JW 205.
Samstag, den 6. September 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Deutsches Keich.
Berlin, 4. September.
* Für Dezentralisation der Katholiken - Versammlungen plädirt die .Kölnische Volkszeitung' in ihrer letzten Wochen-Rundschau, indem sie schreibt: Die Befriedigung über den ganzen Verlauf war eine unge- theilte; immerhin aber drängt sich die Erwägung auf, ob diese Versammlungen dauernd auf dem bisherigen Fuße fortgeführt werden können. Dieselben haben allmählich einen solchen Umfang angenommen, daß nur noch in wenigen deutschen Städten vollständig ausreichende Räumlichkeiten sich finden . ......
Unter diesen Umständen muß man sich vielleicht mit dem Gedanken vertraut machen, in einzelnen Städten gleichzeitig mehrere Versammlungen tagen zu lassen, wie dies bei dem Pfälzer Katholikentage der Fall war. Aber auch in anderer Richtung werden vielleicht Aenderungen in der Organisation der Katholikentage bezw. ein Zurückgreifen auf die frühere Organisation der General - Versammlungen in Betracht zu ziehen sein. Dieselben hießen früher General-Versammlungen der katholischen VereineDeutschlands und wahrten strenger diesen Charakter. Die dadurch erleichterte Einzel-Arbeit hatte nicht zu verkennende Vortheile; sie ermöglichte es, den speziellen Gegenstand reiflicher nach allen Seiten zu erörtern und die Ergebnisse^ möglichst konkret auszugestalten, weil die Besprechungen in weniger ausgedehnter Weise stattfanden. Das mußte Jedem so recht zum Bewußtsein kommen, wenn er zum Beispiel die am Dienstag Morgen im Saale des Görres - Baues abgehaltene General - Versammlung des Verbandes Arbeiterwohl mit der alsbald darauf folgenden, oder vielmehr schon während dieser General-Versammlung beginnenden geschlossenen General-Versammlung in der Festhalle verglich. Die General-Versammlung des Arbeiterwohl war eine Muster- Versammlung : jeder einzelne Vortrag wohl durchdacht, die daran sich anschließende Diskussion eine angeregte und förderliche, weil eben die Raum-Verhältnisse des Saales allgemeines Verständniß der Redner und allgemeine Antheilnahme ermöglichten. Nur Redner mit bevorzugtem Organ vermögen sich dagegen in Räunien von dem Umfang der Festhalle für das ganze Publikum verständlich zu machen, in den sogen, öffentlichen Versammlungen mit vorher angekündigtem Programm (der Rednerliste) noch leichter, als in den sogen, geschlossenen Versammlungen, in welchen die in den Sektionen vor- berathenen Gegenstände zur Beschlußfassung vorgelegt werden. In letzteren ist in Folge des größeren Andranges und der größeren Beweglichkeit des Publikums ein Austausch in Rede und Gegenrede auf's Aeußerste erschwert, theilweise unmöglich. Die Folgerungen aus
(*) Zum 3. September.
(Schluß.)
In der That vereinigte Gregor tn seiner Hand die Fäden der Regierung nicht nur für die Stadt, sondern für die griechischen Besitzungen in Italien überhaupt, Ravenna vielleicht ausgenommen; er erscheint fast wie der oberste Kriegsherr in Italien. Jetzt befiehlt er dem Bischof von Cagliari in Sardinien, an allen Orten Wachen bereit zu halten; dann ertheilt er den verschiedenen Befehlshabern auf dem Feftlande kriegerische Rathschläge, behält aus strategischen Gründen Truppen zurück, die jene verlangt hatten, fordert seinerseits, daß sie den Feind im Rücken beschäftigen; dann wieder ernennt er selbst einen Befehlhaber für Nepe in Tuseieu und ermahnt Klerus, Beamte und Volk, demselben zu gehorchen; er sendet selbst einen Mann seines Vertrauens als Tribun nach Neapel und verlangt von den kaiserlichen Truppen, daß sie ohne Weiteres dessen Befehlen sich fügen.
