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M 178.

Dienstag, den 5. August 1890

17-Jahrgang

uldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei ('21. Tillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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z Zwanzig Jahre. *)

Zwanzig Jahre sind jetzt vergangen seit den be­wegten Tagen, als „ein Ruf wie Donnerhall" durch Deutschland brauste. Es war für Viele eine schwere Zeit, aber für Alle eine erhebende Zeit. Unsere Herzen waren voll der Hoffnung auf Sieg, Ruhm, Größe und Glück; an den Kulturkampf und die soziale Krisis dachten wir damals nicht.

Zwanzig Jahre — zwei Drittel des sog. Menschen­alters. Wenn wir Rundschau halten in dem Kreise derjenigen, die damals mit uns die Wacht am Rhein gesungen haben, so gibt es Lücken über Lücken. Was damals mit flaumbärtiger Lippe in der Linie stand, ist jetzt in seinen Resten zum graubärtigen Landsturm heraufgerückt. Die Soldaten, welche jetzt die Exerzier­plätze füllen, staken damals noch in den Windeln oder in den ersten Versuchshöschen. Ja, die große Zeit des letzten Krieges schiebt sich allmälig in die vorige Gene­ration zurück; wir werden alt und das Reich, welches dem Kriege entsprossen ist, wird großjährig. Es kann ja, wie der Augenschein lehrt, schon ohne Bismarck'sche Vormundschaft fertig werden.

Zwanzig Jahre Frieden! Allerdings erst im nächsten Frühjahr sind die zwei Jahrzehnte der deutschen Waffen­ruhe voll. Aber es ist schon jetzt mehr, als wir da­mals gehofft hatten. Trotz der Gründlichkeit der Nieder­lage des Gegners hatten wir doch beim Friedensschlüsse die Ahnung, daß es nach einer Weile wieder losgehen werde. Solferino, Düppel, Königgrätz und Sedan — das war Alles in so kurzer Frist auf einander gefolgt, daß man dem westeuropäischen Frieden nicht weiter als aus einige Jahre zu trauen wagte. Den überraschend dauerhaften Frieden müssen wir freilich verzweifelt theuer bezahlen; aber die hohen Militärlasten erscheinen uns doch immer noch als das kleinere Uebel.

Es steht außer Zweifel, daß das deutsche Volk friedliebend ist. Wie reimt sich mit dieser Tugend die Begeisterung von 1870? Sehr gut. Es war ein Vertheidigungskrieg, der uns in frivoler Weise aufgedrängt war, so daß Jeder sich sofort darüber klar war: Wir müssen kämpfen für unsere Ehre und Freiheit. Fürst Bismarck hat es selbst im Reichstage ausgesprochen, daß das deutsche Volk für einen Angriffs­und Eroberungskrieg nicht zu begeistern fei, daß nur bei nothgedrungener Abwehr der furor teutonicus, der hinreißende Zorn der ganzen Nation erwache. Möge es stets so bleiben!

Ein weiterer Segen in diesen zwanzig Jahren war die Erhaltung des Friedens im Innern, d. h. die Vermeidung von Ruhestörungen, Revolutionen, Straßen-

*) Nachdruck nicht gestattet.

L DasUasstonsspiel inWerarnmergau 1890.

(3. Fortsetzung.)

Eine tüchtige uaturfrische Spielkraft, eine vorzüg­liche, hohe Erscheinung ist das Rathsmitglied Nathanael, Sebastian Lang jun.

Nachdem die Priester unter sich berathen, werden die Klage führenden Händler eingelassen; ihnen soll Recht werden, aber sie müssen behilflich sein, daß man des Herrn sich versichere. Vor aller Welt scheint es seines großen Anhanges halber, nicht gerathen. Einer der Händler kennt einen Jünger, „der blankes Silber nicht verachtet." Priester und Händler fühlen sich sicher im Siege über den Herrn.

„Der Abschied zu Bethania" wird uns in der dritten Vorstellung vor Augen geführt, dazu die leben­den Bilder, „der junge Tobias scheidet aus dem Eltern­hause" und „die liebende Braut trauert um den ver­lorenen Bräutigam."

Jesus hat im gastlichen Freundeshaus mit den Jüngern, Simon den Aussätzigen, Lazarus und die edlen Frauen Martha (Schnitzerstochter Helena Lang) und Maria Magdalena (Schnitzerstochter Amalie Deschler) um sich versammelt.

