17. Jahrgang
Samstag, den 27. September 18904
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* Das Invaliditäts-und Altersversicherungs- Gesetz
ist, wie eine Berliner Centrumskorrespondenz treffend schreibt, für die beteiligten Beamten ein Gegenstand heimlichen Grauens, für die versicherungspflichtigen Personen ein Gegenstand vollendeter Gleichgiltigkeit. Hierauf beschränkt sich vorläufig die Wirkung dieser „Krönung" der Bismarck'schen Sozialreform. Der ,Reichs-Anzeiger' bringt alle paar Tage eine neue Verordnung, welche irg.'nd einen der vielen besonderer Regelung durch den BundeSrath u. s. w. vorbehaltenen Punkte regelt, so daß den ausführenden Beamten ob der verwirrenden Menge des Stoffes angst und bange werden muß. Für die Gleichgiltigkeit der Arbeiter gegenüber dem Gesetz, wie sie von allen Seiten beobachtet wird, ist eine durch die Blätter laufende Mittheilung kennzeichnend, wonach ein ausscheidender Arbeiter auf die Mahnung, sich des Gesetzes wegen doch einen Nachweis über seine Beschäftigung geben zu lasten, erklärte: „Das schenke ich euch!" Und dabei haben selbst die sozial-demokratischen Zeitungen wiederholt aufgefordert, die Bescheinigung über die Arbeit rechtzeitig herbeizuschaffen. Wie es mit dem Interesse in Handwerkerkreisen steht, bezeugt heute eine anscheinend offiziöse Belehrung, welche der Anschauung entgegentritt, als ob das Gesetz auf die Handwerker keine Anwendung finde. Daß in diesen Kreisen Gleich- SEeit gegen die Versicherung herrsche, wird aus- ich hervorgehoben.
Unter diesen Umständen ist es am Ende fein Wunder, wenn Stimmen laut werden für Hinausschiebung des Inkrafttretens und nochmalige Prüfung des Gesetzes. So hat die Handelskammer in Bielefeld am Freitag auf Anregung des national- liberalen Reichstags-Abgeordneten Möller einstimmig beschlossen, in diesem Sinne eine Eingabe an den Reichstag und Bundesrath zu richten. Zugleich soll den übrigen Handelskammern von diesem Beschlüsse Mittheilung gemacht werden, mit dem Ersuchen, in diesem Sinne thätig zu sein. Die ,Freis. Ztg.', die stets eine scharfe Gegnerin des Gesetzes war, zweifelt nicht, daß das Vorgehen der Bielefelder Handelskammer
„Ave Maria."
Reijecrlcbniffe aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May. '
(2. Fortsetzung.)
So saß er vor mir und hielt zwischen den kurzen, dicken Elephantenbeinen ein Schießgewehr eingeklemmt, welches eher einem im Walde roh abgebrochenm Prügel als einer Büchse glich. Der Lauf war vom Roste zerfressen und schien arg verbogen zu sein; am Schafte erblickte man verschiedene Kerben und Einschnitte, und der Kolben war öfters zerbrochen gewesen, wohl vom Zuschlägen, aber immer wieder nothdürftig reparirt worden. Jetzt wurden die Splitter von starken, eisernen Bändern zusammengehalten, und wer mit diesem Kolben einen Hieb auf den Kopf erhielt, der unterließ es ganz gewiß, um den zweiten Schlag zu bitten. Es hätte wohl nicht so leicht Jemand gewagt, mit diesem Gewehre einen Schuß zu thun, aus Furcht, daß es zerplatzen möchte; ich aber betrachtete mir dieses alte Schießzeug mit einer gewissen Ehrerbietung. Ich hotte Gewehre gesehen, mit denen kein Mensch auf fünfzig Schritte einen Hirfch getroffen hätte, mit denen aber der Besitzer unter hundert Mal sicher neunundneunzig Meisterschüsse that. Diese unscheinbaren Gewehre sind die furchtbarsten Waffen in der Hand dessen, der sich
bei andern Körperschaften und Vereinen Nachfolge finden werde. Die Art, wie das Gesetz zu Stande gekommen ist, spricht allerdings für ihre Behauptung, in weiten Kreisen der Bevölkerung hege man wachsende Bedenken bagegen.
