17. Jahrgang
Sonntag, de» 20. Juli 1890.
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Roman von G. I.
0)2. Fortsetzung.)
Schon hatte der erste Ton der durch das Akadenne- Gebäude schallenden Glocke das Zeichen gegeben daß die Besucher die Räume zu verlaßen hatten, und noch immer wollte der kleine Salon sich nicht leeren so sehnsüchtig eine in einer Ecke desselben sitzende dicht verschleierte Dame im unscheinbaren schwarzen Anzuge dies auch zu wünschen schien. Sie war eme fleißige Besucherin der Kunstausstellung oder eigentlich dieses Raumes gewesen, hatte aber, seit sie das hier Hangende Bild zum ersten Male gesehen, es so emzurlchten gewußt, daß sie immer einige Minuten allem davor verweilen konnte. Auch heute war sie entschlossen, so lange zu warten, bis sie sich diesem Genuß noch em Mal hingeben konnte, sollte sie auch dem gebieterischen Glockenton ungehorsam werden.
Sie allein wußte, wer dieses Bild gemalt hatte, sie hatte es gewußt mit dem ersten Blicke, den sie daraus geworfen; ja noch mehr, sie kannte den Ursprung dieses Bildes, wußte, wann und wo der Maler seme Motive dazu gesammelt, wer ihn angeregt hatte, dieses Werk zu schaffen. Das Bild war für sie eine Verheißung.
Kultusminister v. Goßler.
Die Stellung des Kultusministers Dr. v. Goßler gilt allgemein als unsicher; selbst die nationalliberale Presse, die sich feiner so warm anmmmt, kann sich nicht verhehlen, daß der ihr liebgewordene Minister wankt. Daß er darum noch nicht auch schon stürzt, nehmen wir keineswegs an. Unter dem Regime be» Fürsten Bismarck war das Wanken der Minister eme ganz gewöhnliche Erscheinung; es kam aber dann immer noch auf die Behendigkeit der Minister an ob der Ministerstuhl umstürzte oder nicht Die Minister v. Puttkamer und Dr. v. Scholz wankten fortwährend, aber die Herren wußten die Balance zu halten und wurden sehr langlebige Minister. Wenn ein Minister einmal mit dem Fürsten Bismarck zufammengerathen war, wurde er deßhalb noch nicht gleich Minister a. D., sondern er hatte nur nöthig, sich an die B ismarck- scheu Ideen anzuschmiegen und sich da» Nicht allzu schwer werden zu lassen.
In Bayern kann man das vollkommen aus den eigenen Verhältnissen heraus erklären. Das ganze System des Exministers von Lutz war ja nach Art der preußischen Minister unter Bismarck, weßhalb die Münchener ,Neuesten Nachrichten einmal auf den köstlichen Gedanken kamen, Herrn v. Lutz eme Ehren- schaukel anzubieten. Die Minister m Preußen thaten im Kleinen Das, was Herr v. Lutz mit semer ganzen Politik unternahm. Sie machten sich aber die Sache wesentlich leichter; Herr v. Puttkamer erjand ein für alle Mal jenen famosen Grund der Ministerschmieg- samkeit, den er in die Worte kleidete, er beanspruche nicht, ein selbstständiger Staatsmann zu sein, sondern er wolle lediglich der nationalen Politik des großen leitendm Staatsmannes dienen. Das war gewißen schwankenden Ministerexcellenzen zwar nicht aus dem Herzen gesprochen, aber sie acceptirten gerne diesen Retter aus tausend Verlegenheiten. . .
