Einzelbild herunterladen
 

17. Jahrgang

Dienstag, den 22. Juli 1890.

M 166.

Mldaer Zeitung

_ .. « .. . ____• Qithtnin Deibel in »ruiofl. 11 -

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Das X. deutsche Kundes schießen in Kerlin hat am 13. Juli sein offizielles Ende gefunden Auch jene Berliner Blätter, welche bisher von lokalpatriott- scher Bewunderung überfchäumten, kamen zu dem klein­lauten Geständniß, daß das ganze Fest eigentlich über­aus jämmerlich und Berlins unwürdig arrangirt war und demgemäß recht armselig verlief. Abgesehen von dem wirklich schönen historischen Festzuge am vorigen Sonntag war Alles mangelhaft und mit ver­blüffender Ungeschicklichkeit eingerichtet. Die Lage4>es Festplatzes, die Vergnügungs-Einrichtungen desselben, die Zahl der Scheibenstände, die Leitung durch den Fest-Ausschuß le., Alles war im höchsten Maße unge­nügend. Bereits in den ersten 3 bis 4 Tagen war die Hälfte der fremden Schützen aus Berlin wl-der aus- gerifsen. Selbst die .National-Zeitungh welche sich bis­her geberdete, als ob sie vom Fest-Ausschuß persönlich redigirt würde, schreibt: „Mit dem letzten Schuß am Sonntag fiel allen denen, welche es gut mit Berlin meinen, ein Stein vom Herzen. Er war das Siegel unter dem festen Entschluß: „einmal uni) ntcht wieder Berlin!" Und Berlin wird voraussichtlich nie wieder ein Bundesschießen haben!" Nach der .Frei­sinnigen Zeitung' soll ein riesiges Defizit vorhanden sein. Kurzum, das Fiasko des ganzen Festes entspricht in seiner nackten Größe ungefähr der vorhergegangenen unbändigen Reklame. An fchönen Worten hat es nicht gefehlt. Fast ganz Europa einschließlich der Rusten hat sich an den Festdiners friedlich umarmt, und m allen möglichen Sprachen konnte man es hören, daß wir alle einig sind, in keiner Roth uns trennen und Gefahr ! Worte, Worte, nichts als Worte! Ebenso tote sich die Schützen in dem großen Berlin verkrümelten, so verkrümelte sich auch alle noch so gut gemeinte Begei­sterung in dem gar zu großen Völker - Gewirr. Mit wem sollte man sich nicht alles verbrüdern ! Heute mit den Tyrolern, morgen mit den Jtaliamssimi, Abends mit den Magyaren, Morgens mit den deutschen Siebenbürgenern, jetzt mit den Czechen, dann mit den Holländern — kurz, es blieb den guten Deutschen gar nicht die nöthige Zeit, sich mit sich selbst, mü den nöthiqen Stammes - Angehörigen bekannt zu machen. Die Leitungen der verschiedenen Nationen ergehen sich natürlich herqebrachtermaßen mit der Versicherung, daß in Berlin eine Art „Friedens-Kongresses" stattgefunden, daß es sich um eine hochbedeutsame Kundgebung handle, deren Einfluß auf die Erstarkung und Befestigung des europäischen Friedens unverkennbar sei. Das ist schwin­del' Dem begeisterten Anfang des Festes entsprach nicht sein Verlauf. Der Berliner ist weniger begeistert als neugierig, er ruft Hurrah, ohne zu wl fen weshalb eigentlich, aber er hat nicht die nothige Ausdauer um sich eine ganze Woche hindurch einer Sache mit der-

In harter Schule.

Roman von ®. I.

• (93 Fortsetzung.)

We mir unser Zusammentreffen vor dem Bild ein autes Omen für morgen ist.

Sie sah ihn lächelnd an. „Zweifeln Sie etwa noch ?

Je mehr mir das Morgen bringen soll, antwortete er ernst, desto zaghafter blicke ich ihm entgegen.

Sie verstand ihn und antwortete ihm nur durch einen wehmüthigen, vorwurfsvollen Blick.

„Wenn ich nicht wüßte, daß Sie das Befragtwerden nicht lieben," sagte sie nach einer Pause m welcher ste sich so weit gesammelt hatte, um einen leichteren Kon­versationston anschlagen zu können, „so mochte ich mich wohl erkundigen, ob Sie schon länger hier sind und ob Sie von den Freunden in Berlin Nähere» misten.

„Ich will auf beide Fragen gern und willig Befchew geben," antwortete er, auf ihren Ton eingehend, „vich bin heute Morgen hier angekommen und weiß von den Berliner Freunden nichts zu berichten. drei Monaten habe ich mich in den Tyroler Alpen und dem bayerischen Hochgebirge Herumgetrieben."

So wußten Sie auch nicht, daß ich hier bm .

