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JM 206.

Sonntag, den 7. September 1890.

17. Jahrgang

Die Lfuldaer Zeitung" erscheint täglich, Senn- mck Feiertage ausgenommen.

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uldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck u. »erlag der Fuldaer »ttiendruckerei (I. Dillmann).

— Die KatholiKen-Derfammlung in Kobirnj.

Die verflossene 37. Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands reiht sich den bedeutendsten und wichtigsten ihrer Vorgängerinnen ebenbürtig an. Die Zahl der Theilnehmer war so groß, daß die gewaltige Festhalle kaum alle zu fasien vermochte. Und auch die Qualität der Besucher gereichte der Generalversamm­lung zur besonderen Ehre. Alle Stände waren ver­treten, vom Fürsten bis zum einfachen Landmann und Handwerker. In früheren Jahren war es eine beliebte Gepflogenheit der gegnerischen Presse, die Liste der Generalversammlung auf Diejenigen zu prüfen, die nicht da waren. Diesmal war die Mühe umsonst, und nirgendwo hat man etwas von „Vermißten" lesen können. Wenn freilich neben den regelmäßigen Be­suchern der Versammlungen und den niemals vermißten katholischen Koryphäen auch Männer wie Freiherr von Schorlemer-Alst, Graf Konrad v. Preysing, Fürst Jsenburg-Birstein u. s. w. sich einfanden, so mußte die Kritik schweigen. Ja, wir glauben sogar nicht irre zu gehen, wenn wir behaupten, daß die zündenden und markigen Worte, welche der „westfälische Bauernkönig" am Begrüßungsabende an die Versammlung gerichtet, unsere Gegner hüben und drüben recht unangenehm berührt haben. Vollste Einigkeit und Ein- müthigkeit, das war die Signatur der verflossenen Tage von Koblenz, und jene Propheten, die vor Kurzem noch das alte Lied von der Spaltung im Centrum und der tiefen Kluft im katholischen Lager sangen, sind wieder einmal Lügen gestraft worden. Ausge­zeichnet war die Versammlung auch durch den Besuch zweier Bischöfe, des Erzbischofs von Köln und des Bischofs von Trier. Kraftvoller als je und festgefügt steht die katholische Phalanx da, bereit, an allen positiven Aufgaben, welche auf die Wiederher­stellung der christlichen Staatsordnung und die Heilung der sozialen Schäden hinzielen, eifrig mitzuarbeiten, in gleicher Weise aber auch bereit, Angriffe auf die katho­lische Selbstständigkeit und Eigenart abzuwehren und die der Kirche noch vorenthaltenen Freiheiten auf gesetz­lichem Wege zurückzuerobern.

Zwei Umstände machten die heurige Generalver­sammlung schon an und für sich bedeutungsvoll: zu­nächst ihre Münchener Vorgeschichte, die hin­länglich bekannt ist und am Begrüßungsabende in ebenso verständlicher als loyaler und taktvoller Weise abgethan wurde. Sodann aber auch der Umstand, daß die Koblenzer Versammlung die erste in der sogen, „neuen Aera" war, die erste nach dem Wechsel der obersten Regierungscharge im Reiche und in Preußen, die erste, seitdem der Kaiser in engem Anschluß an das alte sozialpolitische Centrumsprogramm die s o z i a l e Standarte erhoben hat. Dem letzteren Umstande hat sowohl die Generalversammlung selbst als die gleich­zeitig mit ihr tagende Zusammenkunft des Verbandes „Arbeiterwohl" gebührend Rechnung getragen. Es war wohl das erste Mal, daß von einer katholischen Generalversammlung aus ein Telegramm an Seine Majestät den Kaiser ybgesandt wurde. Entsprach dieser Modus mehr den Bestrebungen des „Arbeiterwohl", so beschränkte sich die Generalversammlung selbst darauf, durch eine kräftige Resolution dem Kaiser für seine arbeiterfreundliche Initiative und seine Sorge um die Herbeiführung des sozialen Friedens, den tiefgefühlten Dank auszusprechen. Aber auch der Centrumsfraktion wurde der Dank der deutschen Katholiken für ihre sozialpolitische Thätigkeit zu Theil, und mit diesem Danke verband sich ein sehr verständlicher Protest gegen die neuerdings sich geltend machenden rückläufigen Strömungen. Die es angeht, werden es verstehen. Daß auch im Uebrigen die Arbeiten der Generalver­sammlung und ihrer Annexe in vorderster Reihe der sozialen Frage und ihren Unterftagen gewidmet

waren, ergibt schon ein kurzer Blick in die

Verhandlungsberichte. Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, die reiche, von Jahr zu Jahr sich stei­gerndes Fülle des Verhandlungs-Stoffes hier im Ein­zelnen'; durchzugehen, nur auf einige hervorstechende Punkte soll kurz hingewiesen werden. Neben der

