Einzelbild herunterladen
 

JV 218.

Sonntag, den 21. September 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Geschäftsmann aber, welcher 4000 M. verdienen will, hat nicht allein die darauf ruhende Einkommensteuer, sondern auch noch die Gewerbesteuer zu zahlen, so daß also das Kapital, welches nicht arbeitet, bei der bis­herigen Besteuerung viel besser weggekommen ist, als das arbeitende Kapital. Nicht allein dieses Beispiel wurde angeführt, es wurde von amtlicher Seite noch betont, daß der Geschäftsmann nicht bloß Einkommen­steuer, Gewerbesteuer, außerdem aber noch eine viel höhere Miethssteuer für seine Geschäftslokalitäten als der Kapitalist zu zahlen habe. Aus diesen und noch vielen anderen Gründen sei eine schärfere Heranziehung des Einkommens aus festliegenden Kapitalien mehr als gerechtfertigt. Die Deklarationspflicht wurde ebenfalls erörtert, von der Selbsteinschätzung scheine man noch vorderhand absehen zu wollen, doch solle der Steuer-

* Mailand, 18. Sept. Einen traurigen Beweis der wirthschaftlich sehr zerrütteten Zustände in Neuitalien | liefern die häufigen Bauernrevolten, durch welche die verarmten, mit Steuern und Schulden belasteten Acker- I sklaven, ihrer Unzufriedenheit Luft machen. Kürzlich brach in Carmenico eine solche blutige Revolte aus. Bauern stürmten das Municipium; Militär mußte ein­schreiten und ist Blut geflossen. Das sind die Folgen der traurigen Wirthschaft im Lande.

* Rom, 18. Sept. Die Finanzminister-Krise wird sehr eingehend in der Presse besprochen, weil die Ent­hebung Saismit-Doda's vom Portefeuille mit solch' überraschender Schnelle erfolgte. Die von den Organen Crispi's angegebenen Gründe scheinen übrigens nicht ganz zutreffend zu sein, es bestand schon seit längerer Zeit eine Spannung zwischen Crispi und Saismit- Doda, dazu kamen die Finanzschwierigkeiten des Landes und die Schwierigkeit, das Defizit zu decken. Eine poli­tische Rede des Finanzministers gab dann die äußere Ursache, um seine Demission herbeizuführen. Vorläufig hat Crispi gesiegt, sich aber damit einen gefährlichen Gegner in der Kammer geschaffen.

Im Schnee.

Novelle von I. v. Dirkink.

(5. Fortsetzung statt Schluß.)

Die Vesperstunde versammelt wieder alle gemein­sam um den Tisch. Vater und Tochter fehlen noch immer. Marianne wird unruhig; aber Bernd meint, daß kein Grund zur Sorge vorliege. So oft der Hof­hund draußen bellt, schreitet der Alte sachte zur Thür und lugt in die tiefer sinkende Dämmerung hinaus. So wird es Abend. Aber weder Vater noch Kind lassen sich sehen. Das ist seltsam! Marianne grollt dem Manne; ohne ihr ein Wort zu sagen, entführte er das Kind. Eine unverzeihliche Rücksichtslosigkeit!

Die Leute sammeln sich gewohnheitsmäßig um den perb > ste knieen nieder zum Nachtgebet. Aber plötzlich fahren Alle empor. Die Thür fliegt auf; ein schneiden­der Luftzug fährt durch's Haus und wirbelt den Rauch . empor, daß er den Eintretenden völlig ver­hüllt. Marianne unterbricht das Gebet. Sie erhebt sich und schreitet dem Gatten entgegen. Ihre Kniee schlot­tern; denn Franz allein steht da, ohne das Kind.

„Wo ist das Kind?! Gott im Himmel, ein Un­glück ! bebt es über ihre Lippen. Denn ihr Mann steht vor ihr gelsterbleich, verstört, an allen Gliedern

Einschätzungs-Behörde auf Verlangen verantwortliche Auskunft über Fragen, deren Einforderung zur Er­reichung einer richtigen Veranlagung nothwendig ist, 6ertheilen bezw. auch die Geschäftsbücher zur Ein- t vorzulegen. Bei Reklamationen soll stets dieses Verfahren Anwendung finden. Wird die Beantwortung der gewünschten Fragen oder die Vorlegung der Bücher verweigert, so soll der Verwaltungsbehörde das Recht zustehen, das Einkommen nach bestem Ermessen abzu­schätzen. Mitglieder der Einschätzungs-Kommission sollen ebenso wie bisher aus den Kreisen der zu Besteuernden

ein dazu delegirter Staatsbeamter führen.