Zur Rechten des Herrn ist immer Petrus. Der Schnitzer Jakob Hett ist als Apostelältester eine Er­

kämpfen u. dgl. Das kommt uns meistens als etwas Selbstverständliches vor. Aber wenn wir die Wirren in Spanien, Mittelamerika, Brasilien und Argentinien betrachten, so müssen wir immer dem Himmel dankbar sein, daß die Parteikämpfe sich bei uns nicht bis zum Bürgerkriege zuspitzten. Die argentische Revolution hat nach den bisherigen Nachrichten 1000 Todte und 5000 Verwundete hinterlassen. Und all das Blut ist unnütz vergossen worden. Die Friedensfreunde wagen schon die Hoffnung, daß die Völker es bald verabscheuen werden, sich mit ihren Nachbarn herumzuschlagen. Aber wie weit entfernt erscheint noch diese Verbesserung der Sitten, wenn sogar noch Bürgerkriege möglich sind, wenn die aufständischen Befehlshaber der Schiffe sich nicht scheuen, Granaten in die unbefestigte Hauptstadt ihres eigenen Landes zu werfen, wie es in Argentinien geschehen ist.

Der redselige Einsiedler von Friedrichsruh — augenblicklich ist er auf der Reise über Schönhausen nach Kissingen begriffen — will uns freilich glauben machen, daß ein Waffengang zwischen den Sozial­demokraten und den Hütern der Ordnung unvermeidlich sei. Da Fürst Bismarck in anderen Aeußerungen deutlich bewiesen hat, daß er von der sozialen Frage nichts versteht, so brauchen wir uns durch düstere Prophezeiung nicht bange machen zu lassen. Es gibt noch andere Heil­mittel für die soziale Krankheit, als das Eisenbart'sche Rezept von Pulver und Blei. Gehen wir also getrost in das dritte Jahrzehnt der „neuen Zeit", der Reichs­zeit, hinein.

Bei diesem Rückblick dürfen wir auch nicht vergessen, daß jetzt 20 Jahre verstossen sind seit der Vertagung des vatikanischen Konzils. Am 20. September kehrt zum zwanzigsten Male der Jahrestag der Eroberung der heiligen Stadt wieder. „Und Gott hat es ge­litten. Wer weiß, was er gewollt?" Für das kurzlebige Individuum sind zwei Jahrzehnte eine lange Zeit; in der Welt- und Kirchengeschichte sind sie nur eine kleine Spanne; int Rathschluß des Höchsten sind sie wie nichts, noch weniger, als ein Tröpfchen aus dem Meere der Ewigkeit. Wir beklagen die fortdauernde Vergewaltigung der heiligsten Rechte des Oberhauptes der Kirche, aber wir freuen uns und danken dem Himmel, daß trotz aller äußeren Schwierigkeiten die Kirche wächst und gedeiht, daß weder Ältkatholiken noch Kulturkämpfe etwas wieder sie vermocht haben, daß sie und ihr Ober­haupt jetzt noch geachteter und einflußreicher dastehen, als vor der Katastrophe von 1870. —

Wollen wir die zwei Jahrzehnte als eine Jubiläums- Frist ansehen, so muß auch des Centrums gedacht werden. Es entstand zugleich mit dem deutschen Reiche. Wer hätte während der Jahre 1870 und 1871 die Prophe­zeiung gewagt, daß im Jahre 1890 der „große Kanzler" scheinung, ganz wie sie unserer Vorstellung entspricht. Sein großer, würdiger Vollbart ist fast weiß, der Kopf ist kahl, nur an der Stirnseite ziert ihn noch eine Silberlocke und Silberhaare umkränzen ihn. Petrus trägt blaues Gewand mit rothem Mantel, Johannes — der Schnitzer Peter Rendl — grüne und rothe Kleidung. Johannes ist eine junge männliche Jdeal- gestalt, mit schön geschnittenem Profil, nußbraunen Haar, das leicht gerollt bis in die Schultern fällt, und einer noch recht jugendlichen aber deutlichen Stimme. Judas, in röthlich-gelbem Habitus, trägt wirres Haar und krausen Bart, jedoch nicht roth, wie die Tradition es liebt. Der Judas von 1890, der Maler Johann Zwink hatte noch vor zehn Jahren den Johannes zu spielen, man darf also nicht zu scharf urtheilen, wenn sein Spiel, in dem sich oft ein Uebermaß der Bewegung geltend macht, nicht ganz entspricht.

lieber dem Liebesmahle liegt eine wehmüthige Stimmung, da der Herr prophetische Worte zu den Seinen spricht, die sie in ihrer Schwere noch nicht verstehen. Magdalena kommt voll Demuth und gießt dem Herrn die kostbare Nardensalbe über die Füße, die sie mit den Flechten ihres Haares trocknet. Judas murret über dieß: „300 Denare mit solch kostbarer Salbe zu verschwenden. Von Christus belehrt, grollt es im Stillen in ihm sott — der erste Keim seiner verrätherischen That. •

grollend und murrend in unfreiwilliger Muße dasitzen werde, verlassen von seinen Mamelucken, aufgegeben von fast allen seinen Freunden, während der „kleine Windt- horst" die stärkste Partei des Reichstags mit altem Geschick und wachsendem Erfolge führt?!

