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JV 184.

Dienstag, den 12. August 1890.

17. Jahrgang

eitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Deich.

Berlin, 9. August.

* Die Uebergabe Helgolands ist heute in pro­grammmäßiger Weise erfolgt. Staatssekretär v. Böt­ticher wurde bei seiner Landung kurz nach 2 Uhr von den britischen Schiffen mit einem Salut von 17 Ka­nonenschüssen begrüßt und vom englischen Gouverneur, den ersten Beamten und Einwohnern auf der Landungs­brücke empfangen. Alsdann wurde er nach dem Gou- vernementshaufe geleitet, wo der englifche Gouverneur unter Verlesung der Helgolandbill die Insel übergab. Zum Zeichen der vollzogenen Uebergabe wurde auf dem Platze die deutsche Flagge von 21 Kanonenschüssen der britischen Schiffe und der deutschen Manöverflotte begrüßt, neben der englische Flagge gehißt. Nach dem Akt der Uebergabe gab Staatssekretär von Bötticher im Konversationshause dem englischen Gouverneur und Beamten, sowie den zur Uebergabe eingetroffenen deut­schen Beamten und Helgoländer Einwohnern ein Diner. Für den morgigen Empfang des Kaisers ist an der Landungsbrücke eine Tribüne erbaut, der ganze Weg vom Unterland bis zum Gouvernementshause, den der Kaiser zu Fuß zurücklegc, ist mit Fahnen in deutschen und Helgoländer Farben geschmückt. Der Kaiser wird etwa 5 Stunden auf Helgoland verweilen und die Spitzen der Behörde zu einem Mahle um sich versam­meln, nachdem er eine Proklamation an die Helgoländer erlassen hat.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht folgende kaiser­liche Kabinetsordre an den Reichskanzler:

„Aus Ihren Vortrag bestimme ich, daß bis zur verfassungs­mäßigen Regelung der Verhältnisse Helgolands im Wege der Reichsgesetzgebung, die Regierung der Insel in Meinem Namen, auf Grund der dort bestehenden Gesetzgebung und unter Schonung der vorhandenen Verwaltungsorganisation, durch den Reichskanzler geführt werden foll. An Bord Meiner Dacht ,Hohenzollern', den 9. August 1890. Wilhelm. I. R.

Der Reichskanzler erläßt im Anschluß hieran nach- stehmde Bekanntmachung:

„Auf Grund vorstehenden Allerhöchsten Erlasfes ist die Ver­waltung der Insel Helgoland und ihrer Zubehörungen unter meiner Oberleitung einem See-Offizier, welcher in dieser Eigen­schaft den Titel „Gouverneur von Helgoland" führt, und einem Civilbeamten, welchem der Titel „Kaiserlicher Kommissar für Helgoland" beigelegt wird, übertragen. Der Geschäftskreis des Gouverneurs und des Kaiserlichen Kommissars ist dahin ab­gegrenzt, daß dem Gouverneur die Verwaltung des Hafens, ein­schließlich der Hafenpolizei, die Verwaltung des Seezeichen- und Leuchtfeuerwesens, sowie aller sonstigen technischen Seesachen, dem Kaiserlichen Kommissar dagegen die übrige Civilverwaltung, insbesondere die Verwaltung der Kommunal-, Polizei-, Kirchen-, Schulen-, Domänen-, Steuer- und Zollsachen, die Verwaltung der Seebadeanstalt, sowie endlich der Rechtspflege obliegt. Die

Ö Aus Nordamerika.*)

Von Karl May.

Es war in Jefferson, Missouri, Firet-Street Nr. 15 bei Mutter Thick, in dem von den Seen bis zum Golf von Mexiko und von Boston bis hinüber nach San Francisco wohlbekannten „Store and Boardinghouse“, an welchem gewiß kein achter Westmann vorübergeht, ohne sich ein Messer, einen Beutel voll Pulver zu kaufen und dabei einen kleinen „drink“ zu halten, bei welchem Dieses und Jenes zum Vorschein kommt, was die schweigsamen Jäger an keinem andern Ort erzählen würden.

Eine Gesellschaft war beifammen, die aus fehr ge- mifchten Elementen bestand: einige fein gekleidete Gent- lemen — die Papiermanchetten weit aus den Aermeln hervorstrebend, den Cylinder tief im Nacken und die in glanzledernen Stiefeletten steckenden Füße auf dem Tifche; Trappers und Squatters in allen Formen und Farben, gehüllt in die unbeschreiblichsten Gewandungen; farbige Leute vom tiefsten Schwarz bis zum Hellen Graubraun, mit wolligem und schlichtem Haare, mit Stülpnasen oder von besserem kaukasischen Gesichts­schnitte ; Flösser und Schiffsknechte — die Stiefelschäfte bis an den Leib herangezogen und das blitzende Meffer neben dem heimtückischen Revolver im Gürtel; Halb­blutindianer nebst Mischlingen von allen denkbaren Sorten und Schattirungen.

