Freitag, den 25. Juli 1890
M 169
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für dir Rrdaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
voraus, welche dem jetzigen Kaiser in früheren Jahren näher getreten waren und seine Thatkraft, sowie seine
unter dem neuen Regime geltend machte.
Kaiser Wilhelm 1. hat durch sein „Niemals", das
gegnete einem Konflikte mit wahrer Triumphator-Miene; aber er triumphirte nicht, sondern die Sozialdemokratie, welche um so leichteres Spiel hatte, je mehr es dem
^kaiserlichen Sozial - Politik ausgenommen und dem atho lisch en Sozial-Politiker Hitze ward Gelegen-
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Fürsten Bismarck gelungen war, die politischen Parteien (außer dem Centrum) gegen einander auszuspielen und zu zersetzen. Jahr ein Jahr aus legte die Cen- Korrespondenten klar geworden, daß Fürst Bismarck I trums - Presse dar, daß die Bismarck'sche Behandlung gestürzt wurde, weil sich seine Minister-Allmacht auch der Sozial-Reform und der Sozialdemokratie lediglich
4.--------OJ-:----zur Stärkung der Sozialdemokratie diene, es hat nichts
genutzt. Bon 1877—1885 erntete das Centrum Spott und Hohn für sein sozialpolitisches Programm; noch 1885 hatte Fürst Bismarck nur verächtliches Achselzucken dafür. Jetzt ist dies Programm in das der
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hätte dies Verhältniß keine 8 Tage gedauert, wenn der Monarch nicht todtkrank gewesen wäre. Daß unter
Kaiser Wilhelm II. der Monarch wieder an die Spitze heit gegeben, im Staatsrath in wahrhaft glänzender der Geschäfte trat und der Bismarck'sche Wille nicht Weise für dasselbe zu wirken. Wenn aber Fürst Bis- mehr der allein herrschende sein sollte, sagten alle Jene marck etwa meinen sollte, daß die Propaganda des Cen-
Die verkehrten Bismarck'schen Auffassungen auf diesem mit 100 Mk., für Lehrerinnen mit 70 Mk. und steigen Gebiete zeigen sich auch jetzt wieder in einer Unter- nach je fünf Jahren um 100 bezw. 70 Mk. bis zum redung des Ex-Kanzlers mit dem Redakteur der ,Dres- Höchstbetrage von 500 bezw. 350 Mk. Diese Zulagen dener Nachrichten'. erhalten jedoch nur dieieniaen Lehrversonen. welcke in
Roman von G. I. '
(96. Fortsetzung.)
Wieder ertönte di«: Klingel. Jetzt hörte Leontine deutlich, wie ihr Mädchen den Bescheid gab, das Fräulein sei nicht zu sprechen, gleich darauf vernahm sie aber eine Stimme, die sie erbeben ließ.
„Ich muß das Fräulein sprechen, lassen Sie mich zu ihr."
„Ulrich!" rief sie, die Thür aufreißend.
„Leontine!" ertönte es dagegen und Freiberg stürzte in's Zimmer.
Sie standen sich lange sprachlos gegenüber; Keines wagte zu sprechen, noch fand man keine Brücke, welche über die zwischen der Trennung und dem heutigen Wiedersehen liegende Kluft führte.
„Du hier?" fragte sie.
„Ja, Leontine, ich bin hier," sagte er, „hier, um Dich auf meinen Knieen zu bitten, verzeihe mir. Vergiß, was ich Dir Böses zugefügt habe. Denke, ich war ein Kranker, ein Nachtwandler! Ich lag im Banne eines bösen Zaubers; der Bann ist gebrochen, ich bin genesen."
„Gott sei Dank!" rief sie fröhlich. „Das ist eine Nachricht, die Du mir da bringst!"
Statt,Germania' soll es wohl Windthorst und das Centrum heißen. Bekannt ist in dieser Hinsicht, daß Bismarck behauptet haben soll, man habe ihm mit r< , z „
der Unterredung, die Dr. Windthorst -mit ihm kurz vor ! kommen noch der Widerstand Bismarck's gegen eine I 1. April 1890 ab Geltung haben. Die staatlichen
seinem Sturze hatte, eine Falle gestellt. Es zeigt sich durchgreifende Sozial-Reform, sowie seine Miß-Erfolge Alterszulagen beginnen nach vollendetem 10. Dienst-
also auch hier wieder der Verfolgungs-Wahn, der durch im Kampfe gegen die Sozialdemokratie in Betracht, jahre im öffentlichen preußischen Schuldienste für Lehrer
die ganze Bismarck'sche Amtszeit wie ein rother Faden "s!" ----- ' ' '
hindurchzieht. Bald witterte Fürst Bismarck Jntriguen am Hofe der Kaiserin Augusta, bald sollten ihm der Hausminister oder andere Kollegen, bald hohe Militärs, bald die Familie Radziwill das Wasser getrübt haben. Auch dem Gentrum wurden, ebenso wie den Freisinnigen unter der kurzen Regierung des Kaisers Friedrich, schon öfters Jntriguanten - Rollen von der Bismarck'schen Presse zugeschrieben. Der neueste Streich, den Fürst Bismarck gegen das Zentrum führt, wird von diesem mit demselben Gleichmnth ausgenommen werden, wie die früheren Bismarck'schen Exzesse auf diesem Gebiete. Man braucht sich heute kaum noch dagegen zu vertheidigen, denn für alle Welt ist es durch die Bismarck'schen Plaudereien mit Zeitungs- Korrespondenten klar geworden, daß Fürst Bismarck
er unter das Bismarck'sche Entlassungs - Gesuch setzte, die unbegrenzte Machtfülle seines ersten Ministers gewissermaßen bestätigt. Schon unter Kaiser Friedrich
Er sah sie verwundert an. „Du freust Dich darüber ?“ „Wie sollte ich nicht? Ich sah den Gefährten meiner Kindheit, meinen Freund, meinen Bruder, auf abschüssiger Bahn, er sagt mir, daß er davon zurück- gekomrnm sei, soll ich mich dessen nicht freuen?"
