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JV 182.

Samstag, den 9. August 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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& Dom internationalen medizinischen Kongreß.*)

Auch ein Friedenszeichen und eine Förderung des Friedens-Gedankens. Der Welt-Kongreß tagt in Ber­lin und ist von nicht weniger als 171 Franzosen be­sucht, obschon chauvinistische Aerzte eine Hetze gegen dm Berliner Kongreß und gegen die Person seines Präsidenten Virchow in Szene gesetzt hatten. Virchow und die übrigen Theilnehmer des Kongresses haben das Mögliche gethan, um die französischen Genossen zu überzeugen, daß wir uns herzlich freuen, sie in Berlin zu sehm, und daß Niemand in Deutschland auf etwas Anderes sinnt, als auf friedliches Zusammenwirken der Völker zum Wohle der ganzen Menschheit. Auf dem Feste im Rathhause hat man sogar die „Marseillaise" mit Händeklatschen und Bravorufen begrüßt.

Die Betheiligung an dem Berliner Kongreße ist sehr groß. Jnsgesammt haben 7056 Personen Karten gelöst, darunter 1379 Damen. Die Weltstadt Berlin hat zahlreiche Lokale von Mittelgröße, aber ein wirk­lich großes Lokal, wo man z. B., wie es in Paris geschehen, 18,000 Bürgermeister auf einmal abspeisen könnte, gibt es nicht. Die größten Theater sind mit 2000 Personen gefüllt. Der medizinische Kongreß hat ebenso, wie der vorigjährige Naturforscher-Tag, sich in den Zirkus Renz verfügen muffen, der allein für die allgemeinen Sitzungen den nöthigen Raum liefert. Aus dem Zirkus Renz ist ein „Zirkus Virchow" geworden. Angesichts dieses Vorganges brauchen wir uns weder zu wundern noch zu geniren, wenn die Katholiken- Versammlungen mal zu einem Zirkus - Gebäude ihre Zuflucht nehmen müssen und die scherzhafte Bezeichnung „Zirkus Windthorst" gebraucht wird.

Berlin ist Weltstadt, aber noch ein junges, uner­fahrenes, gelegentlich etwas unbeholfenes Exemplar dieser Art. Bei der „Abfütterung" der gelehrten Gäste im Berliner Rathhause ist die Versorgung mit Spei­sen nicht gut eingerichtet gewesen; aber man hat sich leicht getröstet, weil wenigstens für Getränke hin­reichend gesorgt war. Von vielen Aerzten gilt ja auch das boshafte Sprüchlein: „Sie predigen Wasfer und trinken Wein." Hoffentlich nur mit Maß und Verstand.

Neben dem Riesen - Lokal für die „Allgemeinheit" des Kongresfes waren nun noch zahlreiche Räume für die Berathungen der Abteilungen (aus deutsch: Sek­tionen) -und für die mannigfaltigen Ausstellungs - Ge­genstände aufzutreiben. Namentlich mußte der sogen. „Ausstellungs-Park" herhalten; aber das dort befind­liche Ausstellungs - Gebäude wird zur Zeit von den Künstlern benutzt, die dort ihre alljährliche Schaustel­lung der Bilder und Skulpturen veranstalten, und zwar nach altem schlechten Brauch gerade in der Zeit, wenn die Mehrzahl der Verehrer und Käufer von Kunstwer­ken zur Sommerfrische abwesend ist. Die Heilkünstler und die Malkünstler haben sich nun auf ein trächtiges Zusammenwohnen eingerichtet. An den Wänden, hängen die Bilder und in der Mitte der Säle halten die Sek­tionen ihre Berathungen ab.

Die Vorträge, welche auf dem Kongreß gehalten werden, sind natürlich nicht für die Patienten, sondern für die Aerzte bestimmt und können zum größten Theile auch nur von medizinisch Gebildeten erfaßt werden. Trotzdem werden wir wohl hier auf einige Punkte Hin­weisen dürfen, die auch außerhalb der Zunft Interesse erregen.

Ganz besonderes Aufsehen erregt die Ankündigung Dr. Koch's, des Entdeckers des Cholera-Bacillus, daß er glaube, ein Mittel gegen die Schwindsucht (Tuberkulose) gefunden zu haben. Er will das Mittel noch nicht nennen, weil er erst die Sache zum vollstän- digm, sicheren Abschluß bringen will. Gefunden hat er das Mittel auf dem Wege der bakteriologifchen For­schung, indem er Versuche über die Tödtung bezw. Un­schädlichmachung des Tuberkel-Bacillus anstellte. Wenn Koch's Mittel sich bei der Masse der Schwindsüchtigen als wirksam und unschädlich erweist, dann wird er noch berühmter werden, als der Erfinder der Schutzpocken- Jmpfung.

