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176.

Samstag, den 2. August 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — — Tinirf u «prfnn se«fhn.r rsir

Deutsches Keich.

Berlin. 31. Juli.

* Während die Berliner Presse sich im Allgemeinen den in der Denkschrift über das deutsch-englische Abkommen niedergelegten Ansichten anschließt, be­nutzt die ,Kreuzzeitung' die Gelegenheit, um nochmals ihre Unzufriedenheit über das von Deutschland bethä- tigte Entgegenkommen kundzugeben und um zugleich einen heftigen Vorstoß gegen England zu richten, welches durch die Vergewaltigung Portugals sogar den europäischen Frieden gefährden soll. Einen Schlüssel für manche Abmachungen findet die ,Krmzztg.' in dem „überraschenden Bekenntniß", daß unser Kolonialbesitz bei weitem nicht werthvoll genug gewesen sei. „um England gegenüber fest aufzutreten." Die britische Re­gierung habe den entgegengesetzten Standpunkt ver­treten. Sie habe nicht nur Alles, was sie hatte, be­halten, sondern ihre bisherigen Besitzungen erweitern und abrunden wollen; das Entgegenkommen gegen Deutschland habe ihr erst in zweiter Linie gestanden. Nach Auffassung der ,Kreuzztg.' hätte die Reichs­regierung alle von der englisch-ostafrikanischen Gesell­schaft erhobenen Ansprüche einfach „als nicht diskutir- bar abweifen" sollen. Das ist ja freilich ein sehr ein­facher Standpunkt, ob die deutsche Regierung aber damit wirklich ihren Zweck, die Verständigung erreicht hätte, erscheint uns doch mehr wie fraglich. Und will auch erscheinen, als ob die ,Kreuzztg.' zu schwarz sieht, wenn sie als eine Folge der „Ländergier Eng­lands" die Bildung der für den europäischen Frie­den verhängnißvollen „lateinischen Union" unter der Aegide Frankreichs an die Wand malt. Die,Kreuz- Ztg.' meint, daß die Erfüllung der englischen Forde­rungen seitens Portugals den Bestand der Monarchie Portugals ernstlich gefährden würde. Falle erst das Königthum in Portugal, würde auch Spanien nicht lange mehr verschont bleiben, die Republik auf der iberischen Halbinsel aber mache diese zu einem Vasallen Frankreichs, welches damit den wichtigsten Schritt zur lateinischen Union gethan hätte. Die.Kreuzztg.' kommt deßhalb zu dem Schluß: „Es ist in der That — das begreife man wohl — ein recht gefährliches Spiel, welches die Ländergier Englands hier treibt." Wir können uns allerdings auch nicht für die brutale Art und Weise begeistern, mit welcher England Portugal gegenüber das Recht des Stärkeren zur Anwendung bringen wollte. Jedenfalls aber wird man doch ab­warten müssen, welche Ergebnisse die Ausgleichsver­handlungen haben werden. Gerade in dem Augenblick, wo der deutsche Kaiser sich zur Reise nach England

L Das Dasstonsspiel in Gberammergau

1890.

(2. Fortsetzung.) . IH.

Auf grünem Plane gegen Unterammergau zu, wo die Berge auseinander treten zu einem weiten Thale, liegt das neue Passionstheater. Am Spieltage herrscht vor demselben schon frühmorgens, wenn die musikalische Tagreveille die Schläfer geweckt, reges Leben. Die letzten Nachzügler stürmen an die um 6 Uhr sich er­schließende Kasse, um noch ein Billet zn erkämpfen.

Der mit großen Opfern aufgeführte Theaterbau von heute, erinnert an das klassische Hellas und das welt­erlösende Palästina. Der Zuschauerraum, zur Hälfte mit Bedachung geschützt, steigt amphitheatralisch auf. In eine offene erhöhte Vorderbühne mit einem 42 Meter breiten Proszenium ist noch ein eigentliches Theater gestellt, in welchem die lebenden Bilder und die Hauptmomente der Handlung sich abspielen. In das Proszenium herein steht von links das Haus des römischen Landpflegers Pontius Pilatus, rechts das Haus des Hohenpriesters Annas, beide gleichmäßig im römischen Style mit hohen Vorstufen. Antike Säulenhallen, welche von diesen Häusern weg, das Proszenium zu beiden Seiten abschließen, dienen dem Chore der Schutzgeister zum Ein- und Ausgange. Zwei

rüstet, können wir die Angriffe der Ireuzztg.' nicht für angebracht halten.