Die herzliche Unbefangenheit, die sie ihm zeigte, bedrückte den jungen Mann. Er hatte sich den Empfang, der ihm zu Theil werden würde, viel ernster, feierlicher gedacht. Er hatte sich auf ein kaltes, hochmüthiges Zurückweisen oder auf leidenschaftliche Anklagen gefaßt gemacht, daran anzuknüpfen war er vorbereitet gewesen, auf den von Leontine angeschlagenen Ton vermochte er nicht sogleich einzugehen. Er machte noch einen Versuch, die Unterredung auf eine andere Tonart zu stimmen.
„Leontine, kannst Du, willst Du mir verzeihen?"
Sie reichte ihm warm die Hand. „Warum sollte ich Dir nicht verzeihen, Ulrich? Von Dir kann man doch auch sagen, Du habest weniger gesündigt, als gegen Dich gesündigt worden ist. Wie hast Du mich aufgefunden; hast Du mich auf der Bühne erkannt?"
„Ich sah Dich gestern," antworteteerausweichend.
„Du sahst mich als Iphigenie?" fragte sie. Es ging ihr blitzschnell durch den Kopf, wie wunderbar das Schicksal bei dieser Vorstellung die Zuschauer zusammengeführt habe.
. . erhalten jedoch nur diejenigen Lehrpersonen, welche in
Fürst Bismarck kennt bloß das Moment der Ge- Orten mit 10,000 oder weniger Einwohnern angestellt walt. Der richtige Weg aber ist, daß man den Kon- sind, sofern sie nicht schon ein reichliches Stellenem- flikts-Stoff und die begründeten Beschwerden beseitigt kommen beziehen. Maßgebend ist die bei der letzten und die heilende Kraft des christlichen Geistes wirken amtlichen Volkszählung ermittelte Seelenzahl der Civil- läßt. Bismarck Hat sich nie damit abgegeben, er be- bevölkerung, und das Stelleneinkommen soll wenigstens
Eine Kismarck-Kundgebung gegen das Eentrum.
Immer seltsamer werden die Meldungen aus Friedrichsruh. Das Neueste ist, daß das Centrum bei den Vorgängen, welche zum Sturze des Fürsten Bismarck führten, mitgewirkt haben soll. Bekanntlich hatte ein Bismarck-Artikel in den ,Hamburger Nachrichten' behauptet, Bismarck habe die sozialpolitischen Kaiser-Erlasse umrebigirt, sei aber auch dann mit ihrem Inhalte nicht einverstanden gewesen, sondern habe die Verwirklichung der positiven Verheißungen in den Kaiser-Erlassen durch den Staatsrath und die internationale Arbeiterschutz-Konferenz hintertreiben wollen. Diese gegen das christliche Sitten-Gesetz verstoßende Tendenz hatte die Berliner .Germania' zu der Frage veranlaßt, ob berat auch Fürst Bismarck bem Kaiser offen von diesen seinen Absichten Kenntniß gegeben. Darauf er» wieder nun die .Hamburger Nachrichten' in einem natürlich vom Fürsten Bismarck herrührenden Artikel:
Die .Germania' sei über die Hergänge genau unterrichtet, da ihre Leiter bei fraglichen Ereignissen wesentlich mitgewirkt hätten. Jene Frage selbst sei ein Beweis dafür, und die .Germania' im Stande, sie selbst zu beantworten; die Frage sei nur gestellt, weil die .Germania' wisse, daß Fürst Bismarck niemals Auskunft darüber geben werde, was zwischen dem Kaiser und ihm unter vier Augen stattgefunden habe.