*) Nachdruck nicht gestattet.

Verwaltung wird ebenso, wie die Rechtspflege, bis aus Weiteres nach den zur Zeit aus Helgoland geltenden Rechtsnormen im Namen S. M. des Kaisers gesührt. Die bisherige Zuständig­keit der Behörden bleibt im Uebrigen unverändert. Mit Wahr­nehmung des Amts des Gouverneurs ist bis auf Weiteres dem Kapitän zur See Geisler, mit Wahrnehmung des Amts des Kaiserlichen Kommissars der Geheime Regierungs-Rath Wermuth beauftragt."

* Heute Vormittag fand die dritte und letzte allge­meine Sitzung des 10. internationalen medizinischen Kongresses statt. Professor Virchow theilt zunächst die Antwort der Stadt Rom bezüglich der Abhaltung des 11. Kongresses dortselbst im Jahre 1893 mit. Das Schreiben spricht in schwungvollen Worten den Dank für die erwiesene Ehre aus. Auch Minister-Präsident Crispi hat die ihm von der Wahl gemachte Mitthei­lung durch ein Schreiben beantwortet. Nachträglich ist von der Stadt Chicago noch eine Einladung, den 11. Kongreß dort abzuhalten, da bekanntlich dort 1893 eine Welt-Ausstellung stattfindet, eingegangen ; es konnte dieselbe selbstverständlich nicht mehr berücksichtigt werden.

* Der sozialdemokratische Reichstags - Abgeordnete Schippel ist von der Leitung der .Berliner Volks­tribüne' zurückgetreten.

* Wie die ,Danziger Zeitung' meldet, ist der frühere Landesdirektor Wehr gestern in Berlin, wo sich der­selbe seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft aufgehalten hat, auf gerichtliche Anordnung wieder ver­haftet und heute nach Danzig gebracht worden.

* Koblenz, 8. Aug. Die geistlichen Herren, welche die 37. Generalversammlung bei Katholiken Deutschlands zu Koblenz zu besuchen gedenken, dürfte die zur Verfügung stehenden Altäre in erster Linie interessiren. In den Kirchen und Kapellen der Stadt selbst stehen 22 vorhandene und 15 Nothaltäre, und in den ganz nahe bei Koblenz gelegenen, theils zu Fuß, theils mittelst der Bahn, Schiff oder Wagen in einigen Minuten erreichbaren Nachbarorten (Ehren­breitstein, Pfaffendorf, Forchheim, Nieder- und Ober­lahnstein, Moselweiß, Güls, Neuendorf, Wallersheim, Niederberg, Urbar, Vallendar, Capellen, und Rhens) mindestens 50 vorhandene und 9 Nothaltäre, zusam­men also im Ganzen 93 zur Verfügung. Gelegenheit zum Celebriren ist alfo ziemlich reichhaltig vorhanden. — Der Vorstand des Lolalkomitee's hat beschlossen, den Herren Akademikern und Lehrern die Mitgliedkarte zur Generalversammlung zum halben Preise — also zu 3 M. 75 Pf. — zu überlasten, wogegen auf die Gratislieferung des amtlichen Berichtes über die Generalversammlung zu verzichten ist. — Da gegen frühere Hebung bereits der Name des für die General- verfammlung in Aussicht genommenen Präsidenten,

Und dazwischen fegte die ehrbare Mutter Thick umher und sorgte mit behendter Gewandtheit dafür, daß keinem ihrer Gäste dasjenige mangelte, wonach fein Begehr ging. Sie kannte Jeden, nannte Alle beim Namen, warf Dem ein fteundlich Wort hinüber und drohte Jenem, der zum Streite aufgelegt zu sein schien, heimlich warnend mit dem Finger. Aber Einen gab es doch, der von alledem eine Ausnahme machte. Er war noch nie bei ihr gewesen, war vor zwei Stunden hier eingetreten und saß noch immer wortlos beim ersten Glase, den Erzählungen lauschend, die rechts und links vom Stapel gelassen wurden. Sein langer, hagerer Leib stack in einem Büffelrocke, der so viel Dienste geleistet hatte, daß er nur noch aus Flicken und Flecken bestand; die alten Leggins waren ihm viel zu kurz; sie reichten bei Weitem nicht hinab zu den Moccassins, die mit langen Kreuz- und Querstichen von Hirschsehne aus­gebessert waren, und auf dem Kopfe trug er eine Mütze, die vor vielen Jahren vielleicht eine Pelzmütze gewesen war, jetzt aber alle Haare verloren hatte und wie ein umgestülpter Bärenmagen auf seinem Haupte saß. Im Gürtel, der mit allen möglichen Requisiten behangen war, stack Bowiekneif, Revolver und Tomahawk; den Lasso hatte er sich einige Male unter dem linken Arm bis über die rechte Schulter geworfen, und neben ihm lehnte eine Büchse, die mehr einem alten Prügel als einem Schießgewehr glich und vom Kolben bis zum Laustheile mit zahlreichen Einschnitten, Kerben und sonstigen für Fremde räthfelhaften Charakteren ver­sehen war.

