JV 224.
Sonntag, den 28. September 1890.
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
W* Hierzu eine Beilage
;e der Korps an:
armen, Darmstadt,
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„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.
(3. Fortsetzung.)
„Das ist lustig, Sit! Ihr habt zwar ein Lasio da um Euere Schultern gewickelt, aber damit fangt Ihr keine Fliege, viel weniger einen wilden Mustang!"
„Warum?"
_ „Warum? Na, weil Ihr das seid, was man da drüben im alten Lande einen Sonntagsjäger nennt!"
„Und warum haltet Ihr mich für einen solchen!"
„Hihihihi, das ist doch einfach! Weil Alles an Euch so nett und sauber ist. Seht Euch einmal einen tüchtigen Waldläufer an, und vergleicht ihn mit Euch! Euere hohen Reitstiefel sind neu und, wahrhaftig, ,sie sind ganz blank gewichst! Euere Leggins*) sind vom feinsten Elennleder; Euer Jagdhemde ist ein Meisterstück aus der Hand einer indianischen Sqaw **); Euer Hut hat wenigstens zwölf Dollar gekostet, und Euer Messer sammt den Revolvern haben sicherlich noch keinem Menschen weh gethan! Könnt Ihr schießen, Sir?"
„Ja, ein Wenig. Ich bin sogar einmal Schützenkönig gewesen!" antwortete ich mit einer sehr wichtigen Miene. ..
*) Hose. **) Frau.
Uebrigens kommt uns die Geschichte von den katholischen Rekruten sehr verdächtig vor. Herr Junker führt nämlich folgende Städte als Sitze Stettin, Kiel, Hamburg, Elberfeld, V
so gut wie Juden" zur Heils-Armee gehörten. Der Schlachtruf der Berliner Heils-Armee lautet „Deutschland für Jesus". Man sollte also glauben, daß bloß Christen in diese Gesellschaft paßten und wenigstens die Juden, welche sich zu ihr „bekehren" wollen, erst der Synagoge entsagen und sich zuni Evangelium bekennen müßten. Trotzdem sagt Herr Junker im Anschluß an diese Erwähnung der Juden: „Wir verlangen von Niemandem, daß er aus seiner Kirche austritt; wenn er sich uns anschließt, gehört er eben zu uns; er ist Einer von der Heils-Armee." Aber wie steht es denn mit der Taufe? Hält die Heils-Armee die Taufe nicht für nothwendig, so kann sie auf den ch r i st l i ch e n Charakter keinen Anspruch machen. Von diesem Standpunkte aus wäre es auch allein verständlich, wie Herr Junker die Katholiken und die Juden in eiue Linie stellen kann.
„Hm! So, so! Also ein Deutscher seid Ihr? Nach einem hölzernen Vogel habt Ihr geschossen, und Schützenkönig seid Ihr da geworden? Hihihihi! So sind diese Deutschen! Old Shatterhand soll zwar auch einDeutscher sein, aber das ist ja nur eine Ausnahme! Sir, ich bitte Euch herzlich, kehrt sobald wie möglich um, sonst geht Ihr zu Grunde!"
„Wollen sehen! Wo steckt denn eigentlich dieser Old Shatterland, von dem Ihr redet?"
„Ja, wer weiß das! Als ich das letzte Mal da droben am Fox-Head war, traf ich den berühmten Sans-ear, der mit ihm geritten war. Dieser sagte mir, daß Old Shatterhand wieder hinüber sei ins Afrika, in die dumme Gegend, welche man die Wüste Sahara nennt. Dort schlägt er sich wohl mit den Indianern herum, welche den Namen Araber führen. Dieser Mann hat seinen Namen „Shatterhand" davon, daß es ihm ein Leichtes ist, mit der bloßen Faust einen Feind niederzuschlagen ; er hat das sehr ost gethan. Seht Euch dagegen. einmal Eure Händchen an! Sie sind so zart und weiß, wie die Hände einer Lady, und man merkt sofort, daß Ihr nur mit Papier umgeht und keine andere Waffe kennt als den Gänsekiel. Nehmt
Und da finden wir einen Anklang an die katholische Bußordnung. Die Heilsarmee gehorcht dabei nicht l dem Dogma oder der geschichtlichen Ueberlieferung aus ; der alten Kirche, wo die sakramentale Beichte vielfach durch das bußfertige Bekenntniß von der Gemeinde ergänzt wurde, aber sie folgt einem natürlichen Drange des Büßers, durch ein Bekenntniß seiner Schuld sein Herz zu erleichtern. So liefern auch die Sonderbarkeiten der Heilsarmee einen Beitrag zu dem Kapitel von dem natürlichen Nutzen der Beichte. Auch auf protestantischer Seite hat es ja nicht an der Er- kenntniß des Werthes der Beichte und an Bestrebungen zu ihrer Wiedereinführung gefehlt. Tie Theilnahme an der „allgemeinen Beichte", welche nur das unsub- stantiirte Zugeständniß der Sündhaftigkeit enthält, genügt nicht allen reuigen Gemüthern.
