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17.Iahrgan

Samstag, den 19. Juli 1890.

TW 164

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In der Kern der Feste.

Unsere moderne Zeit mit ihrem ausgesprochenen Hange für Wohlleben und Vergnügungen sieht gegen­wärtig wieder jeden Sonn- und Feiertag eine Unmasse Feste und öffentliche Schaugepränge. Alle möglichen Gelegenheiten werden benutzt, um größere und kleinere Feste, Versammlungen, Kongresse, „Tage", Denkmals- Enthüllungen, Jubiläen u. s. w. zu begehen, ja man macht förmlich Jagd nach Anlässen, um der Vergnü- gungs - Sucht stöhnen und nebenbei auch den Lokal- Patriotismus befriedigen zu können. Es fehlt dabei nicht an mehr oder minder paffenden politischen Reden, an prunkvollen Aufzügen u. f. w., die Hauptsache da­bei ist aber stets das Trinken und die Fest - Berichte schließen darum gewöhnlich mit einer kleinen Statistik überden riesigen Bier-Konsum. Einen praktischen Werth haben die meisten dieser Feste nicht und die ideale Be­deutung ist in unserer materiellen Zeit eine noch ge­ringere. Dabei gewinnt man den Eindruck, als ob sich wie die Ausstellungen, so auch die Sänger-, Tur­ner-, Schützen- und sonstigen derartigen Feste bereits ziemlich überlebt hätten. Der durch das Uebermaß an Vergnügungen verwöhnte Gaumendes Publikums stumpft sich eben sehr rasch ab und so müssen heute die Arran­geure von Festivitäten sich schon auf alles Mögliche verlegm, um eine Massen-Betheiligung zu erzielen. Die sozialen Verhältnisse gewinnen aber dadurch sicherlich nichts.

In den jüngsten Tagen fand in Berlin das zehnte deiitsche Buudesschießen statt und wenn man den eilen-, langen Berichten der Zeitungen glauben darf, so war dies ein großartiges, von vielen Tausenden besuchtes Fest, allein sieht man die Dinge näher an, so handelt es sich da eigentlich um eine Spritzfahrt en gros nach Berlin, bei der das Schießen Neben-, das Trinken die Hauptsache war. In früheren Jahren hatten dieSchützen- feste noch eine gewisse politische Bedeutung, sie dienten der Förderung des Unitarismus, und es wurde bei dieser Gelegenheit sehr viel in Liberalismus gemacht. Heute fallen auch diese Momente weg, die Reicyseinheit ist da und Preußen sorgt schon durch die Beschneidung der Machtvollkommenheit der Bundesstaaten, daß der Reifen immer enger werde, der Liberalismus aber hat bedeutend an Zugkraft eingebüßt und feine Schlagworte sind verbraucht. In dem Maße aber, als diese Feste des politischen Charakters entkleide wurden, sank ihre Bedeutung und das diesjährige deutsche Schützenfest in Berlin war in jeder Hinsicht ganz belanglos, denn die harmlosen Verbrüderungs-Toaste, die mit österreichischen, italienischen und nordamerikanischen Schützen gewechselt wurden, verrauschen in dem raschen Fluge der Ereig­nisse, dieselben haben nicht die geringste Bedeutung.

Der materielle Vortheil, den angeblich durch den

In harter Schute.

Roman von G. I.

(91 Fortsetzung.)

„Es sind Deine Augen, es ist Deine Stimme," sagte sie endlich, „und je mehr ich Dich ansehe, je mehr finde ich in dem jungen Gesichte dm alten Gringmuth wieder."

„Bist Du mit dem Tausche zufrieden?" fragte er.

„Das muß ich mir erst noch überlegen," neckte sie.

„Aber nicht zu lange," bat er, „denn ich möchte, daß wir noch heute den Hochzeitstag bestimmen."

„Weshalb denn so eilig?" fragte Frau Meinhold, während Alwine sich erröthend an ihn fchmiegte.

„Weil ich jetzt lange genug auf mein Glück ge­wartet habe und es mir nun sichern will," sagte Ehmig. „Wir warten nur, bis die Braut-Jungfer da ist."

„Leontine?" jubelte sie.

„Ja, Leontine; ich habe dem Baron versprochen, ihn mit seiner Tochter zu vereinigen. Er reist vielleicht schon morgen nach der süddeutschen Residmz, in der sie sich gegenwärtig aufhält."

„Meinst Du, daß sie wieder kommm, daß sie der Schauspielkunst entsagen werde?" fragte Alwine.

