V 219.
Dienstag, den 23. September 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Eine sozial-politische Kundgebung desKaisers.
* Der Trinkspruch, welchen der Kaiser unlängst auf dem Festesten in Breslau ausbrachte, dürfte den Widersachern der Sozial-Reform zeigen, daß alles Nörgeln und Zürnen erfolglos gewesen ist. Der Kaiser harrt unbeirrt auf dem betretenen Wege aus. Drei Gesichtspunkte vor Allem treten in den Aeußerungen des Monarchen hervor. Erstens: auch die Kirche hat an der Lösung der sozialen Frage mitzuarbeiten. „In lobenswerthem Wetteifer gehen hier," sagt der Monarch, „Kirche und Laien zusammen, um das Wohlergehen der unteren Klassen zu heben und im Leben der Provinz die Ordnung zu erhalten." Das mögen sich Diejenigen merken, welche noch immer mit Vorliebe den Beruf und die Fähigkeit der Kirche, etwas zur Heilung der sozialen Schäden zu thun, in Abrede stellen und für die praktische Thätigkeit der Kirche nur ein mitleidiges Lächeln oder Spott haben. Zweitens: der Staat und seine Organe allein sind nicht im Stande, die umstürzlerischen Elemente siegreich zu bekämpfen. Der Kaiser fordert deshalb alle Bürger auf, mit Hand anzulegen. Die nationalliberale Presse kann sich immer noch nicht darein finden, daß vom 1. Oktober ab die Polizei nicht mehr allein den „ruhigen Bürger" schützen soll. Trotz allen schlimmen Erfahrungen glaubt man in den Kreisen des nationalliberalen Unternehmer- thums noch immer, mit Polizeimitteln der Sozialdemokratie Herr zu werden und ohne diese Mittel nicht auskommen zu können. An demselben Tage, an welchem der Kaiser jene Ansprache hielt, brachte die,Köln. Ztg.' einen Artikel, welcher klagte, daß über die Richtung des „neuen Kaisers" Dunkel herrsche und bisher „noch keine maßgebende Stelle klar und bündig die Punkte bezeichnet habe, von denen man (nach dem Fortfall des Sozialistengesetzes) ein Aequivalent für die (mit dem 1. Oktober zu erwartende) Verstärkung einer umstür- Scen Hochbewegung zu finden hofft". Von den
eren Kundgebungen des Kaisers und von der in Angriff genommenen sozial-reformatorischen Gesetzgebung scheint der ,Köln. Ztg.' also nichts bekannt zu sein. Da wird auch wohl die Kundgebung ihr das Dunkel nicht erhellen. Das einzige Mittel, welches das Blatt jetzt noch vorzuschlagen weiß, um „der Proletarisirung unseres Staatswesens" vorzubeugen, scheint die Verkürzung des Wahlrechtes zu sein. Mit diesertt Gedanken hat es aber sicherlich kein Glück. Wenn es von: „Verstimmung und pessimistischer Verbitterung" redet, so möge es diese auf die nationalliberalen Unternehmer beschränken; die große Mehrheit des Volkes folgt freudig dem Kaiser. Mit der Zustimmung zu der Sozial- Reform ist es aber nicht gethan. „Unsere Bürger mögen endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange gewiegt haben." Das Sozialisten-
Im Schnee.
Novelle von I. v. Dirkink.
(Schluß.)
„Und wenn Gott ihn uns entzogen hätte, um uns zu prüfen, uns zur Einsicht zu bringen?" erwiderte Franz, von aufkeimender Hoffnung bewegt. Und als sie schweigt, fährt er kühn fort, auf sie einzureden mit Worten, die sie nie zuvor vernommen. Und immer schweigt sie; ihr Kopf finit tiefer auf die Brust. O, hätte er jetzt ihr Gesicht sehen können, während sie so suchend fortwandern. Endlich aber ringt es sich über ihre Lippen. „Wo warst Du heute? Wen hast Du gesucht, wenn nicht das Kind?" Da erbleicht er, und der Stein wälzt sich wieder auf seine Brust. Aber ndn, Muth spricht er sich int Innern zu und sagt kühn: „Ich fand den Alten nicht, wie sonst, in seiner Hütte, und —"
»Den Schubejack, meinst Du!" fällt sie ihm herb ins Wort. Und sofort löst sich ihre Hand von seinem Arme. Er seufzt. Noch immer die Alte! O dieser unselige Stolz, dieses Borurtheil! An ihm war ihr Eheglück gescheitert. Stumm schreiten sie weiter. Alles voll Schnee, ein blendend weißes Schneefeld, so weit das Auge reicht. Das ist das Leichentuch, das sich über ihr Kind deckt! Marianne weint laut bei
