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J\£ 220.

Mittwoch, beit 24. September 1890.

17. Jahrgang

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Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Aetiendruckerci (A. Dillmann).

Für die Redaetion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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* Die Devolution in Tessin.

Der Liberalismus hat von jeher die gewaltthätige Politik acceptirt, wenn es ihm nicht gelungen war, auf konstitutionellem Wege feinen Eigenwillen durch- zufetzen. So lange er die Mehrheit in den Parla­menten besitzt, paßt ihm der Konstitutionalismus, wehe aber, wenn er sich in die Minorität versetzt sieht: dann appellirt er an die Gewalt und ist zu jeder re­volutionären That bereit. Der neueste Vorfall in dem Schweizer Kanton Tessin bietet dafür ein recht lehrreiches Beispiel und legt aufs neue den revolutio­nären Charakter des Liberalismus Dar, der sich um Verfassung und Recht keinen Pfifferling scheert und selbst vor bewaffneten Aufständen nicht zurückschreckt. Im Kanton Tessin, an der italienischen Grenze, ist die früher dort allmächtige radikale Partei fchon seit meh­reren Jahren bei den Wahlen unterlegen und hatten die Konservativen die Majorität, welche durch das Votum des Volkes bei den Großrathswahlen auf's Neue befestigt wurde. Die Radikalen ertrugen, wie es scheint, nur mit verhaltener Wuth die konservative Regierung und planten zweifelsohne schon von langer Hand einen Gewaltstreich gegen dieselbe, nachdem sie im Wege des Stimmzettels keine Aenderung herbei­führen konnten. So ward denn in optima forma ein Staatsstreich in Scene gesetzt und die Welt mit einer Revolution überrascht, die die gewaltthätige Natur der dortigen Radikalen so recht eklatant bekundet, indem sie sich sogar nicht scheuten, ihre Hände mit Blut zu be­stecken und den kath. Staatsrath Rossi zn ermorden, .vj.vw uwuuj». «jkt. ^uun Ltnicie'üi eiuieure Lirttwm t , um über seine Leiche hinweg sich den Weg ins Stände--1 Haus zu bahnen. Der Anschlag kam überraschend, aber es steht heute schon fest, daß er ein Werk der Freimaurer ist und daß die Schurzfellmänner wie in Brasilien so auch in Lugano den Plan zu einer gewaltsamen Erhebung faßten. Wieder ein neuer Be­weis von der Gefährlichkeit der Freimaurerei in ihren letzten Zielen und eine gründliche Widerlegung von der Phrase der „politischen Unschädlichkeit" der Loge. Das revolutionäre Beginnen in Tessin wird aber nicht zum Ziele führen trotz aller Anstrengungen des Liberalis­mus, denn die Anstifter der Emeute haben der Au­torität des Bundes eine schwere Wunde geschlagen und der Bundesrath hat sich in anerkennenswerther Weise veranlaßt gesehen, dieselbe mit aller Energie unter Aufbietung der bewaffneten Macht wieder herzustellen. Die revolutionäre Regierung wurde für illegal erklärt, ein Bundeskommissär an der Spitze von zwei Ba­taillonen zog in den aufständischen Kanton ein und machte jetzt Ordnung. Aber es scheint, daß damit auch schon die Energie der Bundesbehörden erschöpft ist und daß die revolutionäre That selbst straffos aus­geht, ja nach den Berichten der liberalen Blätter scheint

Die Dettlerin vom Durgwege.*)

Zu Ende des 13. Jahrhunderts zählten die Herren von Riesenstein zu den angesehensten und mächtigsten Familien am Rande des Böhmerwaldes. Bis über Pilsen hinaus war fast alles Land ihr eigen, der Wald­besitz erstreckte sich weit ■ über die heutige böhmisch­bayerische Grenze und außerdem besaßen sie noch reiche Bergwerke, die eine schier unerschöpfliche Segensquelle darstellten.

Solange Herr Ottokar und seine tugendreiche Ge­mahlin noch lebten, gereichten die ungeheueren Reich- thümer, die in den Schatztruhen dieses Geschlech­tes sich immer mehr anhäuften, übrigens nicht nur ihnen, sondern der ganzen Umgegend zum Heile. Dieses edle Paar hatte nämlich ein offenes Herz und eine offene Hand für alle Unglücklichen und Leidenden und war von dem unablässigen Bestreben erfüllt, die Lage der ohnehin schon arg geplagten Landleute, die ihm unterthan waren, nach Möglichkeit zu ändern und zu verbessern.

