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JW 175.

Freitag, den 1. August 1890.

17. Jahrgang

uldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Acticndruckerei (91. Tillmann).

Für dir Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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♦ Eine Unterredung mit dem Kulgaren- sürsten Ferdinand.

Wie viele andere große Männer hat sich nun auch der Bulgarenfürst ein Interview geleistet. Der Heraus­geber des ,Elsässer Journals', Herr G. Fischbach, hat in Karlsbald mit deni Prinzen Ferdinand von Bul­garien eine Unterredung gehabt, über welche er in seinem Blatte einen ausführlichen Bericht veröffentlicht. Derselbe enthält manche nicht uninteressante Momente zur Charakteristik des Prinzen und auch des Verhält­nisses, in welchem dieser zu seinem Adoptiv-Vaterlande und dessen Bewohnern steht.

„In den Augen des Prinzen Ferdinand ist Bul­garien ein herrliches Land, eines der fruchtbarsten und reichsten in Europa. Wenn die Civilisation daselbst die gleichen Fortschritte wie in andern Gegenden gemacht haben wird, so wird Bulgarien ein Land von einer ungeheuren Produktionsfähigkeit sein. Das bulgarische Volk ist thätig, intelligent und hängt trotz seiner aus­gesprochenen demokratischen Gesinnung fest an den monarchischen Einrichtungen. Zehn Jahre sind es her, daß die Monarchie in Bulgarien errichtet worden ist, und die Bevölkerung ist damit zufrieden. Sechs Jahr­hunderte türkischer Herrschaft, zwei Jahre eines blutigen Krieges haben es nicht zu Grunde gerichtet; die sieben Jahre, während deren es unter russischem Einflüsse stand, haben die Bevölkerung nicht moralisch zu Grunde zu richten und ihr ihren wackeren Sinn nicht zu rauben vermocht; in den Städten und auf dem Lande herrscht ein aufrichtiges Streben nach dem Fortschritt, und in erfreulicher Weise macht sich das Bedürfniß nach einer wissenschaftlichen Entwickelung geltend. Der bulgarische Handwerker und Arbeiter, sagt der Prinz, ist fleißig, geschickt und entspricht in keiner Weise dem Typus der über das Proletariat der Balkanhalbinsel im Allge­meinen verbreiteten Legenden."

Der Prinz schätzt und ehrt Frankreich und dessen Regierung. „Warum greift mich aber", so fragt er, „die französische Presfe so heftig an? Warum zeigt sie dieselbe Erbitterung, dieselbe Heftigkeit, ich möchte sagen, denselben blinden Haß, denen in den Blättern eines anderen großen Landes freier Lauf gelassen wird, welche aber, von dieser Seite kommend, mich nicht in Er­staunen setzen können? Daß zwei Nationen wie Ruß­land und Frankreich Zuneigung zu einander besitzen und sich ihre Sympathien gegenseitig zu bezeugen suchen, daran wird Niemand etwas auszusetzen finden. Aber ist es nothwendig, daß die eine auch die Antipathien der anderen zu den ihrigen macht?... Warum wendet sich die französische Presse an notorisch verdächtige Quellen, um daraus ihre Nachrichten über Bulgarien

L Fas Nasswnsspiel in Gberammergau 1890.

(1. Fortsetzung.)

II.

Oberammergaü, dessen Name zur Passionszeit ebenso in allen Gauen des Heimathlandes als in Eng­land und dem fernen Amerika genannt wird, liegt in einem idyllifchen Thal, vor welchem im Süden, gleich- fam als Pförtner, der Kofel, ein in stumpfem Kegel schroff aufsteigender Berg, mit kreuzbeschmückter Spitze steht. Nach Norden zu öffnet sich das Thal dem flachen Lande; die Ammer, ein silbernes Band, durchfließt dies gesegnete Gelände.

Die Häuser, in denen hier ein einfaches Völkchen wohnt, find alle recht sauber gehalten, Obstbäume in den Gärten, Blumen an den Fenstern, überall die größte Reinlichkeit und nirgends — wie es scheint — wahre Armuth. Viele der Häuser tragen Bildschmuck, den Franz Zwink, ein Schüler des im vorigen Jahr­hundert zu Ettal thätig gewesenen Meisters Marün Knoller, ihnen verliehen. Besonders reich ist das Haus des Bürgermeisters bemalt. Wie in der Kirche zu Ettal, so sind auch hier die Fresken an den Häusern, meist Bilder biblischen Inhaltes, noch voller Farben­frische.

