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J* 204.

Freitag, den 5. September 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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* Windthorlt s Rede

z«m Schluß Ser Koblenzer General - Versammlung.

(Schluß.)

M. H.! Wir hätten wohl Ursache, uns auch anderwei­tig umzusehen, weil es in allen deutschen Ländern noch an der vollen Freiheit der Kirche fehlt; ich will es aber nicht thun, sondern nur darauf aufmerksam machen, wie traurig die Ver­hältnisse sind in Braunschweig, wie traurig in Mecklen­burg. wo die Freiheit der Kirche noch so beschränkt ist, daß kaum noch eine Bewegung erscheint. Man hat aus Mecklenburg einen Antrag an den Reichstag gebracht (und er wird sicher wiederholt werden), die dortige mecklenburgische Verfassung ab­zuändern. (Bravo.) Ja, meine (Herren, das Bravo nehme ich nicht an, ich werde ganz entschieden gegen diesen Antrag auf­treten, nicht, weil ich die mecklenburgische Verfassung nicht für verbesserlich hielte, im Gegentheil, sondern weil ich glaube, daß der Reichstag dazu inkompetent ist, und ich meine, daß wir uns wohl zu hüten haben, in die Kompetenz der Einzelstaaten ein­zugreifen, und weil ich außerdem dafürhalte, daß wir damit gar nichts erreichen. Denn diese aus einer neuen Verfassung hervor­gehenden Stände Mecklenburgs würden ganz bestimmt noch schlechter sein in Bezug auf kirchliche Freiheit, darüber dürfen wir uns nicht täuschen. Die Freiheit der Kirche wird am wenigsten von den Bürgermeistern wahrgenommen, und die würden in einer solchen neuen Kammer das Regiment führen, und was dieses Regiment heißt, haben wir in dem Kulturkämpfe erfahren. Urtheilen Sie nicht darnach, wie gut und glücklich Sie hier in Koblenz gestellt sind, solche Bürgermeister wünsche ich überall. (Bravo.)

Auch diese Schäden müssen hier zur Sprache gebracht wer­den, damit man zur rechten Zeit belehrt wird, wie man die Unterstützung der Katholiken erwarten kann. Wir sind überall für die Freiheit, überall für die Rechte der einzelnen Bürger; aber das Recht muß geschützt werden und ganz besonders das auf freie Religionsübung. Wenn wir in einem katholischen Lande den Protestanten solchen Anlaß zu Beschwerden gäben, wie wir ihn in Braunschweig und Mecklenburg haben, dann würden Sie mal sehen, welcher Lärm gemacht würde; die Mecklenburger Frage kam im Falle Kettenburg schon zur Zeit des alten Bundestages zur Sprache. Ich hatte nun, als das Deutsche Reich kam, gehofft, es würde nachgeholt werden, was im Bundestage versäumt war: leider ist davon bisher nichts zu merken gewesen. Ich will weiter die Sache nicht darlegen. Aber in einem angeblich aufgeklärten Jahrhunderte sollte es doch unmöglich sein, daß man zum Bau von Kirchen, zur Gründung von Gemeinden immer noch die Zustimmung des Staates einholen müßte. Wer hat denn zu seiner Zeit geglaubt, daß die Apostel verpflichtet wären, für Kirchen und Neubildung von Gemeinden die Erlaubniß des Staates einzuholen? Es ge­nügt mir, auf diese Sätze hmgewiesen zu haben.

Wenn man nun sagt, daß die Katholikenv erfamm- lung en sich großentheils immer mit den kirchenpolitischen Fragen beschäftigen, fo ist das nicht zu leugnen. Aber woher kommt das? Warum gibt man uns so viel Stoff zu Beschwer­den und zum Nachdenken? Wenn man das unterlassen wollte, wenn man die Verhältnisse richtig ordnete, wenn die Freiheit bestände, wie in England und Amerika, daun brauchten wir uns nicht damit zu beschäftigen, und wir könnten Anderes, viel­leicht auch viel Ersprießlicheres thun. So lange man aber jede Lebensregung eines Katholiken und der katholischen Kirche auf jedem Schritt bewacht und beschränkt, so lange müssen wir unsere Stimme erheben, und ich werde sie erheben, so lange sie klingen wird. (Bravo.)

■ Meine Herren, diesen Gegenstand will ich damit lassen, um noch auf einen anderen Punkt zu kommen, welcher in diesem Augenblick vielleicht der wichtigste ist und die Welt bewegt; das ist die soziale Frage. Die Katholikenversammlun-

(*) ZUM 3. September.

(2. Fortsetzung.)

