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Freitag, den 10. Oktober 1890

17.Iahrgan

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in tfulba.

Druck u Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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* Der Kauer und die Sozialdemokratie.

Kürzlich haben die landwirthschastlichen Vereine der Ostschweiz die Gründung einer Bauern-Partei beschlossen, einerseits um die Interessen der Landwirth- schast im Allgemeinen nachdrücklicher zu fördern, an­dererseits nm der anwachsenden Sozialdemokratie einen festeren Tamm entgegenzustellen. Daß die ländliche Bevölkerung wohl daran thut, sich bei Zeiten zu orga- nisiren, mag sie aus einem soeben erschienenen Artikel der ,Arbeiter stimme' ersehen, in welchem Gmosse Seidel, einer der bekanntesten sozialdemokratischen Füh­rer, mit anerkennenswerther Offenheit sich solgender- maßen vernehmen läßt:

„An der Existenz der Bauern-Klasse haben wir nicht nur kein Interesse, sondern eS hängt unsere Emanzipation gerade davon ab, daß sie so oder anders verschwindet, und zwar je eher, je besser für dieselbe wie für uns. Sie ist ein reaktionäres Element und kein fortschrittliches. Die Verewigung ihres Daseins ist die Verewigung der Lohnarbeit, der übermäßig langen Arbeitszeit, der Hungerleiderei und der Rückständigkeit der landwirth- schaftlichen Produktion. Und wenn der Sozialismus, d. h. die Emanzipation, zur Folge hat die Vernichtung der Zwerg - Produktion in Industrie und Landwirth- schaft, waruni sollen die in unsere Zeit hereinragenden Trümmer der kleinbäuerlichen Existenz wie andere mit­telalterliche Ruinen gehütet und beschützt, oder gar noch restaurirt werden?"

Nachdem die Sozialdemokraten nach und nach die sogenannte Arbeiterschaft mit dem Netze der fcstgeglie- dertcn und stramm geleiteten Gcnofsenschasten einge­fangen haben, gehen sie weiter und werfen ihre Augen auf die ländlichen Lohnarbeiter, welche ihnen helfen sollen, den selbstständigen Banernsta nd aus- zurötten.

Die letzte Nummer des .Schweiz. Sozialdemokrat' enthält ein prächtiges Beispiel solcher Bauernfän­gerei. „Diese ländlichen Arbeiter, deren Arbeitskraft von ihrem Herren ausgebeutet wird," heißt es da, „haben darum vollständig die gleichen Interessen, für Aufhebung des Lohn-Systems mit seiner Abhängigkeit und Ausbeutung einzutreten, wie die städtischen Arbei­ter, die Fabrikler, die Handwerks-Gehilfen, Angestell­ten rc., nur fehlt ihnen noch fast durchwegs die Ein­sicht in if)re_ wahre Lage und vor Allem in die Mög­lichkeit, dieselbe zu Gunsten freier, sicherer, reichlich lohnender Arbeit im Dienste der Volksgemeinschaft als deren voll- und gleichberechtigte Bürger los zu werden."

Wahrlich, die Bauern-Vereine sind nicht zu früh gegründet worden. Ist erst der Bauernstand auch unterwühlt, dann sind wir reif für den sozialdemokra­tischen Staat.

„Ave Maria."

Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von C arl M ay. '

(12. Fortsetzung.)

„Nun, die drei Ogellallah werden, so zu sagen, den Railtroublers als Aufsicht mitgegeben worden sein."

„Ah! In wiefern? Von wem?"

„Hm! Nehmt es mir nicht übel, mein lieber Fred, aber die Rollen scheinen sich vertauscht zu haben, heut möchte ich Euch ein Greenhorn nennen."

„Heigh-ho! Warum?"

„Glaubt Ihr, daß eine Bande von über zwanzig weißen Spitzbuben hier in dieser Gegend ihr Wesen trnben kann, ohne von den Rothen bemerkt zu werden."

„Nein, sicherlich nicht."

-Wozu werden also die Weißm gezwungen sein?"

»Hm. ja! Sie werden sich unter den Schutz der Rothen stellen müssen."

»Richtig! Werden sie diesen Schutz umsonst haben?"

»Rein, sie werden ihn bezahlen müssen."

„Womit?"

„Mil dem, was sie haben, natürlich; mit Beule."

»Schön! Begreist Ihr nun, was wir Beide meinen, Winnetou und ich?"

Deutsches Deich.

Berlin, 8. Oktober.