* Türkheim, 17. Sept. Bekanntlich ist den Barm­herzigen Schwestern gestattet worden, hier eine Niederlassung zu gründen. Die Schwestern werden gegen den Willen der Mehrheit des Stadtraths und des Armenpflegeraths ihre Werke der Barmherzigkeit hier ausüben. Die Stadträthe hatten geltend gemacht, daß die 1000 Katholiken ohne barmherzige Schwestern auskommen könnten, zumal die 4800 Protestanten diese nicht wollten. Bei aller Achtung vor der aufopfern­den Thätigkeit der Schwestern selbst habe der Stadt­rath dennoch die Befürchtung, daß die bei den Obern dieser Kongregation in neuerer Zeit beobachtete Ge­wohnheit, irdische Schätze zu sammeln und die reichen Familien, welche sich anderweitige Pflege verschaffen könnten, gegenüber den armen zu bevorzugen, nur zur Förderung der sozialen Unzufriedenheit und des stören­den Klassengegensatzes beitragen könnte. Auch trage diese Erscheinung nicht zur Erhaltung der religiösen Gesinnung im niederen Volke bei. Die Schwestern selbst würden ja in allen Häusern gleichmäßig ihrer Pflicht genügen; aber sie müßten eben den Befehlen ihrer Obern gehorchen, und diese ließen vielfach den Zweck ihrer Kongregation, vorzüglich nur dem armen Manne zu dienen, außer Acht, indem ihnen der Ruf zu reichen Juden lieber sei, als zu nothleidenden Christen.

zitternd. Eine dumpfe Pause folgt. Franz bleibt stumm. Dann stößt Marianne nochmals gellend den Ruf her­vor: „Wo ist mein, wo ist unser Kind?! War es nicht bei Dir? Sprich! Um Gotteswillen, nur ein Wort!"

Er schüttelt den Kopf. Das Wort versagt ihm. Dann stürzt er wie gejagt in die Kammer. Marianne steht wie eine Bildsäule. Bernd spricht mit den Dienst­boten. „Nehmt die Laternen mit!" heischt er. „Auch den Hund; aber zieht Euch warm an. Wir müssen hinaus und suchen, wo das Kind ist."

Unterdeß geht Marianne dem Manne nach. Er soll, muß ihr gestehen, was er zu verbergen strebt. Seine Verstörung beim Eintritt, ob sie dennoch mit dem Verschwinden der Kleinen zusammenhängt? Onur klar sehen! — Sie rüttelt ihn, indem sie ihn an der Schulter ergreift, und als er das Antlitz erhebt, fchreit sie auf. „Was hast Du? Sie ist tobt!" stammelte sie erbleichend.

„Ich hoffe nicht! Du siehst, ich mache mich fertig, wir müssen suchen. Ich habe schon den ganzen Tag gesucht! aber ich —" Er stockt.

„©o wußtest Du, daß sie fort war? O der Kopf ist mir wüst und wirr."

Er kämpft mit sich. Soll, darf er ihr in dieser

bangen Stunde Alles erzählen? Das Wort drängt sich ihm auf die Lippen; aber nein, nein! Er kennt ihren Stolz; schweigen muß er, jetzt wie früher, immer schweigen.

10. Wiedergefunden.

Marianne schreitet an der Seite des Gatten in die Nacht hinaus. Er trägt die Leuchte. Bernd führt den einen Theil der Leute, der Großknecht die übrigen. Sie trennen sich in Gruppen. Wie Glühwürmchen leuchten und funkeln die Laternenflämmchen weit hinaus. Es ist eine kalte, sternenlose Nacht. Nur der Schnee leuchtet, aber wie hat er die Landschaft verändert! Marianne grübelt und schaudert. Eine ganze Weile waren sie stumm dahingegangen. Nichts regte sich um sie; ab und zu ein Knistern im Gehege, wenn die Schneelast das Gezweige drückt; aber jeder Laut ver­ursacht Mariannen Herzklopfen. „Anne," ruft sie, „Anne, wir sind da, Vater und Mutter!"

Keine Antwort, Alles blieb todtenstill. Einmal schwebte eine Dohle mit schwerem Flügelschlag vor­über. Sie beneidete das Thier. Wernurfliegen könnte! O die Füße sind ihr schwer wie Blei. „Stütze Dich auf meinen Arm, Marianne," sagte Franz, als hätte er ihre Gedanken errathen. Und als sie ihn annimmt, den Arm des Gatten, durchschauert es ihn mit ein ,

! Kultusminister v. Müller erkannte diese Gründe nicht als stichhaltig an. Nach seiner Ansicht sind die Verdienste der Schwestern so groß, daß einzelne vor­kommende Klagen, die meist übertrieben seien, die An­erkennung nicht schmälern dürften. Wenn wirklich Miß­stände an einzelnen Orten zu Tage träten und Anlaß zu berechtigten Klagen der armen Bevölkerung gäben, so würde eine Beschwerde bei den zuständigen geist­lichen Vorgesetzten, eventuell beim Diözesanbischof, ihre Wirkung nicht verfehlen. Die katholische Bevölkerung Dürkheim's habe auch ein großes Bedürfniß nach besserer Krankenpflege, und die nichtkatholische Mehrheit des Stadtraths dürfe dieses Bedürfniß und die Abhilfe nicht einfach wegerkennen. Aus diesen Gründen wird den Schwestern die Niederlassung in Dürkheim gestattet.