*) Nachdruck nicht gestattet.

Vorläufig hat der Kongreß sich noch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie man auf dem bisherigen Wege zur Bekämpfung der Schwindsucht weiter kommen könne. Allem Anschein nach ist für die nächste Zu­kunft eine starke Vermehrung der b e s o n d e r e n H e i l- anstalten für Schwindsüchtige zu erwarten. Deutschland ist in dieser Beziehung hinter dem Aus­lande, namentlich hinter England noch sehr zurückge­blieben. Bisher herrschte vielfach die Ansicht, daß die fraglichen Heilanstalten nur an Orten mit besonderen Eigenschaften der Luft oder des Klima's errichtet wer­den könnten. Jetzt legt man auf die angebliche Im­munität (Schwindsuchtsfreiheit) gewisser Orte nicht mehr so großes Gewicht und glaubt nicht mehr, daß das Klima des Behandlungsortes ein spezifisches Mittel gegen den Bacillus sei. Als nächstes Ziel der Behand­lung gilt jetzt die Kräftigung des ganzen Organismus, besonders der Athmungs- und Blutlaufs-Organe. Durch reine Luft bei Tage und bei Nacht, passende Ernähr­ung und genau geregelte, mäßige Bewegung soll der Körper so gekräftigt werden, daß er den Giftstoff zu bemeistern vermag. Heilanstalten für Brustkranke sind also überall möglich, wo es reine, gesunde Luft gibt. In­dem man die Schwindsüchtigen in solche Anstalten bringt, sorgt man nicht bloß für sie, sondern bewahrt auch ihre Angehörigen und die bisherige Umgebung vor der Ansteckung. Besonders vortheilhaft ist es für die allgemeinen Krankenhäuser, wenn sie von den Schwindsüchtigen entlastet werden, da gerade dort die Ansteckungsgefahr besonders groß ist und zudem die allgemeinen Krankenhäuser nicht in der Lage sind, den Schwindsüchtigen die geeignete Behandlung zu Theil werden zu lassen. Die bis jetzt gegründeten Heilan­stalten für Schwindsüchtige dienten nur den wohl­habenderen Klassen. In den weniger bemittelten Klassen mit den engeren und schlechteren Wohnungen und der weniger guten Ernährung ist aber die bessere Ver­pflegung der Kranken und die Absonderung von den Gesunden in viel höherem Grade nothwendig. Es wer­den also die Gemeinden und die begüterten Menschen­freunde ihre Kräfte, anspannen müssen, um Heilanstalten für weniger bemittelte und für arme Schwindsüchtige zu errichten — wenn nicht etwa Dr. Koch das un­mittelbare Heilmittel der Schwindsucht erfindet, welches die Bekämpfung dieses Würgengels vereinfacht und abkürzt.

Auch über die Bekämpfung der Diphtherie wurde in der hygienischen Sektion fleißig berathen. Die Vorschläge lassen sich dahin zusammenfassen, daß man dahin streben soll, den Beginn dieser mörderischen Krankheit möglichst frühzeitig zu erkennen, daß man die Geheilten nicht zu schnell in die Oeffentlichkeit zurückkehren lassen soll, weil der Giftstoff noch längere Zeit im Munde haften bleiben kann, daß Alles, was mit den Kranken in Berührung gekommen ist, auch die Wohnungen, auf das Gründlichste desinfizirt wer­den muß, daß Besuche bei Diphtheritiskranken möglichst ausgeschlossen oder nur mit besonderen Vorsichtsmaß­regeln (Anlegung eines Ueberkleides, welches beim Fortgehen zurückgelasfen wird) gestattet werden sollen.

Auf die Vorträge und Berathungen über anti­septische und a s e p t i s che Wundbehandlung können nur Fachblätter näher eingehen. Der englische Arzt Lister, der berühmte Erfinder der antiseptischen Methode, hielt selbst den bezüglichen Vortrag in der ersten Sitzung. Aus seiner Rede wie aus den weiteren Ab- theilungs-Verhandlungen ergab sich, daß eine bemerk­liche Reaktion gegen die Verschwendung von Des­infektionsmitteln eingetreten ist. In der Bergmann'- schen Klinik hat man sich zum aseptischen Verfahren gewendet; d. h. anstatt die Wunde mit den antisep­tischen, die Fäulnißerreger tödtenden Mitteln z« be­lästigen, richtet man die ganze Kraft darauf, die Wunde vor jedem Fäulnißkeime zu bewahren. Alles, was mit der Wunde irgendwie in Berührung kommt, ist auf das Sorgfältigste sterilisirt, d. h. von allen Keimen befreit. Die Hände der Operateure und Wärter wer­den durch befondere Apparate ganz rein gehalten. Die Sorgfalt erstreckt sich auf den Operationstisch, die Wände, den Fußboden. Auf diese Weise erzielt man eine platte Heilung ohne Eiterung.