* Die Gerüchte, daß Graf Waldersee, der Chef des Generalstabs der Armee, zucücktreten werde, wollen nicht verstummen. Heute meldet die Staaten-Korre- spondenz, daß Graf Waldersee ein Korpskommando übernehmen werde; alle Meldungen aber bezüglich eines schon jetzt bestimmten Zeitpunktes, an dem dieser Wechsel vor sich gehen soll, seien verfrüht. Das ist eine ganz unbestimmt gehaltene Meldung; es hieß schon vor Jahr und Tag, Graf Waldersee werde zur Vermehrung seiner praktischen Erfahrungen zeitweise ein Armeekorps über­nehmen.

* Der neue Kriegsminister, General-Lieutenant v. Kalteuborn-Stachau, ist seit mehr als 16 Jahren mit einer kurzen Unterbrechung Regiments-, Brigade- und Korps-Kommandeur gewesen. Von 1858—1860 war er zur allgemeinen Kriegsschule (Kriegs-Akademie) kom- mandirt; dann wurde er mehrere Jahre beim topo­graphischen Bureau des Generalstabs beschäftigt. Am i 13. April 1865 erfolgte seine Beförderung zum Haupt- j mann unter Versetzung in den Generalstab. Zunächst I wurde er dem Stabe des 6. Armeekorps, dann dem i der 11. Division (in Breslau) zugetheilt, bei welchem \ er auch den Krieg gegen Oesterreich mitmachte. 1863 ' kam er als Kompagnie-Chef in das 94. Infanterie- : Regiment, wurde aber schon nach kurzer Zeit wieder ■ in den Generalstab versetzt, in welchem er 1870 Major wurde. Den Krieg 1870/71 machte er beim Stabe des 7. Armeekorps mit; er brachte das Eiserne Kreuz ' erster Klasse heim. 1874 kam er als Bataillons-Kom- ' mandeur in das 2. Grenadier-Regiment nach Stettin, i am 18. April 1878 wurde er Oberst und Komman- i deur des 53. Infanterie-Regiments, dessen Führung er ; 1881 mit der des hiesigen Alexander-Garde-Grenadier- ; Regiments Nr. 1 vertauschte. Am 32. März 1884 wurde er unter Beförderung zum General-Major Chef des Generalstabs des Garde-Korps, erhielt aber schon ! im folgenden Jahre das Kommando der 2. Garde- \ Infanterie-Brigade.; Am 27. Januar 1888 wurde Ge- ■ neral-Major v. Kaltenborn mit der Führung der 3. Division in Stettin beauftragt, aber bereits am 7. Juli . desselben Jahres wieder nach Berlin versetzt, um die - Führung der 2. Garde-Jnfantcric-Division zu über­nehmen, deren Kommando er am 4. August 1888 unter Beförderung zum General-Lieutenant erhielt.

* Sozialistengesetz und Zesuitengesetz. Am 1. Okto­ber fiel das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokraten, welche

1) den Glauben an Gott durch Bekenntniß und Verbreitung des Atheismus,

2) das Christenthum durch Agitation zum Austritt aus den ! christlichen Kirchen, i

3) die gesellschaftliche Ordnung durch ihre Umsturz- und Zu kunftsstaats-Theorieu

4) das FamilieWetzen durch ihre auf Lösung der Bande der Ehe und Sitte zielenden Bestrebungen,

5) Thron und Altar durch die Untergrabung jeder Autorität,

6) Kapital und Besitz durch Verhetzung der arbeitenden und darbenden Klassen

aus's Gefährlichste bedrohen.

Es besteht noch in Kraft das Ausnahme- und Ver­bannungsgesetz gegen den Orden der Jesuiten und die ihm „verwandten" Orden, welche

1) den Glauben an Gott durch innere und äußere Mission, Unterricht und Erziehung zu stärken und zu verbreiten,

2) das werkthätige Christ enthum durch Wort und eigenes Beispiel zu predigen,

3) die gesellschaftliche Ordnung auf der Grundlage der Autc- rität, des Rechtes und der Liebe zu stützen,

4) die Bande dcS Familienlebens auf religiös-sittlicher Grund­lage zu festigen,

5) Thron undAltar als göttliche Einrichtungen zu vertheidigen,

6) Kapital und Besitz mit der Arbeit und Armuth durch die Predigt christlicher Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu ver­söhnen und auszugleichcn.

berufen und hervorragend befähigt sind.

Das Ergcbniß dieser Gegenüberstellung ist: Gerech­tigkeit und politische Klugheit verlangen, daß ungesäumt nun auch die Ausnahmegesetze gegen bat Orden der Jesuiten und die ihm „verwandten" Orden aufgehoben werden.

