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Reiseerlebnisse ^aus dem „wilden Westen" Nordamerikas Don Carl May.
(6. Fortsetzung.)
Auch die Andern lachten; ich aber meinte sehr .ernsthaft:
„Was lacht Ihr, Mesch'schurs? Wenn man dreißig Jahre lang über den Büchern sitzt, so leiden die Augen, und es ist besser, man thut mit der Brille einen guten Schuß, als ohne dieselbe einen schlechten?
„Richtig, Sir/ lachte der Dicke. „Aber ich möchte Euch einmal sehen, wenn Ihr so recht unerwartet ein Mal von den Rothhäuten überfallen würdet! Ehe Ihr den Klemmer geputzt und auf die Nase gebracht hättet, würdet Ihr zehnmal skalpirt sein. Seht, nicht einmal den Vogel könnt Ihr nun schießen, denn er ist bereits auf uud davon geflogen!"
„So fuchen wir ein anderes Ziel!" meinte ich ebenso kaltblütig wie vorher.
Der betreffende Vogel hatte in einer Entfernung von vielleicht zweihundert Schritten auf dem Busche gesessen; das wäre also ein sehr gewöhnlicher Schuß gewesen. Ich aber hatte hoch über uns eine Lerche trillern gehört und blickte jetzt nach oben.
„Seht Ihr die Lerche da oben, Mesch'schurs?" fragte ich. „Ich werde sie herunter holen."
füllen dürfen nicht zurückkommen, weil die Bündler ihre Thätigkeit „als eine Herausforderung des evang. Volkes und als eine schwere Schädigung des kirchlichen Friedens betrachten." Also weil es den Protestanten nicht gefällt, sollen die Katholiken ihre volle kirchliche Freiheit nicht genießen? Der dritte Protest ist gegen die Forderungen der Katholiken in der Schulfrage gerichtet. Die „Auslieferung eines großen Theiles der deutschen Schulen an die römische Kirche würde die größte Gefahr für unser christliches Volksleben enthalten." Demnach wäre also die katholische Kirche nicht christlich. Die Bündler, die ausgesprochene Leugner der Gottheit Christi und Ungläubige zu den Ihren zählen, sind gewiß sehr berechtigt, den Namen „christlich" zu führen. Das wären die „Proteste", soweit bis jetzt Berichte vorliegen. Der „evangelische Bund" will ein Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen sein. Schämen sich die Herren denn wirklich nicht des geistigen Armuthszeugnisses, das sie sich selbst mit ihren Protesten und ihren Ausfällen gegen den Katholizismus ausstellen? Man kann einen bohen Preis aussetzen auf jeden positiven, faßbaren Geoanken, der in den Verhandlungen aufgetaucht ist, und kann sicher sein, ihn kein einziges Mal auszahlen zu müssen. Unverständliche Phrasen und Negationen ist das ganze Ergebniß. Der Kaiser mahnt, alle Konfessionen möchten einträchtig an der Sozialreform arbeiten; die Bündler Hetzen zum konfessionellen Unfrieden und erklären die katholische -Kirche ohne Weiteres für unfähig der sozialen Reformarbeit. Das ist einfach eine Gewissenlosigkeit.
Deutsches Keich.
Berlin, 30. September.
* Die Berliner Sozialdemokraten begehen heute das Erlöschen des Sozialistengesetzes und die Rückkehr der auf Grund desselben aus Berlin ausgewiesen gewesenen Genossen durch Festlichkeiten in sechs großen Lokalen. „Die Berliner Arbeiterschaft", heißt es in der Ankündigung, „wird heute Abend zeigen, daß sie nach schweren Zeiten auch frohe und erhebende Feste zu feiern versteht."
* Das Konsortium, mit dem die Reichsregierung wegen der Uebernahme der neuen Reichsanleihe verhandelt und das aus der Reichsbank, der Seehandlung- Societöe und der Mehrzahl der großen deutschen Banken und Bankfirmen besteht, hat sich zur Uebernahme von 170 Millionen Mark dreiprozentigen Reichsanleihen zum Kurse von 86,40 pCt. mit der Verpflichtung, diese Anleihen dem Publikum zum Kurse von 87 pCt. zur Versügung zu stellen, erboten.
* Der frühere Minister des Innern und Vizeprä-
„Das ist ganz unmöglich!" rief der Dicke. „Laßt das sein, beim Ihr schießt doch nur ein Loch in die Luft. Das brächte nicht einmal der alte Sans-ear oder Old Firehand fertig!"