Die Häuser, die so freundlich von außen aussehen, vertragen auch recht wohl einen Besuch ihres Innern.

zu schöpfen? Man sollte in der That glauben, daß Sofia am Ende der Welt gelegen und es viel leichter ist, sich über die Vorgänge im äußersten Orient zu informiren, als über die Zwischenfälle, welche sich in dieser Stadt ereignen. Ich war auf das Höchste erstaunt, als ich in den letzten Tagen in Pariser Blättern las, daß in Bulgarien Anarchie herrsche, daß man sich in den Straßen schlage, daß es Todte und Verwundete gegeben habe, und daß ich nicht mehr in das Land zurückkehren könne, das mich zu seinem Herrscher er­wählt hat. Kann man aber, wenn man in irgend einem bulgarischen Flecken mit dem Bürgermeister nicht mehr zufrieden ist und diefe Unzulässigkeit in etwas lärmender Weise kundgibt, deshalb schon sagen, daß in Bulgarien Unruhen ausgebrochen seien? Kommt es nicht auch zu­weilen in Frankreich vor, daß man vor dem Hause eines Maire, welcher den Leuten nicht mehr gefällt, ein Concert veranstaltet? Wer denkt aber daran, daraus den Schluß zu ziehen, daß Frankreich der Anarchie preisgegeben ist? Aber in dieser Weise werden die Nachrichten aus Sofia aufgebauscht, wenn sie den Weg über Petersburg nehmen."

„Es ist behauptet worden, daß mein Onkel der Herzog von Sajchsen-Koburg nach Karlsbad ge­kommen sei, um mit mir über die Frage der Abdank­ung zu berathen. Der Herzog von Koburg hat zwei Tage bei mir zugebracht und das Wort Abdankung ist nicht gefallen.

„Es ist auch wiederholt gesagt worden, daß meine Mutter mir ehrgeizige und gefährliche Rathschläge er- theile . ... Welch unwürdige Verleumdung! . . . . Die Prinzessin, meine Mutter hat nur einen Ehrgeiz, das ist der, mich meine Pflicht erfüllen zu sehen. . . Wenn sie einen anderen Ehrgeiz besäße, so würde sie nicht die ausgezeichnete Mutter sein, die sie ist. Eben­sowenig wie mit dem Herzog von Koburg habe ich mit meiner Mutter die Möglichkeit einer Abdankung besprochen, und ich habe auch Karlsbad nicht plötzlich verlassen — die Kurgäste können es bezeugen — um mich zu ihr nach'München zu begeben. Meine Mutter ist zuweilen nach Sofia gekommen und wird auch in Zukunft in meine Hauptstadt kommen, wo man sie liebt und verehrt und wo ich, nebenbei gesagt, mich bisher auf meinen einsamen Spaziergängen durch alle Stadtviertel mehr in Sicherheit gesühlt und auch in Zukunft fühlen werde, als an irgend einem anderen Punkte Europas."

„P anitza, . . . das ist der Vorwurf, den man mir gegenwärtig macht. Man nennt mich gewöhnlich in der französischen und russischen Presfe einen Mör­der, einen Bandit, einen Barbaren. Warum? Weil ich, um meine Pflicht als Soldat zu erfüllen, einen

Die Stuben sind, wenn Gäste eintreffen, meist wie „aufgeschleckt", der alte Hausrath zeigt von der Be­ständigkeit der Bewohner, die Betten sind gut und reinlich, und ohne jede Ueberladung findet der Fremde alles, was er billig verlangen kann.

Wenn man über Oberammergau urtheilt, übersieht man gerne das, was die Dorfbewohner ihrem Spiele opfern. Die großen Summen, welche die heurige Neu- inscenirung der Passion, das Theater, die reichen Kostüme verschlangen, wollten aufgebracht sein, und so standen denn die 182 Anwesensbesitzer im Passions­dorfe mit ihrem Grund und Boden bei der Bank als Bürgen für die Rückerstattung der Darlehen ein.

Neun Jahre ist das Dorf leer und einsam, um im zehnten überfluthet zu werden von einer ununter­brochenen Wallfahrt der Völker — dieser Menschen­strom will abgeleitet werden in gute Quartiere, er will leben, sehen und zustieden wieder gehen, das er­fordert mehr Arbeit, als man man beim ersten Blick sich denkt. Jeder Einzelne trägt da zum Gelingen des Ganzen bei; seien wir daher auch nicht zu streng, wenn die Ammergauer in der Spielzeit ein paar Groschen verdienen wollm. Die Mittel, welche die Gemeinde vom Passionsspiel erübrigt, werden fast alle wieder zu Gemeindezwecken verwendet. Da ist für Kirche, Straßen und Arme und manch' anderes zu sorgen. Weil dem so ist, erhalten die Spielenden der Passion auch keine Künstlerhonorare, sondern nur eine

