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f 167.

Mittwoch, den 23. Juli 1890.

17. Jahrgang

uldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Für die Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Roman von G. I. ;

(94. Fortsetzung.)

Und dieser Eindruck war ein überwältigender. Die Macht der Künstlerin war so groß, daß der Baron und Ulrich davon dergestalt mit fortgerissen wurden, daß sie vergaßen, aus welchem Grunde ste eigentlich ins Theater gekommen, wer es sei, der vor ihnen auf der Bühne stand. Sie sahen die Tochter der Utriden die Schwester des Orestes, das hehre priesterliche Weib, das in unnahbarer Reinheit fern, fern von ihnen thronte. Als dann endlich die Wirklichkeit wieder in ihre Rechte trat, da machte sich namentlich bei dem Baron eine tiefe Niedergeschlagenheit geltend.

„Ich habe sie verloren!" Das waren die einzigen Worte, mit denen er Ulrich's Arm ergriff, um mit ihm das Theater zu verlassen. Auch während der kurzen Strecke vom Theatergebäude zu ihrem Hotel, die Onkel und Neffe zu Fuß zurücklegten, ließ er noch einige Male dumpf und halblaut diesen Ausruf hören. Ul­rich wagte nichts dagegen einzuwenden; zu sehr stimm­ten seine Empfindungen mit denen des Onkels überein.

„Ulrich, ich habe sie verloren, unwiederbringlich verloren!" rief der Baron, als die Thür ihres Zim­mers im Hotel sich hinter ihnen geschloffen hatte.

Die Lage des Papstes.

Die Nachricht, daß der hl. Vater, während er in die vatikanischen Gärten gefahren, vatikanisches Gebiet verlassen habe, wird vom Wiener.Vaterland' auf „Er­suchen von berufener Seite" dementirt. Die Nachricht war von der Agenzia Stefani in Rom, einer in vati­kanischen Angelegenheiten sehr unzuverlässigen Quelle verbreitet worden. Es handelt sich bei dieser Ange­legenheit um einen Weg am Vatikan, der nur nicht zu dessen engstem, abgeschlossenem Bereiche gehört. Wie ein römisches Privattelegramm der Berliner frei- konservativen „Post" meldet, droht zwischen Italien und dem Vatikan der Ausbruch eines Territorialstreites. Der Vatikan reklamire das jüngst vom Papst passirte Terrain als zum päpstlichen Territorium gehörig, während die italienische Regierung das Terrain als italienisches Gebiet bezeichne. Der Vatikan habe Befehl gegeben, das Gebiet durch eine Mauer vom Außen­gebiete abzuschließen und Schweizergarden als Posten hinzuverlegen. Eine Bestätigung dieser Mittheilungen der .Post' bleibt abzuwarten. Immerhin ist durch diesen Vorgang die „römische Frage" neuerdings in den Vordergrund gerückt, die keineswegs, wie die Gegner des hl. Stuhles auch bei dieser Gelegenheit wieder glauben machen wollten, aus der Welt geschafft ist. Die liberale Presse der ganzen Welt suchte aus der Nachricht der Agenzia Stefani den Beweis zu führen, daß Papst Leo XIII. sich in das Unvermeidliche gefügt habe, als ob Leo XIII. nicht ebenso sehr wie Pius IX. in der Eroberung Roms durch Italien einen Akt der Gewalt sieht ünd sehen muß, der nach göttlichem und menschlichem Recht sich nicht vertheidigen läßt und der Papst sich demgemäß als Gefangener im Vatikan be­trachten muß!

Die römische Frage existirt, sie harrt erst der Lösung, und sie wird einmal gelöst werden. Nun sagt man freilich, daß die Ausübung des obersten Lehr- und Hirtenamtes von Seite des Papstes auch unter den dermaligen Verhältnissen keinem wesentlichen Hindernisse begegne, und man berust sich insbesondere auf das wachsende Ansehen, welches das Papstthum gerade unter dem gegenwärtigen Pontifikate nicht nur bei den Völkern, sondern auch bei den Fürsten und den Regierungen genießt. Das Letztere ist richtig und ein glänzender Beweis für den providentiellen Schutz des Papstthums, räumt aber die aufgeworfene Frage nicht aus dem Wege. Daß die gewaltsame Beraubung des heiligen Stuhles ein Unrecht war, wird kein Vernünftiger leugnen wollen, und ebensowenig kann es einem Zweifel unter­liegen, daß dieses Unrecht einer Sühne bedarf, eine Restitution verlangt. Das verletzte'Recht ist unverjähr­bar und unverjährbar ist daher die römische Frage.

