V 215.
Donnerstag, den 18. September 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
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Das Katholische Dereinswesen in Deutschland ttnb Oesterreich
(Fortsetzung.)
Wir kommen nunmehr zu den Vereinen für Wissenschaft, Litteratur und Kunst. Hier steht die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wisfenschaft im katholischen Deutschland obenan. Sie wurde 1876 gegründet und hat ihren Sitz in Bonn. Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1889: 16 Ehren-, 20 lebenslängliche Mitglieder, 1717 Mitglieder, 628 Theilnehmer, der Vermögensbestand 52,930 M. Die Leistungen der Gesellschaft — welche auch das Studium besonders wichtiger Disciplinen sowie hervorragende junge Gelehrte unterstützt und in Rom ein Historisches Institut unterhält — sind sehr bedeutende. Die Mitglieder erhalten jährlich drei Vereinsschriften, in welchen allgemein interessirende Gegenstände in populär- wisfenschaftlicher Weise behandelt werden, und einen Jahresbericht; ferner gibt die Görres-Gesellschaft heraus bezw. ermöglicht sie die Herausgabe eines Staatslexikons, des Historischen Jahrbuchs, das jährlich vier Mal erscheint, des Philosophischen Jahrbuchs, welches eben so oft herauskommt, und des Archivs für Litteratur- und Kirchengeschichte des Mittelalters.
Der Pflege der kathol. Presse ist der A u g u st i n u s - V er ein gewidmet, der 1877 gegründet wurde und seinen Sitz in Düsseldorf hat. Er bezweckt, die katholische Presse in Deutschland zu fördern und ein einträchtliches Zusammenwirken der katholischen Redakteure zu unterhalten. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf über 100, welche mehrmals im Jahre zur Besprechung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten sich zusammenfinden.
In Oesterreich hat die katholische Presse mit be- sondern Schwierigkeiten zu kämpfen, welche die Bildung sehr praktisch organisirter Preß vereine hervorgerufen hat. Mitglied derselben kann jeder gute Katholik werden, der jährlich einen geringen Beitrag oder ein für alle Mal 10 bis 20 Gulden zahlt. Die Erfolge dieser Vereine sind ganz bedeutend. Der Preßverein für N i e d e r ö st e r r e r ch mit 10,700 Mitgliedern gibt ein eigenes Organ, den Preßvereins- Boten, in 11,000 Auflage heraus, besitzt eine eigene Druckerei und verlegt zwei Zeitungen, die Kremser Zeitung und die St. Pöltener Zeitung. Der Preßverein in Linz a. d. D. gründete Druckereien in Linz und Wels und gibt das Linzer Volksblatt, sowie die Welser Zeitung heraus. Der Preßverein in Steyr rief die Steyrer Zeitung ins Leben. Die großartigsten Erfolge hat indesfen der Preßverein für die Diözese Seckau, Sitz in Graz, aufzuweisen. Die Mitglieder desselben zahlen wöchentlich
einen Kreuzer; die Gründer gaben Jeder ein Darlehen von 500 Gulden. Im Jahre 1870 gegründet, hat er jetzt 6200 Mitglieder. Der Verein besitzt in Graz die bedeutende Druck- und Verlags-Anstalt Styria, die Sortiments-Buchhandlung Styria, sowie die eben so bedeutende Druck-Anstalt Gutenberg. Als seine Organe gibt er das Grazer Volksblatt sowie den Wahrheitsfreund heraus.
Eine überaus große Bedeutung hat der 1844 gegründete Verein vom hl. Karl Borromäus zur Verbreitung guter Bücher; Sitz in Bonn. Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1889 17,220, der Theilnehmer fast 30,000. Erstere zahlen jährlich 6, Letztere 3 M. bezw. P/a M. Die Einnahmen beliefen sich im gleichen Jahre auf fast 190,000 M.; aus den erzielten Ueberschüssen wurden für 31,000 M. Bücher gekauft und den Vereinsbibliotheken zugestellt. Die Zahl der letztern beträgt fast 1500; das Bücher-Verzeichnis des Vereins umfaßt über 9CA/X Nummern.
Bayern hat einen eigenen Verein gleicher Tendenz, den Verein zur Verbreitung guter Bücher in München, der 1830 gegründet ist. Er hatte 1888 2817 Mitglieder mit einer Jahres-Einnahme von 25,534 M. Der gleichem Zweck dienende Salzburger Bücher-Verein zählt 2500 Mitglieder und hat einen jährlichen Umsatz von 100,000 M.
