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Dienstag, den 9. September 1890.

JM 207.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Uctieadruckerei (A. Dilmann).

FLr die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

uldaerZeitung

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Staatsmiuister tu D. Kr. Frhr. v. Lutz

? München, 4. September.

Die Nachricht vom Ableben des Frhrn. von Lutz hat wohl nirgends überrascht. Seine Krankheit war unheilbar und je länger sein Leben gefristet worden wäre, desto größer würden die Schmerzen gewesen sein, die er zu erdulden gehabt hätte. Für uns Katholiken ist es ein Trost, daß er, was wir ihm von allem An­fänge wünschten, als er seine Portefeuille niederlegte, ausgesöhnt mit unserer heiligen Kirche und versehen mit ihren Tröstungen aus dem Leben geschieden ist und daß er am Ende seiner Tage in der Kirche doch noch mehr erkannt hat, als eine ehrwürdige Institution, der der Staat schon deßhalb mit Wohlwollen entgegen­kommen muffe, weil zwei Dritttheile seiner Angehörigen Pch zu ihr bekennen.

Dr. Johannes Frhr. von Lutz war, wie bekannt, am 4. Dezbr. 1326 zu Münnerstadt in Unterfranken geboren und der Sohn eines Lehrers, der als streng­gläubiger und treuer Sohn der katholischen Kirche den Entwicklungsgang seines Sohnes und namentlich seine kirchliche Haltung schmerzlichst empfunden haben soll.

Nachdem er das Gymnasium absolvirt hatte, stu- dirte er 1843 bis 1848 in Würzburg Philosophie und Jurisprudenz, trat 1852 in die anwaltschaftliche Praxis, erlangte 1854 als Assessor am Kreis- und Stadtgerichte Nürnberg Anstellung, und wurde 1857 der in Nürn­berg tagenden Konferenz für Bearbeitung eines deut­schen Handelsgesetzbuches als Protokollführer beigegeben. Als diese Funktion beendet war, wurde er als Hülfs- arbeiter in das Justizministerium einberufen, und am 1. Januar 1863 vom König Max II. zum Sekretär in seinem Privatkabinet ernannt. König Ludwig II. erwählte ihn im Dezember 1866 zum Chef des Kabi- nets. Aber schon am 1. Oktober 1867 übernahm er im Ministerium Hohenlohe das Portefeuille der Justiz, und führte den bayerischen Zivilprozeß vom Jahre 1869 «in. Nach dem Abgänge des Ministers Gresser über­nahm er auch das Kultusministerium, das er beibe­hielt, als im August 1871 eine Neubildung des Mini­steriums stattfand, und Dr. v. Fäustle das Portefeuille der Justiz übernahm. Nach dem Abgänge des Mini­sters Frhr. v. Pfretzschner wurde er Ministerpräsident. König Ludwig II. überschüttete ihn lange Zeit mit Gnadenerweisen, und erhob ihn insbesondere in den erblichen Freiherrnstand. Auch ,Prinz-Regent Luitpold fügte den Auszeichnungen bei, was noch fehlte, und verlieh ihm insbesondere den Hubertusorden.

Es ist schwer, jetzt am offenen Grabe des verstor­benen Ex-Kultusministers ein Urtheil über seine Thättg- keit und seine Erfolge abzugeben. Wir werden uns aber kaum gegen den Grundsatz „de mortuis nil nisi bene“ verfehlen, wenn wir heute eine liberale Stimme citiren und die kurzen Ausführungen hier zum Abdruck

Aus dem Leben Don Dosco's.

Am 31. Januar 1888 wurde ein Apostel der echten Humanität, ein Muster christlicher Nächstenliebe, ein Jugendfreund und Erzieher, der die höchste Be­wunderung verdient, aus seinem irdischen Arbeitsfelde abberufen, um den Lohn im Himmel zu empfangen, lieber ganze Länder haben sich seine Anstalten ver­breitet und Hunderttausende von Kindern verehren ihn als ihren Vater. Erst in den jüngeren Jahren wurde sein Name und sein Werk auch in Deutschland allge­meiner bekannt und sein Beispiel ist für viele christ­liche Erzieher ein mächtiger Ansporn zu ähnlicher Thätigkeit geworden. Aber nicht der Erfolg nach außen macht die Größe dieses Mannes aus, sondern seine selbstlose Hingabe, seine heroische Liebe zur Jugend, und sein unerschrockener Müth gegenüber den mäch­tigsten Gegnern seines Werkes. Folgender ausführ­liche Bericht über eine Audienz Don Bosco's bei den Ministern Farini und Cavour wird den Charakter dieses von Gott so hoch begnadeten Mannes in Hellem Lichte zeigen.

