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Dienstag, den 29. Juli 1890.

.Af 172.

17. Jahrgang

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Fuldaer Zeitung

Für die «edactton »«antworttich: Ludwig Deibel in Fulda. — - Druck ». Verlag der Fuldaer Arüendruckerei (A. Dillmann).

* Friedenskongresse.

Bekanntlich tagte vor kurzem im Rathhause von Westminister in London ein internationaler Kongreß zur Förderung der Weltfriedens, zu welchem die An­regung von dm Friedens- und Schiedsgerichtsgesell­schaften in den verschiedenen Ländern ausgegangen war. Hauptsächlich Engländer und Amerikaner, in zweiter Linie Italiener, Franzosm und Spanier, aber auch ver­einzelte Vertreter anderer Nationm waren in der ziem­lich zahlreichen, leider aber auch etwas unklaren Ver­sammlung vereinigt. Dieser Tage fand nun ebenfalls in London ein internationaler parlamentarischer Kon­greß statt, welcher gleichfalls gegen den Militarismus Stellung nehmen und für die Lösung intemationaler Streitigkeiten auf dem unblutigen Wege der Schieds­gerichte Propaganda machm und besonders bestimmte Vorschläge über die mögliche Organisation internatio­naler Schiedsgerichte machm sollte. Der letzere Kongreß gewinnt für uns schon deshalb an Bedeutung, als sich an demselben auch deutsch frei sinnige Abgeord­nete unseres Reiches betheiligten.

Es ist jedenfalls von Bedeutung, daß in neuerer Zeit der schiedsgerichtliche Gedanke immer mehr Boden findet, und daß die betreffenden Vereine einen gesteig­erten Eifer entwickeln. Es entspricht dies einfach dem allenthalbm zunehmenden Drucke der militärischen Rüst- ungm. Der wahnwitzige Wetteifer der Staaten, sich gegenseitig durch ihre militärischm Rüstungen zu über­bieten, hat nachgerade zu einer solchen Belastung der Völker geführt, daß gegen die drohenden Konsequenzen niemand mehr die Augen verschließen kann. Muß es doch schon weit gekommen sein, wenn, wie es der österreichisch-ungarische Kriegsminister v. Bauer vor den Delegationen gethan hat, em Vertreter des gegenwär­tigen Militärsystems offen darauf hinweist, daß die Staaten mit ihren Rüstungen entweder zum Kriege oder zum Bankerott kommen muffen. Auch hat sich bekannt­lich schon vor drei Jahrm Gras Moltke im Reichstage bei der Berathung der Septennatsvorlage ebenfalls da­hin ausgesprochen, daß der Druck schließlich zum Kriege zwingm werde. Thatsächlich bilden die fortgesetz- tenRüstungen die schlimmste Kriegsgefahr, indem sie den Wohlstand der Länder untergraben und ein immer wachsendes Mißtrauen der Staaten gegen einander erhaltm. Kein Wunder, daß dir Idee einer rechtlichen Austragung intemationaler Differenzen durch Schiedsgerichte immer mehr Anklang findet.

Und was die Schiedssprüche betrifft, so weiß man ja, daß sie in rnehrerm Fällen sich als sehr nützlich erwiesm und die Verschärfung feindseliger Gefühle zwischen Staaten, die einen Streit auszutragen hattm, verhindert haben. Wenn es sich dabei auch meist nur um kleinere Sachen gehandelt hat, welche auch sonst

In harter Schule.

Rowan von S. 3-

(Schluß.)

Leontinen's Salon vereinigt gleich dem ihrer Mutter, nur mit noch feinerer Auswahl, die Celebritäten der Kunst und Wissenfchaft, und hatte man in den Kreisen ihrer Standesgenossen anfänglich über die Heirath des Fräuleins von Reina die Achseln gezuckt, so hält man es jetzt für eine Auszeichnung, bei Frau Professor Wollenberg empfangen zu werdm. Zuweilen entzückt Leonttne einen engeren Kreis durch die Darstellung einer Scene aus ihren Glanzrollen, sonst hat sie ganz auf die Ausübung der Kunst verzichtet und es nie bereut.

Unter diesen Umständen hat sie freilich daS dem Direktor Lohmeyer gegebene Versprechen, bei ihm jedes Jahr gastiren zu wollm, nicht einlösen können; in Anbetracht der Sachlage hat sich der gute Mann darein gefunden. Der Baron und Wollmberg suchen ihn dafür zu entschädigen, indem sie ihn nnd Ehlert öfters zu sich einladen und ihnen Gelegenheit geben, sich ent» weder auf dem Gute von chren Anstrengungen zu er­holen oder in der Residmz der mannigfachstm Kunst­genüsse theilhafüg zu werdm. Die gute Frau Pfannen­berg fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, als eines

kaum zu einem Kriege geführt hätten, so ist es doch erfreulich, wie man sich schon einigermaßen an die fried- liche Schlichtung internationaler Differenzen zu ge­wöhnen beginnt.