* Fürst Bismarck hat wiederum einen Korre­spondenten der ,Nowoje Wremja' empfangen, worüber das russische Blatt meldet: Das Gespräch ging von gleichgiltigeren Gegenständen zunächst auf die Erörte­rung des Gotenburger Schank-Systems über, das der russische Redakteur kürzlich an der Quelle beobachtet, und das in der Monopolisirung des Kleinhandels mit Branntwein besteht. Von da nahm das Gespräch nach der Uebersetzung der .Post' folgende Wendung:

Fürst Bismarck bemerkte: „Ja, das ist ein schönes System, das ist das einzige auf ein wirkliches ökonomisches Prinzip ge­gründete System, von einer sentinientalen Wohlthätigkeit ist da nicht die Spur, und darin liegt seine Stärke. Allerdings ist das ein Monopol seiner Art, aber ich habe immer gefunden, daß das Trank- und das Tabak-Wesen sehr geeignet zur Umwandlung in Monopole sind. Aber bei uns in Deutschland, bei der Zer­splitterung und dem Kampfe der Parteien würde ein Versuch, dieses System einzuführen, die Sache zu einer Partei - Waffe machen und vielen Schwierigkeiten begegnen, roiirbe zu viel Privat-Jntereffen verletzen. Außerdem sind die Gemeinden bei uns so geneigt zur Jsolirung dazu, ihr besonderes Leben zu leben außerhalb der allgemeinen Staats - Interessen, und eine solche starke Selbstständigkeit in der Quelle der Einnahmen könnte noch zur Verstärkung des Gemeinde-Geistes zum Schaden des allgemeinen staatlichen führen.

Der Interviewer flicht dann folgende Episode ein: Ich theilte dem Fürsten mit, daß ich nach Helsingborg (Schweden) und Helsingör (Dänemark) gereist sei, und daß bei dem Trajekt über die große internationale Fahrstraße, auf welcher alle Schiffe auf der Nordsee in die Ostsee gehen, mein Reisegefährte, ein nordischer Kapitän, mir, als wir uns dem dänischen Ufer ge­nähert, auf welchem das-malerische Schloß Kronbvrg steht, ge­sagt: Es geht eine Sage, daß hier, auf den Terrassen dieses Scklosses, Hamlet seinen Vater gesehen hat. Sie, ein Russe, sollten, denke ich, hier einen anderen, lebendigeren, wirklicheren Schatten sehen, welcher seine Hand über diese Meerenge aus­streckt . . . Wie leicht ist sie in einen zweiten Bosporus zu ver­wandeln.

Fürst Bismarck, der unterdessen auf dem engen Steig vor mir gegangen war, drehte sich um und sagte: Ihr Norweger irrt sich. Wir sind vollständig satt mit dem, was wir haben, und wünschen keine Erwerbungen mehr.

Das Gespräch wandte sich dann aus die Entlassung des Fürsten Bismarck. Der Interviewer meint, in Rußland sei man erstaunt über die Eile, mit der in Deutschland für ein Bis­marck-Denkmal gesammelt" werde. Vielen erscheine dieses Denk­mal wie ein gigantisches Petschaft, mit welchem man ein Packet mit dem alten 75jährigen Bismarck versiegele, um es in's Archiv zu thun; man sehe ein gewisses Streben, der Thätigkeit des Fürsten ein Ende zu machen, den Wunsch, daß nicht etwa zu Allem, was er gethan, noch neue Thaten kommen möchten, welche ihren Platz in der Geschichte fänden, die sich, wie es scheint, ausschließlich mit Anderen beschäftigen solle. Der Fürst erwie- derte: „Ja, mir gibt man beim Leben die Ehren des Todes. Mich begräbt man wie Marlborough. Man wünscht nicht bloß, daß Marlborough nicht Wiederkehre, sondern man wünscht, daß er wirklich sterben möge oder wenigstens aus den Rest seiner Tage schwiege. Mit meiner Lage söhne ich mich aus. Alles hat sich in so legalen Formen vollzogen, daß ich auch gar nicht daran