* Heidelberg, 17. Sept. Auf der Katholiken-Ver- sammlung in Koblenz brachte Fürst Karl zu Löwenstein auch den Bochumer Beschluß in Erinnerung, daß in jeder Diözese kleinere Katholiken-Versammlungen abge­halten werden sollen, um das katholische Bewußtsein zu heben, zu stärken und die Einigkeit unter dm Katholiken immer mehr zu fördern. Das Provinzial- Comit« der Centrumspartei in Heidelberg hat nun, den Beschluß gefaßt, demnächst in Heidelberg eine solche Versammlung abzuhalten, und zwar am Sonntag, den 28. S-pt-mier. -

„ , . * Aus der Schweiz, 18. Sept. Die schweizerischen

gewühlt werden. Den Vorsitz bei den Berathungm soll Bischöfe haben zum diesjährigen eidgenössis chen Bettag einen herrlichen Hirtenbrief erlassen und darin den kath. Glauben und die Anhänglichkeit an die kath. Kirche als das beste Förderungsmittel der Liebe zum Vaterlande erklärt.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. September.

* Der Kaiser wohnte mit seinen erlauchten Gästen, dem Kaiser von Oesterreich, und dem Könige von Sachsen, auch heute den Feldmanövern des 5. und 6. Armeekorps bei. Der Kaiser führte persönlich das 6. Armeekorps, welches einen Angriff auf den Breiten Berg machte, der vom 5. Armeekorps vertheidigt wurde. Mit den morgigm Uebungen finden die Manöver ihren Abschluß. Am Montag reist der Kaiser nach mehr­tägigem Aufmthalte in Glitschdorf über Liegnitz, Jarut- schin, Gnesen und Thorn nach Trakehnen bezw. Theer- bude zu mehrtägigen Jagden ab. Am Dienstag über 8 Tage begibt sich der Kaiser von Trakehnen einer Einladung des Kaisers von Oesterreich entsprechend dirett nach Wien, woselbst seine Ankunft am 1. Okto­ber Vormittags erwartet wird. — Aus Blankenburg wird gemeldet, daß zu den am 24. und 25. Oktober stattfindenden Hof-Jagden außer dem Kaiser auch der König von Sachsen, der Prinz-Regent von Bayern und der Herzog von Sachsen - Altenburg erwartet werden.

* Die bisherigen Mittheilungen über Reform der Gewerbesteuer werden nunmehr ergänzt durch Ver­öffentlichung der der Steuer-Deputation amtlicher­seits gegebenen Erklärungen, aus denen auch gleich­zeitig die Pläne der Regierung über weitere Reformen ersichtlich sind. Wie die Befreiung der Gewerbe- Steuerpflich tigen, deren Einkommen 1500 Mk. nicht erreicht (bisherige Steuersätze 6, 12 und 18 M.) be­absichtigt wird, sollen auch die darauf folgenden Steuer­sätze erheblich vermindert werden. Es sollen nämlich fortab diejenigen Klassen, welche 30 bis 60 M. zahlten (Einkommen 3- bis 4000 M.), fortab 10 bis 15 M., diejenigen Klassen, welche bisher 72 bis 100 Mark zahlten (Einkommen 6- bis 8000 M.), fortab 40 bis 50 Mark zahlen. So weit gehen die Ermäßigungen. Die Einkommen von 8000 M. und darüber werden höher besteuert. Doch dürfte auch hier der Steuersatz von einem Prozent des Betriebs-Ertrages kaum über­schritten werden. Von den ferner den Steuer-Deputirten gegebenen Erläuterungen seien die folgenden nament­lich hervorgehoben. Man plant keine neue Steuer. Aus den bestehenden Steuern könnten bei besserer Veran­lagung und gerechterer Vertheilung, welche die Minder­begüterten entlastet, die besser situirten Klassen aber höher belastet, vollständig genügende Mehr-Einnahmen erzielt werden. Eine Heranziehung des Kapitals in der Art, daß alle Diejenigen, welche größeres Ein­kommen aus festliegendem Kapital erzielen, also nicht aus dem Gewerbe, stärker als bisher belastet werden, wurde ausdrücklich betont. Besonders wurde darauf hingewiesen, daß beispielsweise ein Kapitalist mit 100,000 M. Vermögen ungefähr 4000 M. Einkommen und nur von diesem Einkommen Steuer zu bezahlen hat. Ein