"Berühmte Künstler und Fürsten können nicht m- cognito reifen, die Zeitungen verrathen ihren Aufenthalt.

felben Ausschließlichkeit zu widmen. Bei dem ^oßen Festzug am Sonntag hatte er eigentlich mehr Begei­sterung aufgewendet, als er zu vergeben hatte, und so hatte er während der ganzen Festwoche sür die Schutzen eigentlich nichts mehr übrig als Scherz und «Pott über die langen Hahnenfedern und die vorfündfluthlichen Uniformen. Eine Stadt wie Berlin ist für solche lichtesten, man mag über ihre Berechtigung sonst den­ken wie man will, überhaupt nicht der geeignete Ort. Diesmal aber kam noch eine Reihe von Uebelstanden und Versehen hinzu, welche dem Feste jeden Anspruch rauben, als ein gelungenes bezeichnet zu werden. Freude an dem Feste hatte eigentlich Niemand gehabt. Die Schützen nicht, denn die Zahl der Scheiben war zu gering, die Kosten für die Betheiligung am schießen zu hoch; die Festplatz-Besucher nicht, denn der unauf­hörliche Regen machte aus dem Festplatze em großes Sumpf-Loch. Vor allen Dingen aber bleibt die be­dauerliche Thatfache zu konstatiren, daß auf der Pan­kover Mark kein Volksfest begangen wurde, sondern die häßlichste Karikatur eines solchen. Blödsinn und Sinnenkitzel, das waren die beiden Elemente welche die Welt des Buden - Platzes bildeten. Der elendeste

Mumpitz", den sonst der Berliner in der Hasenhaide verlacht, war gerade gut genug, den fremden Gasten auf dem Festplatze servirt zu werden — sie schienen an der elenden Kost sogar Gefallen zu finden. Der moralische Effekt des Berliner Festes ist daher em tief betrübender und bedauerlicher, unser Volksleben wird durch solche Veranstaltungen geradezu vergiftet. Es wird so viel geeifert gegen unzüchtige Darstellungen auf der Bühne, gegen unzüchtige Kolportage u. s. w. Was sich aber auf dem Berliner Festplatze vorfand, das ging weit über alles dieses hinaus. Am bedauer­lichsten ist nur, daß alle die Unzucht, welche sich dort darbot, mit einem Schimmer offizieller Billigung mn- geben waren. Ebenso verwerflich als m stttlicher Be- riehuna ist das Fest in wirtschaftlicher. Mit Uniformen, Federn, Büchsen u. s. w. ist ein Aufwand getrieben worden, der an eine Maskerade erinnert. Wie kostspielig die Teilnahme am Schießen selbst gewesen ist, mag der Umstand beweisen, daß Derjenige, der sich bei allen Schieß-Veranstaltungen bethelllgen wollte, 26o Mark bezahlen mußte. Rechnen wir hinzu, was der Aufent­halt in Berlin felbst gekostet hat, was an Bier u. s. w. verschweigt worden ist, und wir werden der Behaup­tung Recht geben müssen, daß die Kosten mit dem beabsichtigten, geschweige denn dem erreichten Zwecke in keinem Verhältniß stehen. Das Berliner Fest hat dem General v. Falckenstein Recht gegeben, wenn er sagte, daß ein Tag Landwehrübung für die Ver­teidigung des Vaterlandes weit mehr Nutzen bringe als das ganze Bundesschießen. Der geringe Nutzen aber, den dieses Schießen für die Wehrhaftigkeit unserer

Von morgen an wird das auch auf Sie Anwen­dung finden," sagte sie scherzend, dann faßte ste einen herzhaften Entschluß; sie fühlte, daß sie m diesem gleichgültig heiteren Ton nicht miteinander fortreden konnten, und sie kannte Wollenberg genugsam, um zu wissen, er gehe, koste es was es wolle, keinen Augen­blick früher, als er für geeignet hielt, aus ferner Zu­rückhaltung heraus. Es war deshalb gut, sie beendete diese peinliche Situation — hatte sie doch die beglückende Aussicht sür den kommenden Tag.

Begleiten Sie mich zu meiner Wohnung, metn Freund? bat sie, „sie liegt hier ganz m der Nahe. Ich bedarf der Sammlung für meine heutige Aufgabe. Morgen sehe ich Sie doch bei mir?

Er zögerte. „Wenn —" _.

„Kem Wenn und Aber," unterbrach sie ihn. „Sie kommen, ich erwarte Sie!"