Ein gewaltiger „Kulturkampf“ hatte in Sardinien sich erhoben. Die Jesuiten waren verttieben, der Erz­bischof von Turin verbannt, die Klöster aufgehoben,

bringen, welche sich über Herrn von Lutz in Meyer'S Konversattons-Lexikon 3. Auflage Band X Seite 1039 finden. ES heißt daselbst:

„Hervorragenden Antheil nahm Lutz an den Ver­handlungen über die Begründung des Deutschen Reichs, erst in München, dann in Versailles, und vertheidigte den Vertrag vom 23. November 1870 im Dezember 1870 und Januar 1871 vor den bayerischen Kammern in längeren eindringlichen und erfolgreichen Reden. Bei der Neubildung des Ministeriums im August 1871 gab Lutz die Justiz ab, behielt aber daS bei dem be­ginnenden Kampfe besonders wichttge Ministerium des Kultus. Die Abwehr der ulttamontanen Herrschafts­gelüste machte er sich nun zur Hauptaufgabe und ver­anlaßte den Beschluß des sog. Kanzelparagraphen durch Bundesrath und Reichstag tm November 1871, wel­cher die politischen Ausschreitungen deS Klerus im Zaume halten sollte. Auch in Bayern selbst trat er der anmaßenden Forderung der Bischöfe, daß die Re­gierung den Altkatholizismus unterdrücken solle, mit Energie entgegen, besonders in einer Kammerrede vom 14. Oktober 1871, wenngleich die Altkatholiken selbst von seinem durch Rücksichten beschränkten Verhalten nicht zuftieden gestellt sind. Im Juni 1874 machten die Ultramontanen der bayerischen Kammer einen plötz­lichen Versuch, durch Verweigerung der Etatspofitionen für den höheren Unterricht den ihnen besonders ver­haßten Lutz zu stürzen. Lutz vertheidigte sich sehr geschickt und schlug den Angriff siegreich ab. Große Entrüstung bei den Ultramvntaum erregte auch im Herbste 1875 eine Aeußerung des Ministers über die jesuitischen Wahlumtriebe des Bischofs von Regens­burg. Lutz, der sich der unerschütterlichen Gunst des Königs erfreut, sucht durch Besetzung der erledigten Bisthümer mit gemäßigten friedliebenden Männern den klerikalen Hetzereien ein Ende zu machen.“

Dieser Artikel stammt aus dem Jahre 1877. Wie er etwa heute lauten würde, wollen wir unserseits nicht untersuchen. Nur eines wollen wir betonen: Herr- von Lutz, der jetzt die Augen für immer schloß und von seinem ewigen 'Richter das Urtheil erwartet, war nicht mehr jener Lutz, der „sich die Abwehr der ultramontanen Herrschaftsgelüste zur tauptaufgabe machte“, der „den sogen, anzelparagraphen veranlaßte“, der „der anmaßenden Forderung der Bischöfe, daß die Regierung den Altkatholizismus unter­drücken solle, mit Energie entgegentrat.“ Schon bald nach dem Jahre 1876 ließ seine „Energie“ nach, sein Auftreten nahm versöhnlichere Formen an, und wenn „auf ihn hergeschossen“ wurde, waren die Schüsse, die er zurückgab, viel weniger scharf, als früher. Im Landtage 1880/81 machte er auch mate­rielle Konzessionen, — dieselben, die er auch dem hochwürdigsten Episkopate in seiner Antwort auf ihr

das Kirchengut verstaatlicht, kirchliche Anstalten ver­nichtet oder im Bestände gefährdet.

Auch gegen Don Bosco erhob sich der Sturm. Don Bosco hatte gegenüber den Anschuldigungen und Verdächttgungen seiner Person und seines Oratoriums eine Erklärung erlassen, die in normalen Zeitverhält­nissen die Regierung hätte beruhigen können: aber in jenen Tagen war davon nichts zu hoffen, sowohl bei den täglichen Hetzereien der schlechten Presse, welche durch Erfindung und Verbreitung der gröbsten An­klagen die öffentliche Meinung zu fälschen und die Staatsbehörde aufzureizen suchte, als auch bei dem Charakter der Männer, die das Staatsruder führten, und bei dem unsicheren Ausgange der damaligen Ver­wickelungen in Italien, sich leicht von ihren Unterbe­amten täuschen ließen und oft Feinde und Gefahren erblickten, wo sie nicht waren.