prächtig perspektivisch gemalte Straßen Jerusalems be­grenzen, an den Bühnen-Mittelbau rechts und links sich schließend, den Gesammt-Darstellungsraum, hinter welchem noch das Uebungstheater, Garderobe und Re­quisitenkammern dem Zuschauer sich verbergen. Das Orchester, unmittelbar unter dem Proszenium gelegen, ist durch ein flaches Zeltdach dem Auge entzogen.

Das griechische, in der Mitte stehende Theater hat 42 Meter Gesammtbreite, 25 Meter Tiefe, im Jnnen- raum 10 Meter Breite und 6*/2 Meter Höhe. Der Hauptvorhang, das Aeußere einer Synagoge darstellend, mit den in Steinton plastisch gemalten Figuren des Moses, Jsaias und Jeremias theilt sich nach oben und unten und an seine Stelle tritt ein Zwischenvorhang aus altem byzantinischem Stoffe mit bunten Mustern. Dieses innere Theater hat Oberlicht, die neuesten Ein­richtungen, von Burghardt und Cie. in Wien gemalte Dekorationen, davon allein 42 Meter Wandeldekoration, die auf 2 Kolossal-Walzm bewegt, zur Herstellung des Hintergrundes dient.

Außer dieser, für die internen Vorgänge der Hand­lung bestimmten Mittelbühne, dienen also die seitlichen Straßen, die beiden römischen Häuser und das große vordere Proszenium zur Enffaltung der Darstellung. Die Bühne wurde bekanntlich von Obermaschinenmeister Lautenschläger vom Münchener Hoftheater eingerichtet. Zu der geplanten idealen Einrichtung des Zuschauer­raumes reichten die Mittel nicht mehr, doch entspricht

denken kann, zu protestiren. Wenn ich früh Morgens inmitten dieser Natur aufwache, so fühle ich sogar eine große Freude darin, daß keine Verantwortlichkeit auf mir liegt, man fühlt sich frei, unabhängig, so wie ein rechtschaffener Land-Edelmann sein soll. Aber ich kann nicht vergessen, daß ich mich 40 Jahre mit der Politik beschäftigt habe — und auf einmal darauf verzichten, ist unmöglich. Allerdings hilft man mir eifrig — und Niemand von meinen Gefährten in der Politik, Niemand von meinen zahl­reichen Bekannten führt mich durch seine Besuche in Versuchung. Mir ruft man Halt! zu, mich meidet man wie einen Pestkran­ken, indem man sich fürchtet, sich durch einen Besuch bei mir zu kompromittiren, und nur meine Frau besuchen noch von Zeit zu Zeit ihre Bekannten. Deshalb bin ich immer erfreut über die Repräsentanten der Presse, welche sich für Fragen der Politik intereffiren, und mit welchen ich über Dinge sprechen kann, die fortfahren, mich zu beschäftigen. Aber auch das ruft Unzufrie­denheit hervor. Man kann mir nicht verbieten, zu denken, aber man möchte mich gern hindern, meinen Gedanken Worte zu geben, und wenn es möglich wäre, hätte man mir längst ein Bilence cap, einen Maulkorb angelegt."

