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JV 173. Mittwoch, den 30. Juli 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (91. Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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* Sozialdemokratisches.

Man kann jetzt kaum ein Zeitungsblatt zur Hand nehmen, ohne auf Nachrichten oder Betrachtungen über die „Strömungen" innerhalb der Sozial­demokratie, über bevorstehende „Spaltungen" und über die Kampfesweise, welche die sozialdemokratische Partei nach dem Wegfall des Sozialistengesetzes am 30. September d. Js. einschlagen werde, zu stoßen. Mag man diese Erörterungen immerhin mit der jetzigen stillen Zeit entschuldigen, so läßt sich doch nicht ver­kennen, daß dieselben zum Theil wenigstens geeignet sind, irrige Auffassungen zu erwecken, die nur der Sozialdemokratie zugute kommen können. Innerhalb der Sozialdemokratie giebt es gewiß verschiedene „Strömungen" und verschiedene Ansichten über die zu befolgende Taktik wie in fast jeder anderen Partei, aber aus Streitigkeiten gleich auf „Spaltungen", „Zer­setzungen" u. s. w. schließen wollen, das beweist nur, daß man aus der nun fast 30jührigen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, die an inneren Streitig­keiten so überaus reich ist, nichts gelernt hat. Min­destens sollte man sein Urtheil suspendiren, bis der für nächsten Oktober in Aussicht gestellte Parteitag der deutschen Sozialdemokratie, der nach dem Wegfall des Sozialistengesetzes nach dreizehnjähriger Pause zum ersten Male wieder auf deutschem Boden tagen soll, gesprochen hat, da auf diesem Parteitag nach den An­kündigungen der sozialdemokratischen Presse über die nach dem Wegfall des Sozialistengesetzes zu befolgende Taktik im Einzelnen Beschluß gefaßt werden soll und auf diesem Kongreß voraussichtlich die verschiedenen „Meinungen" zu Tage treten werden. Ist doch der Parteitag die oberste Instanz der sozialdemokratischen Partei.

Inzwischen läßt die sozialdemokratische Presse keinen Zweifel darüber, daß man sich in sozialdemokratischen Kreisen höchlichst darüber amüsirt, wie so viele Leute sich den Kopf über die Sozialdemokraten zerbrechen. Das ,Berliner Volksblatt' das sich immer mehr zu einer Art Centralorgan der sozialdemokratischen Partei zu entwickeln scheint, veröffentlicht durch drei Zu­schriften, die ihm aus Anlaß der Preßerörterungen über die angeblichen Spaltungen innerhalb der Sozial­demokratie aus Parteikreisen zugegangen sind. Diese Zuschriften sind nicht ohne Interesse, weshalb wir sie zum Theil hier wiedergeben wollen. „Es heißt das Wesen unserer Partei vollständig verkennen — heißt es u. A. in der ersten Zuschrift — wenn man glaubt, daß diese oder jene untergeordnete Meinungsverschieden­heit zu Spaltungen führen oder gar Strömungen, wie antisemitifche, zur Geltung kommen könnten. Das widerstrebt dem innersten Wesen der Partei. Eine Partei, die darin vollkommen einig ist, eine neue ge­sellschaftliche Ordnung zu errichten, und auch über die Basis, auf welcher diese neue Ordnung der Dinge zu errichten, einmüthig ist, mag wohl über diese und zwar taktische Frage verschiedene Meinungen in ihrem Schoße haben, prinzipielle Gegensätze giebt es nicht. Schließlich entscheidet über solch taktische wie persön­liche Meinungsverschiedenheiten der Gesammtwille der Partei, wie er auf den Parteitagen zum Ausdruck kommt, dem sich jeder unweigerlich fügt. Die so ge­fürchtete Disziplin der sozialdemokratischen Partei sie besteht heute noch so, wie sie stets bestanden hat, und sie wird immer so bestehen, weil jeder Einzelne weiß, daß sie eine absolute Nothwendigkeit ist, um diejenige Einheit im Willen und Handeln in der Partei auftecht zu erhalten, ohne die es keinen Sieg giebt. Wer da glaubt, sich als Franctireur außerhalb des

Parteiwillens stellen zu können, der f l i e g t h i n a u s, das weiß Jeder von uns, vom ersten bis zum letzten, und darum handelt Jeder darnach. Wir sind heute, was wir stets waren und bleiben, was wir heute sind: die eine ungetheilte Sozialdemokratie." Die zweite und dritte Zuschrift sprechen sich in ähnlichem Sinne aus. Der Schluß der zweiten Zuschrift lautet: „Wir glau­ben, ohne indiskret zu sein, sagen zu können, daß die nächsten Monate wieder einmal den Beweis bringen werden, daß die „Uneinigkeit der Sozialdemokratie" einzig und allein in den Köpfen der Gegner spukt und daß die „Spaltung der Partei" nach wie vor der Wunsch der Feinde bleiben und, wenn nicht aus tau­send anderen Gründen, auch schon um deswegen nicht eintreten wird. Der 1. Oktober findet die Sozialdemo­kratie gerüstet, den Kampf mit vermehrten Waffen auf erweitertem Schlachtfelde zu führen." Man wird fort und fort gut thun, die Sozialdemokratie nicht zu unter­schätzen. Man dürfte in der nächsten Zeit recht sehr mit derselben zu rechnen haben.