Herrn v. Buol-B ehrend erg', in die Presse gr langt, so dürfen wir verrathen, daß als Vicepräsiden^ Herr Reichstags- und bayerischer Landtagsabgeorduete^ Dr. Orterer vorgeschlagen wurde, daß dieser Vor­schlag aber auf Hindernisse gestoßen ist, weil letztge­nannter Herr an der Walhallafeier theilnimmt und daher erst am Dienstag (26. August) in Koblenz ein­treffen kann. — Das katholische Koblenz, das erst dieser Tage die Turner so warmherzig ausgenommen hat, wird es sich nicht nehmen lassen, den Theilnehmern der 37. Katholikenversammlung einen wahrhaft glänzen­den Emfang zu bereiten und herzlichste Gastfreundschaft zu gewähren.

Ausland.

* Wien, 9. August. Der Dichter Eduard von Bauernfeld, genannt der „Wiener Voltaire", ist heute morgen gestorben. Bauernfeld wurde zu Wien am 13. Januar 1802 geboren. Der greise Schrift­steller, der in feinen Schriften der kath. Religion stets voll Hohn und Feindseligkeiten gegenüber stand, hatte- bereits seit 5 Jahren seinen Frieden mit der Kirche geschlossen und sich mit aller Andacht und Ergebung auf einen seligen Tod vorbereitet. Glücklicher als Vol­taire, dem er in seinem Unglauben und glaubensfeind­lichen Schriften nachgefolgt, wählte Bauernfeld zu seiner Umgebung nicht Glaubenshasser und demorali- sirte Personen, welche Voltaire von seiner Bekehrung abhielten und ihn bekanntlich den entsetzlichen Tod der Verzweiflung sterben ließen, sondern einfache und fromme Leute.

* Rom, 9. Aug. Im Prozesse gegen Caporali, der das Attentat auf Crifpi am 13. September v. I. durch einen Steinwurf begangen hatte, hat das Schwurgericht zu Neapel auf Unzurechnungsfähigkeit des Attentäters erkannt. Caporali wird in ein Irrenhaus verbracht werden.

* London, 9. Aug. Eine Anzahl von Eisenbahn- bediensteten des zwischen London und Chatham ver­kehrenden Eisenbahnzuges weigerten sich, zur Arbeit anzutreten unter der Begründung, daß der Dienst ein übermäßig anstrengender sei. Sie verbarrikadirten sich in den Magazinräumen des Bahnhofs, ergaben sich jedoch schließlich. Darauf mürben 20 von ihnen zu je einmonatlicher Gefängnißstrafe verurtheilt.

* Buenos-Ayr es. 8. August. Die öffentliche Meinung scheint ber neuen Regierung günstig gestimmt zu fein. Das Ministerium entwickelte vor ber Kammer sein Programm unb erklärte, es werde die Verfassung achten, die Staatsgelder ehrlich verwalten und die Hilfsquellen des Landes weiter entwickeln.

Bisher hatte er sich still verhalten; jetzt aber wurde ein Namen genannt, bei dem er in sichtbarer lieber® raschung aus feiner zusammengesunkenen Stellung emporfuhr.

„Wer ist gestorben, Sir?" frug er den letzten Sprecher. „Sagt es noch einmal, damit ich's glauben kann!"

„Der Canada - Bill, jämmerlich verkommen im Hospitale."

„Der Canada - Bill, der größte Schurke der Ver­einigten Staaten, der so berüchtigt ist, daß sie sogar drüben im alten Lande in den Zeitungen von ihm schreiben, wie ich gehört habe? Gut, so kann ich ihm seine Kerbe einschneiden, ohne eine Kugel verschwenden zu müssen!"

Er zog das Messer, nahm die Büchse her und schnitt ein Zeichen in das Holz derselben.

„Zounds! Habt Ihr eine Rechnung mit ihm ge­habt, Master?"

„Eine Rechnung? Pshaw, ein ganzes Schuldbuch hat er bei mir liegen, und ich gäbe einen ganzen Kürbis (Trapperausdruck für „sehr viel") darum, wenn er nicht im Hospitale untergegangen wäre, sondern draußen in der Savanne, getroffen von meinem Messer. Wißt Ihr, ©entfernen, die Staaten sind ein eigenthümliches Land, wo das Größte hart neben dem Kleinsten, das Gute gleich beim Schlimmen steht, und ich sage Euch, alle drei Male, die ich mit diesem berüchtigsten Manne des Landes zusammengekommen bin, ist auch stets der berühmteste dabei gewesen, den wir aufzuweisen haben."