Was nun speziell den Kongreß der Friedensfreunde betrifft, so ist derselbe wegen mancher Unklarheiten zwar wieder mehrfach bespöttelt worden, aber seine Grund­tendenz war unzweifelhaft eine richtige. Der Kongreß beschloß: Der Kongreß ist der Meinung, daß die Brüder­schaft der Menschen als nothwendige Folge eine Brüder­schaft von Rationen, in welcher die Interessen aller als idmtisch anerkannt sind, in sich schließt. Der Kongreß hegt die Ueberzeugung, daß die wahre Grundlage für einen dauernden Frieden in der Anwendung dieses großen Grundsatzes seitens der Nationen in allen ihren Beziehungen zu einander gefunden wird. Der Kongreß nahm einen zweiten Antrag an, worin anerkannt wird, daß die christliche Religion auf die materielle und geistige Entwickelung der Menschheit einen entscheidenden Einfluß ausübt, weshalb der Kongreß alle Diener der Religion und der christlichen Sittenlehre auffordert, die christliche Religionslehre, die den Völkerfrieden ver­kündet, zu verbreiten und überall geltend zu machen. Der Kongreß beschloß außerdem noch, alle Nationen einzuladm, einen bestimmten Sonntag als Friedens­sonntag überall gleichzeitig zu feiern und außerdem ein Schreiben an die gekrönten Häupter Europas in Betreff der Aufrechterhaltung des Weltfriedens zu richten. Allen Geschichtslehrern wurde endlich noch empfohlen, dir Aufmerksamkeit der Jugend auf die ernsten Hebel von Kriegen, sowie auf die Thatsache zu lenken, daß Kriege in der Regel aus höchst unzulänglichen Ursachen geführt werden. Wie sich die Friedensfreunde den von ihnen gewünschten „Friedenssonntag" gefeiert denken, ist einigermaßen unklar. Unseres Erachtens wäre die katholische Kirche allein im Stande, nicht nur einen Friedenssonntag einzuführen, sondern alle Sonntage zu Friedenssonntagen umzugestalten. Man sollte nicht vergessen, daß alle Veranstaltungen zur Bewahrung des Friedens im Mittelalter von der Kirche ausgegangen oder unter kirchlichem Einflüsse entstanden sind.

Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo die Agitation gegen den Militarismus und für die Lösung internationaler Streitigkeiten auf rechtlichem statt auf gewaltsamem Wege sich die Beachtung erzwingen wird, welche man ihr längst hätte schmken sollen.___________

Deutsches Keich.

Berlin, 25. Juli.

* Die Reise des Kaisers nach Rußland wird, wie offiziös versichert wird, keinen anderen als einen freundschaftlichen verwandschastlichm Charakter tragen. Besondere Abmachungen mit Rußland sind nicht geplant Tages Professor Wollenberg und Gemahlin bei ihr vorfuhren und ihr erklärten, sie hättm, auf einer Reise begriffen, einen Abstecher gemacht, um sie und ihren Eheherrn zu sehen und ihnen für alle ßeontinen einst erwiesene Güte zu danken. Das von Wollenberg ge­malte Brustbild seiner Frau, das man ihr bei dieser Gelegenheit mitgebracht, nimmt in einem schön ver­goldeten Rahmen einen Ehrenplatz in der „Putzstube" ein. Die Erzählung von Fräulein Schmidt, die eigent­lich Fräulein von Reina war, ist ihr Lieblingsthema der Unterhaltung und sie pflegt, so viel sie dasselbe auch variirt, doch immer mit dem Satze zu schließen: „Die Herrschaften kehrtm nicht bei mir ein, sondern tarnen eigens her, um mir einen Besuch zu machen."

Noch für eine andere Person sind Leonttnens Schick­sale ein unerschöpflicher Gesprächsstoff, nämlich für Meister Hart. Seit Wollmberg bald nach seiner Ber- heirathung mit seiner jungen Frau bei ihnen war und Leonttne ihm und seiner Frau ihren herzlichen Dank für den ihnen in den Tagen der Noch gewährten Bei­stand ausfprach, fühlte sich daS Ehepaar völlig ge- hobm. Der Schneider kommt sich in seiner Weißbier­stube als hochwichttge Person vor, bemt er kann sich fehr vomehmer Bekanntschaften rühmen, seine Frau hält noch mehr als sonst auf Moralität und Sauber­keit an ihrer Person und Umgebung, denn sie sagt:

— In England wird der Kaiser vorläufig sein Ab- fteigequartier in Osborne-House nehmen und zwar vom 4. August Bormittags bis 8. August Abends, worauf alsdann die Rückreise nach Wilhelmshavm resp. Berlin angetreten werden soll. Während seines Aufenthalts in Osborne wird der Kaiser an der Besichtigung der zur Zeit dort anwesenden englischen Flottenschiffe theilnehmm und später die Schiffswerften und andere Sehens­würdigkeiten in Augenschein nehmen.

