JM 230.
Sonntag, den 5. Oktober 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für dic Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Gemeinsames Hirten schreiben der Fuldaer KischofsKonferen; über die soziale Frage.
(Fortsetzung.) II.
Doch kehren wir zu den Gründen zurück, mit welchen der HI. Vater die große Aufgabe der Kirche bei Lösung der sozialen Frage erweist. „Die Kirche"", sagt er, „ist nicht nur die Hüterin der Wahrheit, welche Christus, die Weisheit des Vaters, ihr anvertraut hat, sie ist auch die Erbin der Liebe Christi"', die in ihr nnd in den Herzen und dem Leben aller wahren Christen fortlebt. Auf diese Liebe Christi und seiner Gläubigen lenkt der heil. Vater, bevor er näher von den Grundsätzen der Wahrheit spricht, unsere Aufmerksamkeit; denn es ist ja das Christenthum nicht allein Gesetz und Lehre, sondern That und Leben, lebend in der Person des Gottnienschen und in allen denen, welche mit ihm, wie die Reben mit dem Weinstocke, als Glieder mit den: Haupte verbunden sind.
Und hier erinnert der heil. Vater an das Wort des Welt- apostels (2. Kor. 8, 9): „Ihr kennet die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, daß er um euretwillen arm geworden, da er reich war, damit ihr reich werdet durch seine Armuth."" Den tiefen und umfassenden Gedanken, der in diesen Worten liegt, spricht der heil. Vater ebenso schön als treffend aus, indem er sagt, daß der unendlich Reiche die Armuth sich erwählt habe, damit jeder Mensch, der Reiche wie der Arme, in gleicher Weise zur Würde der Gotteskindschaft erhoben werde und das Bild Jesu Christi in und an sich trage.
Diese mit der Grundlage des Christenthums unauflöslich verbundene Wahrheit hat der hl. Vater offenbar deshalb an die Spitze gestellt, weil sie für die gläubigen Christen, an welche sein und unser Wort sich richtet, die Grundlage für die Lösung der sozialen Frage enthält.
Der übernatürliche Christenglaube hat in seinen! Bereiche die furchtbarste sozial« Frage zu einer Zeit gelöst, in welcher das Christenthum mitten in einer es.verfolgenden heidnischen Welt und unter dem Drucke des heidnischen Rechtes auf die äußere Umwandlung der Dinge nöch keine»Einfluß üben konnte. Er gab den Aermstcn, dem Sklaven»,'-der Sklavin das Bewußtsein ihrer natürlichen Menschenwürde und ihrer übernatürlichen Christenwürde, daß sie nämlich -Kiyder Gottes und Ebenbilder Christi seien; und dieses Bewußtz'etn. machte sie stark, lieber den Martertod zu erdulden, als den Gläuben zu verleugnen oder die Tugend zu verletzen.
Dieser Glaube gab dem Arbeiter die Hochschätzung seines Standes, der ihm nun nicht mehr als ein von grausamen Göttern, vom unerbittlichen Schicksal oder durch die ungerechte Gewalt der Mächtigen und Reichen auferlegter Fluch sondern als der Stand des Sohnes Gottes erschien, der auf Erden nicht Genuß, sondern harte Arbeit, nicht Reichthum, sondern Armuth, nicht das Herrschen, sondern das Dienen, ja den.Gehorsam bis zum Tode am Kreuze sich erwählt hat.
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leit des Grundbesitzes, des Gewer- .... — -----hrs den Einzelnen wie den Fami-
, ___und Gemeinden Schutz, Sicherheit und Stetig«
i,,* k F ®&er bieder Schutz war durch die menschliche Selbstsucht und durch Mißbrauch vielfach zur Last und Plage gewor- Ä1” "urden Eigenthum, Gewerbe, Handel urch Verkehr führt ^ene ffntM9?' «roßen Gefahren entgegen ge-
.^^ntfesselung hat, wie die Geschichte lehrt, einen «erwpnhitn1 8°ttfcf)ritt ,i.m Befolge gehabt und manche neue ri„i, un.«rn der Raturkräfte, nützliche Entdeckungen und Erfindungen hervorgerufen, von denen nicht nur die Reichen und sondern auch die weniger Bemittelten und Armen und Lebenserhaltung großen Nutzen haben. Wer der seine Augen schließen vor den mannigfachen Schädi-
Dieser Glaube wandelte aber auch die Herzen der Reichen und der Herren um und bestimmte sie, in den Armen und den ihrer Herrschaft Unterworfenen Ebenbilder ihres Herrn und Erlösers, ihre Brüder in Christo zu erblicken und sie demgemäß zu achten, zu lieben und zu behandeln. So kam es, daß im Zeitalter der römischen Kaiser, d. h. in der Zeit der höchsten Tyrannei und Sittenverderbtheit, christliche Herren und Diener in christlicher Liebe mit einander verbunden waren, und daß viele Sklaven von ihren Herren Freiheit und Versorgung empfingen.