Bekanntlich war s. Z. im Reichstage keiner Partei wohl zu Muthe angesichts der Gesetzesvorlage. Sie wäre auch jedmfalls abgelehnt worden, wenn nicht auf die konservativen Parteien, namentlich in den letzten Tagen, ein starker Druck vorn Fürsten Bismarck ausgeübt worden wäre. Der „Sprung in's Dunkele" wurde schließlich nur mit einer Mehrheit von 20 Stimmen (185 gegen 165) gewagt, wobei 13 Centrums-Abgeordnete bedauerlicher Weise für das Gesetz den Ausschlag gaben. Auch diese konnten sich die Mängel des Gesetzes nicht verhehlen. Die Bedenken des Centtums richteten sich hauptsächlich ein Mal gegen den Umfang der Versicherung, welche Dienstboten, Handwerker, Handlungsdiener, landwirthschaftl. Arbeiter, zusammen 11 Millionen Personen (Frauen und Kinder hinzugerechnet die Mehrheit des deutschen Volkes) umfaßt, dann gegen den Reichszuschuß, endlich gegen die bureaukratische Einrichtung der Versicherung. Dem Fürsten Bismarck aber lag gerade an dem Reichszuschuß und dem bureaukratischen Apparat, während er die korporative Thätigkeit und alles, was nach Selbstverwaltung aussah, verabscheute. Seine ganze „Sozial-Reform" gi) feite eben in dem Gedanken: dem Arbeiter soll gezeigt werden, daß der Staat sich seiner annimmt. Auf diese Weise wollte er in der Arbeiter eine Stütze für den Staat finden. Derselbe Gedanke ließ ihn auch-Nn erster Sirrte gegen der Arbeiterschutz gleichgiltig bleiben. Bei den schönsten Schutzbestimmungen merkte der Arbeiter es nicht greff- bar, daß er sie dem Staate verdanke; zahlt ihm aber der Staat baares Geld aus, so müßte er es merken.
Die Wege der Bismarck'schen „Sozial-Reform" sind nunmehr gründlich verlassen, und man könnte ernstlich fragen, ob die Alters- und Invaliditäts-Versicherung in ihrer jetzigen Gestalt noch zum Ganzen paßt, ob nicht vielmehr der Bismarck'sche Geist erst herauszutreiben sei. Eine nochmalige Prüfung des Gesetzes würde im nächsten Winter wegen des schon vorhandenen Arbeitsstoffes dem Reichstage kaum möglich sein. Unseres Erachtens wäre indeß nicht viel verloren, wenn die Revision bis zur folgenden Session verschoben würde. Insbesondere ist davon gar kein ungünstiger Eindruck in Arbeiter kreisen zu befürchten. Diese sind mindestens gleichgiltig gegen das Gesetz, vielleicht sogar stark abgeneigt, weil ihnen selbst gar keine Verwaltungsbefugnisse eingeräum' sind und die wenigsten in ihrem Leben je einen Pfennig von der Rente fehen werden. Diese Abneigung ist besonders auch in sozialdemokratischen Kreisen verbreitet, auf sie eingeübt hat, und wiegen zehn der theuersten Sonntags-Büchsen auf.
Es hätte sicher Hunderte von Leuten gegeben, die diesen Menschen für alles Andere, aber nur nicht für einen tüchtigen Weftmann gehalten hätten. Mir war so manche sonderbare Gestalt begegnet, und bereits der erste Blick sagte mir, daß ich es hier wohl mit einem jener Wald- und Prairien-Läufer zu thun hatte, die man nicht nach dem ersten Eindrücke beurtheilen darf, sondern erst genau kennen lermn muß, um sie richtig zu beurtheilen.
Er hatte mit einem einfachen „Good day, Sir!* bei mir Platz genommen und schien sich bann nicht im Geringsten weiter um mich zu bekümmern. Erst eine Stunde später bat er mich um die Erlaubniß, eine Pfeife rauchen zu dürfen. Das fiel mir auf, denn ein echter, rechter Trapper oder Fallensteller kümmert sich nicht darum, ob das, was ihm zu thun beliebt, von Anderen gut geheißen wird.
„Raucht, so viel Ihr wollt, Master!" antwortete ich. „Ich werde Euch Gesellschaft leisten. Wollt Ihr Euch eine von meinen Cigarren anfteefen?“
„Danke, Sir!" meinte er. „Diese Dinger, welche man Cigarren nennt, sind mir zu nobel. Ich halte es mit meiner Pfeife."
