Einzelbild herunterladen
 

JV 226

Mittwoch, den 1. Oktober 1890

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Tie ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung" werden noch fortwährend entgegengenommen.

<K> Die staatsrechtliche Stellung Helgolands.

Es ist bezeichnend für die Verwirrung, die in den Köpfen der sogen. Konjekturalpolitiker entstehen kann, sobald ihnen unsere Verfassung nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß seit dem mehrmonatlichen Uebergang der Insel in deutschen Besitz immer noch Zweifel über die Natur des Erwerbs herrschen kann. Die Einen wollen die Insel ohne jedwede Einkleidung in staatsrechtliche Formen einfach an das Königreich Preußen angegliedert wissen, wobei sie nur vergessen, daß die Insel nicht an den König von Preußen, son­dern an den Kaiser von Deutschland cedirt worden ist und bekanntlich nicht ohne gewisse Entschädigungen, die nicht Preußen, sondern das Reich zahlte. — Die anderen wiederum wollen Helgoland nach der Analogie der staatsrechtlichen Verhältnisse unserer Kolonieen als das was die Wissenschaft formulirt: „völkerrechtliches Inland, staatsrechtliches Ausland" ansehen. Das wäre sogar eine Ansicht, die sich vom rechtlichen Standpunkt aus hören läßt. Warum aber diese kaum 3 Stunden vom deutschen Festland entfernte, deutsche winzige Insel ~ in den Rahmen einer Verfassung und gesetzlichen Be- d herrschung gepreßt werden sollte, die im besten Falle ( nur auf die transitorischen Verhältnisse großer, weit entfernter Besitzungen zugeschnitten sind, wäre uner­findlich.

Die drolligste Vermuthung durchlief einen Theil der konservativen Presse: daß Helgoland im Besitze des deutschen Kaisers bleiben solle, aber nicht als Kronland, wie etwa die Kolonieen. Den guten Leuten, aber schlechten Musikanten schwebte wohl vor, daß der deutsche Kaiser Helgoland als eine Art Privatdomäne, wie eine Privat­besitzung im Auslande erwerben könne: Sie vergessen aber, daß erstens der Kaufpreis nicht aus der Schatulle des Kaisers, sondern mit deutschem Gebiete bezahlt worden ist, und zweitens, daß in jenem Falle der Kaiser trotz aller Subtilitäten des Exterritorialitäts­prinzips alsdann nur eine große Privatdomäne unter ausländischer, nicht deutscher Oberhoheit erworben hätte. Wenn zum Beispiel die Kaiserin Friedrich ihrem Ge­mahl Helgoland als Brautgabe in die Ehe gebracht hätte (die Zustimmung des englischen Parlamentes vor­ausgesetzt), so wäre wohl Helgoland hohenzollern'sches Eigenthum geworden, aber immer englisches Land ge­blieben. Denn nur ein Staat kann Staatseigenthum

Zur Generalversammlung der kath. Kehrer der Provin; Hessen-Nassau

— in Marburg 1890. —

Es ruft zur That, auf, schaaret Euch zusammen, Laßt der Begeisterung Feuer Euch durchflammen. Und laßt zum hohen, zum erhab'nen Werke Euch Eintracht leiten,' Gottvertrau'n und Stärke!

Wer so wie Ihr mit freier Stirn das Gute Erstrebt mit Lust und glaubensfestem Muthe, Der kann nur Großes, Herrliches vollbringen, Gott selber gibt sein Amen dem Gelingen!

Ein Feigling, wer die offne Art verneint. Weil allzu schroff der kühne Pfad ihm scheint, Jndeß die steile, dornenvolle Bahn Der And're klimmt zu lichter Höh' hinan!

Wer ihn nicht fühlet, höh'rer Thaten Drang, Und wer im Kampf nicht Riesenmuth errang, Zum Himmelsfluge Adlerkraft zu fühlen, Der mag im Nichts, der mag im Staube wühlen!

Dem Bessren ist der Einsatz nicht zu groß, Zu kostbar nicht für sein begnadet Loos; Dem Meisterwerk der Schöpfung sich zu weih'n Setzt er fein Wollen, all' sein Können ein!"

Es naht der Tag, es drängt und ruft die Stunde Zum Wort, daß treu es, frei und wahr bekunde Den Geist, in dem das schöne Werk geboren, Den Geist, in dem Ihr Euren Bund geschworen!