Kultusminister von Goßler hat die jchwierigjten Schwankungen durchgemacht, aber stets blieb er ent Diener der „nationalen" Politik des Fürsten Bismarck. Er hat die komplizirte Zerstörung der Falk'schen Kirchen- und Schulpolitik durchgemacht, ohne über Rumen zu stürzen. Im Herrenhause hat er den Amendements des Fürstbischofs Dr. Kopp zu den klrchenpoitischm Novellen energisch widersprochen, und als Fürst Bismarck in die Sitzung kam und als Herrenhausmitglied für den Rest der noch nicht abgelehnten Verbefserungs- anträge stimmte, da ist Herr « Goßler doch noch immer Minister geblieben. Wir halten nach allen Erfahrungen Herrn von Goßler für einen fehr an- pasfungsfähigen Minister, sowohl m inner Verwaltungspraxis, wie in feinen gesetzgeberischen Aufgaben, Aber er ist jetzt doch in einer so schwierigen Lage, daß
auch seine Geschicklichkeit hoffentlich nicht mehr allzu lange ausreicht. . . aTr,
Kultusminister Dr. v. Goßler ist das einzige Mitglied des preußischen Ministeriums aus der Bismarck scheu Aera, welches das Odium, das aus jener lastete, völlig mit herübergenommen hat. Beliebt ist Herr « Goßler bei keiner politischen Partei, weil er keine befriedigt und weil er alle durch sein Wesen abstößt. Insbesondere ist Herr v. Goßler wenig geeignet, eme der hervorragendsten Ausgaben der neuen Aera, die Versöhnung der Katholiken, zu erfüllen. Seme ganze Verwaltungs-Praxis geht darauf hinaus, den Daumen auf den kirchlichen Rechten zu behalten, soweit er durch die Gesetzgebung selbst es nicht vermag. Die Sp err - qeld er-Vorlage war ein wichtiges Kind dieses Verwaltungs-Geistes und hätte für die Verwaltungs- Technik des Herrn v. Goßler das ergiebigste Feld ab- qeqeben, das ihm hier hoffentlich für immer zerstört ist Das macht ihn jedoch nicht frei, vielmehr hat er durch die Behandlung der Sperrgelder - Vorlage, bei der er nicht mit den parlamentarischen und diplomatisch richtigen Mitteln operirt und doch wahrlich scharfe Dementis erfahren hat, selbst wenn er die Vorlage noch umarbeitet, sich der Möglichkeit, Vertrauen bei den Katholiken zu gewinnen, begeben.
Dr. v. Goßler wird ja nun von der natronalllbe- ralen Presse mit besonderer Wärme vertheidigt; erst jetzt wieder legt die ,Nationalliberale Korrespondenz für den Minister eine Lanze ein. Schars kontrastlrt dagegen aber das Verhalten der konservativen Presse, welche im Wesentlichen den von der katholischen Publi- ristik angegriffenen Kultusminister sich selbst überlaßt, obwohl dieser doch ehedem Mitglied der deutschkonservativen Fraktion gewesen ist. In dieser Erscheinung liegt die treffendste Kritik der Thätigkeit des Herrn v Goßler. Er hat in die wichtigsten Zweige semes Ressorts Liberale gesetzt und amtirt so, daß diese mit ihm zusammen arbeiten können. Es wäre ein bedeutsamer Fortschritt, wenn dies Verhältniß zerschnitten würde durch den Rücktritt des Kultusministers v. Goßler.
Deytsches Keich.
Berlin, 18. Juli.
* Fürst Bismarck gewährte am Donnerstag Mittag dem Redakteur der Dresdener Nachrichten' Dr. Erwin Reichardt, eine längere Unterredung, über deren Inhalt am Sonntag das genannte Blatt eingehenden Bericht erstatten wird. Dr. Reichardt durfte den Fürsten aus einem 1'/«stündigen Spaziergänge im Parke zu Friedrichsruh begleiten und wurde dann zum Frühstück mit der Fürstin Bismarck, dem Grafen Rantzau und Dr. Chrysander zugezogem .
* Wie aus London gemeldet wird, will der Fne-
Endlich hatte sich die Menge verlaufen, das Zimmer war leer. Die Dame trat vor, fchlug den Schleier zurück und blickte mit dem Ausdruck der Bewunderung, der Rührung, ja man könnte sagen, der Andacht in den schönen Zügen zu dem Bilde empor.
Dasselbe stellte eine Halle dar, deren Bauart und Ausschmückung bekundete, daß ihr Original jenen Zeiten Griechenlands angehörte, wo unter seinem blauen Himmel noch in Jugend und Heiterkeit die Gotter thronten. Korinthische Säulen schienen einen schongewölbte Decke zu tragen; im Mittel- und Hintergründe erblickte man allbekannte vortreffliche Werke der alten Kunst dazwischen sah man aber den ganzen Zauber südlicher Vegetation in Lorbeer- und Myrthenbäumen, durch welche Granaten glühten. Nur wenige Gerathe waren in dem Raume. Aus einem niedrigen Tische stand eine prachtvolle Schale mit künstlich gearbeitetem Fuße, aus welcher die Aepfel der Hesperiden lachten, seitwärts davon, im Vordergründe, faßen zwei Frauen- qestalten in Gewändern von griechischem Schnitt mit antiken Haarsrisuren und antikem Schmuck. Die Eine war beschäftigt, einen Kranz zu winden, zu welchem ihr die Andere aus einem neben ihr stehenden Körbchen Rosen reichte, denen es aber in dem kleinen Raum zu eng geworden zu sein schien, denn sie hatten sich über den Fußboden verstreut und umgaben die
denskongreß dem Kaiser Wilhelm durch eine Deputation die Bitte überreichen lassen, in der Frage der allgemeinen Abrüstung die Initiative zu ergreifen. _ ...