„Wollen sehen!"
Ich erhob die Büchse und drückte ab.
„Fort!" lachte der Dicke. „Der Schuß hat sie erschreckt; sie ist ausgerissen!"
„Da sollt Ihr doch gleich sehen, wozu die Brille nützlich ist," meinte ich, die Büchse absetzend; „Geht doch einmal hinüber auf den Bahndamm, sie ist darauf niedergefallen, ungefähr achtzig Schritte von hier."
Ich deutete mit der Hand die Stelle an, und fo- fort sprangen einige der Umstehenden hin. Sie brachten die Lerche, welche fast mitten durch geschossen war. Der Dicke betrachtete abwechselnd sie und mich; dann rief er:
„Getroffen, wahrhaftig getroffen! Und nicht mit Schrot, sondern mit der Kugel!"
„Wollt Ihr mit Schrot in eine solche Höhe schießen, Sir?" fragte ich. „Ein richtiger Savannenläufer wird sich überhaupt schämen, einen Schrotschuß zu thun. Das überläßt man den Kindern und den Aasjägern."
„Aber Sir, das ist ja ein Schuß, wie ich noch gar keinen gesehen habe!" wunderte sich der Dicke. „War das Zufall oder nicht?"
„Gebt mir ein zweites Ziel!"
„Es ist gut, Sir; ich glaube es! Ihr scheint es
sident des Staatsministeriums, v. Puttkamer, soll zum Oberpräsidenten der Provinz Sachsen ausersehen sein. Der jetzige Oberpräsident von Sachsen ist bekanntlich an die Spitze der Oberrechnungskammer berufen worden.
* Gegenüber dem täglichen Gewinsel und Zetergeschrei der ,Köln. Ztg'. über die Sozialpolitik des Kaisers und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht stellt die ,Franff. Ztg.' folgende Frage: „Wie reimt sich das Verdammungsurtheil, das über das Reichswahlrecht gefällt wird, mit dem Rühmen und Preisen der Bismarckschen Staatskunst, mit der Bewunderung der Genialität des Exreichskanzlers. War er es nicht, der den Sozialdemokraten die Waffe des Stimmrechts in die Hand gegeben hat, und wenn der Gebrauch dieser Waffe die gesammte Kultur und Gesittung mit Vernichtung bedroht, muß dann nicht das Urtheil der Geschichte den Fürsten Bismarck als den Anstifter und Förderer des Vernichtungskampfes treffen? Was bleibt von dem großen Staatsmann, wenn er dem Staatswesen, das er begründete, ein Gift einimpfte, an dem es im Verlaufe der Zeit zu Grunde gehen muß? Und sollte sich die ,Köln. Ztg.' aus der Klemme dieser Fragen durch den Hinweis auf das Gegengift des Ausnahmegesetzes zu retten versuchen, so soll ihr die Verdreifachung der Zahl der sozialdemokratischen Stimmen seit 1878 vor Augen geführt werden."
* Ueber die zukünftige Organisation des ostafrika- nischen Küstengebietes wird, wie der „Reichsanzeiger" meldet, innerhalb der Reichsverwaltung das erforderliche Material vorbereitet, damit dem Reichstage sofort bei seinem Zusammentritt ein vollständiger Plan in allen Einzelheiten vorgelegt werden kann. Der Kaiserliche Gouverneur in Kamerun, Freiherr von Soden, begibt sich in diesen Tag nach Ostafrika, um über die künftige Gestaltung der inneren Verwaltung und die Regelung der Jurisdiktionsverhältnisse an der Küste Ermittelungen anzustellen und darüber zu berichten.
* Ueber eine Unterredung mit Crispi meldet der Pariser,Figaro', daß Crispi u. A. gesagt habe: „Kaiser Wilhelm wird Niemandem den Krieg erklären. Wir rüsten alle; ich weiß, das wird Europa zum Vortheil Amerika's zu Grunde richten. Hier ist die große Zukunfts-Frage, ich kann die Abrüstung nicht Vorschlägen, Sie (nämlich Frankreich) müssen anfangen, denn Sie allein fürchtet man in Europa. Inzwischen werde ich thun, was ich kann, um die italienisch-französischen Beziehungen zu verbessern.