Niemand wird je eilte Geschichte der Wohlthätigkeit schreiben können, ohne an hervorragender Stelle des Papstthums zu gedenken. Schon Bischof Dionysius von Korinth, um das Jahr 170, hat dies als den traditionellen Ruhm der Römischen Kirche bezeichnet „seit den ersten Anfängen unserer Religion". _ Aber auch Gregors des Großen würde eine solche Geschichte kaum vergessen dürfen, weil gerade in ihm wieder dieser Sinn für die Wohlthätigkeit, wie er das Papstthum von jeher beherrscht hat, in besonders großartiger und wirksamer Weise hervortritt. Unbegrenzte Gastfreund­schaft war der Schmuck seines Hauses; zuvorkommende, wahrhaft väterliche Fürsorge für Nothleidende jeder Art, vor allem verlassene Kranke und verschämte Arme, war der Ruhm seine' Regierung. Jeder beginnende Monat, jede- Jahreszeit, aber auch jeder Tag hatten ihre bestimmten, regelmäßigen Uebungen der Mild- thätigkeit. Als trotzdem einmal ein Bettler tobt in den Straßen gefunden wird und der Papst befürchtet, er sei vor Hunger und Mangel ums Leben gekommen, macht er sich solche Vorwürfe, daß er mehrere Tage lang nicht wagt, zur Feier der heiligen Messe an den

gen der letzten Tecennien haben sich mit dieser Frage immer beschäftigt. Der hl. Vater hat längst die Wichtigkeit und Be­deutung der Frage verstanden und hat sie in seinen Encykliken zum Bewußtsein Aller gebracht. I h r e V e r t r e t e r i m R e i ch s- tage und Landtage haben nicht äusgehört, diese Frage zu studiren, sie zur Verhandlung zu bringen. Der verstorbene Bischof Kettel er hat zuerst bahnbrechend die Sache in der Literatur zur Sprache gebracht in dem christlichen Sinne, in dem allein sie gelöst werden kann. Es schien, als ob diese Bemühungen nicht voll und ganz gewürdigt würden an den Stellen, auf deren Würdigung insbesondere es ankam. Da hat unser jugendlicher Kaiser die Sache selbst in die Hand genommen, und wir haben die Erlasse vor uns, die wir Alle kennen. Diese Erlasse erfordern eigentlich nichts mehr und nichts weniger als das, was Ihre Abgeordneten in der Centrumsfraktion Jahr für Jahr vorgetragcn und verlangt haben, — vergebens verlangt haben. Wir werden deßhalb gewiß dem Kaifer unseren Dank aussprechen. Nun sehen wir aber, daß Hochweise, groß­formatig gedruckte Blätter erst leise, allmählich immer lauter ihre Stimmen gegen dieses Vorgehen unseres jugendlichen Kaisers erheben, und ich bin der Meinung, daß auch von dieser Stelle aus gegen dieses Unternehmen auf das Allerentfchiedenste Protest eingelegt werden muß. (Lebhaftes Bravo.)

Wenn nun in diesen von mir bezeichneten Blättern ange­deutet wird, man gehe in den Forderungen für die Arbeiter zu weit; man wolle ja auch andererseits für die­selben sorgen; aber so weit, wie es nunmehr beabsichtigt werde, nicht, so habe ich zu erwidern, daß nach meiner Ueberzeugung in den Anforderungen, die in dem Gesetze stehen, keineswegs das Maß überschritten ist. Ich kann nicht verkennen, daß es möglich wäre, daß die Arbeiter zu Forderungen übergingen, die absolut nicht bewilligt werden könnten, und dann würden ich und meine Freunde sicher mit mir ebenso entschieden Front gegen die Arbeiter machen für die Arbeitg eber, wie wir in diefen Forderungen entschieden Front machen für die Arbeiter gegen solche Arbeitgeber, die die Forderungen, die in dem Gesetze vor­liegen, nicht vertreten; und daß ich nicht zu weit gehe, das hat unser Freund Brandts in seiner vortrefflichen Rede in der neulichen Sitzung der Abtheilung für soziale Fragen dargelegt. Es kommt darauf an, daß wir die Forderungen der Arbeiter und Arbeitgeber inHarmonie bringen, daß wir beide zu Mäßigung mahnen. Aber wenn die Sache fo weiter gehen sollte, wie der Anfang gemacht ist in jenen Blättern, deren jetzt vielleicht der Oeffentlichkeit sich noch ent­ziehende Hintermänner man doch mit der Zeit erkennen und dann in die Oeffentlichkeit bringen wird, dann würde der Friede niemals erreicht werden, und wir werden Alle darüber nicht im Zweifel sein, daß dieser Streit so bald als möglich ein Ende haben muß, denn wir stehen Alle ohne Ausnahme, die christlichen Arbeiter und Arbeitgeber, einem gemeinsamen, ge­waltigen Feind gegenüber, das ist Sozialdemokratie.

Meine Herren, ich, habe während der ganzen Zeit mit aller mir zu Gebote stehenden Energie verlangt, daß gegen dieselbe Ausnahmegesetze nicht gelten sollen. Ich bin der Mein­ung, daß die Gesetze des Landes so eingerichtet sein müssen, daß sie für Alle gleich sind; denn vor dem Gesetze sind wir Alle gleich, (BravoJ Damit habe ich wahrhaftig nicht sagen wollen, daß ich das, was jene unternehmen, billigte, im Gegentheil, wenn die Anschauungen der Sozialdemokratie siegten, so wäre die ganze Weltordnung und Weltanschauung, die ganze Gesellschaftsordnung umgestürzt, und welche Folgen das haben würde, brauche ich hier nicht zu erörtern. Wir sind deßhalb auch ganz entschlossen und Sie sicher mit uns, und ich hoffe, Sie werden mir das gleich bestätigen, daß wir die Sozialdemokratie mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpfen wollen. (Bravo. Beifall.) Mit den Grundsätzen dieser ist ein Paktiren unmöglich; wollen die Herren die Verbesserung der arbeitenden Klassen durch Reform erstreben, so werden wir mit ihnen gerne und freudig arbeiten; denn wir erkennen auch Altar zu treten. Noch zwei Jahrhunderte nach feinem Tode bewahrte man im römischen Archiv einen gewal­tigen Band, in dem die Namen der Bedürftigen aus­geschrieben waren, nicht nur aus Rom und Umgebung, sondern auch aus weit entlegenen Städten mit Angabe der Dauer und Größe der Unterstützung, welche sie regelmäßig von Gregor erhielten. Das schönste und rührendste Zeugniß aber von der mit Weisheit gepaar­ten Hochherzigkeit im Wohlthun hat uns der große Papst in seinen eigenen Briesen hinterlassen.

Während Gregor den massenhaft Verarmten aus den Einkünften der kirchlichen Güter das tägliche Brod reichte, ist er durch Wort und Schrift Lehrer der Völker geworden, und die Kirche hat ihn einem Au­gustin, Ambrosius und Hieronymus angereiht mit dem Ehrentitel eines „Lehrers der Kirche", lange bevor irgend ein anderer Kirchenvater oder Heiliger mit diesem Namen geehrt wurde. Mag Augustin den großen Papst übertroffen haben an Tiefe und Ursprünglichkeit des Gedankens, Hieronymus an Gelehrsamkeit und klassischer Bildung, Ambrosius an Kunst und Reinheit der Sprache: keiner von ihnen hat so volksthümlich, so väterlich, so gemäß den Bedürfnissen der Zeit zu den christlichen Völkern gesprochen, wie er. Nur wenige Päpste dürften öfters wie er persönlich in Rom gepredigt haben, keiner

in den Sozialdemokraten unsere Mitmenschen und unsere Mit bürger. Aber wir werden bei ihnen wie bei Allen, welche dsestruktive Tendenzen in der bezeichneten Richtung ver­folgen, sehr ernst die Frage in Betracht zu ziehen haben, ob nicht durch besondere Vorkehrungen, sei es im Verci nslcben, sei es in der Literatur, Mittel geschaffen werden müssen, um mit größerem Erfolge die Sozialdemokratie zu bekämpfen.

M. H.! Das hier darzulegen, hielt ich für besonders nöthig, weil wir in Beziehung auf unsere Haltung gegen die Sozialdemokratie an verschiedenen Stellen oft verdäch­tigt worden sind.