Und wer hätte sich Ende Juli 1870 träumen lassen, daß Ende Juli 1890 der zweite deutsche Reichskanzler eine Denkschrift über die Theilung Afrika's und den Erwerb Helgoland's veröffentlichen werde! Diese Wen­dung der Dinge zeigt so recht deutlich, daß die Völker von Aufgaben überrascht werden können, an die sie bisher gar nicht gedacht haben. Wir sind in die afri­kanischen Angelegenheiten verwickelt worden, ohne recht zu wissen, was und wie? Ueber die abenteuerlichen Flaggenhisser, die mit Hilfe von einigen Stücken Zeug und einem Stücke Papier mit drei Kreuzchen die fabel­haftesten „Hoheits - Rechte" erworben, haben wir ge­lacht; aber so komisch die Sache aussehen mochte, mit dieser Flaggerei und Kreuzelschreiberei ist thatsachlich ein neues Kapitel der Weltgeschichte eingeleitet worden. Der verständige Vater und die sorgsame Mutter glau­ben, daß sie die Schicksale der Familie in der Hand haben; aber ehe sie es sich versehen, reißt das heiße Blut und der überschäumende Thatendrang der Kinder sie in Abenteuer hinein, von denen sie sich nichts träu­men ließen. Die Suppe ist eingebrockt, sie muß aus­gegessen werden. Wie die Mahlzeit bekommt, bleibt abzuwarten.

Man nennt unsere Zeit schnelllebig. In gewissen Dingen geht es freilich recht schnell vorwärts. Die Vertheilung von Afrika, die Einführund- des Telephons und des elektrischen Lichtes, die Steigerung der Mili­tärlasten und der Anleihen machen sich so zu sagen im Handumdrehen. In anderen Dingen Mber ist der Schneckenschritt in Hebung. Die orientalische Frage steht im Wesentlichen noch auf demselben Flecke wie 1870. Die Franzosen haben noch immer nicht Elsaß- Lothringen vergessen und noch immer nicht die Einrich­tung einer festen Regierung gelernt. Fortschritte im Eisenbahnwesen macht man nur in Ungarn und allen­falls in Oesterreich; in Deutschland hält man auch int Jahre 1890 noch an den alten Postkutsch-Fahrpreisen von anno 30 fest.

Wie viel Zeit und Mühe es oft kostet, einen Schritt vorwärts zu thun, zeigt uns recht deutlich die Heil­kunde. Vor 20 Jahren war das Gebiet der Bacillen und Bakterien noch fo unbekannt, wie das Land der Zwerge vor dem letzten Zuge Stanley's. Rastlosem Jagdeifer ist es gelungen, eine ganze Reihe von Bacillen zu fangen, eine neue Welt von kleinen, dem bloßen Ange unsichtbaren Zerstörern der menschlichen Gesund­heit zu entdecken. Auch den Cholera-Bacillus kennen wir. Aber wie steht es mit der Kunst der Vern ich -

„Lasset uns aufstehen" mahnt der Herr und Alle danken Simon, ihrem freundlichen Gastgeber.

Bevor der Herr zum Geh'n sich wendet und Allen seinen Segen ertheilt, erscheint mit ihren Freundinnen — Maria.

Ein rothes Kleid mit blauem Mantel umschließt in edlem Faltenwürfe diese hoheitsvolle, echt weibliche Gestalt.

Die Stirne deckt zur Hälfte ein weißes Tuch, das auch das Antlitz umrahmt, in reichem Faltenwurf zum Mantel fallend. Zwischen diesem und dem Kopstuche quillt das lange, glänzend schwarze Haar hervor, das ausdrucksvolle von milder Blässe überdeckte Antlitz, in einen bestimmten Gegensatz zu seiner Umrahmung stellend. Die Darstellerin Mariens ist Rosa Lang, die Tochter des Bürgermeisters. Wir vergessen gerne, daß ihrem Organ eine gewisse Härte anhaftet;> gerade die Macht dieser Figur liegt in der Erscheinung.

Maria mit den Frauen bittet den Herrn zu bleiben. Er aber sagt, „Meine Stunde ist gekommen". Und der Herr spricht von dem Opfer, das zu bringen er in die Welt gekommen.

„Ach ich ahne, was dieß für ein Opfer sein wird," erwidert Maria. Sie will mit dem Sohne Leiden und Tod theilen. Der Herr verheißt ihr dies und den ein- sttgen Sieg. „O Gott — klagt die edelste aller Mütter — gib mir Kraft, daß mein Herz nicht breche."