gesetz gerade war geeignet, die Bürger in Schlummer zu wiegen. Die Polizei wird Alles schon machen! Das ist auch jetzt noch die ganze soziale Weisheit der „ Verstimmten ". Statt über „ Proletarisirung des Staatswesens" zu jammern, sollten sie lieber der weiteren Proletarisirung des Volkes entgegenarbeiten. Der Kaistr stellt den Herrn Fürstbischof Kopp und den Fürsten Pleß als Muster hin. Ersterer hat durch seine Thättg- keit auf der Arbeiterschutz-Konferenz und im Staats- rathe, sowie durch seine Rundschreiben nach Kräften im Sinne des Kaisers gewirkt. Letzterer hat bekanntlich zuerst die Arbeiter-Ausschüsse auf seinen Kohlengruben eingeführt, während es bei den rheinischwestfälischen Grubenherren heißt: „Mit Arbeitern verhandeln wir nicht." Der General-Direktor des Fürsten Pleß, Dr. Ritter, hat allerdings im Abgeordnetenhause über den Ausstand eine Rede gehalten, die den Freunden der rheinisch-westfälischen Groß-Industriellen recht wohl gefiel; nach ihm war Alles auf den Gruben auf das Schönste bestellt und zum Ausstand nicht der mindeste Anlaß vorhanden. Im Uebrigen möchten wir es doch nicht so unbedingt unterschreiben, wenn der Kaiser die Provinz Schlesien allen anderen als Muster vorstellt. In der Rheinprovinz haben z. B. die im Arbeiterwohl vereinigten Unternehmer bisher erheblich mehr für das Wohl ihrer Arbeiter geleistet, als in Schlesien geschehen ist. Als dritten Hauptpunkt heben wir aus dem Trinkspruch hervor die Mahnung, daß alle, ohne Unterschied der Parteien und Konfessionen, zusammenwirken sollen. Unser leidiges Parteiwesen hat die übele Sitte gezeitigt, daß die Einen das Verdienst der Anderen zu schmälern suchen und jede Partei Alles allein gethan haben will. Die unbestreitbare, aktenmäßig vorliegende Thätigkeit des Centrums auf dem sozialen Gebiete wurde noch dieser Tage von nationalliberaler Seite rundweg geleugnet. Noch schlimmer wirkt die konfessionelle Voreingenommenheit. Gerade bei den Protestanten, welche mit uns auf demselben sozial-politischen Standpunkte stehen, stellt konfessionelle Abneigung einem Zusammenarbeiten mit den Katholiken Hindernisse entgegen und läßt eine unbefangene' Würdigung des Guten auf unserer Seite nicht aufkommen. Möchten die Worte des Kaisers auch hier wenigstens einigermaßen bessernd wirken!
Deutsches Keich.
Berlin, 20. September.
• Die russische Regierung benützt jetzt die große Werthsteigerung der Rubel, um eine Zinsenreduktion der Staatsschulden durchzusetzen. Die jetzt auf 12 Milliarden angewachsene Staatsschuld wird nämlich durch die Erhöhung des Rubelkurses verringert und gleichzeitig ist die Möglichkeit geboten, die Zinsen zu
diesem Gedanken. Wo sich eine kleine Erhöhung am Boden zeigt, bohrt Franz vorsichtig seinen Stab ein. Es wird lichter im Osten. Der neue Tag kommt. Trostlos steht sich das unglückliche Ehepaar gegenüber. Sie sind in der Nähe der Köhlerhütte; sie haben einen Kreislauf während der Nacht gemacht. Jede Hoffnung schwindet. Auch die Uebrigen hoben nichts gefunden; sonst hätte ihre Meldung sie erreicht.
Lebensmüde und verzweifelt sinkt Marianne an einem Baumstamme nieder. Franz eilt in die Köhlerhütte, wer weiß? Eine Ahnung durchzittert ihn. Nach einer Weile fährt Marianne aus ihrer Ohnmacht empor; ein Schrei hat sie erweckt. Gewalffam rafft sie sich auf; sie stolpert der Hütte zu, und nun stößt auch sie einen herzerschütternden Schrei aus. Auf dem mit Schnee bedeckten Boden kniet Franz vor einer seltsamen Gruppe. Er weint, als sollte ihm das Herz brechen. Marianne sieht ihr Kind umhüllt von dem Kittel des alten Schubejack, neben einer menschlichen Gestalt liegen. Und diese Gestalt, wer ist sie?" fragt sie.
„Mein Vater!" tönt es von den Lippen ihres Mannes. Dann schnellte er jäh empor und zerrt Marianne dicht an die Leiche des erstarrten alten Mannes. Sein Auge sprüht, als ob er Gericht halten wollte in dieser Stunde. „Siehst Du, er hat sein Leben gelassen für unser Kind. Anna athmet noch,
reduziren, wozu der Finanzminister bereits alle Einleitungen getroffen hat. Das deutsche Publikum, welches russische Werthe besitzt, wird gut thun, sich bei dem jetzigen hohen Kursstände derselben zu entäußern und sich so vor späteren Verlusten zu bewahren.
