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Mittwoch, den 6. August 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Deutsches Keich.

Berlin, 4. August.

* lieber die Stellung der Sozialdemokra­ten zum Kleingewerbe und Handwerk schreibt das Leipziger,Vaterland' wie folgt: Die ,Sachs. Ar- beiterztg.' bringt in ihrem Anzeigetheile öfters markt­schreierische Inserate, in denen fertige Anzüge zu Prei­sen angeboten werden, bei denen die Lieferung eines reellen und dauerhaften Kleidungsstückes durchaus un­möglich ist. Daß die Herstellung solcher Schundwaare nur dann überhaupt denkbar ist, wenn dem Arbeiter Hungerlöhne gezahlt werden, ist selbstverständlich. Trotz­dem trägt das „Organ zur Wahrung der Jnteressm der Arbeiterklasse" kein Bedenken, die Erzeugnisse sol­cher Schleuderkonkurrenz in seinem Anzeigetheile zu empfehlen. Gegen diese Empfehlung hat nun der Ver­ein Dresdener Schneider Stellung genommen und dem ,Arbeiterorgan' seine Mißbilligung ausgesprochen. Was bemerkt das Blatt dazu? Es erklärt mit unzweideutiger Offenheit, daß es gar kein Interesse an dem Bestehen des kleinen Handwerks habe und nach wie vor der­artige Anzeigen aufnehmen werde. Zum Schluffe der Auseinandersetzungen wird die Offenheit geradezu cynisch. Der Schluß lautet wörtlich: Wir werden immer und überall bestrebt sein, den Untergang des Klein­gewerbes zu beschleunigen — so leid es uns thut, daß viele uns Nahestehende dem allgemeinen Zer­setzungsprozeß mit unterworfen sind. In dieser Hal­tung erblicken wir vorwiegend unsere revolutionäre Aufgabe." Hatten wir Recht, wenn wir diese Offen­heit cynisch nannten? Die Sozialdemokraten arbeiten eingestandenermaßen revolutionär. Jeder Handwerker also, der sozialdemokratisch wählt oder gar dem Moloch der Sozialdemokratie seine Groschen opfert, liefert Material zur Revolution und seiner eigenen Vernichtung.

* Ueber die Finanz-Pläne des Herrn Miquel weiß Niemand etwas, auch die ,Köln. Ztg.' nicht, wie sie selbst eingesteht. Sie hilft sich jetzt da­mit über die saure Gurkenzeit hinweg, daß sie nach den Mittheilungen eines der parlamentarischen Freunde des Herrn Miquel einige Streiflichter auf dasselbe fallen läßt, was er über unsere Steuern früher dachte und in kleinerem Kreise aussprach. — Für Herrn Miquel ist niemals dasjenige in der Gegenwart maßgebend ge­wesen, was er in der Vergangenheit gedacht hat.

* Ueber Gefährdung der persönlichen Freiheit, schreibt man aus Berlin: Wie die Ueber- führung eines vom Polizeiarzt für irrsinnig erklärten Menschen nach einer Heilanstalt für Geisteskranke be­werkstelligt wird, erfahren wir aus einer erneuten Ver­öffentlichung der »Kreuzzeitung' über den von uns bereits mehrfach erwähnten Fall Morris de Jonge.

6 Das Passtonsspiel inGüerammergau 1890.

(4.' Fortsetzung.)

Jesus betet auf dem Oelberge in Todesangst, die Jünger, die er gemahnt, zu beten und zu wachen, sind zweimal eingeschlafen. So ist der Herr allein in seiner Noth. Ein Engel erscheint leise herniederschwebend und spendet dem Leidenden Trost: Führe aus, was der Vater Dir aufgetragen, er wird dich verherrlichen."

Inzwischen ist eine von Judas angeführte Rotte aus Händlern und Kriegsknechten bestehend, den Berg herangekommen. Petrus und die Anderen fahren aus dem Schlafe und der Herr sagt ihnen: „Seht! der mich verrathen wird, ist nahe." Judas ist rasch auf den Herrn zugeschritten. „O Rabbi sei gegrüßt", spricht er den Meister an und küßt ihn. Und der Herr er­widert nun: „O Juda, mit einem Kuße verräthst du den Menschensohn."

„Wen suchet ihr?" wendet der Herr sich zu der Rotte und auf die Antwort: „Jesum von Nazareth!" erwidert der Heiland: „Ich bin es." Die Macht dieses Geständnisses wirft die Häscher zu Boden. Der Gottes­sohn aber sagt milde: „Fürchtet euch nicht, steht auf." Freiwillig gibt er sich dann hin und läßt sich binden, nachdem er Petrus verwiesen, der dem Malchus das Ohr abgehauen.