Was die Stellung der protestantischen Geistlichkeit Berlins zur Heilsarmee angeht, so behauptet Herr Junker, daher oder seineOffiziere vieleGeistliche besucht haben, daß sich zwar Niemand offen auf ihre Seite gestellt, daß man ihnen eben „viel Freundl.ches" gesagt habe. Man verhalte sich abwartend, meint er, sei aber mit der fremdartigen Methode der Arbeit nicht recht einverstanden. Wahrscheinlich hat man ihn mit unverbindlichen Höflichkeiten abgespeist. Im Grunde werden sich die protestantischen Geistlichen wohl darüber klar sein, daß das Eindringen der Heilsarmee eine Gefahr für ihre Religionsgemeinschaft ankündigt, denn wenn auch die Heilsarmee selbst nicht gar zu viel Rekruten wirbt, so ist doch zu fürchten, daß diesem ersten Pionier de» 'Tn^ftf'^TimrrTrkanischen Secktenwcfens weitere sektirerische Versuche folgen könnten. Die evangelische Kirche hat aber mit dem Kampf gegen „Aufklärung" und Unglauben in ihren Kreisen schon übergenug zu chun. Wenn ihr die Sektirer von den wenigen religiös gestimmten Güstern noch einen Th eil fortnehmen, so wird die Verödung der Bänke während der Predigten ja noch ärger werden und schließlich an vielen Stellen bloß noch die Frau Pastorin und der Küster sich einfinden.
Ernste Gedanken erregt die Mittheilung, daß die weiblichen Soldaten der Heilsarmee auf die Rettung der gefallenen Frauenspersonen ausgehen und die umherirrenden zu bewegen suchen wollen, in den Verein einzutreten, in welchem sie stets Arbeit und Obdach finden werden. Wenn diese heikle Arbeit wirklich mit Ernst und Geschick in die Hand genommen wird, so kann man von der sonderbaren Heilsarmee etwas lernen. Und den Offizierinnen, welche sich aus uneigennützigem Eifer in diesen Schmutz wagen, kann man die Anerkennung nicht versagen. Auch die Heilsarmee scheint von der sozialreformatorischen Strömung beeinflußt zu sein und erkannt zu haben, daß zur Heilung mancher sittlichen Schäden das bloße Wort nicht gemeinen Rath zu Herzen, Sir, und geht nach dem alten Germany zurück. Unser Westen ist keine Gegend für einen Gentleman von Eurer Sorte!"
Mit dieser Warnung beendete er das Gespräch, und ich gab mir keine Mühe, es wieder anzuknüpfen.
Wir passirten die Station Sherman; dann wurde es wieder Abend. Die erste Station, welche wir beim Lichte des folgenden Morgens erblickten, war Rawlins. Hinter diesem Orte beginnt eine öde, wüste Gebirgslandschaft, deren einzige Vegetation in Artemisia-Büschen besteht, ein ungeheures, unfruchtbares Bassin ohne Leben, ohne Flüsse oder Bäche, eine Gebirgs-Sahara, die keine einzige Oase kennt. Bald blendet der mit Alkalien gesättigte Boden mit seiner blendenden Weiße das müde Auge, und bald nimmt diese Wüste einen Charakter finsterer, tief melancholischer Größe an, hervorgebracht durch nackte Lehnen, dürre Abhänge und steile Felswände, welche von Sturm, Fluth und Blitz zerrissen toorben sind.
In dieser trostlosen Gegend liegt die Station „Bitterer Bach", doch ist von einem Bache keine Rede, sondern das Wasser muß über siebzig Meilen weit herbeigeholt werden. Und dennoch wird sich hier einst ein reges, vielleicht großartiges Leben entfalten, denn es befinden sich hier unerschöpfliche Kohlenfelder, welche dieser Wüste eine Zukunft garantiren.