Soldaten habe hinrichten lassen, der sich gegen die erste seiner Pflichten, treu zu stehen zum Herrscher und zur Fahne seines Vaterlandes, vergangen hatte. Welcher andere Herrscher Europas hätte sich nicht mindestens ebenso barbarisch gezeigt wie ich? Es giebt Länder, in welchen die Aburtheilung noch viel sum­marischer erfolgt als in Bulgarien, und diese Länder zählen zu den sogenannten „Großmächten". Man hat mir vorgeworfen, ich sei abgereist, als das Urtheil vollstreckt wurde. Richtiger wäre es, zu sagen, daß ich bereits abgereist war, als das unvermeidliche Drama sich abgespielt hat. . . . Aber wenn ich ge­blieben wäre, so hätte man sich noch entrüsteter gestellt und gesagt, daß ich aus raffinirter Grausamkeit „neue Opfer" habe sterben sehen wollen? Ist es denn uner­läßlich nothwendig, daß ein Herrscher in seinem Lande anwesend ist, damit die Gerechtigkeit ihren Lauf behält?

Prinz Ferdinand scheint demnach nicht gesonnen zu sein, das bulgarische Abenteuer aufzugeben.

Deutsches Keich.

Berlin, 30. Juli.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die bereits seit längerer Zeit von der Presfe angekündigte Denkschrift über die Beweggründe zu dem deutsch-englisch en Abkommen. In der Einleitung wird darauf hinge­wiesen, daß die deutsche Kolonialpolitik bei ihrem Zu­sammentreffen mit englischen kolonialen Bestrebungen zu verschiedenen Verwickelungen mit England geführt habe, und daß auch Verstimmungen zwischen den beider­seitigen Regierungen nicht hätten unterbleiben können. Beide seien von dem gleichen Wunsche beseelt, diese zu beseitigen und sich in ihren Bestrebungen zur Aufrecht­erhaltung des europäischen Friedens zu unterstützen. Die Verhandlungen über die einzelnen Punkte hätten zu keinem Ergebniß geführt, vielmehr hätte man die gesammten Streitfragen von einem Gesichtspunkte aus behandeln müssen, um durch gegenseitige Konzessionen bei der Verschiedenheit der Interessen und des Werthes, welchen die einzelnen Gebietstheile für die beiden Kontra­henten hätten, zu einer Verständigung zu gelangen. Auf dieser Grundlage seien die Verhandlungen zwischen Graf Hatzfeld und Lord Salisbury zufolge Ermächtigung des Kaisers geführt worden. Die Denkschrift geht so­dann in verschiedenen Rubriken zu den einzelnen Schutz­gebieten über, wobei mit kurzen Zügen eine Entwicke­lung der einzelnen Kolonien namentlich in Bezug auf ihre wirthschaftliche Bedeutung gegeben wird. Bezüglich der Ueberlasfung des Protektorats der Insel Sansibar an England legt die Denkschrift dar, daß fowohl vom

Vergütung für ihre Mühe und Zeitversäumniß. So wird der Darsteller des Christus für die Spielsaison — so viel wir wissen — nur mit 1000 Mark ge­lohnt, ein Geld, das Spielhonoraren von heute gewiß nicht entfernt gleichkommt.

Von den etwa 1300 Einwohnern des Ortes be- fchäftigen sich die meisten der männlichen mit Schnitzerei, läßt ja die Lage des Ortes Ackerbau und Viehzucht wenig zu. Die Anfänge dieser Kunst lassen sich ins 12. Jahrhundert zurück verfolgen, und aller Wahr- fcheinlichkeit hat die Schnitzkunst vom Kloster Rotten­buch aus ihren Weg nach Ammergau genommen, während diese ideale Beschäftigung der Dörfler, später genährt durch das Kloster Ettal, zur Befähigung für das Pafsionsfpiel und zu dessen innigerem Verständniß das ihre beigetragen haben mag.

In dem großen Schnitzwaarengeschäft von Lang an der Hauptstraße, das eines Besuches wohl werth ist, finden wir die Erzeugnisse der Dorfkünstler in großer Zahl darunter. Es sind herrliche Sachen dabei, und die Stücke christlicher Kunst, als Christuskörper, Heilige, häufiger als anderes. Seitdem die Distrikts­schnitzschule in Partenkirchen die Schnitzertalente künst­lerisch ausbildet, wird auch das Auge des Kenners an diesm Arbeiten nichts auszusetzen haben.

Ein Spaziergang auf den Osterbühel gehört auch bei dem kürzesten Aufenthalt zu dem Besuche von Ober­ammergau.