vor 4 Wochen. Einige Zeit später wurde das Schreiben seinem Wort­laute nach, nachdem auch in. einigen bayerischen Provinzblättern gestanden, von der ,Deutschen Reichs­zeitung' wiedergegeben. Daraufhin von der ,Köln. Volkszeitung' zum Gegenstand der Besprechung gemacht. Diese Hinweise dürften auch für die .Kölnische Ztg.' von Werth fein, welche es unbegreiflich findet, „wes­halb die Deutsche Reichszeitung dem zunächst bethei- ligten Jesuitenpater Forbes nicht bestimmt und unum­wunden die Quelle nenne, aus der sie das Schreiben geschöpft habe."

* Der Abg. Windthorst hat nachstehendes Schreiben erhalten:

„Hochzuverehrcndcr Herr! Ew. Exzellenz hatten die Güte, in so warmer und anerkennender Weise auf der Koblenzer Ka- tholiken-Bersammlung von dem Wirken der Missions-Orden zu sprechen und dabei ganz besonders auch der M i s s i o n s s ch w e - st ern rühmend zu gedenken und die Katholiken zur Unterstützung derselben aufzufordern. Wenn auch wir Missionsschwestern nur Gott zu Liebe uns zum Opfer bringen und von Ihm allein unfern Lohn erwarten dürfen, so sind solche Worte der Aner­kennung, aus solchem Munde und bei solcher Gelegenheit ge­sprochen, doch eine mächtige Anregung; wissen wir dann ja doch, daß wir nicht allein stehen auf unferm dornenvollen Arbeitsfelde, sondern fühlen wir uns getragen und gehoben durch die thätige Theilnahme der glaubenstreuen und glaubenseifrigen Katholiken. Der Unterzeichneten ist von unfern verehrten hochw. Obern in Afrika der ehrenvolle Auftrag zu Theil geworden, Ew. Exzellenz den tiefgefühlten Dank unserer ganzen Kongregation für Ihr Wohlwollen gegen uns auszusprechen. Ew. Exzellenz ist es wohl nicht unbekannt, daß unsere Kongregation in Maestricht ein Postulantenhaus besitzt zur Aufnahme und Heranbildung deutscher und holländischer junger Mädchen, die später in Afrika als Ordensschwestern das Werk Sr. Eminenz des Kardinals Lavigerie und dessen „Weißer Väter" zu unterstützen und aus­zuführen bestimmt sind. Wie die Unterzeichnet«, so gehört auch schon manche andere deutsche Schwester unserer Congr6gation des soeurs missionnairea de Notre Dame d’Afriqae an. Uebcr- zeugt, daß Ew. Exzellenz Wohlwollen unser Misfionswerk mäch­tig in Deutschland zu fördern im Stande ist, verbinden wir mit unserm Danke die demüthige Bitte, daß Sie uns auch ferner Ihr« Theilnahme und Ihr Jntereffe bewahren möchten. Der liebe Gott segne Sic reich und überreich für Ihre Liebe und Ihre Theilnahme zu der Missionsthätigkcit unserer heiligen katholischen Kirche! Ew. Exzellenz in ttefster Ehrfurcht und Dankbarkett ganz ergebenste A. A. Ottilie Preußer, en religion Soeur M. Francois d’Asaise, Miss. d’Afrique. Maestricht, 18. September 1890."

Wir benutzen gern diese Gelegenheit, um die Auf­merksamkeit des deutschen Publikums auf die erwähnte, bisher in Deutschland weniger bekannte Kongregation zu lenken.

* Der Wunsch, Herrn Hofprediger Stöcker aus seinem Hofamte zu entfernen, ging, wie die.Post' schreibt, vom Kaiser Friedrich persönlich aus. Dieser war noch Kronprinz und wellte in San Remo, als er bei seinem Vater, dem Kaiser Wilhelm I., Schritte deswegen that. Der Kaiser, an den die Sache birett

gelangte, zeigte sich nicht abgeneigt, auf den Wunsch seines Sohnes einzugehen, der auch durch die Ansicht der Kaiserin unterstützt wurde. Indessen, ehe in der Angelegenheit noch etwas geschehen konnte, trat der Tod dazwischen, so kam ei, daß erst unter Kaiser Friedrich die Frage dringlich wurde.