Heftig waren die Angriffe der schlechten Presse. „Im Hause des Don Bosco“, schrieb ein Blatt, „wer­den strafbare Beziehungen gepflogen; man untersuche nur gehörig und man wird sie finden.“

Die Regierung sende verlässige und unparteiische Männer hin, und sie wird die Fäden der geplanten Verschwörung entdecken, schrieb ein anderes. — Die .Gazetta bei Popolo' schrieb: Das Oratorium des

Memorandum schriftlich erneuerte. Allerdings stand er auch noch am 15. März heurigen Jahres, als er den Ausschluß der Altkatholiken aus der katholischen Kirche anerkannte, noch unter dem Banne der Wahnvorstellung, daß das Dogma vom unfehlbaren päpstlichen Lehramte staatsgefährlich sei. Allein, Gott sei es gedankt, die Wahnvorstellung, von der sich der aktive Staats­mann mit all' feiner geistigen Begabung nicht loszu­machen vermochte, zerfloß vor dem Lichtstrahle der göttlichen Gnade, als er sein Amt niedergelegt und Muße gefunden hatte zur Selbsteinkehr, und als schwere Krankheit mit ihren unbeschreiblichen Schmerzen und ihrer beständigen Todesgefahr ihm die Nichtigkeit der Welt und aller ihrer Herrlichkeit vor Augen führte. Es war schon ein erfreuliches Zeichen, als Nieder- brouner Schwestern mit seiner Pflege betraut wurden, und noch erfreulicher war es, als es kund wurde, daß sich Herr von Lutz nicht mit der leiblichen Pflege dieser Schwestern allein begnüge, sondern daß er auch fleißig mit ihnen bete. Arn heiligen Fronleichnamsfeste wurde er zum ersten Male mit den heiligen Sterbesakramenten versehen und seither wurde seine Umkehr eine so voll­ständige, daß er in die Hände des Hochw. Herrn Erz­bischofs Antvnius das Bekenntniß ablegte: „Ich glaube, was die katholische Kirche zu glauben vor stellt.“ Die große Freude, die diese Nachricht in allen katholischen Kreisen in und außer Bayern erweckte, war wohl ein Beweis dafür, daß Herr von Lutz durch seine Aussöhnung mit der Kirche auch die Versöhnung aller Katholiken, — auch jener, die von ihm und durch ihn Manches zu leiden hatten, bewirkt hat, und wahrlich, wir wären keine Katholiken, wenn wir auch jetzt noch nur den leisesten Groll gegen ihn hegten !

Wir hätten ihm von Herzen noch ein langes Leben und Ruhe und Freude gegönnt. Aber Gottes Rath­schluß wollte es anders; eine fast zehnmonatliche un­heilbare Krankheit machte jetzt seinem Leben ein Ende, ' und nach all' den Schmerzen, die er zu leiden, nach 'ast-.den Beängstigungen, die er auszustehen hatte, war fitt> ihn der Tod eine Erlösung!

' 'Wir können nut wünschen und beten, daß dem Dahingeschiedenen Gott ein barmherziger Richter sein und daß ihm die harten Prüfungen und Heimsuchungen am Schluffe seiner irdischen Laufbahn die Pforte in in ein besseres, ewig glückseliges Jenseits geöffnet haben mögen!

Möge der liebe Gott auch seinen Hinterbliebenen Trost und Stärke geben und insbesondere seiner edlen Gemahlin, die, obwohl sie nicht auf unserem konfessio­nellen Standpuntte stand, gleichwohl die Diener der Kirche an das Krankenbett des Gatten rief, es ver­gelten, daß sie es ihm ermöglichte, im Frieden mit Gott, der Kirche und der Welt aus dem Leben zu scheiden!

heiligen Franz von Sales ist das Centrum der Re- attion: das Ministerium wird die ihm drohende Ge­fahr nie beseitigen, so lange es das Wespennest von Valdocco bestehen läßt. — In diesem Tone ging'S fort bei den Freimaurerblättern. Es fehlte zwar nicht an Stimmen, welche das Lächerliche der Beschuldig­ungen, die Ungerechtigkeit und Gemeinheit der Angriffe darlegten und verschiedene Zeitschriften brachten, sieg­reiche Vertheidigungen Don Bosco's.

Allein die Gegner, taub für die Vertheidigungs- gründe, wiederholten nur ihre Verleumdungen und drängten die Regierung, der Anstalt ein Ende zu machen. Von Tag zu Tag war die Schließung des Oratoriums und die Verjagung der Mitglieder und Zöglinge zu befürchten.

Um den erregten Sturm zu beschwören, gedachte Don Bosco zum Minister Farini zu gehen, überzeugt daß er persönlich ganz leicht seine Schuldlosigkeit würde darlegen können. Deshalb suchte er um eine Audienz nach. Er hoffte sie bald zu erlangen, aber er täuschte sich; er wiederholte seine Bitte, aber umsonst. ES schien, als ob der Richter die Gegenwart des Ange­klagten fürchtete; oder besser, es schien, als ob im hohen Rathe die Aufhebung des Oratoriums beschlossen war. „Gut war es für uns, schreibt ein Schüler