Dienstag, den 15. Juli 1890.
160.
17. Jahrgang
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Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. - - - Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Deutsches Keich.
Berlin, 12. Juli.
* In der Unterredung des Fürsten Bismarck mit dem Herausgeber des ,Franks. Journ.' erscheinen die Auslassungen des ehemaligen Reichskanzlers über bie gouvernementale Presse als ganz besonders interessant. Die ehemaligen Bismarck-Blätter, die „von ihm abhängig" gewesen sind, kommen dabei schlecht weg, weil sie. mit der „gefallenen Größe" nichts zu thun haben wollen, keinen Muth haben, zu feige sind, sich zu kompromittiren glauben, weil bei ihnen „ge- schästliche Rücksichten" auf Abonnenten u. s. w. stärker 'jtnb als die Anhänglichkeit an Bismarck u. f. w. Dabei nannte Fürst Bismarck namentlich die Host' und die .Köln. Ztg/, die mit ihm srüher in „lebhafter Verbindung" gestanden hätten. Was die .Köln. Zig.', die ferner einen anderen Hieb wegbekommt „wegen ihres lehrhaften Tones" und weil sie sich ihm gegenüber „Freiheiten erlaubte" und unter „eine Art Kuratell stellen wollte", dazu sagen wird, ist in Berlin zur Stunde noch nicht bekannt. Die freikonservative ,Post' findet sich gegenüber dem Vorwurse der Feigheit mit der lendenlahmen Entschuldigung ab, daß ihr im Jahre 1874 die Ausgabe gestellt worden fei, „die Politik des Fürsten Bismarck zu vertreten und dabei die Unabhängigkeit zu wahren". Daß es der .Post' schwer geworden ist, „diesen mitunter allerdings schwer zu vereinenden Ausgaben gerecht zu werden", wollen wir gern glauben. Im Uebrigen aber muß man doch die deutschen Blätter — von den früheren Organen des ehemaligen Reichskanzlers natürlich abgefehen, gegen den Vorwurf der Feigheit in Schutz nehmen. Die unabhängige Preffe und vor Allem die Centrumspresse hat ihren Mnth hinlänglich dadnrch bewiefcn, daß sie trotz ausgiebigster Benutzung der gedrnckten Anklage- formnlare wegen „Bismarckbeleidigung" dem allmächtigen Reichskanzler die Wahrheit gesagt, der „gefallenen Größe" aber die feinen wirklichen Verdiensten gebührende Anerkmnnng erwiefen hat.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Erhebung Miss man ns in den Adelstand.
* Der .Reichs - Anzeiger' veröffentlicht in seinem amtlichen Theile den zwischen dem deutschen Reiche nnd der schweizerischen Eidgenoffenschaft am 31. Mai d. I. abgeschlossenen Niederlassungs-Vertrag, dessen Ratifikation am 3. Juli in Bern erfolgte. Der Vertrag tritt am 20. d. M., mit welchem Tage der bisherige Niederlassungs-Vertrag erlischt, in Kraft.
* Die vom Kais er für die Somali-Truppe bestimmten Geschenke sind sür dieselben in Elberfeld, wo die Truppe jetzt weilt, eingetroffen. Dieselben bestehen in großen um den Hals zu tragenden silbernen Me-
In harter Schule.
Roman von G. I.
(87. Fortsetzung.)
Was soll jetzt geschehen?" flüsterte Ulrich seinem seltsamen Begleiter Zu. Ihm selbst ward die Situation unheimlich. , lp
„Nichts bis der Herr Baron zurück ist. Wir erwarten ihn, nm Gericht zu halten", entgegnete dieser seierlich.
Es verging eine halbe und noch eine halbe Stunde im furchtbaren Schweigen. Man hörte nichts als das Ticken der Uhr. Ulrich ging von einem Zimmer ins andere, lauschend, ob sein Onkel noch nicht komme; Ehmig saß stumm und starr, mit den Blicken die beiden Frauen beherrschend.
Hortense hatte den Kopf ms Sopha gedrückt, sie wollte nichts sehen, und nichts hören, Madame d Ar- court versuchte einige Male zu sprechen, aber das gebieterische „Still!," was ihr Ehmig zurief, ließ sie immer wieder verstummen.
Endlich verkündete das Herbeirollen eines leichten Jagdwagens die Ankunst des Barons.
„Gehen Sie dem Herrn Baron entgegen und bereiten Sie chn vor aus das, was feiner hier wartet, Herr von Freiberg," sagte Ehmig.
daillen mit dem Bildniß des Kaisers und sollen einen Werth von 800 Mark repräsentiren.
