. V 229.
Samstag, den 4. Oktober 1890.
t 7. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. tlljR Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Gemeinsames Hirten schreiben der Fuldaer KischossKonferen; über die soziale Frage.
Die am Grabe des hl. Bonifatius zu Fulda versammelten Erzbischöfe und Bischöfe
entbieten dem ehrw. Klerus und den Gläubigen ihrer Diözesen Gruß und Segen im Herrn!
Geliebte im Herrn!
In den letzten Zeiten ist eine Frage immer mehr in den Vordergrund getreten, welche wohl öfter fchon im Laufe der Geschichte die Geister bewegt hat, die aber gegenwärtig in der ernstesten Gestalt sich uns zeigt: Es ist die soziale Frage.
Schon seit Jahren hat unser hl. Vater Papst Leo XIII den Gott als Lehrer und Wächter für die Christenheit auf den Felsen Petri gestellt, dieser wichtigen Angelegenheit seine Aufmerksamkeit zugewendet und Fürsten und Völker auf die Noth- wendigkeit hingewiesen, dieselbe im Geiste des Christenthums zu regeln und dadurch den drohenden Gefahren zu begegnen. Wie groß mußte daher seine Freude sein, als unser erhabener Kaiser, in weiser Erkenntniß der Verhältnisse dem edeln Zuge seines Herzens folgend, diese Ausgabe erfaßte und zu Anfang dieses Jahres die Regierungen Europas zu gemeinsamer Besprechung und einheitlichem Vorgehen einlud.
Dank dieser kaiserlichen That wird das Jahr 1890 für alle Zeiten denkwürdig bleiben und, so hoffen wir, für die Zukunft segensreiche Früchte tragen. Alle ernsten und edelgesinnten Menschen müssen es nunmehr als ihre Pflicht erkennen, mit Hintansetzung aller Meinungsverschiedenheit, zu diesem großen Werke, von dem der Friede der Welt und der Bestand der menschlichen Gesellschaft und ihrer kostbarsten Güter abhängt, mit Rath und That mitzuwirken.
Der heilige Vater hat nun durch das an den Erzbischof von Köln gerichtete Schreiben vom 20. April d. I. die deutschen Bischöfe ermuntert, gemäß ihres Amtes an der Lösung der sozialen Frage mitzuarbeiten. Diesem Wunsche unseres gemeinsamen Vaters in Christo entsprechend, wollen wir zunächst sein Schreiben selbst dem Hauptinhalte nach euch, Geliebte im Herrn, vor Augen führen.
„Ehrwürdiger Bruder", so beginnt dasselbe, „Du weißt wohl, daß jene große Frage, welche man die soziale nennt, von solch' entscheidungsvoller Wichtigkeit geworden ist, daß sie die ernsteste Sorge der europäischen Regierungen in Anspruch genommen hat. Es ist Dir auch bekannt, daß Wir selbst seit lange schon mit dieser Frage Uns beschäftigt und Uns bemüht haben, klar zu stellen, welches die innersten Ursachen dieses Uebels und die geeignetsten Heilmittel gegen dasselbe seien. Dem entsprechend haben Wir auch kürzlich in Unserm Schreiben an Seine Majestät den deutschen Kaiser und König von Preußen, welcher bezüglich der in dieser Sache jüngst in Berlin abgehaltenen europäischen Konferenz überaus freundlich an Uns geschrieben, Unser eifriges Bestreben klar ausgesprochen, den hilfsbedürftigen Arbeitern Hilfe zu bringen und ihnen, so viel wir vermögen, alle Liebe zu erweisen. Es kann ja Deiner Einsicht nicht verborgen fein, daß, welch' große Mittel auch der weltlichen Macht zu Gebote stehen, um die Lage zu verbessern, dennoch in diesem heilsamen Werke der Kirche eine noch größere Aufgabe zufällt. Rur die göttliche Kraft der Religion durchdringt innerlich Herz und Geist der Menschen und leitet und neiget sie dahin, daß sie freiwillig den rechten und guten Weg einschlagen. Ist ja die Kirche kraft angeborenen Rechtes die treue Hüterin der von Gott geoffenbarten Wahrheit und hat von Christus dem Herrn, welcher die Weisheit des Vaters ist, Auftrag und Vollmacht; ist sie ja auch die Erbin der Liebe Desjenigen, welcher, „da Er reich war, um unseretwillen arm geworden ist" (2 Kor. 8, 9), damit der Reiche wie der Arme in gleicher Weise Sein Bild an sich trage und der Würde Seiner Gotteskindschaft theil-
„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.