In all diesen Zuständen trat jedoch ein gründlicher Umschwung ein, als nach dem Tode des hochbetagten

*) Aus „Martensagen" von Karola Freiin von Eynatten, Verlag des Ltterarischen Instituts von Dr. M. Huttler, Konrad Fischer, Preis broschirt M. 1,60, geb. M. 2,50.

mittlerweile der Liberalismus Mittel und Wege ge­funden zn haben, um seinen Willen auf Hintertreppen durchzusetzen und so doch schließlich zum Ziele zu kommen. Die Liberalen verlangen nämlich eine Volks­abstimmung behufs Verfassungsänderung und erhoffen auf diesem Wege zu der ersehnten Majorität zn ge­langen. Der Bundesrath, der eine liberale Mehrheit besitzt, will auch auf diesen Wunsch eingehen und so wird das Ende vom Lied wahrscheinlich eine Volksab­stimmung sein, bei der die Liberalen mit allen Mitteln eines vor nichts zurückschreckenden Terrorismus die Majorität erreichen. Allein dieselbe reinigt sie nicht von dem Vorwurfe, daß sie mit brutaler Gewalt im Wege der Revolution die Ruhe des Landes gestört und schlimme Konsequenzen heraufbeschworen haben. Die Gefahr eines Bürgerkrieges liegt auch jetzt noch sehr nahe, ein solcher könnte aber für die ganze Eid- genofsenschaft schlimme Folgen haben. Die kleine Schweiz ist eingekeilt zwischen 4 Großmächte und kann ihre Selbstständigkeit nur erhalten durch Einigkeit und festes Zusammenstehen der Kantone. Wie aber, wenn Bürgerkriege das Land durchwühlen und Revolutionen es erschüttern! Das Vorgehen der Tessiner Radikalen war ein leichtfertiges Beginnen, welches von geringer Liebe zum Vaterlande zeugt. Das „Revolutiönchen in Tessin", sagt das ,Fränk. Volksbl.', ist eine sehr charakteristische Erscheinung, die da lehrt, daß nicht blos der Pöbel in der Blouse, sondern auch jener im Frack jeden Augenblick zum Umstürze geneigGst. Die Sozialdemokratie findet ein Vorbild an diesen Radikalen Staatsstreichle^n,.welche vor „ferner KewajA^

Icheuen, wenn sie nur ihre Machtgelüste befriedigen können. Was in diesen Tagen im Kanton Tessin ge­schehen ist, kann sich morgen in Belgien wiederholen, wo ja die Liberalen, seitdem sie die Majorität ver­loren haben, schon wiederholt mit Revolution gedroht haben auch bereit sind, zu diesem Mittel zu greifen. Sie bemühen sich ja nicht einmal, ihre Gewaltthat zu beschönigen, sondern sagen es offen heraus, daß sie jedes Mittel für gut halten, wenn sie damit nur ihre Herrschaft ertrotzen können. Fürsten und Staats­männer können aber aus solchen Vorgängen sehr viel lernen, denn sie ersehen da, wie gering bei den Libe­ralen die Achtung vor dem Gesetze ist und wie sie sich selbst über Verfassung und Legislative hinwegsetzen. So gut wie sie jetzt in Bellinzona in der gewalt- thätigsten Weise eine ihnen nicht passende konservative Regierung beseitigten, ebenso gut stürzen sie morgen Königsthrone. Die Geschichte hat ja genug Fälle dieser Art. Der Liberalismus führt die schönsten Phrasen im Munde und überfließt davon bei jeder Gelegenheit, aber sein Grundprinzip ist gewaltthätig und er achtet das Recht nur insoweit, als es seinen Zwecken dient.

Ritterpaares ihr einziger Sohn, Herr Wenzel, zur Macht gelangte, denn er war seinem Wesen wie seinen Gesinnungen nach der gerade Gegensatz seiner ehrwür­digen Eltern. Nicht nur, daß er sämmtliche Milde­rungen, welche die Leute seinem Vater zu danken hat­ten, ausnahmlos und ohne jeden Uebergang aufhob, den alten Stand der Dinge mit unnachsichtlicher Strenge wieder herstellend, er ersann sogar noch neue Lasten und Bedrückungen, übte niemals nur die geringste Nach­sicht mit Jenen, die unfähig waren oder durch Mißge­schick gehindert wurden, den ihnen von ihm auferlegten Verpflichtungen in allen Punkten gerecht zu werden und wies seine Vögte an, jeden Bittenden mit Stock oder Peitsche fortzuscheuchen.

„Ich will mir nicht, tote meine Eltern es in thö- richter Empfindsamkeit gethan haben, ein ganzes Heer von Bettlern großziehm, die meine Burgen belagern und mich aussaugen. Auf meinem Gebiete soll gear­beitet, nicht gebettelt werden und wer nicht arbeiten will, der mag zur Hölle fahren", sagte er.

Ach, arbeiten wollten die armen Landleute ja gerne und es mangelte ihnen auch keineswegs an Arbeit, nur trug sie ihnen keinen Segen, denn sie mußten die eige­nen Felder brach liegen, das mühsam gebaute Getreide ausfallen oder am Boden verfaulen lassen, um für den unmenschlichen Gebieter zu schaffen, der nichts

Deutsches Deich.

