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Sonntag, den 24. August 1890.
JV 194.
Für die Redactron verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerci (A. Dillmann).
Das katholische Volk weiß auch Dank seinem erprobten Centrumsführer und es läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Gefühlen seines Dankes und seiner Hochachtung öffentlich Ausdruck zu verleihen. Mit Bewunderung sieht das katholische Deutschland und mit ihm Alle, die für das wahre Wohl der Völker ein offenes Auge und Herz haben, auf den geistig nie alternden erprobten Parlamentarier.
Bismarck ist von seinen meisten Freunden verlassen; wie ein eherner Wall aber stehen die wahrhaft katholischen Männer um ihren verehrten Führer. Das werden die nächsten Tage wieder deutlich beweisen, wenn das katholische Deutschland in K o b l e n z sich zu ernsten Berathungen zusammenfindei. Dort soll er abermals sehen, der greise Centrumsführer, wie fest und treu feine Mannen zu ihm stehen, zu ihm, den uns Gott noch recht lange erhalten möge!
* Windthorst und Kismarck.
Diese beiden Namen beherrschen seit Jahrzehnten daS öffentliche Leben in Deutschland; sie markiren zwei grundverschiedene Systeme, und gehören Männern an, welche einen überwältigenden Einfluß auf ihre Zeitgenossen ausgeübt. Der Eine ist politisch tobt, der Andere steht noch unermüdlich thätig unter uns. Eine Parallele zwischen Beiden ist nach vielen Seiten hin am Platze.
Windthorst wie Bismarck haben für Ideale gestritten: Bismarck für ein mächtiges, Windl- horst für ein freies, christliches Deutschland. Den Kanzler trieb der Ekel vor dem verrotteten Kleinstaatsleben und dem großmäuligen deutschen Philister- thum auf die politische Bühne. ist kein Ausdruck der letzten Jahre mehr mißbraucht, als das Wort „Volk", sagte er einmal im Jahre 1848. „Jeder hat das darunter verstanden, was gerade in seinen Kram paßt; gewöhnlich einen beliebigen Hausen von Individuen, die er für seine Ansicht gewinnen konnte." Und im Jahre 1851 schrieb er als preußischer Bundestagsgesandter aus Frankfurt am Main an seine Frau: „Es sind lauter Lappalien, mit denen die Leute sich quälen, und diese Diplomaten sind mir schon jetzt mit ihrer wichtigthuenden Kleinigkeitskrämerei viel lächerlicher, als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühle seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch vorherbestimmeu, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in 1, 2 oder 5 Jahren Zu Stande gebracht haben werden, wenn die andern nur einen^Tag wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche nüchterne einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X oder Herrn v. ?arsky aus dem Chausseehause her; wenn sie gewaschen und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen machen. . . . Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt es, was für Charlatanerie und Wichtigthuerei in dieser Diplomatie hier steckt." Nun, dieser Kleinstaaterei Hal Bismarck ein Ende gemacht. Er hat ein äußerlich mächtiges Deutschland geschaffen; aber er verstand es nicht, äußere und innere Politik auseinander zu halten, sondern operirte im Innern mit ähnlichen Mitteln, wie nach Außen; und an dieser inneren Gewaltpolitik ist er gescheitert. Wie er seine äußeren Gegner zertreten, so wollte er auch die inneren niederwerfen; das war fein großer Fehler.
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Ausland.
* Frankreich, die Schweiz und die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind im Laufe der Woche durch gewaltige Stürme heimgesucht worden, die großen Schaden angerichtet, insbesondere die Ernte vernichtet haben. In Pensylvanien sind dabei auch viele Menschen ums Leben gekommen.