* Der hl. Vater Papst Leo XIII. hat, wie schon kurz erwähnt, an den Kardinal Lavigerie ein Schreiben gerichtet, worin er diesem für die Entsendung neuer Missionäre nach Afrika dankt. Herrlich sei die Aufgabe der Missionäre, die nach dem Beispiele der ersten Verkünder des Evangeliums in das bisher un­erforschte Dunkel von Afrika bringen und dort das Licht des Glaubens verbreiten. Die Entsendung der neuen Missionäre durch den Kardinal sei ihm um so erwünschter gewesen, da Fürsten barbarifcher Völker in Afrika selbst um Vermehrung der Zahl der Glaubens­boten gebeten hätten. Sehr anerkennenswerch sei es auch, daß die europäischen Staaten in Brüfsel zu einer Konferenz jufammengetreten seien, um das Werk der christlichen Civilisation in Afrika durch Bekämpfung des N e g e r h a n d e l s zu fördern. Auch die Schwarzen feien nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, besäßen dieselbe gemeinschaftliche menschliche Natur und müßtm mit demselben Rechte wie die anderm Menschen behan­delt werden. Daher wünsche er dm Bestrebungen der Fürsten in dieser Hinsicht vollen Erfolg s auch werde er nicht aufhören, diese Bestrebungen mit allen Kräften zu unterstützen, damit Seinerseits nichts unterlaßen werde, was dazu dienen könnte, dem gefammtm Afrika die Gesetze und Sitten zu geben, welche der Würde des durch Christus erlösten Menschengeschlechtes ent- sprechm. Der heil. Vater sagt, daß im Uebrigen es hauptsächlich darauf ankomme, eine möglichst große Zahl von Missionären nach Aftika zu entsenden; er lobt daher den vom Kardinal Lavigerie bewiesenen Eifer. Der Streiter Christi, der sich dem hl. Missions­werke widme, erstrebe keinen irdifchen Ruhm und Ge­winn; von der Stimme Gottes gerufen, fürchte er nicht die Wechselfälle des Glückes; er sei gewohnt, die Be­gierden des Fleisches dem Geiste unterzuordnen. Der hl. Vater wünscht, es möchten trotz des mchlosen gegm dm Klerus und die Ordens - Gesellschaften geführten Krieges möglichst viele apostolische Männer erstehm, welche das Wort Gottes nach Afrika tragen. Wo das Kreuz aufgepflanzt werde, da erblühe auch bald chttst- liche Kultur und Gesittung. Der hl. Vater billigt zum Schluß das Preis-Ausschreiben des Antisklaverei- Vereins für das beste Werk über die Abschaffung des Sklavenhandels.

* Die Aussicht, die durch das deutsch-mglische Ab- 1 .....MMMMM—H—

Man ist ja nie sicher, ob nicht Professors oder Stadt- rath's — sie hat Ehrnig vom Stadtverordneten schon zum Stadtrath aufrücken lassen — kommen." In der That spricht bald dieser, bald jener der Freunde bei dem Ehepaare ein, und wäre bei Frau Hart das Zimmervermiethm nicht zur Liebhaberei geworden, des Erwerbes halber brauchte sie es nicht zu thun. Alle darauf zielenden Anerbieten der Frmnde weist sie aber zurück mit den Worten:

„So lange ich die Knochen rührm kann, arbeite ich, nachher, wmn's nicht mehr geht, will ich'S ehrlich fagen, bann ist's mir keine Schande, von Jhnm cmzu- uehmen, was ich brauche."

So viel hat Leonttne aber doch bei ihr durchgesetzt, daß sie ihr die Dachstube verrniethet hat, die jene bann Meister Hart als Wohnung verehrte. Seelenvergnügt sitzt er jetzt wieder mit seiner Schnupftabaksdose auf seinem Schneiderttsche an dem Fenster, an welchem die Blumentöpfe und der Kanarimvogel stehm, und freut sich des Bewußtseins, daß seine Frau ihn nicht ver- treiben kann, da er ja die Stube von der guten Frau Professorin geschenkt betommen habe. Uebrigms schilt Frau Hart nicht mehr so viel mit ihrem Manne, berat es gibt einen Punkt, über den sie sehr ost redm und in dem sie merkwürdig übereinftimmen, nämlich, daß