römischen Frage, welche durch die erneute For­derung der Wiederherstellung der weltlichen Souveräne- tät des Papstes scharf betont wurde, stand die Schul- und die Ordens-Frage nebst der Missions-Frage im Vordergründe. Die Windthorst'schen Schul-Reso­lutionen fanden begeisterte Annahme. Unsere Gegner fühlen nicht mit Unrecht heraus, daß die Schul- Frage für die Katholiken und für alle positiv-gläu­bigen Christen die wichtigste und brennendste Frage der Zukunft ist. Wenn sie es nicht bereits wüßten, hätten sie es von den Berliner Sozialdemokraten lernen kön­nen, welche unter der Devise „der Schule gehört die Zukunft" ihre Genossen aufforderten, aus der evange­lischen Landeskirche auszutreten, damit sie ihre Kinder nicht in den Religions-Unterricht der heutigen Schule zu schicken brauchen. Wir hoffen und sehen voraus, daß schon die nächste Zukunft in dieser Frage die be­stehenden Abneigungen und Vorurtheile der posiw gläubigen evangelischen Christen beseitigen oder wenig­stens mildern wird. Denn der Kampf muß in Zu­kunft der des Christenthums gegen das sich immer mehr vordrängende Neuheidenthum sein.

In der Ordens-Frage ist unsere Forderung nach wie vor: Beseitigung aller gesetzlichen Schranken für alle Orden ohne Ausnahme und für alle deutsche Staaten, auch für das „kuttenängstliche" musterliberale Baden. Die Jesuiten und ihre Ordens - Verwandten müssen nach Deutschland zurück, und Windthorst hat ganz mit Recht vorgeschlagen, daß durch eine populäre Schrift den landläufigen Vomrtheilen gegen die Ge­sellschaft Jesu entgegengetreten werden soll. Wie iu den deutschen Kolonien, so sollen auch im Mutterlande alle Orden frei sein . und ihre Zöglinge frei erziehen können. Diese Forderung wird nach dem 1. Oktober nach derAufhebung des Sozialisten-Gesetzes doppelte Berechtigung haben, aber auch eine doppelte Nothwendigkeit sein.

Auch das übrige kirchenpolitische Gebiet wurde ge­bührend behandelt. Nicht nur fand das Staatskirchen- thum, besonders das bayerische und badische, eine tref­fende Beleuchtung durch berufene Redner, sondern auch gewisse bisher wenig beachtete unerhörte Mißstände in einigen deutschen Kleinstaaten, in Mecklenburg und in Braunschweig, wurden in's rechte Licht gestellt.

Dem reichverzweigten katholischen Vereinswesen, den Werken der Charitas, der Presse, Literatur und Kunst wurde eingehende Aufmerksamkeit geschenkt. Die Frage der Gründung einer katholischen Universität oder eines vorläufigen Ersatzes für dieselbe durch entsprechende Einrichtungen an den bestehenden Universitäten soll demnächst von den berufenen Kreisen ernstlich in An­griff genommen werden. Die katholische Wissenschaft wird in diesen Tagen in Augsburg durch die General- Versammlung der Görres-Gesellschaft auch für weitere Kreise sich bemerkbar machen.

Windthorst hat mit Recht erwähnt, daß die deutsche Katholiken - Versammlung in diesem Jahre durch den Besuch nicht nur aus Oesterreich und der Schweiz, sondern selbst aus Frankreich, Belgien, ^Spanien, Ame­rika eine internationale Bedeutung erlangt habe. Dem internationalen Gedanken trug er auch durch den Vorschlag eines im nächsten Jahre abzuhaltmden 2. Kongresses katholischer Gelehrten in Paris Rechnung.

Möge die so herrlich und so ftiedlich verlaufene katholische Heerschau reiche Früchte tragen zum Segen des Staates und der Gesellschaft, zum wahren Wohle der Kirche! ____________________________________

Deutsches Keich.

Berlin, 5. September.

* Der Kommissar des deutschen Katholikentags Fürst zu Löwenstein, hat am letzten Tage der Ver­sammlung dem Kardinal Rampolla durch den Draht von den gefaßten Resolutionen über die Nothwendig- keit der Wiederherstellung der territorialen Souverainetät des hl. Stuhles und über das Segensreiche eines in­ternationalen päpstlichen Schiedsgerichts, dann auch von dem Beschluß der Einsetzung eines Komitees für die Geldsammlung für Rest"urirung der deutschen Kapelle in Loreto Kenntniß gegeben. Die hieraus an

den Fürsten zu Löwenstein gerichtete Antwor lautet: „Der hl. Vater hat huldvoll die Mittbeilung der auf dem dortigen Katholiken-Kongreß gepflogenen Verhandlungen entgegengenommen; ist erfreut über den hingebenden Eifer für den hl. Stuhl und ertheilt dir, so wie den übrigen mit dir Vereinigten liebevoll den apostolischen Segen. Kardinal Rampolla."