*■ Die deutsch-oß-lfrikauische Gesellschaft hat am 17. v. Mts. einen Beamten nach Witu gesandt, um von dem Vertreter der Witu-Gesellschaft den Besitz­stand der Witu-Gesellschaft zu übernehmen. Dieser Besitzstand besteht in 25 Quadratmeilen Landes, welche s. Z. von der Witu-Gesellschaft durch Herrn Denhardt von dem Sultan von Witu erworben sind und an die Witu-Gesellschaft mit allen Rechten inkl. Hoheitsrechteu übergeben wurden. Die Witu-Gesellschaft hat nunmehr ihre Rechte der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft ab- getreten, welche die von der Witu-Gesellschaft in Lamu errichtete Agentur übernommen hat.

* Der Herzog von Ratibor, Präsident des preu­ßischen Herrenhauses, begeht am nächsten Mittwoch die 50jährige Jubelfeier seiner Erhebung in den Herzogs- bezw. Fürstenstand.

Ausland.

* lieber den Gesundheitszustand des Königs Wil­helm von Holland gehen die Meldungen auseinander. Während die Einen daran festhalten, daß nach wie vor das Schlimmste zu befürchten sei, wird dies von an­derer Seite als übertrieben dargestellt. Bekanntlich würbe mit bent Ableben des Königs bas Großherzog- thum Luxemburg an ben Herzog von Nassau fallen, der schon während der letzten Erkrankung des Königs kurze Zeit dort die Regentschaft führte. Wenn jüngst berichtet wurde, der Herzog von Nassau gedenke keine Regentschaft mehr in Luxemburg zu übernehmen, so klang das glaubhaft mit Rücksicht auf das Unerquick­liche, welches die letzte Regentschaft bot, es wird indeß dementirt.

* In Frankreich sind augenblicklich wieder mal die Strikes auf der Tagesordnung. Zahlreiche Ausstände, namentlich in den Montandistrikten, sind ausgebrochen, und vielfach bedarf es der militärischen Intervention zur Aufrechterhaltung der Ruhe. Aehnlich geht es in England, namentlich in S ch o t t l a n b, wo ein Massen- strike der Hochofenarbeiter ausgebrochen ist. Die meisten Hochöfen mußten ausgeblasen werben.

* In russischen Blättern ist jetzt viel von ber Lö­sung ber bulgarischen Frage bie Rede. Die jkühnsten Kombinationen werben ausgestellt unb bie fragwürdigsten Gerüchte verbreitet. Da soll sich ber bulgarische Mini­sterpräsident Stambulow vertraulich in Peters bürg gegen etliche Millionen zur Entfernung bes Prinzen Ferdinand erboten haben. Dann soll Deutschland den Vorschlag gemacht haben, ben Prinzen Ferdinand zum Rücktritt zu veranlassen unb Bulgarien durch eine Personalunion mit Rumänien zu vereinigen. Vorläufig wird wohl Alles beim Alten bleiben.

* Der zweite spanische Katholiken-Kongreß wurde am 5. d. Mts. in ber Kathedrale zu Zaragoza von dem bortigen Erzbischof in Anwesenheit bes Nuntius unb unter großer Betheiligung aller Bevölkeruugs- klassen eröffnet. Als Theilnehmer waren erschienen 52 Bischöfe, mehrere hundert Geistliche, ferner Parlaments- Abgeordnete, Gelehrte, Künstler, auch zahlreiche Damen aus ben höchsten aristokratischen Kreisen des Landes. Der Kongreß hat u. A. eine Resolution gefaßt, welche in energischster Weise die Wiederherstellung der päpst- lichen territoriellen Unabhängigkeit verlangt.

* Was sind die Sozialdemokraten?

Wenn mich Jemand fragte, was versteht man unter einem echten Sozialdemokraten, bann könnte ich eine Antwort geben, welche manchen Sozialdemokraten kränken würde, ohne daß er in Wahrheit behaupten könnte, daß ich Unrecht hätte. Ich könnte z. B. sagen: Sozial­demokraten sind Menschen ohne Glauben und ohne Sitten ; sie glauben an keinen Gott und an kein Gebot; sie schimpfen und lästern über alles Religiöse unb führen ein ungebunbeneS Leben. Ich könnte sagen: Sozialdemokraten sind Menschen, die sich mit Vorliebe die Zielbewußten nennen, die aber auf die Frage, was