Petersburg, 21. Aug. Kaiser Wilhelm erfreut sich in Narwa großer Auszeichnungen seitens des russischen Hofes, und glänzende Festlichkeiten wechseln mit den Paraden ab. Die Appartements des Kaisers sind mit feenhaftem Luxus ausgestattet und scheint der russische Hof damit förmlich prunken zu wollen. Bon Narwa begab sich der Kaiser nach Peterhof und wird
herrschte die Furcht vor dem Stirnrunzeln des Gewaltigen, der jeden anderen Willen mit eiserner Faust darniederhielt; Windthorft's Mannen beseelte begeistertes, verständnißvolles Vertrauen auf des Führers treue Umsicht und Kraft und auf die Reinheit seiner Absichten und Ziele. Bismarck's Diener wußten nicht von heut' auf morgen, wo hinaus es gehe; ihre Aufgabe war lediglich, ihm nachzutappen, loszuschlagen, auf wen er jeweils schlug; zu stützen, wen er stützte, und vor Allem ihn, das Alpha und das Omega ihres politischen, wie nicht selten auch sozialen Daseins, in unbegrenzter Hingebung zu verherrlichen. Dem gegenüber wußten und wissen Windthorst's Getreue, was er will, und was sie selbst wollen; ihre Ziele liegen klar vor ihnen; und diese Ziele heißen: bürgerliche und religiöse Freiheit; ein freies, christliches, starkes Vaterland. Um Bismarck standen Bediente, um Windthorst standen und stehen freie, treue, wetterfeste deutsche Männer.
Zwischen diesen beiden Schaaren hat seit zwei Jahrzehnten der Streit in unserem Vaterlande bestanden. Oft und oft erging aus Bismarck's Mund der Ruf: Fort mit Windthorst! Zeitweife schien es, als ob sein ganzes Sinnen und Trachten nur der Verwirklichung dieses einen Verlangens gelte; aber umsonst. Windthorst blieb; er hatte sich einen unüberwindlichen Thurm erbaut; und str diesem Thurm, dessen Fundamente die Prinzipien der christlichen Weltordnung, und dessen Bausteine freie deutsche Männer bildeten, stand er fest gegen jeden Angriff, unüberwunden, unüberwindlich die glorreiche Fahne schwingend für Wahrheit, Freiheit und Recht.
Nun hat Bismarck als Besiegter den langjährigen Kampfplatz verlasfen müfsen; die um ihn waren, sind nach allen Richtungen hin zerstreut, und W i n d t h o r st behauptet ungebrochen das Feld. Die Waffen des Geistes haben wieder einmal den Sieg über die materielle Gewalt davon getragen. Freilich noch nicht allerwege. Vieles, vieles bleibt noch für den greisen Centrumssührer zu erringen. Ist Bismarck auch politisch gefallen^ was er geschaffen, lebt noch vielfach fort. Manches davon ist groß und gut, und soll und wird erhalten bleiben, was aber Deutschland zum Unfrieden und zum Unheil gereicht, das muß beseitigt werden, damit es nicht als „Kanzler-Erbe" uns verbleibt. Und hierfür zu sorgen, ist vor Allem Windthorst's Aufgabe.
Fürst Bismarck spaltete die Nation in zwei Th ei le; einen, der sich ihm unterwarf und sich von ihm als Prügel gebrauchen ließ, mit welchem er auf den andern, der sich ihm nicht beugen wollte, zornig losschlug; und an die Spitze dieses anderen trat Windthorst. Er war es, der Bismarck gegenüber die Fahne des Rechtes und der Freiheit muthig erhob und in jahrzehntelangem Kampfe gegen ihn siegreich ver- theidigte. Windthorst verfügte über keine äußeren Machtmittel; seine Waffen waren geistiger Natur; die ewigen Prinzipien der christlichen Welt- und Staatsordnung; ein gewaltiger Geist; eine überwältigende Rednergabe und eine unerschütterliche arme Ehrlichkeit und ehrliche Ar.muth. Tief christlich, treu und unbestechlich, sammelte er um sich, was sich der Gewalt nicht beugen und am Tanze um das goldene Kalb nicht theilnehmen wollte; äußerlich und innerlich war und blieb er das gerade Widerspiel des eisernen Kanzlers. Wie dieser die Menschen verachtete, und die sich ihm ergaben, moralisch degradirte, so daß sie willenlos sich von ihm zu allem gebrauchen ließen, so hob Windthorst die Seinen, hielt ihnen unablässig die hohen Ideale vor, für welche er so begeistert stritt und litt, und richtete sie an ihnen auf, zu muthigem Ausharren im Kampfe, zu felsenfestem Vertrauen auf den endlichen Sieg.
Bismarck schuf sich eine auf unbedingtm Appell dressirte Lakaien - Truppe, Windthorst eine überzeugte Kämpferschaar; unterBismarck's Anhang ______1___
Deutsches Keich.
Berlin, 22. August.