(8. Fortsetzung.)
Er trat an den Wagen, in welchem sich sein Pferd befand, und ließ sich denselben öffnen. Tas Terrain eignete sich nicht im Mindesten zum Ausladen eines Pferdes, und es war auch kein Apparat dazu vorhanden; aber es ging ganz anders, als ich dachte.
„Viktory, come on!"
Auf diesen Ruf des Jägers steckte das alte Thier zuerst seinen Kopf heraus, um sich das Terrain anzu- Wn' legte bedenklich die langen Ohren nach hinten und sprang dann mit einem einzigen und wirklich verwegenen Satze heraus auf dm Damm. Sämmtliche Anwesende, welche bei diesem Sprunge zugegen waren, klatschten Beifall. Das Thier schien dies zu verstehen; es wedelte mit dem Schwänze und stieß ein lautes Wiehern aus.
Dieses Pferd sah gar nicht so aus, als wenn es feinen Nmnen Biktory, Sieger, mit nur der allerge- rn^sten Spur von Recht trage. Es war ein dürrer, hochbeiniger Fuchs, der sicherlich bereits zwanzig Jahre zah.te. Die Mähne war ihm ganz abhanden gekommen; der Schwanz zeigte nur noch einige ganz dürre
hastig werde, und welcher die Annen so sehr geliebt, daß Er ihnen Beweise einer ganz vorzüglichen Liebe gegeben hat. Von Ihm ist ausgegangen die heilige Lehre des Evangeliums, dieses kostbarste Geschenk, welches dem Menscheugeschlechte verliehen worden ist. Denn in dem Evangelium sind ausgezeichnet die unwandelbaren Rechte und Pflichten aller »nd jeglicher Menschen, und das Evangelium allein kann durch die edle Verbindung der Gerechtigkeit und Liebe bewirken, daß bei aller Ungleichheit der Verhältnisse, welche die Natur der Menschen und Dinge von selbst hervorbringt, dennoch jede Härte ausgeschlossen werde. Darum würde jenes Volk den sichersten Weg einschlagen und Alles zu einem guten Ziele führen, welches in feinem ganzen öffentlichen und privaten Leben nach der Richtschnur dieser wahren Lehre sich richtete. Dies erkennen und denken mit Uns die Bischöfe des Deutschen Reiches, bereit Hirteneifer aus so vielen und trefflichen Werken erhellt, welche sie vollendet oder begonnen haben, um das Loos des arbeitenden und nothleiden- den Volkes zu erleichtern. Je reichlichere Kräfte aber und je wirksamere Mittel, wie die Natur der Dinge und die Zeit sie fordern, der Kirche anvertraut sind, um so mehr sind wir ver^ pflichtet, mit vereinten Kräften und in gemeinsamer Thätigkeit Alles zu ersinnen und Alles zu thuu, was immer geeignet ist, die bestehenden liebel zu erleichtern. Vor Allem müssen wir mit geduldiger und thatkrästiger Sorgfalt darnach trachten, die Sitten zu v erbeff ern und die Völker daran zu gewöhnen, daß sie ihr häusliches und öffentliches Leben mehr und mehr mit der Lehre und dem Bor bilde Christi in Einklang bringen. Weiter aber müssen wir erstreben, daß, wenn zwischen den verschiedenen Klassen oder Ständen wegen irgend etwas verschiedene Meinungen und Interessen bestehen, man doch niemals von den heiligen Gesetzen der Gerechtigkeit und der Liebe abweiche, sondern etwaige Streitigkeiten durch die väterliche Vermittelung und Autorität der Oberhirten beseitige. Endlich ist Sorge zu tragen, daß den Armen die Beschwerden des gegenwärtigen Lebens erträglicher, den Reichen aber ihre Reichthümer ein Mittel werden, nicht zur Befriedigung der Begierlichkeit oder zur Verübung von Unrecht, sondern zur Spendung von Wohl- thaten, wodurch sie sich weit kostbarere Schätze im Himmel er«
. werben."
Jin Anschluß an diese apostolischen Worte spendet der hl. Vater großes Lob den mannigfaltigen, durch christliche Siebe vor längerer oder kürzerer Zeit in Deutschland ins Leben gerufenen Vereinen und Anstalten, welche das Beste der Handwerker und Arbeiter, ihr sittliches und materielles Wohl, namentlich die sittlich-religiöse Erziehung der männlichen und weiblichen Jugend, sowie deren Ausbildung für das irdische Leben zum Zwecke haben, und spricht die Hoffnung aus, daß dadurch, wie das zeitliche Glück so gute Sitten und echte Religiosität mächtig werden gefördert werden.