I „Ich komme!" sagte er; drückte ,hr die Hand, zog den Hut und war verschwunden. _

In seliger Erregung stieg Leontine d.e Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. ,

Sie hatte ihn nicht gefragt, ob er am Abend da Theater besuchte, er hatte mit feiner Silbe darauf hm- gebeutet, dennoch wußte sie genau, daß er unter den ^'Das^Bewußtsein, zum ersten Male nun in Wirk-

Die .Fuldaer Zeitung' erjcheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Nation gehabt haben mag, er wird zehnfach aufgewogen durch die schweren Nachtheile, welche das Volksleben dadurch erleidet, daß bei solchen Gelegenheiten gerade die weiten Schichten des mittleren Mrgerthums an Vergeudung und an Schamlosigkeit gewöhnt werden.

Deutsches Deich.

Berlin, 19. Juli.

* Die Aufhebung des Reptilienfonds wird vielfach als einer der Reformpläne des Finanzministers bezeichnet. Es läßt sich natürlich nicht kontroliren, in­wieweit die hierüber circulirenden Gerüchte sich begründen lassen. Die Sommerzeit bringt Heuer soviel „Seeschlangen" mit sich, daß einem nüchternen Menschen schon ganz bange werden kann. Soviel aber ist gewiß: Würde Herr Miquel die Aufhebung des Welfenfonds durch­setzen so würde diese That von fast allen Seiten mit der lebhaftesten Freude begrüßt werden. Gerade die neuerlichen Aeußerungen Bismarcks über die frühere öffiziö e Presse, seine scharfe Verurtheilung derjenigen Blätter, welche durch die Welfenfonds gespeist wurden, um den Brodherrn hinterher „wie die Pest zu fliehen", können den Wunsch allerwärts nur bekräftigen, daß dieser Wirtschaft endlich ein Ende gemacht werde da­durch daß der Welfenfonds an die Erben des Königs Georg von Hannover einfach ausgeliefert werde. Noch frisch in aller Erinnerung dürften die Worte des Ministers Herr für th sein, welcher dieser am 17. April auf die Reden der Abgg. Windthorst und Rickert über den durch die offi ziöfe Presse getriebenen Unfug erwiderte. Damals hatte der Minister bekanntlich die offiziöse Presse als Phantom bezeichnet, welches nur in der Einbildung derjenigen existire, welche der Regie­rung gegenüber eine oppositionelle Stellung einnehmen. Hätte damals der Minister geahnt, wie sich die Ver­hältnisse nach dem Rücktritte Bismarcks entwickeln würden, hätte er voraussehen können, daß der Fürst dieses Phantom" einer so vernichtenden Kritik unter­ziehen würde, wahrlich, er hätte sich nicht zu jenen unvorsichtigen Aeußerungen verstiegen. Hr. v. Caprivi erklärte damals rund heraus, daß er nur den.Reichs­anzeiger' zu offiziösen Kundgebungen von Regierungs­ansichten über innere Fragen benutzen werde, und so wäre bann bie bisherige Verwendung der Ertrage des Welfenfonds, vorausgesetzt, baß bte übrigen Minister dem Beispiele Caprivis folgen, zwecklos. Den Gedanken, daß der Welfenfonds an die Erben des Königs von Hannover auszuliefern sei und zwar nicht, wie ein Th eil ber Nationalliberalen wollte, unter der Bedingung eines Verzichts des Herzogs von Cumberland auf Braun­schweig und Hannover, sondern bedingungslos, theilte mit dem Abg. Dr. Windthorst auch der Abg. v. Ben- lichkeit vor demjenigen zu spielen, an den sie bisher sich im Geiste mit jeder ihrer Rollen gewandt hatte, aab ihr im ersten Augenblicke, als sie als die Priesterin der Diana auf Tauris unwirthbarem Strande aus der Coulisse trat, eine gewisse Befangenheit die aber bald der höchsten Begeisterung wich. Sie sah ihn Nicht, aber sie fühlte seine Nähe, und wie der Genius die Marmorstatue des Künstlers belebte, daß er sie umfangen durfte in warmer inbrünstiger Liebe, jo hauchte auch sie durch die ste erfüllende Liebe der klassischen Gestalt, die sie zu verkörpern hatte, einen warmen belebenden Odem ein. Noch nie war es wohl einer Künstlerin gelungen, die Iphigenie gleichzeitig erhaben, maßvoll und echt menschlich zur Anschauung zu bringen, die antike Ruhe und Abgeschlossenheit der Geopferten und Opfernden so zu Vereinen und zu durch­dringen mit dem lebendigen Fuhlen und Denken, das wir Kinder der neuen Zeit verlangen, wenn uns nicht di- Wntten uni. h-r-lichst-n G-sM-n ta -li-n W-Ii wie Gebilde entgegen ragen sollen, die mir wohl be­wundern und anstaunen, aber nicht begreifen können.

Man war im Zuschauerraume darüber einig, daß diese Rolle der Glanzpunkt des Gastspiels sei, daß die Künstlerin damit etwas geboten, was weder von ihr, noch von Anderen überboten werden könne.

Merkwürdigerweise machte man hier und da heute