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Mittwoch, den 16. Juli 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Eine neue Unterredung mit dem Fürsten Kismarck.
* Herr Julius Ritterhaus, der Herausgeber des .Frankfurter Journals' hat, wie bereits erwähnt, eine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck in Fried- richsruh gehabt, deren Inhalt, nach dem Gedächtniß gegeben, er in gedachtem Blatte zum Abdruck bringt. Wir theilen die wesentlichen Auslassungen des ehemaligen Reichskanzlers hier mit.
Herr Ritterhaus bemerkte im Eingänge, daß er als Vertreter einer deutschen Zeitung kaum auf einen Empfang gerechnet hätte. Es hätten doch jedenfalls auch andere deutsche Blätter einen solchen nachgesucht.
Fürst Bismarck: Deutsche Zeitungen? Nein, das ist eben nicht der Fall. Gerade die Zeitungen, die doch — bis zu einem gewissen Grade — von mir abhängig gewesen sind, fragen nicht nach mir. Ich bin eine gefallene Größe —man will damit nicht gerne zu thun haben. Die Presse hat hier zu Lande keinen Muth, sie ist feige. . . . Sie sind der Erste von der deutschen Presse, der den Muth hat, zu mir zu kommen. . . . Die Anderen fürchten sich zu kom- promittiren — anzustoßen. Geschäftliche Rücksichten auf Abonnenten u. s. w. sind stärker, als die Anhänglichkeit an mich. Die .Post', die .Kölnische Zeitung', die früher mit mir in lebhafter Verbindung standen, sie fliehen mich jetzt, als ob die Pest bei mir ausgebrochen wäre! ... Ich hätte nicht gedacht, daß es der deutschen Presse so an Muth fehlte, daß sie so feige sich benehmen würde. — Ich lese jetzt nur wenige Zeitungen. Die .Kölnische Zeitung' mißfällt mir wegen ihres lehrhaften Tones. Sie erlaubte sich mir gegenüber Freiheiten und wollte mich unter eine Art Kuratel stellen. Das ist abgeschmackt."
In seinen weiteren Auslassungen über die Presse bemerke der Fürst u. A. noch, daß er mit den ,Hamb. Nachr.' von früher her gewisse Beziehungen unterhalte. Er fuhr dann fort:
„Unserer Presse im Ganzen fehlt die Ueber- zeugung; Muth hat eigentlich die s ozi alistifche Presse. Sie begreifen, daß ich jetzt von der Presse nur noch mit ironischer Geringschätzung rede. Von all den Blättern, die ich stützte, ist noch keines zu mir gekommen. Niemand hat sich bei mir sehen lassen, Niemand eine Unterredung bei mir nachgesucht!"
Wie schon früher, stellte Fürst Bismarck auch diesmal in Abrede, daß er den Ausdruck vom „An die Wand drücken" gebraucht habe. Uebrigens hätten so gerade die Nationalliberalen mit ihm verfahren wollen.
Ueber Miquel fagte Fürst Bismarck: „Die nationalliberale Partei hat bedeutende Leute. Miquel und Bennigsen sind außerordentliche Politiker. Miquel ist einer der besten Redner, die wir haben. Miquel ist
In Hatter Schule. -
Roman von G. I.
(88. Fortsetzung.)
Ulrich verließ die eine Thür und postirte sich in die Nähe der anderen. Der Baron war bereits in einer Gemüthsverfassung, in welcher man sich willenlos vorkommt und froh ist, wenn Ander: das Handeln übernehmen. Ehmig erzählte:
„Ich bin der Sohn eines reichen und angesehenen Bankiers in Hamburg. Mein Vater hatte mich ebenfalls zum kaufmännischen Berufe und zur Fortführung seines Hauses bestimmt, er ließ mir jedoch eine wissenschaftliche Bildung geben und ich besuchte einige Jahre die Universität, wo ich, ohne ein bestimmtes Fachstudium zu treiben, nach eigenem Gefallen Kollegien hörte und mich vorzugsweise mit Jurisprudenz und Naturwissenschaften beschäftigte. Nach Absolvirung meiner Studien ging ich einige Jahre auf Reisen, nach der Rückkehr in meine Vaterstadt sollte ich als Theil- nehmer in das Geschäft meines Vaters treten."