Endlich schließt der hl. Vater mit den Worten: „Es würde Uns zur höchsten Freude gereichen, wenn die deutschen Bischöfe mit der ihnen eigenen Standhaftigkeit, unter Mithilfe des Klerus und der Gläubigen, bie angegebenen, bereits unternommenen und gegründeten, überaus zeitgemäßen Werke und Einrichtungen weiter verbreiten und durch ähnliche Gründungen ergänzen würden, namentlich in solchen Orten und Gegenden, in welchen vorzüglich die Industrie und das Gewerbe blühen und deshalb eine zahlreiche Arbeiterbevölkerung sich findet. Wenn dieser Unser Wunsch in Erfüllung geht, bann kann man ben deutschen Bischöfen wahrhaft Glück wünschen, daß sie, so viel an ihnen gelegen, dem öffentlichen Frieden gedient und die Sache der wahren Humanität und, Gesittung gefördert haben."
Zur Erfüllung dieses Wunsches und dieser Hoffnung mit &er Gnade Gottes nach Kräften beizutragen, erkennen wir als eine der wichtigsten Aufgaben unseres Hirtenamtes. Je weniger wir nun aber bei deren Lösung Euere Beihülfe und Mitwirkung entbehren können, ehrwürdige Brüder, geliebte Diözesanen, für desto geeigneter halten wir es, Euch die von dem heiligen Vater
Haarsträhnen, imb die Ohren sahen aus wie zwei Kaninchenlöffel im Superlativ. Dennoch hatte ich alle Achtung vor dem Thiere, zumal da ich sah, daß es ausschlug und biß, als einer der Männer vertraulich nach ihm langte. Man bekommt in der Prairie zuweilen solche „Jnseparables" zu sehen, Pferde, für welche man keinen Cent bieten würde, die aber ihr Herr um keinen Preis hergeben würde Der berühmte Sans-ear hatte eine solche alte Stute, Tony genannt, die einer Ziege ähnlicher sah als einem Pferde, aber ich war hundertmal Zeuge gewesen, daß er ohne dieses brave Thier verloren gewesen wäre.
Viktory war gesattelt und gezäumt. Fred bestieg ihn und sprengte den steilen Damm hinab, ohne den Anderen irgend eine Bemerkung zu machen. Sie bekümmerten sich auch nicht weiter um uns. Wir waren ihnen ja fremd, und es war ihnen also vollständig gleichgilttg, daß wir den Zug verließen.
Unten am Damme hielt Walker an.
„Seht Ihr, Charles, wie gut es nun wäre, wenn Ihr ein Pferd hättet?" meinte er.
„Es wird nicht lange dauern, fo haben wir eins," antwortete ich. „Mit Hilfe Eures Viktory werde ich mir sehr leicht eins fangen."
„Ihr? Das müßte ich fangen, denn ich gebe Euch mein Wort, daß Ihr den Viktory nicht reiten könnt.
ausgesprochenen Gebanken etwas näher darzulegen; benn so einfach bieieiben auch lauten, so enthalten sie boch Alles, was in ber so schwierigen unb klippenreichen sozialen Frag.- unser Denken unb Hanbeln auf bem Wege wahrer christlicher Weisheit unb Liebe zu leiten unb zu erhalten geeignet ist.
Schwer unb eutscheibnngsvoll nennt ber Papst mit Recht die soziale Frage. Sie ist in ihrer thatsächlichen Entwickelung so gewaltig unb brohenb geworben, baß man in weiten Kreisen an einer frieblichen Lösung verzweifelt unb einer nahen Katastrophe entgegensieht. Dieser hoffnungslose Standpunkt kann und barf nicht ber unserige fein. „Die liebel ber Völker finb nicht unheilbar", so spricht bas Wort Gottes fchon im alten Testamente (Weish. 1, 14): wie viel mehr müssen wir im neuen Bunde an dieser tröstlichen Wahrheit festhalten! Wohl können Völker durch Abfall vom Christenthum und Abwendung von christlicher Sitte unb Tugenb untergeben; bas zeigt uns die Geschichte der Menschheit in traurigen Beispielen. Allein so lange sie den Geist des Christenthums und in ihm ben Geist der wahren Humanität bewahren, können unb werben sie, wenn sie auch selbst schweren Verirrungen und Entartungen und dadurch großen Nebeln anheimfallen, boch sich roieber aufrichten und wie der Apostel sagt, „bas Böse durch das Gute überwinden" (Röm. 12, 21). Darum dürfen wir ben hochherzigen Absichten unseres Kaisers unb ber europäischen Regierungen nicht Kleinmuth, Zweifel ober gar Widerwillen, sondern wir müssen ihnen das Vertrauen entgegen bringen, daß es unter Gottes Beistand gelingen werde, bie allerbings großen sozialen Gefahren unb Schwierigkeiten ber Gegenwart zu überwinden. Wir müssen, so viel an uns liegt, zu bem großen unb guten Werke ttjatfräftig mitwirken.