Er hatte nach Trapperart die kurze, schmierige
Auf die Arbeiterschutz-Gesetze legt man zehn Mal mehr Werth.
Vermuthlich wird es aber mit der nochmaligen Prüfung vor dem Inkrafttreten nichts werden. Die Regierungen haben bereits große Vorbereitungen getroffen, werden also wohl wenig willig sein, der Gefahr sich auszusetzen, umsonst gearbeitet zu haben. Wenn es nach der Nat.-lib. Korresp. geht, werden auch die Parteien im Reichstage sich nicht zu einer sofortigen Revision bereit finden. Doch dürfte die ,Nat.-liberale Korresp.' kaum im Namen aller Parteien sprechen. Läßt man das Gesetz unverändert in Kraft treten, so wird, das ist allgemeineUeberzeugung, die praktische Erfahrung bald zur Abstellung mancher Mängel nöthigen. Leider aber lassen sich alsdann die Mängel nicht mehr beseitigen, die wir als die wesentlichsten ansehen.
Deutsches Keich.
Berlin, 24. September.
* Der .Reichsanzeiger' erklärt „gegenüber verschiedenen Versuchen der Presse, das volle Inkrafttreten des Zevaliditäts- «nd Altersverfichernngsgesetzes zu Hintertreiben oder zu verzögern," daß es sich schon jetzt mit Sicherheit annehmen lasse, daß die Inkraftsetzung am 1. Januar 1891, dem von vornherein in Aussicht genommenen Zeitpunkt, erfolgen werde. Von einer Absicht, den Zeitpunkt weiter hinauszuschieben, könne gar keine Rede fein.
* An Bürgerthurn und Adelsstand richtet der ,Reichsbvte' folgende zeitgemäße Mahnungen: „Die letzte Woche hat uns Thatsachen vor die Augen geführt, welche eine sehr ernste und nachdrückliche Sprache reden. Man hat sich vielfach gewöhnt, die sittliche Verkommenheit in der armen Gesellschaftsklasse zu suchen und dahin die Predigten der Moral und die Fürsorge der Polizei zu richten — und nun tritt uns plötzlich ans dem Kreise der höchsten Gesellschaftsklasse eine sittliche Verkommenheit entgegen, die zum ernstesten Nachdenken auffordert. Viel Geld, keine ernste Arbeit, keine sittliche Zucht und ernste Weltanschauung, sondern lediglich dem Vergnügen lebend — Morgens bis tief in den Tag hinein schlafend, während Alles arbeitet, den Tag mit Toilette, Frühstück und Diners ausfüllend und die Nacht in dem Theater und dem Wirthshaus zubringend: wie soll da ein Mensch, und zumal ein junger, nicht verkommen! Und wie viele Tausende junger Leute gibt es, die ein solches Leben führen. Wird das Geld knapp, weil die Schulden wachsen, und dazu kommt Ueberdruß und Ekel vor dem sinnlichen Genuß, welcher die Kraft des Körpers und des Geistes verzehrt, bann greift man zur Pistol e. Das Schicksal jener drei Grasen, wie Pfeife an einer Schnur nm Halse hängen. Als er sie gestopft hatte, beeilte ich mich, ein Hölzchen hervorzulangen, er aber schüttelte abwehrend mit dem Kopfe, griff in die Tasche seines Pelzes und brachte eines jener Prairien-Feuerzeugc zum Vorschein, welche Punks genannt werden und ttockenen Baummoder als Zunder enthalten.
„Auch so eine noble Erfindung, diese Zündhölzer, die nichts für die Savanne taugen," bemerkte er. „Man darf sich nicht verwöhnen."
Damit war das kurze Gespräch beendet, und er schien nicht die mindeste Lust zu haben, ein neues anzuknüpfen. Er rauchte ein Kraut, dessen Duft mich sehr lebhaft an Wallnußblätter erinnerte, und widmete dabei der Gegend feine ganze Aufmerksamkeit. So erreichten wir die Station „Nordplatte" an dem Vereinigungspunkte des Nord- und Südplatte - Sttomes. Hier stieg er für kurze Zeit aus und machte sich an einem der vorderen Wagen zu schaffen. Ich bemerkte, daß sich in demselben ein Pferd befand, welches jedenfalls ihm gehörte.
Als er eingeftiegen war und der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, beobachtete er sein bisheriges Schweigen, und erst als wir am Nachmittage in Cheyenne am Fuße der Black Hills hielten, ftug er: