17. Jahrgang
Mittwoch, den 3. September 1890
JVE 202
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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„Master Holmann, hört, was ich Euch sage! Ich werde Euch die Füße frei geben und Euch mit dem Lasso hier auf das Pferd binden. Seht diese geladene Büchse. Ihr steigt freiwillig auf; beim geringsten Widerstande schieße ich Euch die Kugel m den Kopf!
„Er merkte, daß ich nicht zum Vergnügen drohte, und "nach zwei Minuten hatte ich ihn so auf das. Thier befestigt, daß an eine Flucht nicht zu denken war.
„Kannst Du gehen, Betty?"
„Ja; die Schwäche ist vorbei."
„So komm!"
Wir wandten uns dem Felspfade zu, auf dem ich mit Lincoln in den Bluff gekommen war. Das Pferd Holmann's hatte alle Mühe, mit feinem Reiter ohne Sturz hinab zu gelangen, dennoch erreichten wir glücklich die Sohle des Thales, in dessen unterem Theile die Flammen noch wie früher- wütheten. Man hatte uns bemerkt. Hammer, Willmers, Lincoln und die beiden jungen Ladies kamen uns über die Brücke entgegengeeilt.
„Tim, Du hast sie? Wo war sie? Wie kommst Du da oben hinauf? fo frag es durcheinander und ich hatte alle Mühe, die stürmischen Zeichen der Freude und Dankbarkeit von mir abzuwehren.
„Lack-a-nay, laßt mich in Ruhe, Ihr Leute! Ich werde Euch nachher Alles pünktlich erzählen. Komm her, Abraham, und nimm Deinen Freund Hok-
5 Aus Nordamerika.
Von Karl May.
(Schluß.)
„’steath! Aus dem Wege!" schrie er und sprang bestürzt zur Seite, ohne daran zu denken, daß er sich hart am Rande der Schlucht befand. Der bröckelige Boden wich unter feinen Füßen; er stürzte hinab. Im nächsten Augenblick wurde Holmann von den Hufen Arrow's zu Boden gerisfen. Rasch war ich vom Thiere und kniete auf ihm.
„Guten Abend, Master! Euer Spaziergang hat nicht lange gedauert."
Der Handschellen 'wegen konnte sein Widerstand von keiner langen Dauer sein. Ich riß ihm das Tuch vom Halse und band ihm damit die Füße zusammen. Er knirschte vor Wuth mit den Zähnen und funkelte mich mit grimmigen Augen an, ließ aber kein einziges Wort vernehmen.
„Wollt Ihr mir wohl sagen, my dear, wo William Jones sein Pferd gelassen hat?"
Er gab keine Antwort.
„Well, so muß ich es allein zn finden suchen!"
Ich trat an die Felswand und blickte hinab. War der Kanada-Bill wirklich lebendig hinunter gekommen, herauf konnte er hier nicht, das war sicher. Ich brauchte seinetwegen keine Vorsichtsmaßregeln zu treffen sondern faßte Holmann einfach bei dem Kragen und
Sachen Und so viel Geld in die Luft knallen will. (Große Hei „ terkeit.) Hätte der verehrte Freund das, was nun auf diese Weise in die Luft gegangen ist, mir für die Marienkirche gegeben (stürmische Heiterkeit), dann würde es auch nicht gedonnert und gehagelt und geregnet haben. (Heiterkeit.) Das war der Zorn, der sich Luft machte. Weiter darf ich nicht gehen, ich darf nicht zu Reue und Vorsatz, zur Besserung auffordern, das könnte eigennützig werden. (Heiterkeit.)
Meine Herren! Wir tagen hier am Rh ein, und alle Welt sieht auf diesen Platz hin; er ist ganz dazu gemacht, Versammlungen der Deutschen in sich zu bergen, und die Geschichte zeigt uns ja auch, wie oft bedeutsame Versammlungen und Verhandlungen hier stattgefunden haben, und ich bin überzeugt, daß den Rhein hinauf und den Rhein hinunter bis zur Nordsee das, was in diesen Tagen hier geschehen, verlautet, und daß die Geister, welche den Rhein der Sage nach umgeben, hoch erfreut sind über die Kunde, welche von hier erschallt. (Bravo!)
Wir haben ein glänzendes Zeugniß gegeben für den katholisch en Sinn, der hier herrscht. Wir haben offen und klar dagelegt, daß die Katholiken in Deutschland sich fühlen als vollberechtigte Söhne ihres Vaterlandes (Bravo), daß sie kein Bedenken haben, die katholische Fahne hoch aufzupflanzen (Bravo) und sie zu vertheidigen, wenn es nothwendig werden sollte, gegen Jedermann. (Bravo.) Das soll keine Provokation sein, es sieht nur dem gleich, was uns die Regierungen immer sagen, wenn sie mehr Geld für die Armee haben wollen. Wir rüsten und exerziren, um denen, die uns angreifen wollen, zu zeigen, daß wir mächtig sind — dann werden sie das lassen; darum bewilligen wir der Regierung Geld zu solchen Zwecken. Wir wollen den Herren sagen, wir brauchen keine Rüstungen, wir sind gerüstet. (Bravo.) ,
M. H.! Es hat die Katholikenversammlung tn Koblenz vorzugsweise den Charakter, daß aus allenGauen Deutschlands hier Männern erschienen sind, die mit uns gleichen Sinnes sind; von den Alpen bis zur Nordsee und von den Vogesen bis zum Kurischen Haff sind hier Männer erschienen
Vom Auslande her ist eine große Zahl Manner erschienen, die sehen wollen, was wir hier thun und rote rott es thun, damit sie es in gleicher Weise zu thun, in ihrer Heimath im Stande sind. (Bravo.) Ich kann deshalb behaupten, cs tst eine deutsche Versammlung, aber nach den von mir angegebenen Richtungen ist sie auch international (Bravo), und diesen internationalen Charakter erfassend, hat die Versammlung tn den geschlossenen Versammlungen ihre Hand hingereicht nach Paris zu gemeinsamer Arbeit auf roisfenschaftlichem Gebiet. Sie haben Ihre Grüße gcfandt an die Katholikenversammlungen, welche demnächst in Lüttich und in Amerika stattfinden werden, und so bildet sich allmählich mehr und mehr der großeRing friedlichen Strebens und Schaffens, welcher allem geeignet fein wird, den Friedensgedanken fo fest und klar tn die Herzen der Völker zu bringen, daß es endlich aufhören kann mit den Rüstungen, die alle unsere Kräfte erschöpfen und uns von den Künsten des Friedens und von der Arbeit des Friedens abbringen. (Bravo.) Jede Berührung friedlicher Art, die wir mit den Völkern haben, wird zum Segen und zum Frieden Aller dienen. Wir sind in Deutschland und von uns hängt Vieles ab in dieser Richtung, und ich habe mit großer Befriedigung hervorgehoben, daß auch die Berufung des internationalen Kongresses in der Arbeiterfrage, die unser Kaiser in das Werk gesetzt hat, ohne Zweifel ein Werk eminenter Friedensliebe, eminenten Wirkens gewesen ist und ferner noch fein wird. (Lebhaftes Bravo.) . .
M. H.! Dann hat die Versammlung ganz msbewndere auch ihre Bedeutung dadurch verstärkt, daß Katholiken aller Stände in großer Zahl erschienen sind, Fürsten, Grafen und
* Windthorst's Rede
zum Schluß der Koblenzer General-Versammlung.
Excellenz Dr. Windthorst (mit stürmischem lang andauerndem Beifall empfangen). Meine Herren! Ich danke Ihnen von Herzen für die freundliche Art und Weise, in der Sie mich willkommen heißen, und in der Sie in allen diesen Tagen mich begrüßt haben. Ich habe diesen Dank immer nur kurz geäußert; heute spreche ich ihn besonders aus, um auch sagen zu können, wie ich dieses Ihr Willkommen auffasse. Es ist nicht für meine Perfon, es ist für die Grundsätze, die ich vertrete, es ist für Alle, die Mitwirken zu dem großen Ziele, welches wir vor Augen haben, die Freiheit unserer Kirche zu erobern. (Lebhaftes Bravo.) In diesem Punkte sind wir einig, und dieses Ihr Gesühl der Einigkeit wollen Sie durch Ihr Willkommen, welches ich sonst nicht acceptircn könnte, zum Ausdruck bringen. Außerdem gilt es nicht für mich allein, sondern insbesondere auch für die Mitstreiter, die mit mir die schwere Last parlamentarischer Arbeit in Berlin zu tragen haben. Eine größere Zahl von ihnen ist hier, und ich werde Denen, die nicht kommen konnten, persönlich referiren, wie freundlich ihr Thun hier beurtheilt worden ist. (Beifall.)
Ich hätte anfangen fallen mit dem Gruße, mit dem^Chri- sten sich begrüßen, nämlich mit dem Gelobt sei Jesus Christus. (Tie Versammlung: In Ewigkeit! Amen.) Ich hole dies nach und ich betone heute diesen Gruß besonders, einmal um die alte Sitte und das alte Wort der alten Christen in Erinnerung zu bringen und zu erhalten, insbesondere aber auch in gegenwärtiger Zeit, damit wir alle, hier versammelt aus dem ganzen Deutschland, Zeugniß ablegen für Christum den Herrn. (Bravo.) Es gibt Leute, die versteckt und offen das Heiligthum, welches das Christenthum allein trägt, nicht mehr anerkennen wollen, und welche Christum den Herrn verleugnen. Daran wollen wir nicht thellnehmen, und das ist es, weshalb ich am Eingang ^meiner Rede diesen altchristlichen Gruß besonders betont habe. Sei der Herr uns gnädig, wir werden für seinen Namen streiten heute und immerdar! (Bravos
Meine Herren! Wir sind gegen das Ende unserer Versammlung angelangt, und es ziemt sich, Umschau zu halten, was wir denn in bett Tagen, die wir hier versammelt waren, gelernt und gethan haben. Ich werde das in kurzen Worten thun, aber vorher noch meinen Dank aussprechen gegen die fämmtlichen Behörden, gegen die Stadt und ihre Magistrate und Vertreter, gegen die ganze Bürgerschaft ohne Ausnahme, und ich muß sagen, daß die Theilnahme, welche selbst Andersdenkende uns gezeigt haben, in mannigfacher Weise alle Anerkennung verdient und meine innige, aufrichtige Freude wachgerusen hat- (Bravo.) Meine Herren! Es ist etwas Schönes, wenn man in dem leider so vielfach zerriffenen Deutschland endlich an eine Stelle kommt, wo eine solche Einigkeit im Aeußern sich voll und ganz darstellt. Wir alle werden wünschen, daß, wenn nun mal nicht eine Kirche ist, die verschiedenen Konfessionen in voller Eintracht und Liebe neben einander wohnen (Beifall); unser schönes deutsches Vaterland ist groß genug für uns alle, und wir können in demselben unser Heil wirken nebeneinander, wenn wir nur Frieden halten wollen. Wir sind bereit, das immer zu thun, und meine Vorredner haben dies in der schönsten Weise Ihnen dargelegt. Ich hoffe, daß aus unserm Beispiel Andere, die nicht so zu denken oder zu handeln bisher gewohnt waren, sich eine Lehre nehmen. Unsere Haltung bedeutet nicht Niederlegung der Waffen, sie bedeutet nur, daß wir keinen Gebrauch von denselben machen. Wir sind zu jeder Zeit gerüstet, wenn andere Leute es nicht lassen können, uns anzugreifen. (Bravo.)
Meine Herren, ich habe dann noch, ehe ich zu dem Haupt- Thema übergehe, meine Freude auszudrücken, daß wir tagen tn der schönen Görres-Stadt. Wenn man geschichtliche Namen so leicht umändern könnte, würde ich Koblenz in „Görres-Ltadt umtaufen. Der Herr v. Hertling hat uns in schönen, kurzen, aber erschöpfenden Worten dargelegt, was Görres für uns bedeutet, was er für uns gethan. Und wir alle sind tn der Thai nur angewiesen, ihm in seinem Vorgehen zu folgen, und an der Stelle, wo er gewirkt, da wollen wir geloben, daß rotr injetner Art und Weise nach dem Maße unserer Kräfte stets aus dem Platze sein werden, wenn es gilt, die Unabhängigkeit und Freiheit der katholischen Kirche zu verthetdtgen. (stürmische Zustimmung.) , ...
Dann aber wünsche ich auch zunächst meine große und innige Freude auszudrücken, daß ein großer Sohn dieser Stadt, der hochwürdigste Erzbischof von Köln, trotz feines Unwohlseins es möglich gemacht hat, heute noch be, uns zu fern. (Bravo.) Dieser ehrwürdige Greis, der thatsächliche Primas von Deutschland (Bravo), hat zu allen Zeiten uns vorgeleuchtet, er hat im Kulturkämpfe die Fahne getragen, er hat fchwer dafür gelitten. Wo könnte eine katholische Kirche bestehen, wenn es nicht Märtyrer gäbe? (Bravo.) Heute ist er bei uns, und rotr wollen ihm hier unseren Dank aussprechen für das, was er ge- than, und Gott bitten, daß er ihn uns noch lange erhalte daß er noch ferner die Fahne vor uns her trägt und uns ein leuchtendes Beispiel sei in allen Tugenden, die ein Christ üben kann. (Bravo.) , .... . , .
Ich will ferner meine Freude darüber ausdrucken, daß em würdiger und trefflicher Sohn unferer Stadt, der Appellattons- gerichtsrath Dr. August Reiche ns Perger, ebenfalls noch rüstig genug war, hier zu erscheinen und an unseren Festen und an unseren Verhandlungen Theil zu nehmen. (Beifall.) Er ist der Veteran unserer Phalanx, wir alle senken den Degen, wenn er erscheint; und wenn wir von ihm zur Ruhe kommandirt sind, setzt er sich zu uns, in heiterer Fröhlichkeit zeigt er uns, wie wir die Sorgen vergessen können. Eins aber habe ich tn diesen Tagen gelernt: der Appellationsgerichtsrath Reichensperger ist so gesund wie ein Fisch, kräftig genug, schickt ihn nächstens wieder nach Berlin. (Großer Beifall und Heiterkeit,). Wollte ich alle die persönlichen Empfindungen zum Ausdruck bringen, die in diesen Tagen in mir wach geworden sind, so würde ich noch einer ganzen Reihe von Männern gedenken müssen, die hier w segensreich wirkten und zusammenwirken; ich würde auch der Frauen gedenken müssen, die hier in Koblenz wirken und hier aus Koblenz stammen. Sie sind erobernd in's Land gezogen und nie ohne Beute heimgekehrt. (Große Heiterkeit.)
Meine Herren und Damen (denn jetzt wende ich mich an die ganze Versammlung)! Der Herr Vorredner, Herr Pfarrer Wacker aus Baden, hat in glänzender Weife dargethan, was die katholischeGeneralversammlungen bedeuten. Ich kann dem, was er gefügt hat, nichts hinzufügen. Er hat nur nicht gesagt, daß die diesjährige Versammlung gerade alles gethan hat, was den katholischen Versammlungen überhaupt Bedeutung gibt, und daß sie hervorragend sein wird in bet Geschichte ber katholischen Generalversammlungen. (Bravo.) Wir sahen hier vor uns im Laufe dieser Tage eine ganze Armee, denn die Zahl derer, welche als wirkliche Mitglieder, als Thell- nehmer, als Tagesmitglieder, erschienen sind, ist ganz erheblich groß. Ich darf das hier nicht vcrrathen, weil es außerdem tn die finanziellen Verhältnisse einschlägt, und ich kann Ihnen sagen, daß unser Präsident hier aus Koblenz, mein lieber Freund, sehr vergnügt aussieht. (Große Heiterkeit.) Er scheint mir nur etwas betrübt, daß ihm das Feuerwerk verregnet ist. (Heiterkeit.) Ich kann ihm das nicht übel nehmen; ich habe gestern betrübte Gesichter gesehen, aber das ist die Strafe dafür, wenn man so gute schleifte ihn, gefolgt von dem klugen Pferde zu der Stelle, an welcher ich Betty zurückgelafsen hatte. Sie war erwacht und stand grob im Begriff, sich aufzurichten.
„Wo bin ich — was ist geschehen? O, Tim, Du bist's?"
Sie sah die Flammen.
„Ah, jetzt weiß ich Alles. Du hast mich gerettet, Tim! Aber der Vater, Guy und--Herr Gott,
der Bluff brennt, und sie sind verloren, ich muß zu ihnen!"
Sie sprang auf; ich hielt sie fest.
„Bleib, Betty! Es ist ist ihnen keinen Schaden geschehen, denn siehe, das Thal brennt unterhalb des Bohrloches. Hast Du Muth?"
„Wozu?"
„Eine Weile hier bei dem Gefangenen zu bleiben? Ich will nach dem Pferde des Kanada-Bill sehen."
„Wie kommt er hierher?"
Ich erklärte ihr alles so kurz wie möglich.
„Geh, Tim, aber laß mich nicht lange warten, sonst treibt mich die Sorge um die Meinen fort!"
Ich bestieg Arrow wieder und ritt in einiger Entfernung vom Thale entlang desselben dahin. Ich war noch gar nicht weit gekommm, so sah ich das Thier grasen. Jones hatte es angepflöckt; am Sattelknopfe hing die Büchfe und der Lasso. Ich nahm es beim Zügel und führte es zurück.
Fuldaer Zeitung
n _ -r, _ Druck u. Verlag ber Fuldaer Sktienbruderet (A. Dtllmann).