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Sonntag, den 14. September 1890

1^. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brmger- lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Mschof Ketteler und die Arbeiterfrage.

Die katholische Verlagshandlung Franz Kirchheim in Mainz hat sich ein großes Verdienst erworben, in­dem sie kürzlich des großen katholischen Sozialogen, des unvergeßlichen Bischofs Ketteler bahnbrechendes Merk­chen „die Arbeiterfrage und das Christenthum" in neuer Auflage als billige Volks-Ausgabe erscheinen ließ. Es wird damit gerade in heutiger Zeit, wo die von Ketteler erhobene Fahne der christlichen Sozial-Reform sich all­gemein Geltung verschafft hat, der Welt die Thatsache in's Gedächtniß gerufen, daß die katholische Kirche es war, welche zuerst grundlegend in dieser wichtigen Zeit­frage vorangegangen ist. Als der selige Mainzer Bi­schof vor 26 Jahren den Muth besaß, in einer Zeit, in der das liberale Manchesterthum noch die ganze öffentliche Meinung beherrschte, die Grundsätze einer auf dem Prinzipe der Nächstenliebe und der ausgleichen­den Gerechtigkeit beruhenden Sozial-Reform zu prokla- miren, da glaubte die liberale Welt darüber spotten zu können; aber heute ist dieses Programm nicht bloß in Fleisch und Blut von Millionen übergegangen, sondern es hat sich auch der protestantische Kaiser auf dasselbe gestellt und bekennt sich gleichfalls im Großen und Ganzen zu den gleichen Prinzipien in Bezug auf die Lösung der Arbeiterfrage. Ketteler's Schrift war bei ihrem Erscheinen im Jahre 1864 eine That in des Wortes vollster Bedeutung, denn sie wirkte nicht bloß wie eine That, sondern weckte auch zu Thaten. Es ist sehr interessant, daß sämmtlich Arbeiterschutz - Gesetze, welche in Europa in den letzten Jahrzehnten zu Stande gekommen sind, wie auch fast alle gesunden sozialen Reform - Projekte schon in der ersten Auflage dieses Merkchens skizzirt waren. Der Mainzer Bischof ver­trat schon damals die Quintessenz der sozialen Reform und zeichnete die Konturen für ihre Lösung auf gesetz­lichem Wege als die nothwendigste Aufgabe der Zukunft.

Liberale Blätter hatten in jüngster Zeit geglaubt, das Verdienst kathol. Männer an der Sozial-Reform dadurch zu schmälern, daß sie behaupteten, die Katho­liken hätten sich erst angesichts des drohenden Anwach­sens der Sozialdemokratie und der internationalen Um­sturz - Bewegungen an die Arbeiterfrage erinnert und derselben ihre Aufmerksamkeiit zugewendet. Die Schrift Ketteler's straft diese liberale Behauptung Lügen, denn dieselbe entwarf bereits zu einer Zeit ein komplettes Sozial - Programm, da von einer Ausdehnung der Sozialdemokratie im heutigen Sinne noch keine Rede war, aber der weitblickende Bischof erkannte mit prophe­tischem Auge schon damals die hohe Gefahr, und er wollte deshalb die Gesellschaft rechtzeitig an ihre Pflich­ten und Aufgaben in dieser Richtung erinnern. Mit der Fackel der Wahrheit beleuchtete seine Schrift den gefahrdrohenden Abgrund, vor welchem die moderne Gesellschaft steht, wenn sie an den verderblichen Grund­sätzen des Manchester - Liberalismus festhält und nicht auch auf wirthschaftlichem Gebiete wieder zu den Grund­sätzen des praktischen Christenthums zurückkehrt. Unsere Tage lehren es, daß dieser scharfe Beobachter der Zu­kunft die Situation auf Dezennien hinaus richtig' beur- theilt hat und sie setzen , die damaligen Spötter gar sehr in's Unrecht. Es ist und bleibt ein Ruhm und eine hohe Ehre, daß ein katholischer Bischof es war, der zuerst die Fahne der kathol. Sozial-Reform aufpflanzte und siegreich hochhielt, die viel verlästerten „Schwar­zen" dürfen mit Stolz von sich sagen, daß ein kathol Priester, ein Bischof, es war, der die soziale Frage voll und ganz erkannte und die Heilmittel für ihre Lösung in einer Weise angab, die durch die Zukunft die glänzendste Rechtfertigung erfuhr. Wir können nur wünschen, daß Ketteler's grundlegendes Werkchen in seiner neuesten billigen Volks - Ausgabe in die Hände recht Vieler, besonders auch von Geistlichen komme, um sie kräftigst anzuregen, sich der sozialen Frage im Geiste des großen Ketteler anzunehmen und darnach zu han­deln. Dem Klerus erwächst für die Zukunft gerade auf diesem Gebiete eine große und segensreiche Aufgabe.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. September.