Die „Heils-Armee"
will Berlin und Deutschland allen Ernstes erobern. In Berlin ist schon ein regelrechtes Hauptquartier eingerichtet und, was noch mehr sagen will, es haben schon ein Paar „Offiziere" sich daselbst verheirathet. Das heißt, untereinander; diese „Armee" hat nämlich männliche und weibliche Offiziere. Ein Mitarbeiter der .Nationalztg.' hat auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Interviews die Geheimnisfe des Hauptquartiers zu erforschen gesucht, auch betreffs der Offiziers- Gehälter. Darnach wird die Haushaltung in der neuen Offiziers-Ehe nach den billigsten Rezepten des „häuslichen Glückes" geführt werden müssen; denn die Bezahlung der Offiziers-Arbeit ist für großstädtische Verhältnisse verzweifelt dürftig. Wohnung und Kleidung (ob mehr als die uniformirte Oberkleidung gemeint ist, bleibt zweifelhaft) liefert die Armee; für den übrigen Lebensunterhalt erhalten die unverheiratheten Offiziere 7 Mark, die verheirateten 10 Mark die Woche, dazu noch Via Mark für jedes Kind. Für dieses Gehalt müssen sie ihre ganze Zeit und Kraft dem Unternehmen zur Verfügung stellen. Ob die höheren Offiziere mehr erhalten, hat der Gewährsmann der ,Nat.-Ztg.' leider nicht erfahren. Immerhin muß man anerkennen, daß die Leute nicht ihrem materiellen Vortheil nachjagen, sondern einer Idee sich hingeben. Ohne ideale Schwärmerei würden sic auch nicht im Stande fein, das mitleidige Gelächter und den lauten Spott und Hohn zu ertragen, die ihnen fortwährend zu Th eil werdend Die bisherigen Verfammlnngen der „Heils-Armee" in Berlin wurden ja von der überwiegenden Mehrheit der Anwesenden ausschließlich des Ulks halber besucht, ein Ulk, der leider in Religions - Spötterei und Gotteslästerung ausläuft. Und wenn die Offiziere der Heils- Armee in den Kneipen herumgehen, um die angeheiterten Zecher mit dem Aufrufe zum „Kampfe gegen den Satan" und mit dem Angebot ihrer Zeitschrift ,Kriegsruf' zu überraschen, *o kann man sich leicht vorstellen, welche Antworten in echt berlinischer Mundart da erfolgen.
Wie steht es denn mit der Ausbreitung dieser „Armee" in Deutschland? Der „General-Sekretär" Junker hat dem genannten Gewährsmann mügetheilt, daß sie am 1. Januar d. I. bloß 18 Offiziere in Deutschland gehabt hätten, jetzt aber 80 besäßen, darunter bloß 3 Engländer. Die Zahl der „Korps" sei von 6 aus 24 gewachsen. Sehr groß scheinen fteilich diese Korps nicht zu sein; denn Herr Junker führt als Muster „einzelne mit mehr als 120 Rekruten und Soldaten" an. Besonders interessant ist die Behauptung, daß „Mitglieder aller Konfessionen, Katholiken
Worms, Karlsruhe, Stuttgart u. s. w. Die genannten Ortschaften sind alle vorwiegend protestantisch, zum Theil berühmt als Herde spezifisch protestantischer Richtungen und Bestrebungen. Es ist ja immerhin möglich, daß die Heils-Armee einzelne Katholiken, welche aus irgend einem Grunde den Zusammenhang mit ihrer kirchlichen Organisation verloren haben, für sich cin= fängt. Aber die Heils-Armee ist ebenso wie das , Methodisienthum und andere „Erweckungs"-Sekten auf protestantischem Boden erwachsen und im h da? Gr'os ihrer Anhänger beim Protestantismus suchen. Der Grundgedanke des ganzen Treibens ist ja die Verneinung der geordneten kirchlichen Autorität und ihrer sakramentalen und gottesdienstlichen Formen; die Heils- Soldaten machen sich ihre Organisation und Autorität selbst in Nachäffung des Militärwesens und glauben zu ihrer Heiligung nichts weiter zu bedürfen, als Gefühls-Regungen, zu deren Erweckung und Verstärkung die sonderbaren „Gebetsübungen" in Scene gesetzt werden. Wer die „Rechtfertigung durch den Glauben allein" im protestantischen Sinne annimmt und jede priesterliche Vermittelung verwirft, kann die Thättgkett der „Heils-Armee" nicht grundsätzlich verwerfen.
Zu den Zugstücken in den Versammlungen der Heilsarmee gehört bekanntlich der Vortrag von Be- kehrungsgeschichten. Der bekehrte Soldat (oder auch Soldatin) erzählt selbst, in welchen Sünden er früher gelebt hat und wie er durch den Kriegsruf der Heilsarmee^ zur Bekehrung gebracht worden ist. Es ist eine Art öffentliche Beichte. Die Art und Weise, wie dieses Sündenbekenntniß vorgetragen wird, mag oft komisch ober widerlich sein; aber das darf uns nicht hindern, aus den Grund diese» Erscheinung zu gehen.
„Schützenkönig! Ah, dann seid Ihr am Ende gar ein Deutscher?"