„Mein Weg führt mich nach Rom. Ich machte dort die Bekanntschaft eines Grafen Falkenburg, der mich in das Haus einer Frau von Marfan, einer französischen Dame von angeblich hoher Abkunft, einführte, die mit ihrer Tochter Hortense den Winter in
jetzt Minister. Ich setze ganz besondere Hoffnungen auf ihn. Mit ihm habe ich oft zusammen gearbeitet und wir sind einig gewesen. Namentlich bei der Versöhnung des Centrums hat mir Miquel gute Dienste geleistet. Er weiß sich mit dem Centrum zu stellen. . . . Zuletzt sind wir auf dem Steuergebiet zusammen thätig gewesen. Miquel's Reformen kenne ich im Einzelnen nicht — jedenfalls wird er nicht versäumt haben, sich an maßgebender Stelle über ihre Durchführbarkeit zu verständigen. Uebrigens, er wird die Parteien nöthig haben; aber ich meine, gravitirt er zu sehr nach links so wird er rechts einbüßen; vielleicht gelingt es ihm, vom linken Flügel des Centrums Einige zu bekommen — bei den Konservativen und Freikonservativen dürfte er dann verlieren. Es wird sehr schwer sein, Viele unter einen Hut zu bringen. Aber, wenn Einer die theilweise Verschmelzung der Parteien fertig bringt, so ist es Miquel! Bennigsen ist vielleicht ein noch größerer Staatsmann, aber Miquel ist der bessere Redner . . . nun, vielleicht ist das eben kein Glück. . . (Fürst Bismack brach am Schluß des letzten Satzes kurz ab.)
Ueber die Frage seiner Kandidatur in Kaiserslautern-Kirchheimbolanden sagte er: „Mir ist diese Kandidatur nahe gelegt worden, d. h. man hat mich von vertrauter Seite aus sondirt, ob ich das Mandat übernehmen wolle. Ich bin im Prinzip nicht gegen ein nationalliberales Mandat, aber ich hielt jetzt den Zeitpunkt nicht für geeignet, in den Reichstag zu gehen. Ich wollte eine aktive Opposition gegen die jetzige Regierung vermeiden. Ich möchte nicht in die Lage kommen, gegen meinen Nachfolger zu sprechen, und auch nicht gegen Miquel. Fährt die Regierung im Sozialismus fort, so würde ich in eine oppositionelle Stellung von selbst hineingedrängt. Ich möchte das nicht, wenigstens so lange nicht, bis mich eine patriotische Nothwendigkeit dazu zwänge.
Und dann ist der Wahlkreis ziemlich unsicher. Der Gefahr, durchzufallen, will ich mich nicht aussetzen. Wäre es mir jetzt darum zu thun, in der Oeffentlich- keit thätig zu sein, so hätte ich ein einfacheres und sicheres Mittel: ich bewürbe mich um ein Mandat zum Bundesrathe ' in einem der nichtpreußischen Staaten. Das wäre mir sicher, und dann könnte ich auch im Reichstage meine Ansicht vertreten . . . Einstweilen aber verzichte ich darauf. Meine Nachfolger scheinen im Allgemeinen ja gewillt zu sein, die Politik, die ich so lange vertreten habe, in münem Sinne fortzusetzen . . . Vielleicht haben sie nicht ganz die Erfahrung und auch die Hilfsmittel nicht die ich besitze."
Zum deutsch-englischen Abkommen bemerkte der ehemalige Reichskanzler: „Ich hätte das deutsch-englische Abkommen so nicht geschlossen. Mußte man Helgoland durchaus besitzen — es war der Wille des Kaisers —
Rom zubrachte. Auf die Beschreibung der Damen verzichte ich, sie sitzen vor Ihnen; ebenso brauche ich Ihnen den sich später bei den Damen einfindenden Gatten und Vater nicht zu schildern. Sie haben ihn als Oberst Vivienne kennen gelernt.
„Herr Baron, ich war jung und trotz meines Studiums und meiner Reisen unerfahren. Sie werden es begreifen, daß ich einem Zauber unterlag, dem Sie, der ältere und erfahrene Mann, ja ebenfalls zum Opfer gefallen sind. Ich faßte tiefe Neigung zu Fräulein von Marsan, hörte nicht auf die Stimmen, die mir zuflüsterten, sie sei die Dame des Grafen von Falkenburg und so wenig ein Fräulein von Marsan, wie ihre Begleiter ihre Eltern wären und ein Anrecht auf ihren Namen hätten. Alle Drei wären Abenteurer der schlimmsten Sorte, die in Paris, in Wien und anderen Orten schon höchst verwegene Stteiche ausgeübt und junge reiche Leute, durch die Schönheit Hortense's an sich gelockt, geplündert und zu Grunde gerichtet hätten.