In Betreff seiner Differenzen mit dem Kaiser be­tonte Fürst Bismarck auch diesmal wieder, daß der eigentliche Stein des Anstoßes die soziale Frage gewesen. „Der Kaiser neigt sich bei seinem guten Herzen dahin, daß man den Sozia­listen mit milden Maßregeln mit Güte beikommen soll. Ich bin vollkommen entgegengesetzter Meinung. Bei solcher Meinungs­verschiedenheit konnte ich nicht lange harren. Und da der Kaiser auf meine Frage, ob er auf der Durchführung seiner Anschauung in die staatliche Thätigkeit bestehe, mir antwortete, daß er darauf bestehe, so blieb mir nur übrig zu gehen. Ich that das auch. Das war unerwartet für die Mehrzahl meiner Freunde und Feinde. Ich liebe keine Vergleiche, aber ich könnte, vollkommen bei der Wahrheit bleibend, sagen, daß bei der Nachricht von meinem Abgänge mit meinen Feinden dasselbe geschah, was sich bei dem Tode Friedrichs des Großen ereignete. Alle guten Freunde athmeten auf, schöpften Lust und sagten: „Endlich". Ja, man konnte mir nicht verzeihen;-daß ich 28 Jahre erster Minister gewesen war. Achtundzwanzig Jahre! Denken Sie, quelle insolenee!! Ja einen solchen frechen Menschen hätte man längst über Bord werfen müssen. Und alle die, welche in diesen achtundzwanzig Jahren immerfort vergeblich gehofft hatten, Pre­mierminister zu werden, alle, welche sich für gekränkt, für über­sehen, für nicht genügend geschätzt, für schlecht belohnt hielten — alle unterschrieben, und in achtundzwanzig Jahren haben sich solcher Leute nicht wenig gesammelt!"

Auf die Bemerkung des Interviewers, daß der Fürst mit auswärtigen Feinden immer leicht und rasch zurecht gekommen, die inneren aber ihm immer eine Masse kleiner und großen Sor­gen und Unannehmlichkeiten gemacht, fügte Fürst Bismarck hinzu: „Ja, sie sind auch an Zahl immer mehr als die aus­wärtigen gewesen. Sie haben sich jetzt nur vollständig erklärt. Als einmal einem französischen Herzoge die Hofschranzen die Menge Volkes zeigten, welche ihn zu bewillkommnen erschienen war — so antwortete er: „Ah, mon eher, ils seraient encore bien plus nombreux, s’ils etaient venus me voir pendre.“ (Sie würden noch viel zahlreicher sein, wenn sie mich hängen sehen könnten.) Meine Feinde, scheint es, denken, daß diese an­genehme Minute für mich gekommen ist, und alle triumphiren vollzählig." Dann auf die soziale Frage zurückkommend, sagte Fürst Bismarck: „Ich bin der Ansicht, daß in naher Zu­kunft die soziale Frage Deutschland zu einem blutigen Kataklys- mus führen muß. Besonders verdrießlich ist es, daß, je später die unvermeidlichen Repressivmaßregeln getroffen werden, um so blutiger die Lösung sein wird".

auch hier Alles billigen Erwartungen. Von den Plä­tzen, die in der Preislage von 1—10 Mk. biff euren, empfiehlt sich der, allerdings ungeschützte, Sitz zu 5 Mark am meisten.

Der luftige Bretterbau ist gewöhnlich von Be­suchern schon dicht gefüut,| wenn um 8 Uhr von der Berghalde herab, Kanonenschläge den Beginn des Spie­les verkünden. Die ersten Klängen der Einleitungs- musik gebieten lautlose Stille.

Die Genien oder Schutzgeister, in antik gleich­mäßiger Kleidung treten auf. Dieser Chor, der wie im alten Drama die Mittlerstelle zwischen den Dar­stellern nnd dem Zuschauer übernimmt, zählt 24 Per­sonen, welche zum ersten Male von Jakob Rutz, einem jungen kräftigen Manne mit wohllautender Stimme geführt werden.

Diese Genien der Passion tragen gleichmäßig weiße, von Goldschnüren gehaltene Tuniken, darüber farbige Mäntel in harmonisch zu einander stimmenden Farben. Leuchtender Purpur zeichnet den Chorführer von dm Uebrigen aus. Die Mädchen unter den Genien tragen die Haare aufgelöst herabwallend; goldglitzernde Dia­deme dienen allen Schutzgeistern als Kopfschmuck. Der Chor verfügt über naturfrische Stimmen und tüchtige Gesangskräfte.

Als verdienter Leiter der Musik sei gleich an dieser Stelle der Lehrer Joseph Gruber genannt.