Allein das Christenthum hat nicht nur Arme und Reiche, Herren und Knechte vor Gott und in Christus gleich gestellt und in Liebe verbunden; cs hat die Armen in einer besonderen Weise bevorzugt. Wohl hat der göttliche Heiland sich von den Reichen nicht abgewendet, aber er hat mit einer vorzüglichen Liebe sich den Armen zugewendet. Er selbst wollte arm sein, von einer armen Mutter geboren werden, von seiner Hände Arbeit, ja von Almosen leben; die Armen preist er selig, ihnen vor Allen verkündet er das Himmelreich; sie zumal speiset, heilet, tröstet er; aus ihnen wählt er seine Apostel und die ersten Genossen seines Reiches. So hat er allezeit die Gesinnungen seines Herzens zu erkennen gegeben, aus daß die Armen in ihm Trost und Freude haben, die Reichen aber Christus, den Herrn der Herrlichkeit, der durch seine Armuth sie an himmlischen und ewigen Gütern wahrhaft reich gemacht hat, in seiner Liebe zu den Armen und Ncedrigen nachahmen.
Allerdings ist, was wir ausdrücklich hervorheben, mit dem Geiste des Glaubens, der in den Armen Zufriedenheit, in den Reichen Milde und Erbarmung wirkt, die jetzt die Welt be- wegcnde soziale Frage nicht ohne Weiteres gelöst.
, , ”lEfe Ursachen haben zusammengewirkt, um die Zustände verbeizuführen, welche heutzutage den Gegenstand der sozialen rtrage bilden. Ehedem hatte eine an sich heilsame, berechtigte und wohlgeordnete Gebu..... " " " ' " ~
des, des Handels und 1
gungen und Uebeln, welche daneben zu Tage getreten sind'? Verarmung und Niedergang des Bolkswohls, Unsicherheit des Erwerbes, Lockerung des Familienlebens und gegenseitige Entfremdung der Stände haben sich weithin verbreitet.
Da die Ursachen dieser Uebelstände auf menschlichen, politischen und rechtlichen Gebieten liegen, so können auch । menschliche Mittel zu ihrer Heilung nicht entbehrt werdeii; mit Vorsicht, Besonnenheit und ausdauernder Geduld sollen sie angewendet werden.
Allein immer ist es doch vor Allem der Geist des Glaubens gewesen, der selbst in den ungünstigsten Zeit- und Gesellschafts-Verhältnissen als eine segensreiche Macht, als den eigentlichen Retter der Menschheit sich erwiesen hat: das zeigt nicht minder die Weltgeschichte. Diese Macht ist auch für unsere Zeit der Grundstein unserer Hoffnung. Wo immer noch Reiche und Arme, Herren und Diener, Gelehrte und Handarbeiter an denselben Heiland glauben und miteinander an demselben Tische seiner Liebe erscheinen, da wird in den Herzen der Menschen jene kalte Entfremdung und jener Neid und Haß nimmermehr die Oberhand gewinnen, welche so recht eigentlich die soziale Gefahr der Gegenwart bilden und deren Hebung und Heilung jo fehr erschweren. Wo der göttliche Glaube fehlt, wird auch das Verständniß menschlicher Verhältnisse getrübt; wo die göttliche Liebe mangelt, wird nur zu leicht die ^Selbstsucht über menschliche Gerechtigkeit und menschliches Wohlwollen den Sieg davontragen und werden äußere Mittel zur Besserung der sozialen Lage weder Bestand noch Fruchtbarkeit haben.
Darum ist, wie der hl. Vater sagt, das Evangelium das k o st b a r st e Geschenk, welches Gott dem Menschengeschlechte gegeben hat. Es ist dieses vor allem deshalb, weil es nicht, wie alle menschliche Weisheit, bloße Erkenntniß und bloßes Gesetz, sondern eine die Herzen umwandelnde Kraft und Gnade G ottes ist.
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Das Evangelium ist aber auch das höchste und beste Gesetz, wie für jeden einzelnen Menschen, meß Standes er sei, io für die menschlich« Gesellschaft, welches immer ihre Verfassung, die Stufe ihrer gefchichtlichen Entwickelung, ihr Kulturzustand sei: denn das Wort Gottes enthält die Rechte sowie die den Rechten entsprechenden Pflichten Aller und Jeder.