Zwischen Deutschland und Rußland ist eine ge­

wisse Spannung eingetreten. Es zeigt dies nicht blos i das überaus herbe Urtheil, welches die ,Preuß. Jahr­bücher' betreffs der jüngsten Kaiser-Entrevue fällten, sondern auch das Aufgeben des vom russischen Kaiser­paar für Heuer in Aussicht genommenen Gegenbesuchs in Berlin. Wie üblich, werden zwar allerlei Gründe, wie Abhaltung von Manövern durch den Zaren u. s. w. für die Unterlassung der Reise nach Dänemark vorge­schützt, allein man müßte in politischen Dingen sehr kurzsichtig sein, wenn man diese Ausreden für baare Münze nehmen wollte. Die russische Presse führt augenblicklich eine schroffe und geradezu verletzende Sprache gegen Deutschland. So wurde der Graven­steiner Toast des Kaisers Wilhelm geradezu verhöhnt. ,Nowoje Wremja' erklärt, daß die Betonung der engen Waffenbrüderschaft zwischen Oesterreich und Deutschland in Rußland kalt lasse. Kompromisse in der bulgarischen Frage seien überflüssig, und man müsse abwarten, welche Wendung die inneren österreich. Verwicklungen nehmen.

* Helgoland wird demnächst seine eigene Zeitung erhalten. Der Buchdruckereibesitzer Rauschenplat in Kuxhaven, in dessen Offizin seit 40 Jahren die Helgoländer Fremdenliste verlegt wird, wandte sich, an den Chef der Civilverwaltung von Helgoland, Geheimrath Wermuth, mit dem Anträge, dort eine regelmäßige Zeitung unter dem Namen Helgoländer Wochenblatt erscheinen lassen zu dürfen. Herr Wermuth ging mit Bereitwilligkeit auf diesen Antrag ein, und das erste Blatt der Insel wird vom 1. Oktober ab herausgegeben.

* Die Stadtverordneten in Köln bewilligten 1500 Mark für die Moltkestiftung. Die Stadt Köln hat dem Grafen Moltke zum 90. Geburtstage eine Glückwunschadresse überreichen lassen.

* Das Treiben der Unternehmer in der Kohlen­industrie gelegentlich der großen Arbeiterstriks im vor. Jahre kennzeichnet die Handelskammer für Mühlhausen in Thüringen in folgender Weise: Nicht blos die durch den Kohlenarbeiter-Ausstand erlittenen Verluste und durch Zubilligung höherer Löhne entstandene Mehr­belastung der Kohlen- und Eisenerzeugung sollte durch den Aufschlag auf das Rohprodukt wieder hereingebracht werden, es wurde vielmehr Kapital geschlagen aus den Verlegenheiten, welche die eben überwundene Katastrophe zur Erkenntniß gebracht und vorausgenommen, was etwa noch nachkommen konnte. Die Kammer gibt fer­ner einige für die Geschäftsmoral der Kohlenunterneh­mer bezeichnende Züge aus dem Anfang des Jahres 1890. Als die Influenza-Epidemie, wie in ganz Europa, so auch in Westfalen wüthete, mußten ganze Belegschaften feiern. Diese Kalamität nutzte die Spe­kulation durch einen nochmaligen Aufschlag von 10 M. für den Waggon von 10 Tonnen aus.

* Glatz, 9. Sept. Nachdem heute Vormittag die Sektion für Vereinswesen und Presse ihre Arbeiten vollendet und die Sektion für Missionen und christliche Charitas wichtige Beschlüsse im Interesse der Katholiken in der Diaspora, speziell im Hinblick auf den kirchlichen Nothstand in Berlin gefaßt hatte, Beschlüsse, welche die Zustimmung der beschlußfassenden Versammlung erhielten, fand Nachmittags in der Festhalle die zweite öffentliche Versammlung statt. In derselben theilte der Präsident v. Huene zunächst mit, daß Abg. Dr. Windthorst an den Abg. Sperlich Hierselbst ein Schreiben gerichtet hat, in welchem er sein Bedauern darüber ausspricht, daß er wegen Erschöpfung von der Koblenzer Katholiken­versammlung und der großen Entfernung nach Glatz nach letzterem Ort nicht kommen könne. Er wünsche aber der Glatzer Katholikenversammlung einen guten Verlauf und begrüße alle Teilnehmer. Hierauf sprach Dr. Hohaus (Habelschwerdt) über „katholische Litteratur unserer Tage". Redner behandelte in eingehender Weise alle Zweige derselben und empfahl den einzelnen Berufs­ständen eine geeignete katholische Lektüre, damit die gegnerische Litteratur aus den katholischen Haushaltungen verschwinde. Pfarrer Langer (Eberswalde bei Berlin) schildert sodann die traurigen Zustände der katholischen Diaspora in sehr eindringlicher Weise und legte den Zuhörern die Sache des Bonifatiusvereins so warm an's Herz, so daß die Zuhörer sichtlich ergriffen wurden. Pfarrer Tschöpe (Eisersdorf) sprachgn er die Arbeiter­vereine, deren Nothwendigkeit und die Mittel zur Er­