Aber hievon auch ganz abgesehen, schon der Zu-

gerichtet, in welcher er darauf hinwies, daß seit der Zeit, als die höchst traurige Nachricht sich durch die Welt verbreitete, daß das Patrimonium des hl. Petrus vollends geraubt und die hl. Stadt selbst von den Feinden besetzt sei, die Hirten der ganzen katholischen Welt mit den Christgläubigen nicht aufgehört haben zu trauern, und die ungeheuerliche Verletzung des öffent­lichen Rechtes zu beklagen und zu verdammen. Es ist in der That eine Thorheit, zu hoffen, daß Italien Frieden, Sicherheit und Ruhe genießen könnte, solange man den Kampf gegen das Papstthum fortsetzt, dessen Rechte mit Füßen tritt und ihm jene wahre Souverä- netät verweigert, welche ein wirksamer Schutz für seine Unabhängigkeit ist.

Deutsches Deich.

Berlin, 21. Juli.

* Der Kaiser setzte von Hallesylt am 18. d. Mts. seine Reise nach Märaak fort und traf auf dem See­wege am 20. d. Mts. im besten Wohlsein in Molde ein. Heute besuchte Se. Majestät das Romsdal. Dem Vernehmen nach dürfte der Kaiser voraussichtlich am 27. oder 28. d. Mts. zu mehrtägigem Aufenthalte in Wilhelmshafen eintreffen und sich alsdann direkt von dort zum Besuche nach England begeben. — lieber die weiteren Reisen Sr. Maj. des Kaisers zunächst nach England und dann nach Rußland werden allerlei Nachrichten verbreitet, deren Richtigkeit vielfach in Widerspruch zu der Sicherheit steht, mit der sie auf­treten. Der ,N. A. Z.' zufolge dürfte es allerdings zuireffen, daß der Kaiser im Anschlüsse an die Reise nach England seinen Besuch auch dem belgischen Königs­hofe zugedacht hat; ob jedoch die Begrüßung auf der Hinreise nach England oder auf der Rückreise von dort erfolgen wird, dürfte noch unentschieden sein. Andrer­seits ist der ,N. A. Z.' nichts davon bekannt und gilt für sehr unwahrscheinlich, daß, wie russische Blätter berichten, die Kaiserin ihren hohen Gemahl bei seinem Besuche am russischen Hofe begleiten werde.

* Verschiedene Blätter haben über Reisepläne des Reichskanzlers v. Caprivi berichtet, nach denen der­selbe sich mit der Absicht trüge, bei den Königshöfen von München, Dresden und Stuttgart und vielleicht in einigen anderen Residenzen Besuche zu machen. Wie die ,Nordd. Allg. Ztg.' erfährt, besteht für die nächste Zeit eine solche Absicht nicht, während sür später defini­tive Entschließungen nicht getroffen sind.

* Gegen die Behauptung, daß die Helgoländer die Abtretung ihrer Insel an Deutschland „allgemein bedauerten" und daß höchstens 5—6 Einwohner den Vertrag billigten, richtet sich folgende, der Nat.-Ztg. durch einen gelegentlichen Korrespondenten übermittelte Stelle aus einem Privatbriefe eines ansässigen Helgo-

„Das wäre sie nicht und ich kann und darf nicht einmal das Ansinnen an sie stellen, die Bahn zu ver­lassen, auf die ich sie stieß. Aber, Ulrich, ich bin einsam, namenlos einsam, mir ist zu Muthe, wie dem Kinde, dem man erst eine grausige Geschichte erzählt und das man dann im Finstern allein gelassen hat. Ich brauche eine Hand, die mich leitet, ein Herz an das ich mich flüchte, das Alles hoffte ich bei der wie­dergewonnenen Tochter zu sinden; die berühmte Schau­spielerin kann mir ihre Verzeihung, auch ihre Liebe schenken; sie selbst gehört mir nicht mehr an!"

„Bedenke Onkel, daß Leontine auch unter anderen Verhältnissen Bande geknüpft hätte, durch welche sie Dir entführt worden wäre."

Das wäre anders, ganz anders gewesen! seufzte der Baron. „Ulrich, wäre Leontine jetzt Deine

Gattin!" . i ,

Er ging ein paar Mal im Zimmer aus und ab und blieb dann vor dem jungen Manne stehen.

„Und könnte sie es nicht noch werden?" rief er plötzlich.

„Onkel, wäs denkst Du —"

„Wie? wäre sie Dir etwa nicht gut genug?" fuhr der Baron auf.