In diesem Geiste mögt Ihr muthig ringen, Enyagend freudig manches Opfer bringen; Der Sieg ist herrlich, herrlich winkt zum Lohne Bon Gottes Thron Euch eine ew'ge Krone! Sch.

in souveräner Weise besitzen und erwerben, nie ein Einzelner und wäre er selbst ein Kaiser. Vielmehr ist die Frage nach .ber staatsrechtlichen Stellung Helgo­lands einzig und allein an der Hand der Reichsver­fassung zu lösen.

Der Artikel 1 unserer Verfassung beschreibt genau die Größe des Bundesgebietes; alle noch derzeit exi- stirenden 25 Staaten werden namentlich aufgeführt, Preußen mit Lauenburg, Bayern, Württemberg, Sachsen rc. Das Bundesgebiet war somit am 16. April 1871 genau beschrieben; da trat am 10. Mai 1871 durch den definitiven Friedensschluß mit Frankreich die Frage der Einverleibung des eroberten Elsaß an das Reich heran. Es bedurfte eines Gesetzes, das heißt der Zustimmung des Bundes- und des Reichstages, um Elsaß-Lothringen deutsch werden zu lassen. In der denkbar kürzesten Frist wurde dies verwirklicht. Am 9. Juni schon erfolgte das Gesetz betreffend die Ein­verleibung des Elsaß und Lothringens mit dem deut­schen Reich.

Das gleiche Verfahren muß bei Helgoland ange­wendet werden; durch ein Gesetz muß Helgoland dem Reich einverleibt werden, wenn anders es aus seiner derzeitigen verschrobenen Lage: „völkerrechtliches In­land, staatsrechtliches Ausland" herauskommen will. Daß dies kurz nach dem Zusammentritt des Reichs­tages im November geschieht, ist nach unseren Infor­mationen zweifelsohne, die Frage bleibt nur, was wird aus dem somit dann Reichsland gewordenen Helgo­lands- Soll man aus der Insel wie aus dem Elsaß eine Reichsprovinz schaffen, in welcher, vielleicht nach kurzer kaiserlicher Diktatur-Periode die Souveränität im Reiche, das heißt in der ideellen Einheit der 25 Bundesstaaten, die Regierung in der Hand eines Statthalters und eines helgoländischen Parlamentes läge? Dieser Modus wäre bei der Winzigkeit der Insel doch etwas schwerfällig. Da dem Kaiser persön­lich an dem Erwerb der Insel so sehr viel gelegen war, wird er sicherlich auch auf die Souveränität über Helgoland einiges Gewicht legen. Es fragt sich, ob man die schließlich nicht allzu wichtige Frage zum Ausgangspunkt einer Verstimmung zwischen Preußen und den übrigen Bundesstaaten machen möchte. Ein Ausweg böte sich noch durch die Abtretung der Insel an Hamburg, den nächsten Festlandsstaat. Für diese Idee wird sich aber Preußen kaum begeistern.

Deutsches Keich.

Berlin, 29. September.

* Der Kaiser tritt nach Beendigung der Jagden in Ostpreußen von Theerbude und Trakehnen seine

„Ave Maria."

Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.

(5. Fortsetzung.) "

„Aber wer sagt Euch denn, daß sie einander ge­bissen haben, he?"

„Erstens die Stellung der Hufstapfen. Das Jn- dianerpferd ist hier gegen das andere angesprungen; das werdet ihr zugeben. Und zweitens, seht Euch einmal die Haare an, welche ich hier in der Hand halte! Ich fand sie vorhin, als ich die Spuren unter­suchte, ehe ich Euch traf. Da sind vier Mähnenhaare von brauner Farbe, welche das Jndianerpferd dem anderen ausgerissen hat und sofort fallen ließ. Weiter vorn aber fand ich diese zwei schwarzen Schwanzhaare und aus der Stellung der Stapfen ersehe ich ganz genau: das Jndianerpferd biß das andere in die Mähne, wurde aber von feinem Reiter sogleich zurück­gedrängt und dann vorwärts getrieben; dabei langte das andere Pferd herüber und riß ihm diese Haare aus dem Schwänze, welche noch einige Schritte weit im Maule hängen blieben und dann zur Erde fielen. Das Pferd des Rothen ist also ein Rappe und das­jenige des Weißen ein Brauner. Kommt weiter! Hier aber ist der Weiße abgestiegen, um den Bahn­damm zu ersteigen. Seine Fährte ist im weichen Sande bis heute sichtbar geblieben. Ihr könnt ganz

Reise nach Wien morgen (Dienstag) an. Die An­kunft in Wien erfolgt Mittwoch, Morgens 9 Uhr. Auf der Fahrt nach Wien reist der Kaiser im strengsten Inkognito. Die Rückkehr von Wien erfolgt am 9. Oktober.