, Den schreienden Uebergriffen der Beamten des Kaisers trat er stets mit allem Nachdruck entgegen zum Schutze einzelner, wie ganzer Provinzen, bald durch Mahnungen, bald durch Berichte an Kaiser oder Kaiserin, endlich, wenn nichts anderes übrig blieb, indem er sie öffentlich an den Pranger stellte. Dem neuerhobmen Kaiser Phokas selbst aber rief er ent-
dieser Wahrnehmung sind sehr naheliegende: mehr kleinere Versammlungen, welche ihr Publikum unter den Mitgliedern eines bestimmten Vereins ober den für eine große Frage speziell sich Jnteressirenden suchen, und eine gewisse Beschränkung der allgemeinen Versammlungen, zu welchen jedes Mitglied der General- Versammlung Zutritt hat. Selbstverständlich dürfen die großen allgemeinen Versammlungen in keiner Weise in Wegfall kommen; sie haben eine ganz außerordentliche Bedeutung, welche ihnen durchaus nicht verkümmert werden soll. Aber vielleicht wäre eine Verringerung der Zahl dieser Veranstaltungen im vorbezeichneten Sinne zu Gunsten ausgiebigerer Detail- Arbeit empfehlenswerth. Man wird jedenfalls die Erfahrungen der letzten General-Versammlungen von berufener Seite ein Mal besonders in's Auge zu fassen haben; vielleicht verdichten sich die flüchtigen Gedanken und Andeutungen bis zur nächstjährigen General-Versammlung zu positiven Anregungen und Anträgen.
* Die Stellung der Regierung zur Sozialdemokratie charakterisirt die ,Magdeb. Ztg.' also: Seitens der Regierung ist man entschlossen, vorläufig eine rein zu- toartcnbe Stellung zu bewahren, um alles weitere von bem Umfange des Bedürfnisses abhängig zu machen. Einstweilen sind indessen an die Aufsichtsbehörden besondere Weisungen dahin ergangen, die vorhandenen Bestimmungen mit aller Strenge in Anwendung zu bringen und in gegebener Frist an die Centralstellen über die gemachten Wahrnehmungen zu berichten.
* Zur Feier des 90. Geburtstages des General- Feldmarschalls Grafen v. Mnltke werden auch an der Universität schon Vorbereitungen getroffen. — Aus Parchim wird der Post geschrieben: Man wünscht hier, daß das große Berliner Komite dem Plane beitritt, Moltkes Geburtshaus anzukaufen und eine Moltkestiftung darin unterzubringen. Das Geburtshaus besitzen jetzt in Parchim zwei Fräulein Schneider, Lehrerinnen an einer höheren Töchterschule. Diese haben dem Parchim'schen Komite das Vorkaufsrecht bis künftige Ostern eingeräumt. Am Sonnabend hat hier eine Versammlung, der neben dem Magistrat und der Reichstags-Abgeordnete Graf Schlieffen-Schlieffen- berg anwohnte, beschlossen, eine größere Anzahl von Reichstags-Abgeordneten zu ersuchen, diese Angelegenheit möglichst zu fördern. J$)xe ,Kreuzztg.' empfiehlt, zu Ehren Moltke's eine Stiftung zu gründen, ans welcher der Armee entstammende, hervorragende militärisch-wissenschaftliche Arbeiten prämiirt wurden.
* Die .Germania' tritt sehr energisch für die Forderung des Polnischen Erzbischofs seitens der Polen ein. Sie meint, daß die preußische Regierung vom Vatikan nicht verlangen könne, daß er durch Ernennung eines deutschen Bischofs die Gefühle der Polen verletze. Dann
gegen: „Es mögen aufhören die juristischen Schliche bei den Testamenten und die abgezwungenen (»genannten freiwilligen Geschenke. Es kehre zurück für alle der ruhige Besitz des Eigenthnms, daß sie ohne Furcht dessen sich erfreuen können, was sie friedlich erwarben haben; es werde wieder unter dem Schutz einer muoen Regierung den Einzelnen die Freiheit gewährt. Denn das ist der Unterschied zwischen den Barbarenkönigen und den Imperatoren des römischen Gemeinwesens, daß die Barbarenkönige die Herren von Sklaven sind, die römischen Kaiser aber die Beherrscher freier Männer."
Man sieht, bei alledem war Gregor mehr als ein großer Regent: er war ein Freund und Wohlthäter der Menschheit; er war, wie man jetzt sagen würde, ein großer und praktischer Sozialpolitiker. Man muß die furchtbare Erniedrigung der arbeitenden Klaffe in der römischen Welt im Auge behalten, aber auch den mächtigen geistigen Einfluß dieses Papstes auf das ganze Mittelalter, um annähernd schätzen zu können, was Gregor für die Menschheit, was er für die Ehre der Arbeit gethan hat. Den Sklaven, die zahlreich auf den Gütern der römischen Kirche theils als Handwerker, theils als Ackerbauer arbeiteten, und deren man in den gegebenen Verhältnissen einmal nicht entbehren konnte, bereitete er ein freundliches und gesichertes Dasein, so daß häufig Sllaven fremder Besitzer auf die Patri-
heißt es weiter: „Die polnische Bevölkerung ist auf dem besten Wege, ein zuverlässiges, für alle Eventualitäten treues und opferwilliges Glied des Staates trotz der Verschiedenheit der Abstammung und Sprache zu werden. Bei der Posener Erzbischossfrage ergibt sich für die Regierung die Alternative, ob sie über zufriedene, den Staatsaufgaben ergebene Untertanen herrschen, oder ob sie eine im Innern knirschende Bevölkerung den schweren Versuchungen des Schismas, Panslawismus und Sozialismus überantworten will. Für uns ist unzweifelhaft, durch welchen Entschluß man den Staate stärkt und einigt, und durch welchen man ihn schwächt und lockert."