* Der ,Staatsanzeiger' schreibt: „Der Minister der geistlichen Angelegenheiten hatte bekanntlich am Schlüsse der Landtagsfession die Ausarbeitung eines Schuldotationsgesetzes in Aussicht gestellt. Wie wir jetzt hören, sind vor einiger Zeit die Grundzüge iir ein Gesetz über die öffentliche Volksschule im Unterrichts-Ministerium ausgearbeitet und dem Staats-Ministerium zur Beschlußfassung vorgelegt ""^Betreffs der Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amtes ist bereits darauf hingewiesen, daß, soweit es sich um die Beziehungen zu auswärtigen Staaten und die allgemeine Politik handelt, dieselbe dem Staats - Sekretär des Auswärtigen Amtes unterstellt bleibt, während in allen eigentlichen Kolonial- Angelegenheiten, insbesondere auch in allen organisatorischen Fragen, ick Zukunft die Kolonial-Abtheilung derartig felbstständig unter der Verantwortung des Reichskanzlers fungiren wird, daß der Abtheilungs- Dirigent dem obersten Chef der Reichsverwaltnng unmittelbar die erforderlichen Vorträge erstattet und unter der Bezeichnung „Auswärtiges Amt, Kolonial-Abthei- lunq" die von der letzteren ausgehenden Schriffftucke selbst zeichnet. - Die ,N. A. Ztg.' schreibt, daß es sich empsehlen wird, Schreiben und sonstige Sendungen, welche für die Kolonial - Abtheilung des Auswärtigen Amtes bestimmt sind, mit einem bezüglichen Vermerk JU *^Dr^P e t er s hat an die deutsch - ostafrikanische Gesellschast in Berlin folgendes Telegramm gerichtet: „Sansibar gefund angelangt. Peters."
* Der ,Reichsanzeiger' erklärt mit Bezug auf die Mittheilunq feines Berichterstatters aus Christiania, wonach es in der Absicht S. M. des Kai fers liegen sollte, auf manche lohnende Ausflüge in Rücksicht ans die Heimath zu verzichten, weil die zu erledigenden Regierungsgeschäfte ein längeres Fortbleiben Nicht Wünschenswerth erscheinen ließen — daß eine Verkürzung des ursprünglichen Reiseplanes an Allerhöchster Stelle nicht in Aussicht genommen ist.
* Die.Kreuzzeitung' veröffentlicht an leitender Stelle unter der Ueberschrist: „Ein Akt moderne rTortur einen Brief des Schriftstellers Dr. jur. Morris de Jonqe, welcher berichtet, daß er wegen seines literarischen Eintretens für die Berechtigung eines maßvollen Antisemitismus auf Betreiben feiner Familie und anderer den jüdischen Börfenkreisen angehöriger Personen durch die Berliner Polizeibehörde als „gemem- aesährlicher Geisteskranker" in die Irrenanstalt des Dr. Levinstein zu Schöneberg gebracht und dort langer Kranzwinderinnen selbst mit einem bunten, duftigen
ganze Bild war in einem freundlich Hellen Tone gehalten, einem Tone, in welchem sich die kräftigsten und verschiedenartigsten Farbennuancen leicht und unmerklich zu einer wundervollen Harmonie verbinden und innerhalb dessen für die reizendsten, um gesuchten Lichtwirkungen Raum ist. Die beiden jugendlichen Frauengestalten konnte man sür in Farben übertragene Abbilder jener klassischen Statuen halte«, welc^ das Entzücken aller Zeiten bilden werden und dennoch pulfirte in ihnen ein volles, warmes Leben. Meisterhaft war das grüne Gewand der Kranzwinderm be° handelt, die ihre Gefährtin erwartungsvoll anblickt, welche Blume sie ihr jetzt rettijen »erbe. Die Letztere war weiß gekleidet, auf ihrem Antlitz, das in ferner Ruhe und Regelmäßigkeit einen angenehmen Kontrast mit den nicht ganz regelmäßigen, aber eigenthumlich reizvollen Zügen der Kranzwinderm bildete, ruhte em Helles sie gleichsam verklärendes Licht, in dem für Denjenigen, der wirklich zu sehen verstand, die Andeutung lag, daß diese Gestalt diejenige fei, welche der Künstler, so meisterhaft auch jede Einzelheit ausgejuhrt war, doch mit besonderer Liebe geschaffen hatte.
Die junge Dame, welche jetzt noch allein vor dem Bilde weilte, verstand so zu sehen. Sie sah mcht bloß
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Mldaer Zeitung
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