M. H.! Es ist dann noch in diesen Tagen ein sehr wich­tiger Gegenstand zur Erörterung gebracht; das ist die Frage der Schule. Wenn wir auch die volle Kirchen-Freiheit erlangt hätten, die wir leider noch nicht haben, hätten aber die Schul- Frage nicht gelöst, dann hätten wir doch nichts gewonnen; denn wer die Kinder hat, hat die Zukunft, und wenn wir nicht erreichen, daß die Schulen verbessert werden, können wir mög­licher Weise dahin kommen, daß wir gute Kirchen und gute Priester hätten, aber die Kirchen wären leer, da die Kinder nicht mehr hineingehen. Deshalb muß Alles aufgeboten werden, daß wir auf dem Geb iete der Schule Wände l bekommen nach vielen Richtungen hin. Wenn die Zeit nicht so vor­geschritten wäre, würde ich Ihnen ein Bild vorlegen von den Verhältnissen der Schule, wie sie in Preußen und in den meisten deutschen Staaten, auch im Musterstaate B a d e n, herrschen. Sie können das aber aus den verschiedenen literari­schen Werken, aus den Reden der Abgeordneten der anderen Kammern vollkommen klar erlernen. Ueberall die absolute Staatsgewalt, überall der Ausschluß der Kirchse oder doch eine solche Beschränkung, die dem Ausschlüsse gleich­kommt. Das kann nicht so bleiben, und wir haben in Preußen im Abgeordnetenhause bereits dahin gehende Anträge gestellt. (Bravo.) Diese Anträge müssen fort und fort von Neuem er­örtert werden, denn Sie glauben nicht, m. H., wie lange es dauert, daß gesunde Ideen allgemein anerkannt werden; unge­sunde Ideen propagiren sich immer viel schneller. Ich kann allen Vätern und auch allen Müttern nicht genug die Schulfrage empfehlen. Und so lange wir die nicht in unserem Sinne gelöst haben, muß das Elternhaus doppelt und dreifach eintreten, und wenn der Vater nicht int Stande ist wegen seiner Arbeit, dann muß die Mutter es thun, es wird doch wohl noch manches Stündchen übrig bleiben, wo die Mutter besser thut, ihr Kind im Hause zu unterrichten, als dieses und jenes Concett zu be­suchen. (Bravo.) Erst die Kinder unterrichten und erziehen, und dann erst dem Vergnügen nachgehen. (Bravo.) Das ist Pflicht der Eltern, und wer diese Pflicht nicht erfüllen will, der muß das Heirothen bleiben lassen (Heiterkeit); dann kann er seinem Vergnügen gern nachgehen.

Es sind dies die wesentlichen Punkte, die ich aus der Reihe der Resolutionen noch ein wenig hervorheben wollte. Möge das Werk, das wir zu bearbeiten bemüht gewesen sind, gute Früchte tragen; mögen wir in die Heimath zurück- kehren mit dem freundlichsten Andenken an diese Zeit; mögen die neuen Freundschaften, die hier geschlossen, fortdauern; möge der Vorsatz, überall wo sich eine Gelegenheit bietet, für unsere Grundsätze einzutreten, auch nöthigenfalls zu leiden, überall zur Thal werden, und endlich mögen wir nicht aufhören, in gemein­samer Arbeit und in gemeinsamem Entschluß zusammenzustehen.

Das in Beziehung auf die allgemeinen Sachen. Es erübrigt mir jetzt nur noch eine ganz besonders wichtige Angelegenheit, das ist biefinge unseres heiligen Vaters. Diejenigen, welche gestern hier gewesen sind, haben in den be­redten Worten unseres verehrten Herrn Dr. Lieber die Sage erkannt, in welcher der hl. Vater sich befindet, und ich brauche auf die Details dieser Lage nicht weiter einzugehen, weil er alles vorgetragen hat. Wir wären undankbare Kinder gegen den hl. Vater, wenn wir nicht, wo wir zusammen kommen, unsere Stimme für ihn abermals laut erheben. Es muß ihm eine finge bereitet

— bis auf Benedikt XIV. — ist als Schriftsteller fruchtbarer gewesen. Die meisten seiner Homilien über die Evangelien haben Aufnahme gefunden in das kirch­liche Offizium und wirken fort als Quelle der Erbau­ung und Erleuchtung für die Priester der Kirche. Das vorzüglichste seiner Werke, die „Pastoralregel", d. h. Anweisung zur Verwaltung des Hirtenamtes, galt dem Mittelalter fast gleich einer inspirirten Schrift.

Was Gregor gethan hat zur Ordnung der Litur­gie, zur Hebung des kirchlichen Gesanges, zur Rein­erhaltung der Kirchenzucht, ist bekannt. So eingreifend war das Wirken dieses großen Lehrers der Kirche, daß Protestanten — kindlich genug — ihn zum Er­finder des Fegfeuers und zum Einführer des Cölibates in der Kirche gemacht haben. Selbst feine Sprache ist fürs Mittelalter maßgebend gewesen: er gilt mit Recht als der Vater des Kirchenlateins.

Nicht ganz wäre Gregor die Verkörperung der Größe des Papstthums, hätte er nicht auch etwas von dem in sich getragen, was Päpste wie Nikolaus I., Jnno- cenz 111., Alexander III., Gregor IX. mit solchem Ruhmesglanz umgibt. Gregor war ein großer Lehrer, aber er war auch ein großer Regent. Niemand war so sehr wie er, der Liebhaber des Gebetes, von dem Gedanken durchdrungen, den er auch offen ausgesprochen