* „Nachdem andere Blätter keinen Anstand nahmen, den Wortlaut der Adresse schon jetzt der Oeffent- lichkeit zu übergeben, welche am 26. Oktober anläßlich seines 90 ften Geburtstages dem General-Feldmarschall Grasen v. Moltke mit aus sämmt- lichen deutschen Städten gesammelten Unterschriften überreicht werden soll", setzt auch die ,Nordd. Allg. Ztg.' ihre Leser in Kenntniß von demselben. Die Adresse lautet:
„Ew. Excellenz! Die flammende Begeisterung, mit welcher ganz Deutschland vor zwanzig Jahren seinem Moltke entgegenjubelte, erneuert sich heute am Schluß des neunten Jahrzehnts der geschichtlich so bedeutungsvollen Periode, während welcher Ew. Excellenz unferm Baterlande angehören, und dieser Jubel Hingt nicht minder in dem erhebenden Gefühle der errungenen Weltstellung, als seiner Zeit in den Tagen des Kampfes und der Siege. Deutschland bewundert in Ew. Excellenz den Denker der Schlachten, der die Heere von Sieg zu Sieg führte, den genialen Feldherrn, besten hervorragende Bedeutung seines Kaisers Scharfblick erkannte, und den gewaltigen Heros der Kriegskunst. Dank Ew. Excellenz so erfolgreicher Mitwirkung vermag Deutschland nunmehr seine gewaltige Kraft dem Dienste des Friedens und den Aufgaben der Kultur zuzuwenden. Im hohen Norden und an den Gestaden des Bosporus, in der Fremde und in der Heimath, in Krieg, und Frieden, wo immer Ew. Excellenz sich zu bethätigen hatte, gab es nur den einen Leitstern: die unverbrüchliche Pflicht, Treue dem Kaiser, Treue dem Reiche, Treue dem Volke und Treue gegen sich selbst. Aber auch das deutsche Volk hält Ew. Excellenz Treue um Treue. Es dankt feinem Feldherrn, eS verehrt seinen Helden und es liebt den Mann, der auf einer gewaltigen Höhe auch dem Geringsten im Volke menschlich nahe geblieben ist. Ew. Excellenz! Mit diesen wenigen Worten, die von Herzen kommen, nahen wir, die Vertreter der Städte des geeinten Deutschen Reiches, uns Ihnen heute an diesem bedeutungsvollen Tage. Möge Ew. Excellenz in ungebeugter Kraft, ein Jüngling an Herz und Seele, noch lange unter uns wandeln, der Gegenwart ein Stolz, den kommenden Geschlechtern ein Vorbild. Am 26. Oktober 1890."
* Ein Vertrag zwischen Deutschland, England, Italien und Portugal bezüglich der afrikanischen Missionen soll feinem Abschluß nahe fein. Von England bei allen in Afrika intereffirten Machten in Vorschlag gebracht, geht derselbe dahin, allen mit Beglaubigungsschreiben der Regierungen versehenen Wtiffionaren freien Zutritt zu allen Ländergebieten der Vertragsmächte in Afrika zu gestatten. Nur Frankreich erhob Einwände, da es erst Krzlich den unter feinem Schutz stehenden Missionaren in den zu ihm gehörenden Theilen besondere Vorrechte verliehen habe, welche es jetzt nicht auch den Missionaren anderer Nationalitäten einräumen könne. Die Hauptschwierigkeit soll jedoch bei Frankreich in feinem Gegensatz zu Italien liegen; beide Mächte sind bekanntlich sehr eifersüchtig über ihr Pro- teftorat über die katholischen Missionen.
* Dem ruhmreichen Dichter aus den Freiheitskriegen
aber er ist tobt, mein guter armer Vater! Ich habe Dich verleugnet vor der Welt; Du wolltest es nicht anders; o vergib mir!“ so stöhnte Franz, und bedeckte die eiskalte Hand des Tobten mit seinen Küssen.
„Und das Alles offenbarst Du mir erst jetzt, in dieser Stunde?" zürnte Marianne, den Arm des (Batten erfassend. „O Franz, wie schlecht kennst Du das Innere Deiner Frau! Hätte ich geahnt, daß er Dir blutsverwandt, daß er Dein Vater sei. Aber —"
„Du sollst nun Alles wissen, Fran!" ermannte sich Franz in dieser Stunde. „Er hat in jungen Jahren seinen Jähzorn im Zuchthaus büßen müssen, und weil er diese Schmach nie verwinden konnte, erlaubte er mir niemals, sich zu ihm zu bekennen. Mein Taschengeld trug ich ihm zu. Von der Korbmacherei konnte sich der alte Mann nur kärglich erhalten. So, nun kennst Du mein Geheimniß; hier ist meine Hand. Willst Du mir Alles verzeihen, soll es wieder gut sein?"
Aber Marianne fiel ihm bebend in's Wort: „Verzeihe Du mir! O Unverstand, mich als ein so hoffärtiges Geschöpf zu betragen. Unsere Anna lebt, weil er sie mit seinem Kittel bedeckt hat! Wir geben ihm die letzte Ehre, wie es einem Großbauern ziemt. Als unser Vater, der er war, soll er künftig gelten.“
„O Marianne!" schluchzte Franz. „Vater, Mutter!" tönte es neben ihnen. Das Kind war erwacht. Mit