JW 168.
Donnerstag, den 24. Juli 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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Deutsches Keich.
Berlin, 22. Juli.
* In einem trefflichen Artikel über Helden- verehrung schreibt die ,Voff. Ztg.' u. a.: „Die große Masse der früheren Freunde des Fürsten Bismarck ist froh, ihm öffentlich nicht zu begegnen, und wie Viele, wenn sie ihn unter den Linden träfen, gingen nicht auf die andere Seite der Straße, um der Nothwendigkeit eines Grußes überhoben zu sein! Das ist der moralische Zustand, der heute im Kartell-Lager herrscht. Wie man auch den Kanzler bekämpft haben möge: diese Treulosigkeit muß bei unbefangenen Beobachtern tiefen Widerwillen erregen. Für die Völker aber ist dieses Satirspiel nach dem großen Drama überaus lehrreich. Hätte Fürst Bismarck irgend welche Schuld auf sich geladen, welche von seinen eigenen Freunden rücksichtslos verurtheilt werden müßte; hätte er ein Verbrechen begangen an der Nation und an der nationalen Idee, so wäre die Abwendung seiner Freunde begreiflich und begründet. Selbst wenn seine politischen Gegner, wenn die Parteien, welche er mit der ganzen Kraft seines Hasses verfolgte, über sein Geschick triumphirten, es wäre menschlich entschuldbar. Aber Fürst Bismarck wird von seinen Freunden und Ver- herrlichern verlassen und preisgegeben, nur weil er sich in das persönliche Verhältnis zu dem heutigen Herrscher nicht zu fügen vermochte, weil zwischen dem jugendlichen Träger der Kaiserkrone und dem ergrauten Staatsmanne ein Einvernehmen nicht ferner zu erhalten war. Fürst Bismarck hat sich n i ch t g e än d e r t. Er ist heute genau derselbe, der er einst war. Er steht beharrlich bei seinen Ansichten, welche die Kartellparteien bewundert, gebilligt und gepriesen haben. Wäre er heute noch jn der Fülle der Macht — sie Alle, die ihn jetzt nicht kennen wollen, hätten ihm neue Lorbeeren gewunden. Die Heldenverehrung liegt ihnen im Blut. Aber sie wechseln den Helden mit dem Wechsel der Macht. Daraus kann man sehen, weshalb Fürst Bismarck gefeiert wurde. Um seiner Person willen? Nein, um s e i n e s E r f o l g e s w i l l e n. Die Heldenverehrung war nichts als die Anbetung des Erfolges. Jetzt, da ihn der Erfolg verlassen hat, verlassen ihn auch seine Freunde und wenden sich dem Sieger zu, ein Schauspiel, das nicht am wenigsten die ehrlichen Widersacher der Politik des Fürsten Bismarck anwidert."
* Trotz der Ableugnung der Morddeutschen Allgemeinen Zeitung' erhält sich die Meldung, Reichskanzler v Caprivi beabsichtige einen Besuch bei den süddeutschen Höfen, speziell in München. Man hält vielfach die Notiz der ,Norddeutschen' nur für einen Versuch, sich wieder einen offiziösen Anstrich zu geben, eine Annahme, die sich darauf stützt, daß dre ,Nord-
In harter Schule. ,
Roman von G. I.
(95 Fortsetzung.)
Es war ihr nicht möglich, irgend eine Beschäftigung vorzunehmen. Abwechselnd im Zimmer auf- und abgehend oder im Lehnstuhl sitzend, den Blick auf die farbenreichen Bäume des Parkes geheftet, träumte sie von der Zukunft und von der Vergangenheit. Selbst die düsteren und furchtbaren Bilder, die an ihr vorüberzogen, verloren heute von ihren Schrecken, auch auf sie fiel ein Schimmer des verklärenden Lichtes.
„Es mußte Alles kommen, wie es gekommen ist," sagte sie. „Jn meinem Herzen ist kein Zorn, keine Bitterkeit mehr, nur ein namenloses Mitleid mit meinem armen, schwer geprüften Vater. Das ist der herbe Tropfen im Kelche meines Glückes, sonst bin ich so glücklich, daß ich Allen verzeihen könnte, die mir je Uebles zugefügt haben!"
Der Ton der Klingel ließ sie auffahren. - „Sollte Wollenberg doch schon kommen?" fragte sie mit einem schnellen Blicke auf die Uhr. „Unmöglich! Aber wer kann es sein? Ich habe doch befohlen, heute alle Besuche abzuweisen, und Lina scheint trotzdem zu kapi- tuliren," fuhr sie lauschend fort.