„Ich glaubte den warnenden Stimmen nicht. Für mich war Fräulein von Marsan der reine fleckenlose Engel, ich war glücklich, daß sie meine Liebe zu erwidern schien und schrieb meinem Vater überschwengliche Briefe in die Hnmath von der liebenswürdigen Schwiegertochter, die ich ihm zuzuführen gedächte. Er hätte es lieber gesehen, ich hätte eine Hamburgerin ge-
so war es meiner Meinung nach wohlfeiler zu bekommen. Im Falle eines Krieges könnte uns Helgoland, wenn es nicht ganz stark befestigt wird, sogar gefährlich werden. 1870 war Helgoland neutral. Ist es im nächsten Kriege deutsch, so könnten die Franzosen es zu einem bedrohlichen Angriffs-Punkte machen. Die Insel wird also außerordentlicher Befestigungen bedürfen." — Ueber angeblich geheime Verbindungen zu dem Vertrage, von denen Herr Ritterhaus sprach, lachte Fürst Bismarck und bemerkte: „Ich kenne Herrn Salisbury als einen Minister, der sehr gut sich zu wahren versteht und genau weiß, was er dem englischen Volke zutrauen darf. Uebrigens, käme Gladstone wieder an's Ruder, so würden den eventuelle Abmachungen wenig kümmern." . . . Ueber die Arbeiter-Erlasse und die Arbeiterschutz-Konferenz bemertte der Kanzler, er glaube nicht, daß Miquel überhaupt irgend welchen Antheil an den Erlassen habe. Miquel sei ein zu gewandter Partei-Taktiker, um kurz vor den Wahlen diesen Zündstoff in die Oeffentlichkeit zu geben . . . Die Erlasse waren seit Langem eine Lieblings - Idee des Kaisers. Hinzpeter, Douglas und Andere — kurz Solche, die nicht im Dienste waren — haben mit Sr. Majestät darüber Berathungen gehalten. Der Kaiser versprach sich von den Erlassen Erfolg bei den Wahlen. Mir wurde eine Redaktion gezeigt, die weitgehender war, als diejenige, welche erschienen ist. Ich war prinzipiell gegen die Erlasse, sollten sie aber durchaus erscheinen — der Kaiser bestand darauf — so wollte ich wenigstens meine Redattion durchsetzen, damit die Erlasse gemildert würden. Ich übernahm deshalb die Redaktion und schrieb die Erlasse in der jetzigen Form nieder — als Diener des Kaisers. Die Redaktion rührt also von mir her. Ich habe keinen Kollegen zugezogen. Ich fügte noch die internationale Konferenz ein; ich dachte, sie sollte gleichsam ein Sieb sein, eine gewisse Hemmung des humanen, arbeiterfreundlichen Elan unseres Herrn. Ich glaubte, diese Konferenz würde sich gegen allzu große Begehrlichkeit der Arbeiter aussprcchen, gleichsam Wasser in den Wein gießen. Aber selbst diese geringen Erwartungen sind enttäuscht worden. Die Ergebnisse der Konferenz sind gleich Null. Es hatte Keiner den Muth, zu widersprechen, auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Die ganze Konferenz ist eine einzige Phraseologie; nicht eine Frage hat sie praktisch gelöst. Ueberhaupt, es ist Illusion, den Arbeiterschutz international machen zu wollen. Jeder Staat steht doch schließlich für die Interessen seiner Industrie . . . Ich glaubte übrigens damals immer noch, daß der Staatsrath die Erlasse nicht billigen werde. Da aber auch der Staatsrath zustimmte, gingen sie durch ohne mein Votum, ohne meine Gegenzeichnung."---
Auf die Frage nach den Gründen seines Rücktrittes erwiderte Fürst Bismarck: „Ich muß über '■ ’■ ------- '
wählt, aber er wollte mir keinen Zwang anthun und bat mich nur, vorsichtig zu sein.
„Bedenklich wurde er erst, als ich anfing, sehr bedeutende Summen zu verbrauchen und seinen Kredit in einer auch für feine Verhältnisse zu starken Art und Weise in Anspruch zu nehmen. Meine kleine Braut, tote ich Fräulein von Marfan nannte, hatte kostspielige Liebhabereien, deren Befriedigung sie in einer so entzückend zuversichtlichen, naiven Weise von mir erheischte, daß ich gar nicht daran denken konnte, ihr etwas zu versagen. Die herrlichsten Kunstwerke der Goldschmiedearbeit, die Castellane und seine Zunftgenossen nach altgriechischen, byzantinischen und etruskischen Vorbildern zu schaffen wißen; Barberi's Mosaiken fanden einen Abnehmer an mir, dem kein Preis zu hoch war. Daneben verschmähte meine Braut auch andere Edelsteine, Perlengeschmeide und sonstige Geschenke nicht, und da Herr voll Marsan ein hohes Spiel liebte und Graf Falkenburg durch Anleihen, die er bei mir machte, meine Kasse ebenfalls in Anspruch nahm, so können Sie denken, daß ich viel, sehr viel verbrauchte.
„Endlich ward es meinem Vater zu toll, er wies noch eine Summe als Reisegeld für mich an und befahl mir, nach Hause zurückzukehren. Ich hatte inzwischen einsehen gelernt, daß ich ihm Hortense als Tochter nicht zuführen könne, um soweniger vermochte