Wir brauchen dabei nicht hinzuweisen auf die übernatürlichen Glaubensgeheimniffe, welche den Hauptinhalt der göttlichen Offenbarung bilden; es genügt, jene natürlichen, religiös-sittlichen Wahrheiten ins Auge zu fassen, auf welchen die Gesetze des natürlichen Rechtes und der natürlichen Liebe beruhen. Diese Wahrheiten vermag zwar schon die bloße Vernunft zu erkennen und anzuerkennen; doch sind sie thatsächlich, nach Ausweis der Weltgeschichte, nur im Lichte der göttlichen Offenbarung ganz und rein bewahrt worden, während sie ohne die Offenbarung mehr und mehr mehr im alten Heidenthum verdunkelt wurden und ebenso in noch größerm Umfange im heutigen Unglauben verloren gehen.
Das Evangelium belehrt uns, daß die gesellschaftliche Ungleichheit, welche wir in allen Perioden der Geschichte der Menschheit wahrnehmen, ihren nächsten Grund in der Natur des Menschen und seiner Lebensverhaltnisse, ihre höchste Ursache aber in Gottes Zulassung und Fügung hat. Durch die Natur und die Lebensverhältnisse des Menschen ist das Privateigen- thum und dessen Vererbung in der Familie, sowie die Verschiedenheit und Ungleichheit der Stände, der Berufsarten, der Ver- mögensvcrhältnisse entstanden. Alles dieses ist jedoch in der geschichtlichen Entwickelung der Menschen und der Völker nicht lediglich nach nothwendigen Naturgesetzen, sondern auch durch den freien menschlichen Willen geworden, und dieser Wille ist nicht immer ein guter, sondern häufig auch ein sündhafter gewesen. Aber über alle Verhältnisse und alles menschliche Wollen herrscht, wie Glaube und Vernunft lehren, die allwaltende, gerechte und gütige Vorsehung Gottes, — und deshalb soll jeder Mensch seinen Stand und seine Verhältnisse, mögen sie auch drückend für ihn sein, nicht lediglich als ein Werk des Zufalls oder menschlicher Willkür, sondern als eine Fügung und Zulassung der göttlichen Vorsehung betrachten, die ihn, wenn er nur guten Willens ist, aus diesem Wege zu seinem ewigen Heile führt und ihm auch auf Erden ein tugendhaftes und zufriedenes Leben ermöglicht.
Gewiß ist es dem Einzelnen wie den Genossen desselben Standes und derselben Lebensverhältnisse weder durch den christlichen Glauben noch durch das natürliche Sittengesetz verwehrt, nach einer Verbesserung ihrer Lage zu streben; jedoch darf dies nur durch rechtmäßige, vom christlichen und natürlichen Sittengesetze gebilligte Mittel, aber nie und nimmermehr durch Trug ober Gewalt geschehen. Dieses ist von Anbeginn unb zu allen Zeiten unverbrüchlicher Grunbsatz bes Christenthums unb ber christlichen Kirche gewesen. Es gilt hier bezüglich bes Eigenthums, bes weltlichen Rechtsgebietes unb bei rechtmäßig bestehenben sozialen Verhältnisse basselbe, was bezüglich ber bestehenden politischen Ordnung und ber weltlichen Obrigkeit nach ben klaren Aussprüchen Jesu Christi unb seiner Apostel Geltung hat. Wie Christus und seine Apostel durch Wott und Beispiel gelehrt haben, die bestehenden weltlichen Obrigkeiten, als auf Gottes Ordnung und Vorsehung beruhend, zu achten und auch zu ehren, so haben sie auch Ach tung der bestehenden Eigenthums- und Rechtsverhältnisse als Gewissenspflicht vorgeschrieben.
Demgemäß haben die Christen, obwohl sie von Seiten ber heidnischen Obrigkeiten oft mit Grausamkeit »erfolgt wurden, denselben doch niemals den schuldigen Gehorsam, wie die schuldige Ehrfurcht, den schuldigen Kriegsdienst, die schuldige Steuer versagt. Desgleichen haben sie, nach des Apostels ausdrücklicher Vorschrift, ihren Herren, auch den hatten und ungerechten, die schuldige Treue und den schuldigen Dienst geleistet. Niemals
haben die wahren Christen an Empörungen gegen die bestehende Obrigkeit, nie an Gewaltthaten und Verräthereien gegen ihre Herrschaft Theil genommen. Durch Glauben und Geduld haben sie die heidnische Welt überwunden, haben vielfach ihre Herren bekehrt und endlich an die Stelle der alten, auf die Sklaverei gegründeten sozialen Ordnung eine bessere christliche Gesellschaftsordnung gesetzt. Eben damit geben sie der heutigen von so großen Gefahren bedrohten Gesellschaft ein erhabenes Beispiel, wie auch wir den Uebeln der Zeit begegnen sollen. (Forts, f.)