„Ich bezweifle es," versetzte Frau Meinhold. Sie hat sich ihrem Berufe mit einer so wahrm, aufrichtigen

großen Zusammenfluß von Fremden eine mit einem solchen Feste beglückte Stadt hat, wird vielfach über­schätzt. Denn die Medaille hat auch eine Kehrseite: erstens kosten die betreffenden Veranstaltungen, der Bau von Festhallen, die Dekorationen und sonstigen Arran­gements viel Geld und ist es schon wiederholt vorge­kommen, daß die Kosten nicht gedeckt wurden und der Stadt ein ansehnliches Defizit verblieb. Zweitens haben nur einzelne Geschäfts-Kategorien einen Antheil an dem Fremden-Verdienste und drittens stellen die Bewohner der betreffenden Stadt selbst das größte Kontingent zu den Festgästen, es wird Arbeit und Geschäft versäumt, Geld ausgegeben und ein größerer Luxus entfaltet, der oft hintendrein in manchen Familien mit vielen Tagen des Darbens gebüßt werden muß. Daher auch der rapide Rückgang des Mittelstandes und die Zunahme der Verarmung. Der Verdienst mehrt sich nicht in der Weise, wie die Gelegenheiten zum Geldausgeben und gar viele Familien ruiniren sich durch das Uebermaß an Vergnügungen, durch Putz und Luxus. Die frühere Einfachheit ist verschwunden und dafür eine Sucht nach Vornehmsein und äußerem Glanz getreten. Jeder will mehr scheinen, als er ist, jeder will mehr gelten und will über seine Kräfte und seinen Stand hinaus nobel leben, daraus resultiren eine Reihe betrübender Erschei­nungen. Wer darum der heutigen Gesellschaft wirklich einen guten Rath geben will, der möge gegen das Uebermaß von Festen und Vergnügungen ein ernstes Wort sprechen, wenn es freilich von gar Vielen auch in den Wind gefchlagen wird! (Frk. Vbl.)

von Neuem hervorzuheben, sondern die Ideen des Monarchen und seiner höchsten Rathgeber einer ab­fälligen Kritik zu unterziehen. Fürst Bismarck spricht von den berühmten Erlassen vom 4. Februar als von einer „Lieblingsidee des Kaisers, auf der er bestanden habe", und bezeichnet die ganze internationale Arbeiter­schutz-Konferenz, die auf die eigenste Initiative des Kaisers zurückzuführen ist und ihm die Bewunderung von ganz Europa eingetragen hat, als „eine einzige Phraseologie", „ihre Ergebnisse gleich Null!" Solche Kritik, vom Fürsten Bismarck geübt, verletzt das monar­chische Gefühl und gefährdet die wichtigsten Staats­interessen ; bisher war es in Preußen und Deutschland nicht üblich, daß die entlassenen Minister ihrer ab­weichenden Meinung Ausdruck zu geben und Fortgang zu verschaffen für erlaubt hielten; selbst als bei den Verhandlungen zur Beilegung des Kulturkampfes Fürst Bismarck die Verantwortlichkeit für die Fehler dieses Kampfes von sich abzuschütteln und dem Minister Falk zuzuweisen suchte, hat dieser Minister in Bezug auf die öffentlich gegen ihn gerichteten Angriffe geschwiegen und nicht mit Gegenangriffen geantwortet, die ihm ver- muthlich nicht schwer würden geworden sein. Fürst Bismarck hingegen greift, ohne daß ihn Jemand irgend­wie provozirt hat, die innere und äußere Politik Seiner Majestät an und schädigt und erschwert die Arbeit seiner Nachfolger im Amt; so, wenn er die Erwerbung Helgolands als zu theuer, als unnöthig, möglicherweise gefährlich bezeichnet und der Regierung vorwirst, daß sie zum Sozialismus übergegangen sei. Die ergebensten Freunde des Fürsten werden angesichts seiner jüngsten Aeußerungen ein Gefühl der Beklemmung haben, und es ist kaum anders möglich, als entweder mit tiefer Trauer oder mit gerechtem Unwillen die veröffentlichten Mittheilungen zur Kenntniß zu nehmen; was aber den entschiedensten Protest heraussordert, das ist das Her­einziehen der Allerhöchsten Person in die politische Debatte seitens seines ehemaligen Reichskanzlers. Wenn Fürst Bismarck sich in der Beurtheilung der bisher ihm ergebenen Zeitungen eine „gefallene Größe" ge­nannt hat, so fürchten wir in der That, daß Fürst Bismarck, wenn er nicht bald einhält, auf dem besten Wege ist, in anderm Sinne eine gefallene Größe zu werden.

* Graf Kalnoky soll nach einer Wiener Meldung den Kaiser Franz Joseph zu den Kaiser - Manövern nach Liegnitz (im September) begleiten und daselbst mit dem deutschen Kanzler Zusammentreffen.

