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Samstag, den 11. Oktober 1890.

Jahrgang

tfür die Nedaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, S»nn- und Feiertage ausgenommen.

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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* Der Hirtenbrief und das Eentrum.

In dem Fuldaer Hirtenschreiben des preußischen Episkopats wird der Beweis geliefert, daß die deut­schen Bischöfe die Bestrebungen des Centrums hinsicht­lich der Sozialpolitik anerkennen und, wie das ja nicht anders sein konnte, diese Bestrebungen zu den ihrigen machen. Zugleich ist das Schreiben eine wohlverdiente, lobende Anerkennung und Ermunterung für die Mit­glieder der Centrumsfraktion und alle katholischen Sozialpolitiker, theoretisch und praktisch in bisheriger Weise fortzufahren.

Gerade die Lösung der sozialen Frage bietet große Schwierigkeiten, und Mancher hat kopfschüttelnd bereits daran verzweifelt, daß die sozialen Schäden überhaupt noch gut zu machen seien. Diese Sozialpolitiker wollen alle Produktion dem Einzelnen genommen wissen, um sie dem Staate als Monopol in die Hände zu spielen; sie opfern also die individuelle Freiheit dem Staats­götzen, den sie zum allgemeinen Brodherrn in nebel­hafter Ausgestalning erheben. Merkwürdiger Weise finden die Bestrebungen der Demokraten und des Königthums in diesem Gedanken, der indessen niemals verwirklicht werden kann, ihren Endpunkt. Oder sollte Fürst von Bismarck durch sein Kokettiren mit den Manchesterleuten etwas anderes erstrebt haben, als durch Verschärfung und Verewigung der M-.ßstände unserer Zeit die Arbeiter mürbe zu'machen und eine Katastrophe heraufzubeschivoren, damit der Staat Ver­anlassung habe, einzuschreiten, um ganze Jndustrieen zu monopolisire"? Bismarck spekulirte auf eine solche Katastrophe'und -- stolperte.

Bon ganz anderen Gesichtspunkten betrachtete das Centrnm die Lösung der sozialen Frage, und diese Gesichtspunkte spiegeln sich in dem Hirtenschreiben wieder. Centrum und Hirtenbrief erachten' ben Privat­besitz und Privatbetrieb als unverletzlich schon aus dem Grunde, weil mit dem Aufhören üesselben die Selbst­ständigkeit der menschlichen Freiheit fallen müßte. Das Christenthnm hat Die menschliche Freiheit anerkannt und sie als unantastbar erklärt. Was zufällig an unserer Gesellschaftsordnung ist, ist das stetige An­wachsen des Großbesitzes und die hieraus resnltirende Expropriation der großen Massen und die Einschränkung der Freiheit in ungerechter Weise zu Gunsten Ein­zelner. Und das ist nun die Frage: „Wie kann der Ausbeutung dieser großen Massen vorae- beugt werden?

Der Staat allein — so sagt das Centrum und der Hirtenbrief — kann das n.cht; die Kirche allein ebenfalls nicht und auch ein Einzelner ist dazu nicht im Stande. Es bedarf vielmehr der Mitarbeit Aller, es müssen Staat und Kirche, unterstützt durch die

Massen, Zusammenwirken, und es müssen die Arbeit­geber und Großkapitalisten dem Arbeiter-, Handwerker­und Bauernstände wieder einen angemessenen Theil ihrer Produktion sichern und durch gesetzliche Maß­nahmen die Ausbeutung ihrer Kräfte schützen. Das Centrum hat nun in dieser Beziehung im Allgemeinen und hinsichtlich der Arbeiterfrage im Besonderen durch die aus der Fraktion vorgeschlagenen konkreten Schutzgesetze große Erfolge erzielt. Nicht nur der Kaiser hat die Ansichten des Centrums getheitt und sie zu den eigenen gemacht, sondern auch die ein- sichtsvollerenSozialdemokraten erklären, im Widerspruch mit der eigenen revolutionären Tendenz, Mitarbeiten und die Bestrebungen des Centrums und des Kaisers unterstützen zu wollen.

,,So wäre also das Fundament gelegt und eine ge­wisse Verständigung darüber erzielt^ daß nur auf dem Boden des Christeitthums, unter Anerkennung der Frei­heit und Selbstständigkeit auch des geringsten Arbeiters und unter Anerkennung, daß ein Jeder neben Pflichten auch Rechte besitzt, eine dauernde Einigung stattfinden kann. Die Mafien dürfen aber nicht begehrlich sein und nie vergessen, daß es einen Unterschied der Stände allzeit gegeben hat und geben muß, und daß selbst auch bei Verstaatlichung aller Jndustrieen, die Gott verhüten möge, manche Wünsche unerfüllt bleiben würden.