Der heilige Vater verkennt nicht, baß auch ber weltlichen Macht große Hülfsmittel zur Heilung ber sozialen Nebel zu Gebote stehen, doch weist er ber Kirche eine noch größere Ausgabe zu unb gibt näher an, wie beibe, Kirche unb Staat, zusammenwirken sollen.
Die soziale Frage ist zunächst eine Frage ber Volks- wirthschaft unb bes öffentlichen Rechts. An ihrer Lösung finb beteiligt bie Staatsgesetzgebung, die Politik, die Staatsverwaltung, somit auch auf allen diesen' Gebieten die weltliche Wissenschaft. Hier ist es uns nun ein großer Trost, daß die katholischen Mitglieder unserer gesetzgebenden Körperschaften stets mit soviel Einsicht und Siebe auf Verbesserung der sozialen Verhältnisse, wie des Bauern- und Handwerkerstandes, so der Arbeiter der Großindustrie hingewirkt haben und gewiß in Zukunft, mit Allen, die nach gleichem Ziele streben, in Eintracht zusammenwirken werden.
Erfreulich ist es auch, daß auf diesem Gebiete katholische Männer, darunter auch treffliche Priester, theoretisch und praktisch, durch Schrift und That so Tüchtiges geleistet haben. Möge ihr Eifer nicht ermatten und mögen wahrhaft dazu Befähigte und Berufene in immer größerer Zahl ihnen nacheifern!
Die natürlichen Kräfte zur Heilung der sozialen Frage müssen aber von den übernatürlichen, deren Hüterin die Kirche ist, unterstützt werden. Staat und Kirche müssen in der Anwendung der ihnen innewohnenden Hilfsmittel einträchtig zusammen wirken. Das gilt von allen menschlichen Dingen, aber ganz vorzugsweise von der sozialen Frage. Die Roth und Gefahr unserer Zeit wird diese oft verkannte Wahrheit in immer weitern Kreisen zur Anerkennung bringen.
Möge daher vor Allem durch Gerechtigkeit und Wohlwollen dieses so nothwendige Zusammenwirken zwischen Staat und Kirche erstarken und Alles, was die Eintracht stört, fern gehakten werden! Möge auch die einseitige Auffassung ein für allemal ausgeschlossen bleiben, es solle die Kirche allein ohne ben Staat, oder es solle ber Staat allein ohne die Kirche die soziale Frage zu lösen suchen; unb noch weniger möge die Ansicht jemals Geltung gewinnen, es gehe diese Frage weder den
Er trägt keinen andern Menschen als nur mich allein."
„Das würde sich finden!"
„Es ist aber so; ich versichere es Euch. Wir könnten, damit Euch das Laufen nicht so sehr angreift, zuweilen mit dem Pferde wechseln; aber es wirft Euch sicher ab, und so seid Ihr zum Marschiren verurtheilt, bis wir eine Mustang-Heerde treffen. Das ist höchst unangenehm, da wir auf diese Weise nur langsam vorwärts kommen und sehr viele Zeit versäumen. Aber seht, da steigen die Leute ein; der Zug will weiter gehen."
Es war so, wie er sagte. Die Maschine gab Dampf; sie Räder bewegten sich, und der Zug rollte dem Westen wieder entgegen. Nach wenigen Augenblicken war er unseren Augen entschwunden, und es war das Band, welches uns bis zu diesem Augenblicke mit der Civilisation verband, für unbestimmte Zeit zerrissen.
„Hängt Euere schwere Büchse an meinen Sattel," agte Walker.
„Ein guter Jäger trennt sich keinen Augenblick von seinem Gewehre," antwortete ich. „Ich danke Euch, Fred. Vorwärts!"
„Ich werde langsam reiten, Charles."
„Laßt den Vittory immer einen tüchügen Schritt nehmen; ich bin ein guter Läufer und halte aus."
„Well, so kommt!"