Das Mädchen trat ein, in der Hand eine Karte haltend.
deutsche' gegen eine Behauptung in's Zeug ging, die Niemand aufgestellt hatte; sie dementirte, Herr v. Caprivi plane in der nächsten Zeit die genannte Visiten-Tour, während Diejenigen, welche an dieser festhalten, gar nicht die nächste Zeit, sondern den Spätherbst im Auge haben. So schreibt man der ,Köln. Ztg.' aus München: „Als vor Kurzem der bayerische Minister des Auswärtigen, Frhr. v. C r a i l s - heim, Berlin besuchte, äußerte der Reichskanzler v. Caprivi die Absicht, sich noch in diesem Jahre an den drei deutschen Königshöfen, also in München, Dresden und Stuttgart, sowie vielleicht auch in einigen anderen Residenzen vorzuftellen. Da aber der Prinz - Regent von Bayern während der drei Monate August, September und Oktober, die er als seine Urlaubs-Zeit betrachtet, von München abwesend zu sein und bloß während des Oktober - Festes auf ein paar Tage zur Hauptstadt zu kommen pflegt, fo wird Herr v. Caprivi keinesfalls vor November hier zu erwarten sein. Irgend welche politische Bedeutung ist dem Besuche nicht beizumessen. Ist doch auch unser großer Reichskanzler Fürst Bismarck bald nach dem Regierungs-Antritt des Prinz-Regenten nach München gekommen, da er sich, wie er damals gesagt haben soll, nicht bloß als Reichskanzler des deutschen Kaisers und Königs von Preußen, sondern auch des Königs von Bayern betrachte."
* Der Reichskommissar Major von Wissmann hat der ,Post' unterm 19. ds. Mts. aus Lauterberg geschrieben: „Da mir leider mein Zustand nicht gestattet, irgend welche geistig anstrengende Arbeit zur Zeit zu erledigen, so bitte ich darum, solche bis zu meiner Besserung gütigst anstehen lassen zu wollen. Jn erster Linie gilt dies für Zuschriften und Anfragen betreffs der evangelischen Mission. Wißmann." Der Stellvertreter des Herrn Reichskommissars begleitet diese Zeilen mit folgender Nachschrift: „Im Interesse meines Vorgesetzten erlaube ich mir persönlich Noch hm- zuzufügen: Trotz der Zusicherung desselben, in sachgemäßer Besprechung bestehenden Mängeln abhelfen und das Ganze förbcmju wollen, tritt oft genug Gehässigkeit gegen Herrn Majpr v. Wißmann zu Tage. Ich habe hierbei speziell die Veröffentlichungen des Herrn Pastors Zahn in der ,Weser-Zeitung' vom 15. Juli im Auge. Ob durch solche Auslassungen eine spätere Verständigung erleichtert wird, lasse ich dahin gestellt. War aber der Zweck, Herrn Major v. Wißmann zu ärgern, so muß ich dem Herrn Verfasser leider die traurige Genugthuung zugestehen, dies in so hohem Grade erreicht zu haben, daß gerade bei eintretender Genesung durch die Erregung ein neuer Fieberanfall eintrat. C. v. Gravenreuth."
* Die Zahl der Theilnehmer des am 4. August beginnenden 10. internationalen medizinischen
„Fräulein, ich wagte den Besuch nicht abzuweisen, ich habe dem Diener gesagt, Sie wären zu sprechen!"
Leontine warf einen Blick auf die Karte und wurde todtenbleich. „Prinz Alexander von B."
Einen Augenbftck wurde sie von der Besorgniß ergriffen, man könne sie wieder in einen Hinterhalt locken wollen, im nächsten lächelte sie darüber. Sie war jetzt keine Person mehr, die man so ohne Weiteres verschwinden lassen konnte, und wäre dies selbst denkbar gewesen, so war ja Er jetzt in der Nähe, ihr Schutz, ihr sicherer Hort. Ja, sie wollte den Prinzen empfangen, sie war in jeder Hinsicht gegen ihn gefeit.
„Seine Königliche Hoheit Prinz Alexander von B." meldete das Mädchen, und Leontine schritt ohne ; theatralischen Aplomb, aber mit ruhiger Würde Salon.
Richt so sicher war der Prinz. J^ Eicher ®r- tegung, bemüht, sich eme Haltung r ^aeit| trat er ihr entgegen.
„Sie haben mir geftern ? ’^en einem seltenen Kunstgenuß eine unbesch'- MMe Überraschung bereitet, mem gnädiges Fraule'^ „Ich traute lange
meinen Sinnen r .<■= per Loge meines ^bllers, des re,^^-enden Fürsten, an dessen Hos ich mich ftit gest^ Besuch nushalte, in der berühmten tragischen Künstlerin eine Dame erkannte, die meinem Herzen '^chyp lange fyo überaus theuer ist."