Deutsches Deich.

Berlin, 9. Oktober.

* Der' ,R?ichsanzeiger' veröffentlicht den dem Bundesrathe zugegangenen Entwurf eines Gesetzes über die Abänderung des .Krankenbcrfichcrungsgesetzes vom 15. Juni 1883 nebst Begründung. In der letzteren wird konftatirt, daß sich das Gesetz im Wesentlichen als zweckmäßig erwiesen hat, daß sich aber bei der Ausführung eine Reihe von Zweifeln und Unzu- träglichkeiten ergeben haben, deren Beseitigung die Vorlage bezweckt. Es handelt sich dabei der überwiegen­den Mehrzahl nach um Abänderungen und Ergänzungen einzelner Bestimmungen, welche die Grundlagen des Gesetzes nicht berühren. Die Begründung unterzieht dann in ihrem allgemeinen Theile diejenigen Bestim- inungeii, welche sich auf däs Verhältniß der verschiedenen Krankenkassen zu einander beziehen, einer eingehenden Erörterung, in der es u. A. heißt: „Es erscheint dem­nach geboten, es bei dem „Zwangskassensystem" zu be­lasten und denjenigen Bestimmungen des Gesetzes, welche das Verhältniß der Kassen zu einander regeln, durch­weg eine Fassung zu geb.n, welche jeden Zweifel darüber ausschließt, daß jeder Versicherungspflichtige

mit Ausnahme der Mitglieder der eingeschriebenen

und sonstigen Hilfskassen — der Krankenkasse ange­hört, welche für die Beschäftigung, in der er steht, er­richtet ist." Des Weiteren wird eingehend und' auf Grund statistischer Unterlagen dargelegt, weßhalb die Befugniß der Hilfskafien, statt der freien ärztlichen Behandlung und Arznei ein erhöhtes Krankengeld zu gewähren, nicht aufrecht erhalten werden kann. Jetzt ist bekanntlich den Hilfskassen gestattet, an Stelle der freien ärztlichen Behandlung und Arznei, welche die Gemeindeversicherung und sämmtliche gesetzlichen Kassen gewähren müssen, eine Erhöhung des Krankengeldes um die Hälfte des gesetzlichen Mindestbetrags eintreten ZU lassen. Es hat sich nun ergeben, daß die für Ge­währung freier ärztlicher Behandlung und Arznei auf« gewandten Kosten durchschnittlich nicht nur die Hälfte, sondern die volle Summe der gezahlten Krankengelder überschreiten. Die Hilfskafien erfreuen sich somit'eines Privilegiums auf Kosten der Versicherten selbst, welches durch das neue Gesetz beseitigt wird.

* Während der Kaiser mit dem Könige von Sachsen als Gast des Kaisers von Oesterreich in den steirischen Bergen weilte, stattete Reichskanzler v. Caprivi den süddeutschen Höfen Besuche ab und machte dem Könige von Württemberg, dem Großherzoge von Baden und dem Großherzoge von Hessen seine Aufwartung, damit bekundend, daß an leitender Stelle in Preußen unver- rütft an den Verträgen, welche die Grundlage der deutschen Reichsverfassung bilden, festgehalten wird. Auch dem Prinzregenten von Bayern und dem Könige von Sachsen, die beide in letzter Zeit von ihren Resi­denzen abwesend waren, wird sich General v. Caprivi demnächst in seiner Eigenschaft als Reichskanzler vor­stellen.

* Der Konfektionär ist auch, wieder in der Lage, einige Aeußerungen des Herrn Miquel über weitere Steuer-Reformen mitzutheilen. Hiernach hat Herr Miquel wiederholt die Ansicht kundgegeben, daß^ die Gemeinden in ihren Umlagen au die Staats-Einkommen­steuer sich anzuschließen hätten, daß jene von den eigenen Einschätzungen abzusehen und ihren Bedarf lediglich durch Zuschläge zur Staatseinkommensteuer unter Fort­fall jeder Gemeindesteuer zu decken hätten. Die Ge­meinden müßten überhaupt viel größeren Umfang an­nehmen, damit sich die Lasten mehr vertheilen und da­mit die schwachen Gemeinden von den steuerkräftigen unterstützt werden, um dadurch ihren kommunalen Auf­gaben und den Interessen des allgemeinen Wohls, Schulzwecken re. besser dienen zu können. Eine lieber» Weisung der Grund- und Gebäudesteuer an die Ge­meinden würde sich vielleicht durchführen lassen, wenn ein Ausgang gefunden wird um die entfallenden Be­träge mit den erforderlichen Mitteln in Uebereinstim- ntung zu bringen.