Natürlich sind die vollkommendstm Einrichtungen zunächst nur in den bevorzugten, mit großen Mitteln und den besten Kräften ausgerüsteten Anstalten zu finden. Doch nach der Erprobung und Bewährung tritt das Wesentliche seinen Weg in die Weite an und wird Allgemeingut, soweit nicht der alte Schlendrian oder die Mittellosigkeit den Fortschritt zum Bessern verhindern. Wenn von irgend einem Stande, so gilt es von dem ärztlichen, daß das Lernen kein Ende nimmt, und jeder Stillstand Rückschritt ist. Aber das müssen sich auch all' die Laien sagen, welche Ein­fluß auf die Einrichtung und Verwaltung von Kranken­häusern haben. Hoffentlich wird der Kongreß den Geist des Fortschritts auf dem Gebiete der Krankheitsheilung und Krankheitsverhütung in den weitesten Kreisen kräftig anregen!_________________________________

Deutsches Keich.

SB erf in, 7. August.

* Staatsminister v. Bötticher wird am Samstag mit einem Kriegsschiff auf Helgoland eintreffen, um die Insel als deutschen Besitz vom englischen Gouver­neur zu übernehmen.

* Fürst Bismarck weilt, wie in den Tagen seiner Kanzlerallmacht, in Kissing en und hat daselbst den­selben Empfang gefunden wie vor Jahren. Auch die kgl. bayerischen Hofwagen und die grünen Schutzengel fehlen nicht. Der bayerische Hof hat dem Exkanzler augenscheinlich die alte Gunst auch bis in den Ruhe­stand bewahrt, denn der Kanzler erfreut sich all der früheren Auszeichnungen, wie selbe sonst nur einem regierenden Fürsten zu Theil werden. Dagegen nimmt die Presse, die früher über jedes Räuspern des Kanzlers so getreulich referirte, auffallend wenig Notiz von der diesjährigen Kissinger Anwesenheit desselben. So lange Bismarck dort weilt, ist auf die Anwesenheit seines Nachfolgers Caprivi wohl kaum zu rechnen, und dieser Umstand ist wohl das beste Dementi der Gerüchte über die Diplomatenkonferenz in Kissingen. Mit welchen Gefühlen Fürst Bismarck wohl jetzt seine Statue in den Salinenanlagen betrachten mag! Deutlicher als alle Worte zeigt sich hier die Vergänglichkeit alles ir­dischen Ruhms.

* Der frühere staatskatholische „Propst" von Schrotz, Liz ak, hat sich laut Meldung der .Germania' mit der Kirche wieder ausgesöhnt.

* Im letzten Sommerhalbjahr wurden die 257 Gymnasien und 40 Progymnasien, die in Preußen bestehen, von 94,079 Schülern besucht. Darunter waren 9,4 pCt. Juden, während von der männlichen Gesammtbevölkerung die Juden nur 1,3 pCt. ausmachen. Auf 10,000 männliche Einwohner kommen bei den Christen 62,2, dagegen bei den Juden 489,3 Gym­nasialschüler.

* Die diesjährige General-Versammlung der Gör- res-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland wird gemäß Beschluß des Ver­waltungs-Ausschusses am 2. und 3. Sept, in Augsburg stattfinden.

* Bonn, 6. August. Obwohl Herr Reinkens als „Bischof" der Altkatholiken nur eine sehr minimale Thätigkeit zu entwickeln braucht, fo hat er sich doch einen „Generalvikar" beigelegt und zwar in der Person des Breslauer altkatholischen Professors Dr. Weber, der zu dem Zwecke von der Regierung dauernd be­urlaubt wurde. Es wäre sehr interessant, zu wissen, ob der Herr Professor seinen Gehalt fortbezieht. Nicht minder fällt es auf, daß diese Bestellung eines altkatho­lischen „Generalvikars" im Amtsblatte der Kgl. Re­gierung von Düsseldorf publizirt wurde.

* Bei den soeben vollzogenen Landtagswahlen im Großherzogthum Hessen haben die National- liberalen 2 Mandate an die Antisemiten und Deuffch- freisinnigen, das Centrum den Wahlkreis Offenbach (Land) an die Sozialdemokraten verloren. In Alsfeld (Stadt) wurde nämlich der freifinnige Gundrum an Stelle des bisherigen nattonalliberalen Abgeordneten Grünewald gewählt. In Butzbach siegte der Antisemit Köhler gegen den bisherigm Abgeordneten Dr. Vogt (nattonalliberal). Dagegen wurde in Grünberg der