Der Katholische Juristen-Verein wurde 1879 gegründet und hat seinen Sitz in Mainz. Er bezweckt die Vertheidigung der Institutionen, .Rechte und Interessen der katholischen Kirche und ihrer Mitglieder als solcher durch Pflege der Rechtswissenschaft, durch Rechtsgutachten und Berathung in Rechts-Angelegenheiten, sowie in besonderen Fällen durch Vertretung vor Gerichten und Behörden. Die Zahl der Mitglieder beträgt 323. Als Vereins-Organe gelten das in Mainz erscheinende Archiv für katholisches Kirchenrecht, sowie die in Frankfurt herauskommende Juristische Rundschau.
Die Katholischen Stud enten-Vereine und -Verbindungen umfassen in 41 Vereinigungen gegen 1300 Studenten und 3600 Philister. Für sich steht der Verein von Theologie - Stndirenden Unitas, der in Bonn 29, in Münster 30, in Würzburg 9 und einige wenige Mitglieder in Tübingen zählt. Von den für sich bestehenden süddeutschen Studenten-Vereinen haben die Normannia in Würzburg 42 Aktive und 173 Philister, die Alemannia in München 21 Aktive und 49 Philister. Außerdem bestehen noch die Sauer- landia in Münster und die Hercynia in Tübingen.
Der Katholische Universitäts-Verein in Salzburg, welcher 1874 gegründet wurde, um Mittel für eine dort zu errichtende und zu unterhaltende freie katholische Universität zu sammeln, entwickelt in letzter
Zeit eine lebhaftere Thätigkeit; er hat jetzt 2000 Mitglieder und ein Vermögen von 62,405 Gulden.
Sehr zahlreich sind in Deutschland locale und provinzielle Vereinigungen von Lehrern, die alle ausfindig zu machen indessen unmöglich ist. Seit einem Jahre, bei Gelegenheit der Katholiken-Versammlung in Bochum ist der Anfang gemacht worden, die katholischen Lehrer Preußens zu einem Katholischen Lehrer-Verband zusammenzuschließen, dessen Sitz in Bochum sich befindet, und als dessen Organ die in Paderborn erscheinende Katholische Lehrer-Zeitung gilt. Die preußische Regierung hat sich diesem Verbände feindlich gegenüber gestellt, so daß man noch nicht absehen kann, ob er die Entwickelung nehmen wird, welche die Lehrer und die Katholiken insgesammt ihm wünschen. (Schluß folgt.)
Deutsches Keich.
Berlin, 16. September.
* Ueber die Jesuiten und die soziale Frage schreibt man dem ,Wests. Merkur': Das Auftreten des Jesuitenpaters Forbes auf dem christlich-sozialen Kongreß zu Lüttich ist in der ganzen Presse sehr bemerkt worden, da derselbe als ein entschiedener Gegner eines Eingreifens des Staates in die Arbeiter-Verhältnisse sich kundgab. Eben so sehr ist es auch bemerkt worden, daß der hochw. Bischof von Trier entschieden gegen seine Ansichten auftrat, und daß er sich weiter im Gegensatz zu hervorragenden französischen Autoritäten auf sozialem Gebiete, u. A. des Grasen de Mun, befand. Wir haben nun Veranlassung genommen, uns an authentischer Quelle zu erkundigen, wie die Jesuiten in Paris und Frankreich zu den Ansichten ihres Konfraters sich stellen, und können als positiv Folgendes mittheilen. P. Forbes (nebenbei gesagt schottischer Abkunft) beschäftigt sich eifrig mit dem Studium der sozialen Probleme, ist aber nie über die Theorie hinausgekommen, hat nie einen Einblick in die thatsä ch- lich en Verhältnisse des Arbeiters und der Industrie genommen. Er beurtheilt demnach die Frage lediglich von seinem erhabenen philosophischen Standpunkt aus, der aber nichts weniger als praktisch ist. P. Forbes vertritt in keiner Weise die Ansichten der Jesuitenpatres im Allgemeinen und hatte noch weniger ein Mandat, in Lüttich anders als in seinem ei gen en Namen zu sprechen. Auch die weitaus größte Mehrzahl der französischen Jesuitenpatres pflichtet seinen Ansichten nicht bei, vielmehr stehen diese meist auf Seite des P. Lehmkuhl, welcher in den (Stimmen aus Maria Laach sich auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt. Speziell haben die sympathischen Ausführungen des P. Lehmkuhl in den Laacher Stimmen über die Ber-
Im Schnee.
Novelle von I. v. Dirkink.
(2. Fortsetzung.)