reichung der erstern. Der Präsident warf sodann einen Rückblick auf die Verhandlungen und betonte, daß auch diese katholische Versammlung wie ihre Vorgängerinnen glänzend verlaufen und ihre Aufgabe vollauf gelöst habe. Er führte der gegnerischen Presse gegenüber aus, daß die Katholikenversammlungen keine politischen Versammlungen seien, sondern nur zur Berathung katholischer Fragen und zu gegenseitiger Stärkung dienten. „Wir kommen zusammen, um uns offen zu bekennen als Kinder unserer heiligen Kirche." Im weiteren reklamirte Redner nachdrücklichst den Religions­unterricht für die Kirche. So lange der Staat Anspruch erhebt auf Ertheilung des Religionsunterrichts, ist eine Verständigung ausgeschloffen. Unter entschiedener Ab­lehnung der großpolnischen Propaganda forderte Redner gleichwohl das Recht auf die Muttersprache. Hierbei wandte er sich gegen die Verkehrtheit der sozial­demokratischen Forderungen, feierte die Sozialpolitik des Kaisers und trat zum Schluß für Freiheit und Souverainetät des heiligen Stuhles ein. Die Rede klang aus in ein lebhaft aufgenommenes Hoch auf Papst und Kaiser. Gleich lebhaften Widerhall fand das von ihm ausgebrachte Hoch auf das Festcomits, die städtischen Behörden und die ganze Stadt Glatz. Graf Stolberg (Brustawe) dankte im Namen der Ver­sammlung dem Präsidenten für feine umsichtige und aufopferungsvolle Leitung der Geschäfte als Kommissar der schlesischen Katholikenversammlungen und als Vor­sitzender der gegenwärtigen und widmete ihm ein drei­faches Hoch. Hierfür herzlich dankend, schloß der Präsident die so glänzend verlaufene Versammlung mit dem katholischen Gruß.

* Köln, 10. Sept. Der am 12., 13. und 14. d. M. in Köln stattfindende 10. Kongreß der Altkatholiken unterscheidet sich dadurch wesentlich von allen srüheren altkatholischen Kongressen, daß er von vornherein als ein internationaler geplant und einberufen worden ist. Eine Folge der nunmehr auch formell ausgesprochenen vollständigen Einigung der altkatholischen Kirche in den verschiedenen Ländern ist die gleichmäßige Beschick­ung des Kölner Kongresses seitens der Altkatholiken Hollands, Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz. Schon darin gibt sich die herrschende Einmüthigkeit kund, daß die 5 Bischöfe, sowie der Bisthumsverweser der österreichischen Altkatholiken sämmtlich an dem Kölner Kongresse persönlich theilnehmen. Auch die französischen und italienischen Altkatholiken werden auf dem Kongresse vertreten sein und die russische Kirche wird einen Vertreter schicken, den Protopresbyter Janyschew der kaiserlichen Hofkapelle in St. Peters­burg. Endlich steht die Anwesenheit hervorragender evangelischer Theologen in sicherer Aussicht.

* München, 10. Sept. Die katholische Presse in Bayern stellt seit einigen Wochen die Redemptoristen­frage wieder in den Vordergrund und hat damit ganz entschieden Recht. Am Koblenzer Katholikentage wurde die Rückberufung sämmtlicher Orden auf's Neue zum Losungsworte gemacht und nachdem jetzt das Sozia­listengesetz nicht mehr erneuert wird, erscheint das Fortbestehen der Verbannungsgesetze für Jesuiten und Redemptoristen geradezu undenkbar. Selbst ausge­sprochene Kulturkämpfer müssen doch zugeben, daß diese verdienstvollen Orden zumindest ebenso viel Anspruch auf die Rückkehr ins Vaterland besitzen, wie die Sozial­demokraten. Nachdem in der letzten Kammersession, ge­drängt durch die kath. Kammermehrheit die bayerische Regierung sich bereit erklärte, im Bundesrathe diesbe­züglich einen Schritt zu unternehmen, so erwarten die kath. Kreise unseres Landes, daß nach dieser Richtung endlich etwas geschehe und zunächst wenigstens den Redemptoristen die Rückkehr nach Bayern ermöglicht werde. Es ist Zeit, daß das bayerische Ministerium sein Versprechen einlöst und die Söhne des hl. Alphonsus wieder ins Vaterland zurückführt.

Ausland.

* Lüttich, 10. Sept. In der Schlußsitzung hielten Vaughan, der Bischof von Salford, und Lord Ashburn- ham fehr entschiedene Reden für die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes. Der erstgenannte Redner erklärte, alle Völker würden für diesen Zweck