* Die Staatswerkstätten und Staatsfabriken sollen bekanntlich auf Wunsch des Kaisers nach und nach in Betreff des Arbeiterschutzes zu „Mu st er an st alt en" umgebildet werden. Nachdem auf den fiskalischen Gruben Arbeiter-Ausschüsse eingeführt, auch in den Staatswerk­stätten die früher übermäßig lange Arbeitszeit wesent­lich abgekürzt worden ist, (zum Theil auf 10 Stunden täglich), ist neuerdings in den Staatsfabriken zu Span­dau auch dieNachtarbeit der Frauen abgeschafft worden. Daß die Staatswerkstätten den Privatinsti­tuten mit gutem Beispiele vorangehen, ist um so natür­licher, als Deutschland schon auf der internationalen Arbeiterschutz-Konferenz die Erklärung beantragte, es sei wünschenswerth, „daß Frauen jeden Alters weder Nachts noch Sonntags arbeiten" und die Kommission diese Erklärung für Mädchen und Frauen von 16 bis 21 Jahren int Prinzip einstimmig, für Mädchen und Frauen in höherem Alter auf Mehrheit abgab. Be­kanntlich hat die Frauenarbeit in der Metall­industrie in Folge der enormen Vervollkommnung der Technik eine große Ausdehnung gewonnen. Bei Anfertigung der Hülsen zu den bekannten neuen Ge­schossen dominirt die weibliche Arbeitskraft. In diesen Betrieben, in denen Tausende von Arbeiterinnen thätig find, wird Tag und Nacht gearbeitet, um.iru. kürzester Zeit möglichst viel Hülsen zu jenen kleinen Kugeln zu erzeugen, welche so nette, glatte Löcher in den mensch­lichen Körper bohren. Betritt man zur Nachtzeit einen solchen Fabrikraum, so findet man von männlichen Ar­beitern nur einige Schlosser, denen die Regulirung der Stanzvorrichtungen obliegt, und einen speziellen Auf­passer oder Antreiber. Es kommen bei dieser Beschäf­tigung besonders des Nachts häufig Fingerquetschungeu vor. Sobald die Arbeiterin, vielleicht vom Schlafe überwältigt, beim Einlegen die Hand nicht flink zurück­zieht, ist es um den Finger geschehen. Anscheinend be­schäftigt sich die Regierung auch mit der Wohnungs­frage, für welche bekanntlich der jetzige Finanzminister Dr. Miquel ein lebhaftes Interesse an den Tag legt. In Folge der Anregungen, welche s. Z. bei den Be- rathungen des Staatsraths theils in öffentlicher Rede, theils int Privatgespräch gegeben wurden, hat der Han­delsminister v. Berlepsch die Unternehmungen zur Her­stellung billiger Wohnstätten aufmerksam verfolgt und dieser Tage der Kolonie Adlershof bei Berlin einen Besuch abgestattet, und, vom Abgeordneten Schrader, dem Vorstand der betreffenden Baugenossenschaft ge-

genau sehen, daß er mit dem einen Fuße fester und heftiger aufgetreten ist als mit dem andern. Er hinkt. Uebrigens waren diese Menschen ganz anßerordentlich unvorsichtig. Sie haben sich nicht die mindeste Mühe gegeben, ihre Spuren unkenntlich zu machen; sie müssen sich also sehr sicher fühlen, und das kann nur zwei Gründe haben."

„Welche?"

„Entweder waren sie gewillt, heute recht schnell eine bedeutende Strecke zwischen sich und die Verfolger zu legen, und das möchte ich bezweifeln, da aus den Spuren zu ersehen ist, daß ihre Pferde sehr ange­griffen und ermüdet waren. Oder sie wußten eine größere Truppe der Ihrigen in der Nähe, auf die sie sich zurückziehen konnten. Dieser Fall scheint mir der wahrscheinlichere zu sein, und da sich drei vereinzelte Jndsmen nicht an über zwanzig Weiße schließen, so vermuthe ich, daß da gegen Norden hin ein zahlreicher Trupp Ogellallahs zu suchen ist, bei dem sich jetzt die dreiundzwanzig Railtroublers befinden."

Es war wirklich spaßhaft anzusehen, mit welch' einer eigenthümlichen Miene mich das dicke Männchen jetzt vom Kopfe an bis herab zu den Füßen fixirte.

„Mann," rief er endlich. „Wer seid Ihr denn eigentlich, he?"

„Ich habe es Euch ja bereits gejagt."

„Pshaw! Ihr seid fein Greenhorn und auch kein Büchermacher, obgleich Ihr mit Euren gewichsten Süe-