* Was die Bestrafung des Sultans in Witn für die Niedermetzeluiig der Deutschen betrifft, so schweben Wegen der Repressalien gegen den Sultan eifrige Vec- handlungen zwischen London und Berlin; es gilt als ausgemacht, daß eine englisch-deutsche Demon- strativw stattfinden urrd daß. England nach erklärter Absetzung des Sultans Witn amiektiren wird. — Kurt Toeppen (deutscher Konsul) hat Witu nach dem Blut­bad besucht; der Sultan weigert sich, die Leichen der Ermordeten beerdigen zu lassen.

* Eine gestern in Berlin stattgefnndeue Arbeiter inneit- Bersammlung forderte, daß auch Frauen auf dem sozialdemokratischen Parteitage zu Halle vertreten seien, und wühlte als Delegirte der Berliner Arbeiterinnen eine Frau Apotheker Jhring.

* Eine Anzahl großer Berliner Firmen der Kou- frktiünsbranche sind amtlicherseits um Auskunft darüber ersucht worden, welche Ermäßigungen von Zollsätzen wüuschenswerth erscheinen, um den betreffenden Ga- schäftszweigen Eingang nach Oesterreich - Ungarn zu verschaffen. Gleichzeitig würbe Auskunft darüber ver­langt, weiche Zollsätze für österreichisch-ungarische Fabri­kate uothwendig wären, um ihnen den Wettbewerb aus dem deutschen Markt zu ermöglichen. Endlich ist ge­fragt worden, ob Gewichts- über Werthzoll gewünscht werde. Die Antworten sollten bis vorigen Sonnabend erthnlt sein.

* München, 8. Oktober. Die Staatsregierung läßt erklären, daß sie trotz des Festhaltens au der Vich-

„Ah, das also ist es! Die Weißen habe« den Zug übersallen, um ihren Tribut zu bezahlen, und die drei Ogellallsh waren die Exekutoren!"

„Vielleicht ist es so, vielleicht auch nicht. Sicher aber ist es, daß unsere ehremvertheu weißen Brüder bald zu einer größeren Truppe von Rothhäuteu stoßen werden. Das sagte ich doch bereits da unten an der Eisenbahn. Aber weiter! Glaubt Ihr etwa, daß sich Rothe und Weiße zusammengethan haben, nur um sich zu pflegen und auf die Bärenhaut zu legen?"

„Auf keinen Fall!"

„Tas ist auch meine Meinung. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß sie bald eine neue Teufelei aus­hecken werden, besonders da die letzte jo gut gelungen ist." -

„Was konnte das fein?"

„Hm, ich habe so meme Ahnung."

„DaS wäre viel! Voraus ahnen, was Leute thun werden, die man noch nicht einmal gesehen hat! Charles, ich habe in der letzten Zeit gewissermaßen Respekt vor Euch bekommen, aber mit dieser Ahnung wird eS wohl nichts sein!"

„Wollen sehen! Ich hab« «ich genugsam unter den Jndsmen umhergetrieben, um ihre Art und Weife zu kennen. Und wißt Ihr, auf welche Weise man am beste« errache» kann, was ei« Mensch ttzu» wird?"

„Nun?"

„Wenn man sich recht lebhaft in die Lage versetzt, , in welcher er sich befindet, und dabei seine» Charakter ■ mit in Rechnung zieht. Soll ich einmal so kühn sein, zu rathen?"

„Ihr macht mich wahrlich neugierig!"

„Gut! Wem hat unser Zugpersonal wohl zuerst die Zerstörung der Bahn und die Veriiichtnng^des I Zuges gemeldet?"

„Doch jedenfalls der nächsten Station."

I „Von da auS wird man also auch Männer zur ! UnglückSstelle senden, um sie zu untersuchen und die Thäter zu verfolgen. Nicht?"

„Jedenfalls."

„Dadttrch aber wird diese Station von Leuten entblößt, und sie kann also ohne sehr große Gefahr überfallen werden."

„Egad! Jetzt ahne ich, was Ihr denkt!"

„Nicht wahr? Tue Stationen sind jetzt «och tem­porär. ES fragt sich, an welchem Punkte man ge­nug Leute haben wird, um ein Detachement entbehren zu können. Meiner Ansicht nach wird dies wohl Echv-Camum sein."

„Charles, Ihr könnt Recht haben. Die Rail­troublers und bk Rochen wissen jedenfalls ebenso ge­nau wie wir, daß der. Ort dann entblößt ist."