* Um dem Ueberhandnehmen des Kontraktbruchs ländlicher Arbeiter zu steuern, haben, der,Kons. Körresp/ zufolge, die Grundbesitzer eines niederschlesi­schen Kreises beschlossen, einen Verein gegen derartige gesetzwidrige Kontraktlösungen, sowie zur besseren Wah­rung der Rechte der Arbeitgeber ins Leben zu rufen.

sagte Frau Meinhold, „jetzt, wo Leontine wieder Fräu­lein von Reina ist, weniger denn je."

„Wer weiß," lachte Alwine, „Wollenberg ist zwar störrisch und steift sich ungeheuer auf seinen souveränen Willen; schließlich ist die Liebe aber doch ein Faktor, mit dem auch der Eigenwilligste rechnen muß."

„Wie klug das Kind geworden ist!" scherzte Ehmig.

„Bei solchem Lehrmeister ist das nicht zu verwun­dern," erwiederte sie mit einem zierlichen Knix und bot ihm die Lippen zum Kuß.

An diesem Abend erschloß Ehmig seine Truhen und entnahm denselben alle Kleidungsstücke, die er bisher als Gringmuth getragen.

„So," sagte er, sie in Bündel packend, „hiermit lege ich die Vergangenheit ab, sie sei vergessen und begraben. Und auch Euch, ihr Zeugen gebüßter Schuld, weihe ich der Vergessenheit" fichr er fort, ein Bündel vergilbter Papiere entfaltend. „Ich glaubte Eurer noch zur Entlarvung jener Elenden zu bedürfen, aber die. neuen Beweise ihrer Schuld waren so überwältigend, daß die alten dagegen gar nicht in Betracht zu kom­men brauchten." Damit öffnete er die Ofenthür und warf in das dahinter brennende Feuer ein Blatt nach dem anderen.

„Jetzt liegt mir nun noch ein Geschäft ob, mich meiner Frau Wirthin in meiner neuen Gestalt zu zei-

Fuldaer Zeitung

Für bw Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. » C: Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Deutsches Keich.

Berlin, 17. Juli.

* Die Rücksichtslosigkeit, mit der Fürst Bismarck in seinem letzten Interview die Sozialpolitik des Kaisers und die internationale Arbeiterschutzkonferenz besprochen hat, veranlaßt die ,Kreuzztg/ zu folgendem beachtenswerthen Protest. Die neuesten Mittheilungen über eine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck sind derartig, daß ein Schweigen einem Verrath an unserer Losung: „Mit Gott für König und Vaterland" gleich­kommen würde. Wohin sind wir gekommen, wenn der gefeiertste Staatsmann des Jahrhunderts, dem Deutsch­land in hervorragendster Weise seine Einigung und Machtstellung zu verdanken hat, wenn der gewaltige Vorkämpfer für die Rechte und Prärogative der Krone, nun ihm, wie er wiederholt und geflissentlich bekannt gibt, die Leitung der Staatsangelegenheiten ans der Hand genommen ist, sich zum Heile des Vaterlandes für verpflichtet und nach allen Seiten hin, auch gegen­über der höchsten Stelle, für berechtigt hält, nicht allein seine von den Intentionen Sr. Majestät und deren gegenwärtigen Regierung abweichenden Ansichten stets Hingebung gewidmet, daß ich kaum glaube, sie werde ihn für Rang und Reichthum aufgeben."

„Für Rang und Reichthum nicht, vielleicht aber für die Liebe," meinte Ehmig.

„Ihr Vater ist freilich sehr einsam und unglücklich," fügte Frau Meinhold hinzu.

„Wenn man nur wüßte, wo der Wollenberg steckt?" rief Alwine. „Hast Du eine Ahnung davon, Gustav?"

„Nicht die leiseste," war die Antwort. „Seit dem Juni treibt sich der Mensch nun als echter Zigeuner umher, keine Seele weiß, wo er sich aufhält. Hätte ich ihn nicht gerade, als er sich in der Morgendämme­rung mit Reisetasch und Plaid die Treppe hinunter­schleichen wollte, attropirt, so wäre er auf und davon gegangen, ohne nur ein Wort des Abschieds zu sagen."

„Und Du weißt nicht, wohin er wollte?"

„Kein Sterbenswörtchen war aus ihm herauszu­bringen. Ich bat ihn, doch einmal zu schreiben, er antwortete aber nur kategorisch: „Ich thu' es nicht!" mit jener nur ihm eigenen charakteristischen Betonung. Lange wird er übrigens doch wohl nicht fort bleiben, denn er hat Atelier und Zimmer bei Frau Hart be­halten." .

„Wenn er auch wieder kommt, ich habe keine Hoff­nung mehr, daß aus berr Beiden ein Paar werde,"