* Der Streit im sozialdemokratischen Lager dauert ununterbrochen fort und sein Ende ist auch nicht so bald abzusehen. Die bisherigen Führer behaupten gegenüber dem Andrängen der jüngeren Elemente, welche die sozialdemokratische Partei für ein geeignetes Feld ihres Streberthums halten, die Herrschaft : Bebel ist in Dresden und Magdeburg persönlich in die Bresche getreten und hier wie da ist es ihm gelungen, die Gegner zu werfen. Nächste Woche wird er dasselbe in Berlin versuchen und wahrscheinlich mit demselben Erfolge. Singer, welcher in Berlin gegen
die aufsässigen „Jungen" in die Schranken treten wollte, ' ist dies nicht gestattet worden, da er bekanntlich aus ' Berlin ausgewiesen ist und hier nur als Reichstags- Abgeordneter während der Dauer der Session verweilen darf. Es scheint geboten, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Streitigkeiten im sozialdemokratischen Lager, der Ansturm gegen die Partei-Leitung, gegen die Reichstags - Fraktion keineswegs neueren Datums sind. Sie machen gegenwärtig nur mehr Aufsehen, weil sie sich bei der dermaligen Handhabung desSozia- listen-Gesetzes öffentlich abspielen dürfen.
* Aus Pest geht der ,Voss. Zeitung' folgende eigene Drahtmeldung zu: Wie der Abg. Emil Abranyi aus Käsmark mittheilt, ist er mit dem Eilzuge nach Kissingen abgereist, um die Angelegenheit wegen seiner Mittheilungen über ein Bismarck-Interview, die, so behauptet er, „auf Jrrthum [!] beruhe, persönlich zu ordnen."
* Graf Moltke wird Anfangs September d. I. den schleswigschen Manöver» beiwohnen.
* Fürst Bismarck bleibt bis Ende d. Mts. in Kissingen, begibt sich dann nach Varzin und kehrt im Oktober nach Friedrichsruh zurück.
* Die Kaiserin Friedrich wird dem Vernehmen nach bis Mitte September in Griechenland verbleiben.
* Prinz Nikolaus, der drittälteste Sohn des Königs von Griechenland, wird sich zur Fortsetzung seiner militärischen Studien im Herbste d. I. nach Berlin begeben.
* Der Abg. Windthorst verdient, so schreibt man in launiger Weise der ,Köln. Volksztg.', eine kleine öffentlich Rüge, da er vor einigen Tagen in Limburg wieder seine alte irrthümliche Behauptung ausgesprochen hat in Deutschland seien 15Millionen Katholiken. Im Reichstage und im Abgeordnetenhause hat er dieselbe Zahl schon mehrfach genannt, der Abg. Stöcker hat sie ihm nachgesprochen und gerade durch Windthorst ist die Meinung herrschend geworden, daß die Zahl der Katholiken nur 15 Millionen betrage. Demgegenüber möchte ich darauf Hinweisen, daß bei der letzten Volkszählung von 1885 schon über 16 Millionen 800,000 Katholiken gezählt wurden, in diesem Jahre werden es aber wenigstens 1 8 Millionen sein.
* In Helgoland ist eine Anzahl höherer deutscher Marineoffiziere eingetroffen, um in den die Insel umgebenden Gewässern Vermessungen und Peilungen vorzunehmen. Die deutsche Regierung trifft damit Maßnahmen, die allen seefahrenden Nationen zum Nutzen gereichen sollen, und holt damit das von England bisher Versäumte nach, was keine Veranlassung zu haben glaubte, andere Nationen die Navigationsverhältnisse seines Besitzes vor dem deutschen Hauptstrom kennen zu lernen.
* Bamberg, 21. Aug. Die Stadt Bamberg beherbergt zur Zeit fast sämmtliche Diözesan - Präsides des allgemeinen Cäcilienvereins für Deutschland und Oesterreich, welche sich dahier zu einer Konferenz versammelt haben. Darunter befinden sich die hervorragendsten Komponisten und Schrifffteller, wie Schmidt, l'. Utto Kornmüller, Dr. Haberl, Haller, Mitterer, Piel, Dr. Katschthaler, Ahle, Dr. Selbst, Langen, Walter u. s. w. — Bekanntlich war es Bamberg, wo — bei Gelegenheit der im Jahre 1868 daselbst tagenden Katholikenversammlung — der Cäcilienverein zur Reform der Kirchenmusik auf Anregung des f Witt gegründet wurde.
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_________ 17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung.
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