Von dem nun aufgegebenen Sozialisten-Gesetze ist wiederholt das Bild gebraucht worden, daß es die Sozialdemokratie wie mit einem eisernen Reifen zu­sammengeschmiedet und die Entfaltung der vorhandenen Zwietrachts-Keime verhindert habe. Augenblicklich sind die Hamburger Bau-Unternehmer im Begriffe, einen neuen Reifen zu schmieden, indem sie das Koalitions­recht der dortigen Bauarbeiter illusorisch zu machen suchen und dadurch die ganze sozialdemokratische Ar­beiterschaft Deutschlands mobil machen. Der 1. Mai hatte bekanntlich in Hamburg einen Ausstand der Maurer zur Folge, der nach mehrwöchentlicher Dauer mit der Niederlage der Arbeiter endete, die sich bereit erklärten, die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufzunehmen. Die Unternehmer fordern aber nun von den besiegten Arbeitern die Unterzeichnung eines Re­verses, wonach sie aus dem Fach-Verein austreten und versprechen sollen, künftig keine sozialdemokratischen Flugschriften mehr verbreiten zu wollen. So thöricht wie die frivole'Strikerei und Boykottirerei mancher Arbeiter, so unklug ist das Vorgehen der Hamburger Unternehmer. Denn einmal ermöglichen sie jetzt der Sozialdemokratie den Appell an das Solidaritäts-Ge­fühl aller Arbeiter und andererseits werden die Arbei­ter, wenn sich die Konjunktur im jetzt darnieder liegen­den Baugewerbe zu ihren Gunsten ändert, den Unter­nehmern ihr Vorgehen heimzuzahlen suchen, so daß beide Theile aus dem Kampfe nicht herauskommen. Können sich denn unsere Unternehmer gar nicht zu der Höhe der englischen Auffassung vom Arbeits-Vertrag aufschwingen?

Und noch ein anderer Vorkämpfer ist der Sozial­demokratie entstanden in dem plaudernden Alten in Friedrichsruhe, der bei der fortgesetzten Jnterviewerei den Nimbus, der über der kaiserlichen Botschaft von 1881 und den kaiserlichen Erlassen vom 4. Februar d. I. und der Berufung der internationalen Arbeiter­schutz-Konferenz lagerte, in den Kreisen der Arbeiter für immer zu zerstören droht. Fürst Bismarck hält sich vielleicht für einen Gegner der Sozialdemokratie, aber dadurch, daß er durch seine Auslassung über die kaiserlichen Erlasse und über seine Beweg-Gründe zur Berufung der internationalen Arbeiterschutz-Konferenz der sozialdemokratischen Presse schneidige Waffen in die Hand gedrückt hat, erweist er sich in Wahrheit als ein Beförderer der Sozialdemokratie. Mit höhnischem Dank hat denn auch die sozialdemokratische Presse bereits über die Friedrichsruher Plauder-Stunden quittirt.

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Juli.

* Zu der Koblenzer Generalversammlung hat nicht nur der hochwürdigste Herr Bischof von Trier, zu dessen Diözese die Stadt Koblenz gehört, sondern auch der Metropolit der Kirchenprovinz, der hochwür­digste Herr Erzbischof von Köln, sein Erscheinen zu­gesagt. Als Präsident ist ein hervorragender süd­deutscher Katholik in Aussicht genommen.

* In den letzten Tagen haben in Folge der Schwein- burg'schen und Anderer Aeußerungen über eine Sp err-

gelder-Vorlage die Erörterungen, ob Kapital oder Rente und welche Art der Verwendung, wieder begon­nen. Dazu wird der .Germania' geschrieben: „Die Stimmung des zunächst betheiligten Klerus über die Sperrgelder - Gesetzvorlage dürfte wohl nachstehendes, seiner Zeit von einem Geistlichen an einen konservativen Abgeordneten eingereichtes Schriftstück kennzeichnen." Dieses Aktenstück lautet:

„Im Anschlüsse an eine frühere diesbezügliche Vorstellung, Rückgabe der sogen. Sperrgelder betreffend, erlaube ich mir — wohl auch im Sinne aller s. Z. von der Gehalts - Sperre Be­troffenen — an Ew. Hochwohlgeboren die ergebenste Bitte zu richten, als unser — auch von den Katholiken unseres Wahlkreises gewählter Landtags-Abgevrdneter — bei Ihren Gesinnungs-Ge­nossen geneigtest dahin zu wirken, daß nach der preußischen Devise „Suum cuique“ den betreff. Geistlichen das einbet/altene Staats- Gehalt zurückgegeben werde, da diese allein zur Empfangnahme berechtigt sind.