5. Arn Krankenbett.
Schon ging es tief in den Herbst hinein; rauhe Tage und kalte Nächte brachten Bernd erneute Anfälle seines Asthmas. In dieser Zeit lag plötzlich die Verwaltung der Wirthschaft einzig auf seinen Schultern. Eines Tages war Marianne eilig abgereist; Niemand hatte eine Ahnung, wohin. „Sie macht gewiß eine Wallfahrt," meinten die Leute; aber Bernd glaubte nicht daran. Er zuckte die Achseln und schwieg.
Unterdeß saß Marianne am Krankenbette ihres Mannes, in einem fremden Flecken, weit von der Hei- math entfernt.
Man hatte sie gerufen. Vom Pfarramte war dieser Ruf ausgegangen und hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Es war eine beschwerliche Reise gewesen. Sie hatte sich auf Schlimmes gefaßt gemacht, aber nicht auf das, was ihr bevorstand. Auf ärmlichem Lager, ln dumpfer Kammer hatte sie ihn getroffen, bleich, abgezehrt, unkenntlich fast. War er es wirklich, ihr ehe- wals so schöner Mann? Unter unsäglichen Qualen schlich sie, als sie ihn schlafend wähnte, an sein Bett. Sie preßte die Lippen auf einander, um den Schmerzensschrei zurückzudrängen, der sich aus der Seele her
vorrang. Aber es kam noch schlimmer. Niemand war bei ihrer Ankunft, der sie vorbereitet hätte. Eine alte taube Frau hatte sie an der Post erwartet und zu dem Kranken geführt. Wie still er dalag! Auch sie regte sich nicht. Plötzlich aber wandte er das Haupt, fuhr tastend mit der Hand an dem Bettrande umher und flüsterte: „Wer ist da?"
Marianne sah bei dem trüben Lichte der dumpfen Kammer, daß seine gerötheten Augen in's Leere starrten. Mein Gott, war er denn blind, daß er sie, die so nahe vor ihm stand, nicht sah? Ja, er war blind. Roth, Hunger, Elend, Kummer und Reue hatten sein Augenlicht getrübt. Blind! O entsetzlich! Sie hätte laut aufschreien mögen. Hatte sie sich durch eine Bewegung verrathen?— „Marianne, o mein Gott, wenn Du es wärest!" wimmerte der Kranke. — Dieser Ton schnitt ihr in's Herz. Schluchzend brach sie zusammen. „Franz, ich bin da!" zitterte es über ihre Lippen.
„Habe Dank!" Die Stimme versagte ihm unter hervorbrechenden Thränen.
„Du läßt mich nicht sterben, ohne mir zu sagen, daß Du mir vergeben hast?! Gott lohne es Dir. Wo ist Deine Hand?" — „Hier!" Aber er hörte es nicht. Eine Ohnmacht hatte ihn umfangen. Marianne sah es und stürzte hinaus. Sie schaute sich draußen nach Hilfe um. In der Nähe war ein Kramladen. Sie lief hinüber und ließ sich Wein geben. Zuerst mußte sie
ihn in's Leben zurückbringen; er war aus Erschöpfung zusammengesunken.
Zum Glück hatte sie sich mit Geld versehen. Der Arzt war ein alter kränklicher Mann und mit Arbeit überladen. Einzig der Pfarrer hatte sich des kranken Fremdlings angenommen; aber die Noth im Orte war zu groß.
Marianne kannte ihre Pflicht. Sie entschloß sich zur Abreise mit ihrem blinden Manne. Der Arzt war einverstanden. Die widersprechendsten Gefühle wogten in ihrer Brust, während sie in der Nähe des Unglücklichen verweilte. Bald trieb ihr das Mitleid heiße Thränen in die Augen ; bald wieder quoll ein herbes, bitteres Wehgefühl in ihr auf. Die Wunde, welche er ihr geschlagen, blutete auf's Neue. Sie rief sich das Aufsehen vor die Seele, das irn Dorfe entstehen würde, wenn sie mit ihm in dieser Art heimkehrte.
Franz ließ Alles wortlos mit sich geschehen. Einige Male hatte er auf die Vergangenheit angespielt, aber ! eine Aufmunterung von Marianne erhalten. Sie wollte also nicht an die Vergangenheit erinnert sein. Glaubte sie nicht an seine Reue? O, wenn er nur einmal so recht von Herzen ihr Alles sagen könnte, wie es so gekommen war, daß er ihr entfremdet wurde, sich mehr und mehr unglücklich neben ihr gefühlt hatte! In glücklichen Tagen hatte er die Macht, welche er über ihr Herz besaß, verscherzt. Er hatte die Kluft will-