Kongresses, welcher in Berlin stattfindet, wird auf 5000 veranschlagt. Bereits angemeldet sind 2000 Aerzte aus allen Welttheilen.
* Jn der Zeit vom 1. August 1889 bis Ende Juni d. I. betrug im Deutschen Reiche zur Zuckerfabrikation verarbeitete Rübenmenge 98250,394 Doppelzentner (gegen 78961830 Doppelzentner in dem gleichen Zeitraum 1888/89.) An Melasse wurden ferner verarbeitet 2453548 Doppelzentner (gegen 2530248 Doppelzentner im Vorjahr) dazu kommen an verarbeiteten (eingeworfenen oder zum Decken verwendeten) Zucker und zwar Rohzucker 6281489 Doppelzentner. Fremde, d. h. von anderen Fabriken- bezogenen Füllmasfe 23313 Doppelzentner und raffinirter und Konsumzucker 277189 Doppelzentner. Produzirt wurden an Rohzucker und zwar als erstes und zweites Produkt 1)197256 Doppelzentner (gegen 8644395 Doppelzentner im gleichen Zeitraum des Vorjahres); Als Nachprodukte 766475 Doppelzentner (662242 im Vorjahr); An raffinirtem und Konsumzucker 6241838 Doppelzentner gegen 5348450 Doppelzentner im Vorjahre.
* Metz, 22. Juli. Eine tiefgehende Aufregung und Erbitterung hat die Katholiken unserer Stadt ergriffen. Die hochwürd. Herren Sulpizianer Vassout, Vasset und Becesne, Professoren am hiesigen Priesterseminar, sind nämlich ausgewiesen worden. Herr Vassout ist ein siebzigjähriger Greis und wirkt seit 23 Jahren an der philosophischen Sektion des Priesterseminars. Motivirt wurde die Ausweisung mit der deutschfeindlichen Gesinnung der Betroffenen, obwohl sich dieselben nie mit Politik beschäftigt haben. Gleich nach 1870 hätte man die Maßregel vielleicht verstehen können, jetzt kann sie die lothringischen Katholiken nur verbittern-
Ausland.
* Brüssel, 21. Juli. König Leopold II. von Belgien feierte heute fein 25jähriges Regierungsjubiläum. Aus diesem Anlasse sand ein großes Nationalfest statt. Nachmittags war historischer Festzng.
* Petersburg, 20. Juli. Die russische Regierung treibt jetzt wieder in aller Form Kulturkampf. So ist jetzt ein Ukas erschienen, wonach in Polen und in den westlichen Gouvernements an öffentlichen Straßen keine Kapellen und Kreuze errichtet werden dürfen und die bestehenden wegzuschaffen sind.
* Paris, 21. Juli. Die französische Kammer ist noch immer nicht in Serien gegangen, sondern berathet ein Gesetz, wonach die hohe Grundsteuer ermäßigt, die Gebäudesteuer aber erhöht werden soll. Bei den Debatten zeigten sich große Differenzen in den Anschauungen. — Große Erregung herrscht wegen der Ernennung des
Leontine machte eine unmuthige, abwehrende Bewegung. „Sie haben Recht, mein gnädiges Fräulein," sagte der Prinz, „Sie haben Recht. Ich stehe schuldbeladen vor Ihnen; ich habe schwer, schwer gegen Sie gefehlt."
„Lassen wir 'Vergangenes vergangen sem, Königliche Hoheit," r<aqte Leontine kalt.
„Nein, gnädiges Fräulein, nicht also.' nef dn Prinz. Als ich Sie gestern sah, als die rathselhafte Entsck.wundene, schmerzlich Gesuchte in der hehren ®e= ft<t der Iphigenie vor mir austauchte, da war meine erste Empfindung, die Befreiung von einem Alp, der nun S einem Jahre meine Brust bedruckt! Du bff kein Mörder!" jauchzte es m mir, „Du hast sie mch ” —*
S'°"s* weih °r. mein F-WImi. ich wG es. meine Schuld wird nicht geringer durch die Wendung, die Ihr Geschick genommen," sagte der Prinz, „-st ist aroß sehr groß, und doch tarnt ich vielleicht einen Milderungsgrund ansühren, daß die Unthat, welche gegen Sie verübt ward, mir in ihrem ganzen Umfange noch nicht bekannt war."
Sie war Ihnen aber auch nicht ganz fremd. Königliche Höhest," sagte sie und ihr Auge ruhte ernst und strafend auf dem Antlitz des Prinzen.