* Gegen die Bildung von Kartellen und Ringen wendet sich die ,Hamb. Börsenh.': Die gefährlichsten, dem Gemeinwohl schädlichsten dieser Vereinigungen seien diejenigen, welche die nothwendigsten Gebrauchsgegenstände „kontrolliren", wie der amerikanische Ausdruck dafür lautet. In Amerika sei die Gesetzgebung gegen darauf abgefehen zu haben, mit mir ein wenig Komödie zu spielen! Aber nun ist es gut. Kommt doch einmal ein Weniges mit auf die Seite!"
Er zog mich von den Andern fort, dahin, wo die Pferdestcchfen am Deutlichsten zu sehen waren. Dort zog er ein Papier hervor und legte es in eine der Spuren.
„Well, es ist so!" meinte er gedankenvoll. „Sir, sagt mir einmal, ob Ihr vielleicht Herr Eurer Zeit seid, ob Ihr direkt hinauf nach den Tretons wollt, oder ob Ihr vorher noch einen andern Ritt unternehmen könntet!"
„Ich kann thun, was mir gefällt."
„Well, so will ich Euch einmal etwas sagen. Habt Ihr vielleicht schon einmal von dem dicken Fred Walker gehört?"
„Ja. Er soll ein tüchtiger Westmann sein. Er ist einer der besten Pfadfinder des Gebirges und spricht mehrere Jndianerdialekte."
„Ich bin es, Sir!"
„Das konnte ich mir denken. Hier meine Hand! Es freut mich von ganzem Herzen, Euch getroffen zu haben, Sir."
„Wirklich? Nun, vielleicht lernen wir uns besser kennen. Ich habe nämlich mit einem gewissen Williams einige ernsthafte Worte zu sprechen. Er war in letzter Zeit der Anführer einer Schaar von Buschheaders und
* Der „Evangelische Sund"
chuldet keinem größeren Dank als uns Katholiken. In Stuttgart sind die Bündler jetzt wieder zusammengewesen, aber wovon hätten sie wohl reden, womit sich beschästigen sollen, wenn wir nicht wären? Ja es ist schon ein wahrer Glücksfall für sie, daß die Koblenzer Katholikenversammlung vor ihrer Versammlung abgehalten wurde, denn sie gab ihnen gleich Stoff zu zwei Protesten. Proteste, das ist das höchste, was die Herren zu Stande bringen; Proteste gegen uns und unsere Forderungen; lieferten wir ihnen das Brod nicht, sie würden an geistiger Hungersnoth umkommen. Zuerst Protestiren sie gegen die von den katholischen Bischöfen den Angehörigen anderer Konfessionen an- ^eboteneFriedenshand. Dafür werden aber „drei" Gründe angegeben, die aber alle drei keine Prüfung vertragen. Die „römische" Kirche erhebt, heißt es, den Anspruch, die alleinige Kirche Christi zu sein und verdammt die Evangelischen als Ketzer und Empörer wider die göttliche Autorität. Letzteres ist nicht wahr, und wenn die Evangelischen ersteres nicht gleichfalls ckhun, so zeigt das in unseren Augen von sehr schwachem Vertrauen in die Wahrheit ihres Glaubens. Weiter wird gesagt, die römische Kirche erkennt die in ider evangelischen Kirche vollzogene Taufe und die evan- .gelische Trauung als Grundlage der christlichen Ehe nicht rückhaltlos an. Thatsächlich erkennt die katholische Kirche die wirklich vollzogene Taufe seitens der evangelischen Kirche rückhaltlos an; ebenso die evangelische Trauung; über die Mitglieder ihrer eigenen Kirche muß sie sich aber eine gewisse Disziplin Vorbehalten. Der dritte Grund ist: Jesuiten und verwandte Orden werden zurückgefordert. Läßt sich den Jesuiten in sittlicher oder bürgerlicher Beziehung etwas vorwerfen, was ihre Ausschließung vom deutschen Boden rechtfertigt? Die Bündler wissen nichts vorzubringen, als der Orden sei selbst von Päpsten als unvereinbar mit dem kirchlichen Frieden bezeichnet worden. Die Päpste werden nicht namhaft gemacht, weil sie nicht namhaft gemacht werden können. „Unvereinbar mit dem kirchlichen Frieden" ist eine Phrase, die für die Thatsachen aushelfen muß. Das Treiben des „evangelischen Bundes" ist gewiß mit dem kirchlichen Frieden sehr vereinbar. Mit den Jesuiten beschäftigt sich auch der zweite Protest — man muß eben sparsam sein und das bischen Stoff möglichst ausnutzen. Die Je-
Donnerstag, den 2. Oktober 1890.
17.Iahrgang
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