* Die verdienstvollen Christlich.sozialen Blätter in Neuß empfingen von Herrn Kardinal Melchers fol­gende Zuschrift:

„Geehrter Herr! Der hl. Vater P a p st L e o XIII., welcher der deutschen Sprache nicht kundig ist, hat durch müudliche Mit­theilungen Kenntniß 'erhalten von den unter Ihrer Redaktion erscheinenden Christlich-sozialen Blättern, worin seit einer schon langen Reihe von Jahren die Grundsätze des katholischen Glau­bens und des Apostolischen Stuhles insbesondere in Betreff der sozialen Verhältnisse und Bedürfnisse mit eben so viel Entschie­denheit und Freimuth, als Ehrfurcht gegen die Erlasse des Pap­stes beharrlich entwickelt und vertheidigt werden. Der hl. Vater hat darüber in einer heutigen Audienz dem Unterzeichneten sein Wohlgefallen ausgedrückt und sendet Ihnen hiedurch seinen apo­stolischen Segen mit dem Wunsche, daß Sie auf Ihrem Wege mit Muth und Vertrauen fortfahren, in der festen Ueberzeugung, daß die großen Uebel der sozialen Verhältnisse nur auf dem Wege der wahren Grundsätze des christlichen Glaubens und der christ­lichen Liebe, welche die katholische Kirche lehrt und ihr Oberhaupt verkündigt, zur Heilung geführt werden können. Indem ich die Ehre habe, diese ohne Zweifel Ihnen zum Tröste und zur Freude gereichende Mittheilung zu übermitteln, verbinde ich damit den Ausdruck herzlichen Grußes und Segenswunsches. Rom, 27. Juli 1890. P. Kart». Melchers."

* Die aufsehenerregenden Enthüllungen eines Ber­liner radikalen Blattes über den Mißbrauch, den ein bekannter Berliner Schriftsteller mit seiner Machtstellung als Theaterkritiker getrieben, haben in den am meisten interessirten Blättern, nämlich der Presse des jüdischen Literatenringes, ein feierliches Schweigen hervorgerufen. Herr Paul Lindau ist nämlich ein sehr jugendfreundlicher Herr und eine Krähe hackt be­kanntlich der andern kein Auge aus. Wenn man nun aber geglaubt hätte, daß man in der Beurtheilung des Berliner Literatenringes zu weit gegangen sei, daß man mit Unrecht solche Mißbräuche der literarischen Macht als allgemein üblich gegeißelt habe, so würde man dies heute besser wissen. Der Herausgeber der Zeitschrift »Freie Bühne", Herr Dr. Otto Br ahm, erklärt heute: Sehen wir doch alle in den Spiegel und greifen wir in unsere eigene Brust; wer sich über den Fall Lindau noch wundert, der kennt unser Ber­liner Zeitungswesen nicht. Was Lindau gethan hat — du lieber Gott — das kommt unter uns Brüdern alle Tage vor; es ist höchstens das Pech des Herrn Lindau, daß er an eine gefährliche Adresse vertrauens­selige Briefe geschrieben hat. Soweit Herr Brahm. Herr Lindau hat als verheiratheter Mann Beziehungen zu einer Schauspielerin, die ihm schließlich den Lauf­paß gibt; aus Rache soll nun die Schauspielerin mit den Mitteln der Kritik und unter dem Scheine des Kunstinteresses unmöglich gemacht werden. Daß dieser nette Anschlag an den Tag kommt, nennen die zart­fühlenden Leute — Pech!!

* Neber die Verwendung des Dr. Peters im Reichsdienst ist nach der .Post' noch nichts Sicheres bekannt. Die Schwierigkeiten, für ihn eine passende Verwendung zu finden, seien groß, obwohl man ihm in jeder Weise entgegenkommen werde. Es feien ein­mal allerlei formale Bedenken vorhanden, wenn auch heute weniger stark als früher. Auch die stark aus­geprägte Eigenart des Herrn Dr. Peters erschwere es, ihm innerhalb der Verwaltung eine passende Stel­lung anzuweisen. Die Nachricht, daß er für das Ge­neralkonsulat in Sansibar in Aussicht genommen sei, sei jedenfalls unrichttg; Peters fehle es für eine solche Stellung an der geschäftlichen Erfahrung. Es scheine, daß man ihm eine Stellung schaffen möchte, welche ihm die Entfaltung seiner Gaben ihn ähnlicher Weise wie bei seiner letzten Expedition gestattet. Ueber das „Wie" werde in den bevorstehenden Konferenzen ent­schieden werden. Dr. Peters würde jetzt eine um so größere Verantwortung haben, als eine geschickte Be­handlung der Eingeborenen in Ostafrika im Frieden und Kriege von großer Wichtigkeit sei und feine fer­nere Thätigkeit sich innerhalb der deutschen Jnteressm- sphäre bewegen würde.

* Augsburg, 2. Sept. (Generalversammlung der