Nach dieser Darstellung wurde Herr Morris de Jonge nach einer einmaligen Unterredung mit dem Dr. Abraham Baer, der sich unter der Maske eines höheren Polizeibeamten bei ihm einführte, auf der Polizeiwache ohne Weiteres festgehalten, als er, befragt über den Zweck der Unterredung, sich dort Auskunft holen wollte, und dann nach etwa zwei Stunden nach der Privat­irrenanstalt in Schöneberg überführt, wo er mehrere Monate internirt blieb. Die ,Kreuzztg.' knüpft an diese Darstellung die Bemerkung: „Der Thatbestand ist jetzt nach allen Richtungen hin aufgeklärt, nur Dr. Abraham Baer schweigt noch immer über die Gründe, welche ihn veranlaßt haben, Dr. de Jonge für gemeingefähr­lich irrsinnig zu erklären. Man darf wohl die Er­wartung aussprechen, daß seine vorgesetzte Behörde dieser seiner Zaghaftigkeit alsbald ein Ende machen wird." — „Wir können unsererseits", bemerkt hierzu mit Recht die demokratische .Volkszeitung' die sicher nicht des Antisemitismus verdächtig ist, „nur erklären, daß, wenn jene Darstellung richtig ist," ein schreiendes Unrecht begangen wurde, dem in ähnlicher Form jeder Zeit Jedermann int deutschen Reiche ausgesetzt wäre. Herr Dr. Baer ist in seinem sowohl wie im allgemeinen Interesse verpflichtet, sein Schweigen zu brechen."

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung des bisherigen deutschen Gesandten in Buenos-Ayres, Freiherrn v. Rodenhau, zum Unterstaats-Sekretär im Auswärtigen Amte.

* Die in Buenos - Ayres ansässigen deutschen Reichs-Angehörigen sind auf Ersuchen der Reichs- Regierung unter den Schutz der dort weilenden eng­lischen Kriegsschiffe gestellt worden.

* Der Unterschied zwischen katholischer und protestantischer Opferwilligkeit ergibt sich aus nachstehender Mittheilung: An Schenkungen und letztwilligen Zuwendungen in Preußen entfallen nach amtlicher Feststellung im vorigen Jahre auf die evangelische Bevölkerung 2,440,584 Mk. und auf die numerisch nur halb so starke katholische Bevölkerung 3,018,326 Mk.

* Die mehrfach erwähnte Broschüre des Herrn Domkapitulars Dr. Höhl er („Religions-Krieg in Sicht?") findet auch in der katholischen Presse des Auslandes die wohlverdiente Beachtung. So theilt u. A. der Pariser ,Le Monde' in seiner Ausgabe vom 18. Juli die Dr. Höhler'sche Tabelle mit, worin unter Gegenüberstellung der kirchenpolitischen Zustände vom Jahre 1870 und 1890 ein für die Katholiken wenig erfreuliches Verlust - Konto nachgewiesen wird. Das Pariser Blatt bemerkt, daß es in der Broschüre „werth­volle Aufschlüsie über die gegenwärtige Lage der deut­schen Katholiken" gefunden habe und bezeichnet insbe-

Christus wird gefeffelt fortgeführt, er geht allein! — selbst seine Getreuesten Petrus und Johannes folgten ihm nicht!

Vor Annas dem hohen Priester begegnen wir dem Herrn wieder. Jesus schweigt auf die herausfordernden Fragen des hochmüthigen Hierarchen. Soldaten geben dem Erlöser Backenstreiche, er wird ja auf gleiche Weise behandelt, wie — im lebenden Bilde — Michäus der Prophet, der dem König Achab die Wahrheit ge­sagt.

Im Vorbilde wieder wird Naboth, obwohl un­schuldig, gesteinigt, da falsche Zeugen wider ihn aus­gesagt, Job der Aussätzige erduldet hilflos vor seinem Hause liegend, die Verspottungen seiner Frau und seiner Freunde.

Auch Jesus, vor Kaiphas geführt, duldet viele Schmach. Falsche Zeugen treten wider ihn auf und behaupten, Christus habe das Volk aufgereizt, die Obrigkeit gelästert, den Sabbath geschändet. Christus schweigt zu Allem. Auf die Beschwörung des Kaiphas „Bist Du Messias, der Sohn Gottes", erwidert der Herr in majestätischer Ruhe: „Du sagst es und ich bin es." Da fährt Kaiphas entrüstet auf, zerreißt fein Kleid und schreit, „er hat Gott gdäftert, .wir brauchen keinen Zeugen mehr" und Alle stimmen für Christi Tod.