* Wie die ,Polit. Korresp.' ans Brüssel meldet, ist der türkische Delegirte in der Antisklaverei-Konferenz, der Gesandte beim belgischen Hofe, Karatheo- dory, nunmehr seitens der Psorte ermächtigt worden, die Schluß- und General-Akte der Konferenz mit einem Vorbehalte, der aber von ganz untergeordneter Beden- tung ist, zu nnterzeichnen.
'* Die Vorarbeiten füt die Einführung der Jn- validitäts- nnd Altersversicherung in den einzelnen Bundesstaaten sind soweit gediehen, daß ihr Abfchliiß bis Mitte November sicher zu erwarten steht. Insbesondere ist die kgl. b a y e r i s ch e Staatsregierung in diesen Vorarbeiten sehr weit vorgeschritten, so daß die Ernennung der neuen Regierungsriithe, welche den acht Versicherungsanstalten an den Sitzen der Kreisregierungen vorstehen werden, und die Bildung der betreffenden Ausschüsse aus den Landräthen re. demnächst erfolgen können. Am 1. Januar 1891 tritt die genannte Versicherung in Wirksamkeit.
* Coblenz, 12. Juli. Wie jeden bisherigen Katholikentag wird der Centrums-Führer Exzellenz Dr. Windthorst auch die hier stattfindende General - Versammlung besuchen und nach altem Brauch die Schlußrede halten. Möge der greife Centtums-Führer sich im Bad Ems, wohin er sich in wenigen Wochen zur Kur begibt, so erholen, daß er mit vollen Kräften sich an den Berathungen des Katholikentages betheiligen kann.
* lieber eine wichtige Erweiterung des Fernsprechverkehrs wird gegenwärtig von bebeutenberen Elektrizitäts-Technikern berauben, es hanbelt sich um die Nutzbarmachung der Fernsprech-Apparate für die in großen Häfen liegenden Schiffe. Dadurch wird für den' Führer des Schiffes die Möglichkeit gegeben, sich über die zu verladenden Güter und andere auf die Beladung des Schiffes bezügliche Angelegenheiten mit den Absendern, Empfängern oder fonstigm Interessenten, selbst auf weitere Entfernungen in Verbindung zu setzen. Eine derartige Einrichtung in Hamburg würde es ermöglichen, daß vom dortigen Hafen ans direkt mit Berliner Exporteuren gesprochen werden kann. Ein Versuch mit dieser Einrichtung, der vor einiger Zeit im Hasen von Havre gemacht wurde, soll sich gut bewährt haben.
Ausland.
* Paris, 12. Juli. Ein gewöhnlich gut unterrichtetes Blatt behauptet, B oulanger gehe zur Zeit damit um, seine Begnadigung zu erwirken. Er will sich angeblich in die Kolonien schicken lassen, und zwar unter Bedingungen, die ihm für die Zukunps seine Rebabilitirung in Aussicht stellen. Man glaubt, daß Rouvier gestern auf diese Versuche ansprelte, als er
Ulrich verließ das Zimmer.
Wieder verging den beiden Schuldigen eine furchtbare halbe Stunde, ehe Ulrich mit seinem Onkel zu- rückkam.
Ulrich verließ das Zimmer.
Der Baron von Reina sah todtenbleich aus; er schien in den wenigen Minuten um Jahre gealtert zu sein. Die Glieder schlotterten, er stützte sich schwer ans den Arm seines Neffen und sank wie gebrochen in einen Stuhl. So schonend ihm Ulrich das Vorgefallene auch mitgetheilt hatte, der Schlag war doch ein furchtbarer, überwältigender gewesen.
Beim Anblicke ihres Gemahls kam wieder Leben in Hortense, wenn noch irgend Rettung möglich war, so gab es dies nur bei ihm durch seine außerordentliche Liebe für sie.
„Edgar!" rief sie und flog auf ihn zu, warf sich vor ihm zu Boden, umklammerte feine Knie und sah zu ihm auf mit jenem Blicke, dem er, wie sie nur zu gut wußte, nie zu widerstehen vermochte. „Edgar, verzeihe, schütze, rette Du mich vor den Fürchterlichen, die mich von Dir reißen wollen!"
Der Baron erbebte. Dieser Blick, diese Stimme übten noch einmal ihre magische Gewalt über ihn aus, aber er wandte sich ab, zu tief war feine Ehre gekränkt, er durste nicht weich werden.
von der bußfertigen Haltung des einstigen Führers der Nationalpartei sprach.