Deutsches Keich.
B erlin, 3. Oktober.
* Für das 50jährige Bischossjubiläum des heil. Vaters, welches am 19. Februar 1893 gefeiert werden soll, werden jetzt schon in Rom Vorbereitungen getroffen. In einem längeren Aufrufe wendet sich das General-Kornit« der katholischen Vereine Italiens an die italienischen Katholiken und theilt ihnen mit, was es, nachdem der heil. Vater selbst alle Vorbereitungen zur feierlichen Begehung seines Bischofsjubiläums gutgeheißen, beschlossen habe: „Bereiten wir Deputationen und Pilgerzüge vor, um sie zur Zeit nach Rom zu führen, veranstalten wir außerordentliche Sammlungen des Peterspfennigs, um ihn dem h. Vater bei dieser Gelegenheit zu überreichen, errichten wir in den einzelnen Diözesen Italiens Schulen, Erziehungshäuser, Anstalten für ökonomische und soziale Zwecke nach kathol. Grundsätzen, um so das Jubiläum auf eine unserem Vaterlande wahrhaft nützliche Weise zu verewigen", dies sind die vom General-Komitö der kathol. Vereine Italiens gefaßten Beschlüsse. An die Katholiken der ganzen Welt aber wendet sich der Aufruf mit folgenden Worten:
An jene, welche von allen Theilen ber kathol. Welt Pilger hinfühtten zu ben Füßen bes heiligen Vaters in ben Tagen feines Priester-Jubiläums, an jene, bie uns überall ein so herrliches Beispiel katholischen Wirkens unb Lebens geben, wenden wir uns nun mit ber inftänbigen Bitte, unseren Aufruf überall wieberhallen zu lassen unb neue Kundgebungen für das künftige Bischofs-Jubiläum des heiligen Vaters vorzubereiten.
Unter allen unseren Brüdern, sie mögen jenseits des Meeres wohnen, möge bei dem neuen Jubiläum ein edler unb heiliger Wettstreit entstehen, um bem Papst ihre Liebe zum Ausbruck zu bringen. Unb auf diese Weise werben in Wahrheit die Katholiken ber ganzen Erde sich wie Glieder einer einzigen Familie um jenen schaaren, welcher Vater, Hirt unb Lehrer Aller ist, um jenen, bet für alle Hott des Heiles, des Rechtes unb bes Friedens ist in diesem irdischen Leben, unb ber Rettung für bas ewige.
In Kundgebungen der Liebe und Ergebenheit gegen den hl. Vater hat es beim letzten Jubiläum des hl. Vaters kein katholisches Volk dem deutschen zuvor ge- than. Auch beim nächsten Jubiläum wird es ebenso sein, wenn Gott uns das theuere Leben des h. Vaters bis zu diesem Zeitpunkte erhält.
* Ueber die Ermordung Küntztls wird der ,Times" aus Sansibar gemeldet: Der Sultan ließ die Deutschen am Tage vor deren Ermordung, am 15. September, nach Witu kommen und dieselben entwaffnen. Küntzel erging sich in heftigen Ausdrücken auf den Sultan. Damit war sein und seiner Genossen Schicksal besiegelt. Vier wurden außerhalb des Thores von Witu und drei nach meilenweiter Verfolgung getödtet, zuletzt kam die Reihe an Küntzel. Meuschel wurde verwundet, entkam aber in dem hohen Grase. Die Mörder begaben sich alsdann nach dem mehrere Meilen entfernten ursprünglichen Lager Küntzel's und tödteten dort den zurückgelassenen Carl Horn. Die um Witu liegmden deutschen Plantagen wurden gänzlich verwüstet und der deutsche Pflanzer Behnke getödtet. Die Leichen der Ermordeten sind noch unbeerdigt, aber nicht verstümmelt. Alle Einwohner des Distrikts, den Sultan eingeschlossen, sind an der That betheiligt. — Nach einer telegraphischen Meldung des Kaiser!. General-Konsuls in Sansibar sind in Witu die folgenden Personen getödtet worden: Landwirth Küntzel aus Eppenreuth, Kaufmann Stauff aus Siegen, Holzschläger Urban aus Brunnthal, Zimmermann I a r w i e ck i aus Sparley, Zimmermann Claus aus Niemwegen, Bäcker Carl Horn und Schlosser Friedrich Horn aus Neustadt i. d. Pfalz und Drottlef aus Siebenbürgen.
* Der Gouverneur von Kamerun, Freiherr von Soden, begibt sich in etwa 10 Tagen nach Ostafrika. An seiner Stelle wird Gerichts - Referendar v. Putt- kamer die Geschäfte in Kamerun führen.