In einer Vorhalle des Palastes des Kaiphas ist

sondere die von ihm mitgetheilte Tabelle als „die beste Antwort gegenüber denjenigen, welche sich einbilden und behaupten, daß der Kulturkampf beendet sei."

* Ein schwedischer Journalist, der in Schön­hausen um eine Unterredung mit dem Fürsten Bis­marck bat, wurde der.Post' zufolge abschlägig beschiedeu.

* Aachen. 1. Ang. Wie die .Köln. Volksztg.' hört, sind die hiesigen, bisher noch provisorisch ange­stellten Hauptlehrer von vorgesetzter Stelle aus ver­traulich beauftragt worden, die Namen der dem hiesigm katholischen Lehrer-Verein angehörenden Leh­rer anzugeben. Hätte irgend ein geistlicher Lokal- Schulinspektor eine ähnliche Maßregel verfügt, so würde sich in der liberalen Schul - Presse und auch in dem einen oder andern sogen, „katholischen" Schulblatte ein wahres Geheul über Reaktion und bedrohte Freiheit des Lehrerstandes vernehmen lassen. Da es sich aber um eine katholische Sache handelt, so werden die Einen Beifall klatschen und die Anderen sich — ausschweigen. Um so nothwendiger erscheint es, daß in der nächsten Landtags-Session von Seiten des Centrums in dieser Angelegenheit ein deutliches Wort geredet wird.

* München, 1. Aug. Dem ,Uuivers' wird aus Rom gemeldet, daß der hl. Stuhl sich weigere, die vom Prinz-Regenten getroffene Wahl des Hrn. Prof. Dr. Schoenfeld zum Erzbischof von Bamberg zu ge­nehmigen.

* Die Reichstags-Ersatzwahl in Kaiserslautern ist auf den 16. August anberaumt.

Ausland.

* B r ü n n, 3. August. Das hiesige Arbeiter- Komite versendet einen Aufruf und ein Programm zu dem österreichischen Textilarbeiter-Kongreß an die Ausschüsse in sämmtlichen Fabrikcentren.

* Die Arbeiterausstände in Spanien nehmen an Umfang fortgesetzt zu. Dieselben haben sich über drei Provinzen: Catalonien, Valencia und Andalusien aus­gedehnt, die Zahl der Strikendm beläuft sich nach den amtlichen Berichten der Gouverneure auf etwa 120,000. In Catalonien beschränkt sich der Strike auf die Arbeitergruppe las tres clases de vapor, welche in elf Industriestädten Cataloniens Zweigvereine gebildet hat. Die Hauptstärke dieser Association liegt in Bar­celona und Manresa, in elfterer Stadt beträgt die Mitgliederzahl 14,000, in Manresa 8000, welche sämmtlich ftrifen. In beiden Städten wurden die Mit­glieder des Strikecomites in Haft genommen, auch wurde das weitere Erscheinen des Arbeiterorgans „La Verdad" (die Wahrheit) verboten. Am Montag und Dienstag voriger Woche kam es in Barcelona bei den üblichen Umzügen der Strikenden zu bedenklichen Zusammenstößen mit der unter Waffen getretenen

die Tempelwache um ein Feuer geschaart. Petrus und Johannes, durch eine Magd eingeführt, kommen zu den Kriegsknechten. Die Frau fragt Petrus, ob er nicht ein Anhänger des Galliläers sei; er aber stellt es entschieden in Abrede. Der Hahn kräht zum ersten Male. Auch die Soldaten glauben in Petrus einen Jünger des Herrn zu erkennen; er aber leugnet Christum. Der Hahn kräht wieder. Wie nun die Kriegs­knechte eindringlicher behaupten, Petrus sei ein Jünger des Herrn, da schwört der Apostel-Aelteste, daß er „diesen Menschen" nicht kenne. Christus wird jetzt hereingeführt. Mit einem tiefen, verweisenden Blick blickt er Petrus an. Dieser stürzt hinaus, voll bitterster Reue, die zur Buße sich wendet und von dem Sttahl der Hoffnung belebt wird, der Herr werde vergeben.

Christus wird in seiner Zelle von den Knechten schmählich mißhandelt, aber mit stets gleicher Hoheit und Geduld erträgt er auch das Schlimmste.

Wie anders, als der vorhin reuevolle Petrus ge­berdet sich „Judas in Verzweiflung." Als er hörte, daß man, als Folge seines Verrathes den Herrn zum Tode verurtheilt, erfaßt ihn wilde Angst. „Das habe er nicht gewollt." Er eilt vor dm hohm Rath, der nur Verachtung für ihn hat, wirft den Beutel mit dm 30 Silberlingen vor die Versammlung und läuft, wie der rastlose Brudermörder Kain, der im lebmdm Bilde vor uns tritt, dem nahen Walde zu. Dort reißt er