„Es wäre mein höchstes Glück, Onkel!" sagte Ul­rich gepreßt, „aber bedenke, was ich an ihr gefrevelt.

stand, in welchen man den Pcchst durch die Wegnahme seines weltlichen Besitzes und insbesondere der Stadt Rom versetzt hat, ist ein gänzlich unwürdiger, ernie­drigender und die ganze katholische Welt verletzender. Wir wollen die höchst betrübenden Vorkommnisse, welche unter den Augen des Papstes, unter den Fenstern des Vatikans sich abgespielt, nicht einzeln aufzählen. Die ärgerlichsten derselben sind den Mächten auf diploma­tischem Wege mitgetheilt worden. Der Haß gegen das Papstthum' macht sich bei manchen Gelegenheiten in geradezu diabolischer Weise Luft und er darf es thun. Die Gesetzgebung Reu-Italiens und seine Verwaltung hindern das nicht, sondern arbeiten der Revolution gegen die Kirche und der planmäßigen Vergewaltigung des Papstes in die Hände. Ganz Europa, die ganze Welt ist hievon Zeuge, und keine diplomatische Be­mäntelung ist im Stande, dieses öffentliche Aergerniß abzuleugnen oder in einem weniger ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen. Zu dem Allen aber kommt noch das Ministerium Crispi, eine durch und durch demo­kratisch-revolutionäre Gesellschaft, eine Vereinigung von ausgesprochenen Gottesleugnern und geschworenenFeinden der christlichen monarchischen Ordnung. Und ein solches Ministerium soll keine Gefahr für die Freiheit des hl. Stuhles, keine ständige Bedrohung seiner Rechte und deren Ausübung, keine offene Herausforderung gegen die ganze katholische Welt sein? Wenn man diese Verhältnisse erwägt und dasjenige, was mit ihnen zu­sammenhängt, dann begreift man die lauten Klagen Leo's XIII. und die wiederholten Nothrufe, welche er, zumal in der letzten Zeit, mit immer stärkerer Stimme erhebt.

Der Zustand, in welchem sich gegenwärtig das Papstthum Italien gegenüber befindet, ist ein fort­gesetztes Attentat auf eines der ältesten und legitimsten Rechte, eine dauernde Vergewaltigung des Oberhauptes der Kirche und dadurch eine ständige Beunruhigung des katholischen Erdkreises. Dieser Zustand ist aber noch mehr; er schließt wenigstens thatsächlich den gewalt­samen Umsturz des historischen Rechts an der ehrwür­digsten Stätte der Welt in sich, repräsentirt den Triumph der christusfeindlichen und atheistischen Revolution über die konservativen Traditionen und die Legitimität der Monarchie und kann daher für diese selbst nur von verhängnißvollen Folgen sein. Schon aus diesen Gründen wird die „römische Frage" nicht eher von der Bild­fläche verschwinden und als internationale Verlegenheit sür die Mächte so lange wie der Stachel im Fleische sitzen bleiben, bis sie gelöst sein wird. Hierüber kann unter Katholiken und überhaupt unter denjenigen, welchen das öffentliche Recht noch mehr als eine bloße Phrase ist, kein Zweifel bestehen.

In diesem Sinne hat auch der bayerische Episkopat vor zwei Jahren an Papst Leo XIII. eine Adresse

„Warum fürchtest Du das, Onkel?" fragte der junge Mann, der fühlte, daß er auf die direkte Anrede etwas erwidern müsse und es dem Baron schuldig zu sein glaubte, ihm die eigene Muthlosigkeit zu verbergen. „Du kamst doch hoffend hierher."

„Ich kam hierher, um die schwergekränkte Tochter aufzusuchen, sie zu versöhnen und in's Vaterhaus zu­rückzuführen!" seufzte der Baron.

„Und nun?" fragte Ulrich, da er schwieg.

„Ich glaubte ihr etwas bieten zu können, wenn ich sie wieder in den Rang einsetzte, der ihr gebührte, und jetzt, jetzt sehe ich, daß ich damit ein ungeheueres Opfer von ihr heischte. Wenn sie mir auch verzeiht, zu mir zurückkehren wird sie nie."

Ulrich schwieg; zu sehr war er selbst von der Wahrheit dieses Ausspruchs überzeugt, um ihn wider­legen zu können.

„Ich glaubte, die Roth, die Verlassenheit hätten Leontine zu einem verzweifelten Schritte getrieben, ich brächte ihr Erlösung, wenn ich sie von der Bühne zurückführte, und nun habe ich mich überzeugt, daß dort ihre Heimath ist. Die Tochter, welche Agamem­non opferte, ward eine Priesterin der Göttin, ihm kehrte ste nie zurück."

„Wäre sie weniger Deine Tochter, wenn sie Schau­spielerin bliebe?" fragte Ulrich.