„Die Geistlichen haben unverschuldet Ausweisung aus den Wohnungen und die Gehalts-Entziehung tragen müssen, da es ihnen nicht zukam, mit der Königlichen Staatsregierung den Frieden zu schließen und so der Gehalts-Sperre vorzubeugen.

„Die im Gehalte gesperrten Geistlichen waren ebenso wenig strafwürdig, als die übrigen, denen ihr Gehalt, weil aus anderen Quellen fließend, fortgezahlt worden ist.

„Ferner haben die Geistlichen auch nach Eintritt dieser schwer gefühlten Maßregeln treu ihre Verpflichtungen dem Staate gegen­über erfüllt.

„Auch hat die Rückgabe keine großen Schwierigkeiten, a) da über die Höhe der einbehaltenen einzelnen Beträge die Rentei-Kassen 9lufschluß geben können,

b) bei etwa erfolgtem Ableben der Bezugsberechtigten die testamen­tarisch bezeichneten Erben oder event. die Jntestat-Erben ein­treten,

c) jene wenigen Geistlichen, welchen etwa der Gehalts - 9lusfall aus öffentlichen Mitteln oder aus Stiftungen theilweise oder ganz gedeckt worden ist, dorthin zu restituiren hätten.

„Um geneigte Gutheißung bezw. wirksame Verbreitung dieser Bittvorstellung in Abgeordneten-Kreisen wird gehorsamst gebeten."

* lieber den Entwurf eines bürgerlichen Ge­setzbuches haben im preußischen Justiz-Ministerium unter Vorsitz des Justizministers und unter Mitwir­kung praktischer Juristen Berathungen stattgefunden, welche über den allgemeinen Theil, das Recht der Schuld-Verhältnisse, das Sachenrecht und das Fami­lienrecht, zum Abschluß gelangt sind. Im September finden die Berathungen über das Erbrecht statt.

* In der zweiten Hälfte des Monats August trifft Dr. Peters von seinem im vorigen Jahre unter­nommenen Zuge nach Inner-Afrika wieder in Deutsch­land ein. Schon wiederholt und von verschiedenen Seiten wurde die Frage aufgeworfen, welche Thätig- keit Dr. Peters nunmehr unter den veränderten Ver­hältnissen in Afrika ergreifen werde. Anscheinend ist jetzt eine Lösung gefunden; es soll nämlich, der ,Kreuz- ztg.' zufolge, die Absicht bestehen, ihn in den Reichs­dienst zu übernehmen. Doch dürfte er nicht in Berlin zur Verwendung kommen, sondern wieder auf afrikani­schem Boden in Thätigkeit treten. Hat Peters auch auf seinem letzten Zuge das gesteckte Ziel nicht er­reicht, wie ihm weiter die etwa erzielten Erfolge durch den inzwischen abgeschlossenen deutsch-englischen Ver­trag entrissen worden sind, so hat er. doch bewiesen, daß er trotz vieler und nicht unbedeutender Hinder­nisse vorzudringen vermag. Auf unserem, nun durch wiederholte internationale Verträge anerkannten Ge­biete in Ostaftika sind weite Länderstrecken, welche theils noch recht unbekannt, theils aber in ihrem weitesten Umfange noch im Einzelnen zu gewinnen sind. Es gibt also da noch Vieles zu erforschen und zu organisiren, ehe wir nur das erreichen, was die Bestimmungen der Brüsseler Konferenz für solche Be­sitzungen vorschreiben. Es scheint also, daß dort Dr. Peters später seine Kräfte einsetzen soll. Wir würden also wahrscheinlich außer der Expedition Dr. Emin Paschas in jenem weiten Gebiete noch eine andere auftreten sehen, welche ähnliche Ziele verfolgt.

* Die Genesung des Reichskommissars Majors von Wissmann schreitet, wie aus Lauterberg gemeldet wird, langsam fort. Am Samstag war derselbe wegen des sehr günstigen Wetters über Mittag eine Stunde außer Bett. Aus diesem Anlaß brachte die zufällig dort anwefende Kapelle des Braunschweigischen Husaren- Regiments dem Reichskommissar ein Ständchen dar.

* Der f ranzösische Unterrichtsminister hat, wie aus Paris gemeldet wird, endgiltig eine Abordnung von 19Mitgliedern zum Berliner Medizinischen