bevölkerung, und das Stelleneinkommen soll wenigstens immer dann als „reichlich" die Zulagen ausschließen, wenn es ohne diese die doppelte Höhe des ortsüblichen Mindesteinkommens erreicht. Ergibt eine spätere Volks
zählung mehr als 10,000 Einwohner, so gelangen nur diejenigen Lehrpersonen in den neuen ober weitern Genuß ber Zulagen, welche bis bahin in diesem Orte bereits angestellt waren. Lehrer in Orten mit mehr als 10,000 Einwohnern behalten die am 1. April 1890 bezogenen Zulagen, während eine Gewährung neuer I Zulagen ausgeschlossen bleibt. Einen rechtlichen Anspruch auf die staatlichen Zulagen haben weder die Gemeinden noch die Lehrpersonen. Bei zeitweiliger Enthebung vom Amte (Suspension) wird die Hälfte ber Zulagen ge-
„Ja, Leontine, ich sah Dich unb war überwältigt von ber Macht Deines Spieles. Selten hat wohl ein Mensch einen so hohen Kunstgenuß gehabt unb dabei persönlich ein so tiefes Weh empfunden, wie ich bei der gestrigen Vorstellung."
„Warum, Ulrich?"
„Weil Du mir in eine unerreichbare Ferne entrückt zu sein schienst."
Sie lachte. „Ich stehe ja nicht immer ans der Bühne. Wenn ich auch die Schauspielerin bin, die es mit ihrem Beruf ernst nimmt, die ihn liebt und hoch hält, kann ich Dir dämm nicht die Freundin und Schwester sein?"
„Leonttne," sagte er, und jetzt kam die natürliche Offenheit seines Wesens wieder zum Vorschein, „ich bin nicht durch Zufall hier, sondern bin in der Absicht, Dich aufzusuchen, nach dieser Stadt gereift. Wie ich auf Deine Spur gelangt bin, sollst Du sogleich erfahren, zuerst höre aber etwas Anderes."
„Sprich, Ulrich!"
„Seit dem Augenblicke, wo Du so räthselhaft verschwandest, habe ich keine Ruhe mehr gehabt. Ich habe Dich gesucht in Angst und Sorge und Qual, ich habe gegen den Zauber, der mich umsttickt hielt, gekämpft und gerungen, und seit es mir gelungen ist, mich davon frei zu machen, habe ich nicht gerastet, bis auch Dein Vater davon erlöst war —"
sondern daß vielmehr Fürst Bismarck unbehindert in * Mit Rücksicht auf die in Spanien herrschenden derselben Weise weiter amtiren werde wie unter Kaiser Gesundheitsverhältnisse sind die Polizeiverwaltungen Wilhelm. Eingeweihte ließen sich durch diese offiziöse der deutsch en Hafenorte angewiesen worden, dm aus Stimmungs-Mache in ihrem Urtheil nicht beeinflussen, Spanien eintreffenden Schiffen eine erhöhte Aufmerk- und es ist gekommen, wie sie vermuthet hatten. Fürst samkeit zuzuwenden und dieselben erforderlichen Falls Bismarck selbst sah es ja kommen. Er sprach das ge- einer sorgfältigen Ueberwachuug nach den im Jahre flügelte Wort aus, daß Kaiser Wilhelm II. sein eigener 1886 getroffenen Vorschrifften zu unterziehen. Diese Kanzler sein werde. Nun also? Wenn Fürst Bismarck Anordnung beweist, daß man diesseits die in Spanien dies erkannte, warum machte er den unmonarchischen aufgetretenen Epidemien nicht für so harmlos ansieht, Versuch einer Kraftprobe zwischen Herrscher und Pre- als dies neuerdings vielfach dargestellt worden ist. mier - Minister? Also durch seine eigene Schuld ist * Zu den neu bewilligten staatlichen Dienstalters- Fürst Bismarck gestürzt, weil er nicht begreifen wollte, zulagen für Lehrer und Lehrerinnen hat der daß die konstitutionelle Monarchie ohne die größteGe- Unterrichtsminister nunmehr die Ansführungs-
fahr dauernd ein Hausmeierthum nicht »erträgt. bestimmungen erlassen, welche an Stelle der bezüg-
Neben diesem Hauptgrund des Bismarck'schen Sturzes lichen Runderlaffe vom 18. Juni 1873 u. a. vom
marck etwa meinen sollte, daß die Propaganda des Cen- , . . , . , trums und seiner Preß - Organe für eine gründliche
näher getreten waren und seine Thatkraft, sowie seine Sozial-Reform seinen Sturz herbeigeführt, so mag er Energie kennen gelernt hatten. Freilich, in der ehemals es thun, aber mit Jntriguenwesen hat diese Propa- Bismarck'schen Presse hatte man diese Aussicht zu ver- ganda, wenn sie beim Herrscher Billigung fand, nichts wischen gesucht, hatte einen Schein erweckt, der glauben | zu thun.
ließ, daß der jetzige Kaiser sich als Schüler des Für- --------------------
sten Bismarck und seines ältesten Sohnes betrachte und flCilffrflMi Hßtdl
daß er in seiner großen Hingebung an Bismarck es " ‘ “ J*
nie zu einer ernstlichen Krisis kommen lassen würde, Berlin, 23. Juli.