* Die Hauptstadt Frankreichs besitzt nicht weniger als 55 große und 35 kleine Tageszeitungen. Sie stehen mit der Börse und allen Kapitalunternehmungen und dergleichen in Beziehungen, wie sie glücklicherweise in Deutschland nur in ganz wenigen Fällen vorkommen. In einer der jüngsten Verhandlungen des Abgeordnetenhauses wurde auch die Stellung der P ar iser Presse zu den großen Geldinstituten erörtert. Der Abgeordnete Lamarzelle verlangte, daß der Finanz- minifter die Zeitungen nenne, die vom Credit soncier jährlich zwei Millionen beziehen, um seine Antheil- und Schuldscheine als ausgezeichnete Anlagewerthe zu preisen. Herr Rouvier antwortete ihm, nicht ohne einige Bosheit, er wolle die Blätter nicht nennen, doch möge Herr de Lamarzelle (ein Monarchist) sich beruhigen, es seien auch Organe der Rechten darunter. Die "Wahrheit ist eben, daß die ganze Pariser Presse im Solde und Dienste der Geldmächte steht. Es macht auch Niemand ein Geheimniß daraus und jeder Kenner der Verhältnisse bezeichnet ganz geläufig die Blätter, die sür diese oder jene Bank ober Gesellschaft arbeiten. Daß Herr Christophle über ein Jahrzehnt lang jährlich über mehrere Millionen Geheimgelder für die Preffe verfügte, über die er weder dem Verwaltnngs- rathe noch den Antheilseignern des Credit foncier Rechenschaft ablegte, ist amtlich festgestellt. Sollte sich die Gerechtigkeit mit der Gebahrung der Panarna- Gefellfchaft zu befassen haben, so wird sie ähnliche Thatfachen ans Tageslicht bringen. Herr de Lesseps giebt, wenn er darum gefragt wird, zu, für die Preffe 24 Millionen aus der Tasche der Panamapapierbefitzer • verwendet zu haben. In Wirklichkeit sollen die Pariser Zeitungen mindestens 60 Mill, ans dem Unternehmen gezogen haben, so lange es noch einen Pfennig besaß und dafür empfahlen sie ihren Lesern den Ankauf der Panamaloose. Es ist eine allbekannte Sache, daß die Börsen- und Finanzberichte und -Artikel aller Pariser Blätter ,Temps' und ,Debats' nicht ausgenommen, geradezu an Unternehmer vermiethet sind, die jedes Wort ihres täglichen Börsenberichts auf Bestellung und gegen Bezahlung schreiben. ,Figaro' und .Gaulois' machen die Sache wenigstens offen; sie lassen ihre Börsenartikel von den Miethern, der ,Societe Finan- ciere' und der ,Bangue d'Etat', voll unterzeichnen. Das Merkwürdigste ist, daß das Publikum sich nach diesen Artikeln richtet.
* Rom, 12. Juli. In den letzten Tagen waren über den Gesundheitszustand des hl. Vaters in liberalen Blättern sehr ungünstige Berichte verbreitet. Dieselben entbehren erfreulicher Weife jedweder Begründung. Leo XIII. erfreut sich einer guten Gesundheit und einer für fein hohes Alter seltenen Frische
„Ist es wahr, Hortense, wessen Dich Uu^ch anklagt?" fragte er tonlos. „Doch, was frage ich?" fügte er sich umblrckend hinzu, „wollte ich felbst meinem Neffen die Schmach anthnn, ihm nicht zu glauben, Alles, was ich in diesem Zimmer sehe, bestätigt mir die Wahrheit seiner Anklage, Hortense, warum hast Du mir das gethan?"
„Dir Edgar allein will ich Alles sagen," schluchzte sie, „jenen Männern aber nicht." .
Jetzt erst fiel der Blick des Barons auf Ehmig, der absichtlich etwas in den Hintergrund getreten war. „Wer sind Sie, mein Herr? Was wollen Sie hier.' fragte er heftig.
Ich bitte die Frau Baronin zu befragen, ob sie mich" kenne," antwortete Ehmig und heftete feinen Blick mit zwingender Gewalt auf Hortense. Antworten Sie: „Kennen Sie mich?"
Hortense neigte stumm bejahend das Haupt.
Wenn meine Frau Sie kennt, so ist das immer noch" kein Grund, in dieser Stunde in diesem Zimmer anwesend zu sein," sagte der Baron streng. Die Gegenwart eines Fremden bei der ihn tief demüthigenden Szene war ihm allzu peinlich.
„Meine Gegenwart in diesem Zimmer, unter diesen Verhältnissen ist lediglich durch die Verkettung der Umstände herbeigesührt," suhr Ehmig, ohne sich irre machen