Berlin, 22. September.

* Die Mahnung des Kaisers an das Biirgerthnm, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, wird von der ,Köln. Ztg.' in einem längeren Artikel behandelt, welcher in die Konstatirung „der Besorgnisse" ausläuft, „mit welchen weite (!) Kreise des deutschen Volkes die Ent­faltung der neuen Regierungspolitik verfolgen!" Am Schlüsse dieses Artikels heißt es wörtlich: „Man be­fürchtet vielfach eine schwächliche Nachgiebigkeit gegen­über dem ausgesprochenen Machthunger (!) der ultra­montanen Partei. Die Klerikalen sind eifrig an der Arbeit, durch die geschäftige Art, wie sie sich der Regierung aufdrängen (!), diese Besorgnisse der nicht­ultramontanen Bevölkerung zu verstärken. Wir aber haben die ruhige Zuversicht, daß> die Regierung sich nicht zu Zugeständnissen wird drängen lassen, wenn sie sich auch die sozialpolitische Mitarbeit des Centrums gefallen (!) läßt." Schließlich warnt die ,Köln. Ztg.' vor einer Politik, welche den Arbeitern begreiflich zu machen suche, daß ihnen von Berlin, d. h. von der Staatsgewalt alles Gute und Angenehme komme. Man müsse die wachsende Begehrlichkeit der Massen in ihre Schranken zurückweisen. Das ist sehr schön gesagt; aber nicht bloß die wachsende Begehrlichkeit der Massen, sondern auch die Begehrlichkeit der Großindustriellen ist in ihre Schranken zurückzuweisen.

* Zur Frage der Besetzung des Erzbisthums Gnesen-Posen nimmt der ,Kur. Pozn,' in einem län- nerpn Artikel von den

uno gereinigt, so ist es für den Landwirth das beste, sie mög- Posen kolportirten Gerüchten Notiz, daß entweder der Herr Bischof von Kulm, Dr. Redner oder der Herr Feldprobst, Bischof Dr. Aßmann zum Erzbischof er­nannt werden würde, und spricht seinerseits die Ueber- zeugung aus, daß angesichts der thatsächlichen Sach­lage und angesichts dessen, was die katholische Presse insinuirte — kein Bischof, kein deutscher ka­tholischer Priester die Würde eines Erzbischofs von Gnesen und Posen annehmen würde, selbst wenn man sie ihm anbieten sollte. Der,Kuryer' weist hier auf den verstorbenen Erzbischof Dr. Dinder hin, wel­cher die Annahme der Erzbischofswahl zwei Mal auf das Entschiedenste abgelehnt hätte und erst das dritte Mal auf ausdrücklichen Befehl des Papstes dem Wil­len des Letzteren nachgekommen wäre. Habe doch seiner Zeit auch der Bischof von Mainz, Freihr. von Kettel er, die Annahme der Würde eines Erzbischofs von Gnesen-Posen mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Als Beispiel, daß deutsche Geistliche höhere Kirchen­ämter in den Diözesen mit vorwiegend polnischer Be­völkerung ausgeschlagen hätten, werden Dekan Schulz in Wtelno in Westpreußen und Professor Dr. Schnei­der in Mainz angeführt, welche, anstatt die ihnen von

darnach frug, ob ihnen auf diese Weise das Brot ent­zogen würde, von dem sie sich den Winter hindurch nähren sollten.

Unter diesen Umständen vollzog sich denn natürlich auch in den Verhältnissen der bedauernswerten Bauern ein vollständiger Wechsel; die Armuth, das Elend und die aus ihnen hervorgehenden liebel, an deren Be­kämpfung Ritter Ottokar und seine Hausfrau ihr ganzes Leben hindurch gearbeitet hatten, griffen nun mit rasender Schnelligkeit um sich und als endlich noch ein Mißjahr hinzutrat, erreichte der Jammer den Höhe- puntt.

Das Mißrathen der Ernte stimmte den Gebieter jedoch nur noch härter. Sollte er zu den Verlusten, die ihm des Himmels Unsegen zufügte, auch noch much- willigen Schaden fügen durch einen freiwilligen Ver­zicht auf die ihm gebührenden Frohnzinsen? So lange die störrischen, von seinem Vater verwöhnten Bauern noch etwas besaßen, mit dem sie bezahlen konnten, soll­ten sie mit keinem Heller im Rückstände bleiben dürfen, und so erhielten die Vögte die gemessensten Befehle, mit unnachsichtiger Strenge gegen die säumigen Zahler vorzugehen.

Eines Tages nun, bald nachdem er diese Verfügung getroffen, die natürlich allenthalben den heftigsten Schrecken und die tieffte Eutmuthigung verbreitet hatte,