* Die .Berliner Zeitung' berichtet, ein katholischer Lehramts-Kandidat, welcher auf Anstellung in Berlin rechnete, sei von zwei Schulräthen mit der bündigen Erklärung abgewiesen worden, daß Katholiken als Lehrer an staatlichen höheren Lehranstalten in Berlin und dessen Umgegend nicht angestellt würden. Das Blatt hält entgegen, daß an den städtischen höheren Lehranstalten Katholiken anstandslos angestellt wurden, ausgenommen an zwei stiftungsgemäß Protest. Gymnasien. ~ * Der Land-Truppe, und Flotte der deutschen Schutz-Truppe für Ost-Afrika gehören gegenwärtig 184 Deutsche an. Das Offizierkorps der Landtruppe wird von 44 Herren gebildet. An der Spitze derselben steht Reichs- Kommissar Major v. Wißmann, gegenwärtig vertreten durch Chef Dr. Schmitt. 12 der Offiziere führen den Titel Chef, 4 sind Premier-Lieutenants, 22 Sekonde- Lieutenants. Dazu kommen 2 Chef-Aerzte und 3 Assi- steuz-Aerzte. Auf Urlaub befinden sich gegenwärtig 4 Herren (v. Wißmann, v. Gravenreuth, v. Eberftein und Dr. Bumiller). während 2 (Langheld und Dr. Stuhlmann) Emin Pascha auf feiner Expedition begleiten. Die Schutz-Truppe zählt ferner 13 Deck-Offiziere 1. Kl. und 3 Deck-Offiziere 2 Kl. und an Unteroffizieren 11 Feldwebel, 11 Vize-Feldwebel, 22 Sergeanten, 63 Unteroffiziere. Zur Flotte gehören 3 Kapitäns, 8 Deck-Offiziere, 14 Unteroffiziere, 3 Matrosen.
* Der Kaiser hat zu den Kosten des in Kamerun für die daselbst in Ausübung ihres Berufs verstorbenen Beamten, Offiziere und Gelehrten zu errichtenden Grabdenkmals einen Zuschuß von 1000 M. bewilligt.
* Der Kampf der beiden Richtungen unter den Antisemiten der Liebermann'schen und der Böckel'schen geht weiter. Soeben erläßt der Vorstand des „Anti- semitisch-sozialen Wahlvereins für Niederhessen und Waldeck" in Kassel eine lange Erklärung gegen den antisemitischen Abgeordneten für Rinteln, Herrn Werner. „Nicht nur hat Herr Werner sich als deutsch-sozialer Abgeordneter in Rinteln wählen lassen, um hernach zu Böcke! überzugehen, er hat auch im vorigen Jahre dem antisemitischen Reformverein in Kassel gegen«
monien geflüchtet tarnen mit der Behauptung, daß sie nicht ihren Herren, sondern der römischen Kirche- zuständig seien. Gregors strenges Rechtsgefühl sah sich genöthigt. Ms^regeln gegen solche Zuläufer zu ergreifen. Die Freilassung begünstigte er, wo immer er es konnte; dem Versuch, Freie zu Sklaven zu machen, trat er wiederholt mit machtvoller Entrüstung entgegen; der Loskauf Kriegsgefangener war eine der besonderen Sorgen seines Lebens, und mehr als einmal ließ er kirchliche Gefäße veräußern, um gefangene Christen aus der Knechtschaft loszukaufen. Am nachhaltigsten wirkte er wohl dadurch, daß er, der oberste Lehrer der Christenheit, auf dessen Worte der Erdkreis begierig lauschte, es unverhohlen aussprach: Von Natur sei der Mensch frei, nur menschliches Recht habe ihn dec Knechtschaft unterworfen.
Aber fast mehr noch als die Sllaven erscheinen die Colonen, d. h. die hörigen Bauern, die Hauptbevölkerung der kirchlichen Besitzungen, als der Gegenstand seiner Fürsorge, und es ist nicht übertrieben, wenn man ihn feiert als einen „Freund des Bauernstandes und dessen Emaneipation" und wenn selbst ein protestantischer Biograph ihn kurzweg den „Bauern- sreund" nennt. Keine ungerechte Abgabe, kein unbilliger Brodpreis, kein übermäßiger Pachtzins, keine Beeinträchtigung des Erbrechtes, keine Erschwerung oder Bertheuerung des Heirathens will er dulden; gerecht