„Ave Maria."

Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von C arl May.

(13. Fortsetzung.)

Der Apache griff in die Innentasche seines Bären­felles und zog ein — Fernrohr hervor. Das war gewiß ein seltener Gegenstand in der Hand eines In­dianers. Auch Fred Walker war überrascht. Aber Wmnetou hatte die Städte des Ostens gesehen; er war sogar als Abgesandter seiner Nation bei dem „weißen <sater", dem Präsidenten in Washington gewesen und tannte von den Gebräuchen der Weißen weit mehr, als er stch gewöhnlich merken ließ. Er schob die Glieder oes Fohres auseinander und setzte es an das Auge, um den Indianer, von dem Fred gesprochen hatte, ge­nauer zu betrachten. Als er es wieder absetzte und sein Gesicht ' iurfte ein grimmiges Wetterleuchten über

„Ko-itse, der Lügner und Verräther!" zürnte er. Pfanjen!"1 seinen Tomahawk in feinen Schädel

n ^itfte durch das Rohr und sah mir den 9* Interesse an. Ko-itse heißt ?uter Kn' 4rä9et dieses Namens war als ein verwegener Krieger und ein un- h H Femd der Weißen in der ganzen Savanne

und im ganzen Gebirge bekannt. Wenn wir es mit ihm^zu thun bekamen, so hatten mir uns vorzusehen.

■jdj gab das Rohr auch Walker zum Gebrauch und bemerkte dabei:

„Es wird gerathen sein, uns zu verbergen. Es sind wett mehr Pferde als Männer zu sehen, und wenn •Ti j; • $er letzteren in den Zelten liegen mögen, so ist doch immerhin anzunehmen, daß noch welche in der Gegend umherschweifen."

„Meine Brüder mögen warten," meinte der Apache. „Winnetou wird einen Ort suchen, wo er sich mit den Freunden verbergen kann."

Er verschwand unter den Bäumen und kehrte erst nach längerer Zeit zurück. Dann führte er uns feit» tuartä längs des Höhenrückens hin auf eine Stelle zu an ber baS Unterholz so dicht war, daß wir es kaum zu durchdrmgen vermochten. Im Innern dieses Dickichts war genug Spielraum für uns und unsere Pferde, welche wir anbanden, statt sie anzuhobbeln, während der Apache zurückkehrte, um unsere Spuren unbemerkbar zu machen.

. Hier lagen wir bis zum dunllen Abende im tiefen, duftenden Waldgrase, jeden Augenblick bereit, beim ge­ringsten verdächtigen Geräusch aufzuspringen und den Pferden die Nasen zu verschließen, damit ihr Schnau­ben uns nicht verrathen könne. Als es vollständig sinster war, schlich sich Winnetou davon und kehrte

bald mit der Nachricht zurück, daß man unten einige Feuer angebrannt habe.

_ „Diese Menschen fühlen sich sehr sicher," sagte Fred. „Hihihihi, wenn sie wüßten, daß wir ihnen so nahe sind!"

„Daß sie verfolgt werden, können sie sich denken," antwortete ich. „Wenn sie sich also heut' noch sicher fühlen, so kann dies nur daher rühren, daß sie über­zeugt sind, daß die Stationsleute noch nicht hier sein köiiven. Daraus möchte ich schließen, daß sie morgen aufbrechen werden. Wir müssen versuchen, Etwas zu erfahren."

„Winnetou wird gehen," sagte der Apache.

„Ich gehe mit," meinte ich^ „Fred mag bei den Pferden bleiben. Die Gewehre lassen wir hier; sie würden uns nur im Wege fein. Messer und Tomahawk sind genug, und im äußersten Nothfalle haben wir noch die Revolver."

Unser dicker Fred war sofort einverstanden, zurück­zubleiben. Er besaß jedenfalls Muth genug, aber wenn' es nicht durchaus nöthig war, liebte er es wohl nicht, sein Leben zu exponiren; und ein Wagniß war es doch jedenfalls, hinunter in das Thal zu steigen, um die Ogellallah zu belauschen. Wer von ihnen entdeckt und ergriffen wurde, der war aus jeden Fall verloren.

Wir standen drei oder vier Tage vor dem Neu­mond. Der Himmel war bewölkt und kein'Stern ließ sich sehen; die Nacht war also für unser Vorhaben