159.
Sonntag, den 13. Juli 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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& Ueber die beste Art der Heiden-KeKehrung ist jetzt ein Zeitungs-Streit in Gang gekommen. Major v. Wissmann, der so erfolgreich das Schwert in Afrika geführt hat, mußte zur Feder greifen, um den protestantischen Eiferern klar zu machen, daß ihre Missionare von den katholischen Missionaren in Ostafrika noch viel lernen können.
Diese Erörterung hat uns veranlaßt, wieder einmal den „Mariannhill-Kalender" von 1889 hervorzusuchen, in welchem der Abt P. Franz in so drastischer Weise die Thaten und die Erfolge der Trappisten-Mission in Natal (Süd-Afrika) unter den Kaffern schildert. Die Schilderungen des P. Franz bestätigen vollauf die Ansichten Wissmann's über die Vorzüge der katholifchen Mifsions-Praxis.
Die Erziehung durch die Arbeit vermögen die Trappisten ganz besonders erfolgreich in's Werk zu fetzen, weil ihr Ordens-Brauch sie zur Arbeit verpflichtet und im Trappisten-Kloster sämmtliche Arbeiten, von den gewöhnlichsten Hantirungen bis zum Brücken- und Maschinenbau, von den Mitgliedern selbst regelrecht betrieben werden. Als die Trappisten eine tüchtige Fläche Land an geeigneter Stelle sich erworben hatten, gingen sie nach Errichtung der nothwendigsten Räume für Wohnung und Gottesdienst sofort an den Wegebau; es wurden Felsen durchbrochen, Flüsse überbrückt und eine Kunst-Straße bis zur nächsten Stadt- und Eisenbahn-Station angelegt, ohne erst eine Hilfe von den Anliegern oder der Gemeinde in Anspruch zu nehmen. Dann ging es an die Herrichtung von Werkstätten und Schulen.
In die Schule und die Werkstätten traten zunächst bloß einige, zum Theil recht verwahrloste Sprößlinge von dorthin eingewanderten Weißen, welche in dem Schuster-, Schneider-, Maurer-, Tischler-, Zimmermanns-, Schmiede- und Spengler-Handwerk ausgebildet werden.
Lassen wir nun P. Franz selbst weiter erzählen: „Nachdem diese Dinge vor sich gegangen und die Kaffern Gelegenheit hatten, sich zu überlegen, was diese Knaben in Schule und Werkstätten werden können, hielt ich es für angezeigt, auch um einen kaffrischen Lehrer uns umzusehen, und ich fand einen solchen in einem jungen Manne, der, im "Basuto - Land geboren, in frühester Jugend Christ geworden war und neben feiner Kaffern - Sprache auch hinreichend englisch sprach. Er erhielt volle Verpflegung von uns und monatlich zwei Pfund Sterling (40 Mark). Dafür hatte er Schule zu halten, an Sonn- und Festtagen zu katechesiren (Groß und Klein), die Kaffern in ihren Kraals hier und da zu besuchen und unsere jungen Fratres kaffrisch zu lehren.
Gleichzeitig hatten wir eine Seiten-Kirche (Kapelle) für kaffrifches Volk, auch für Weiber, erbaut, von wo sie unfern Gottesdienst sehen, unfern Gesang hören konnten. Seitdem nun die Weiber auch eingelassen wurden (versteht sich hinter dem Gitter),' da ging's rasch durch die Kaffern-Gaue mit dem eigenthümlichen weiblichen Telegraphen-Drahte (ich meine die Weiberzunge). Nach dem Hochamte wurden sie meinen eigens dazu erbauten offenen Schuppen geführt, wo der junge Katechist, Herr Benjamin, ihnen erklärt, warum der Erlöser nach Bethlehem und die Trappisten nach Natal gekommen sind. Das mußten nicht bloß die Männer, sondern auch die Weiber wissen; denn diese müssen davon durchdrungen sein, wenn eine Familie bekehrt werden soll. Habe ich auch alle Insassen des Kaffern- Kraals gewonnen, aber die Frauen nicht, so ist das Heidenthum aus denselben noch nicht ausgerottet, sondern es wächst wieder, wie der Bandwurm, so lange sein Kopf noch zurückbleibt. Das war nun ein wichtiges Ereigniß in allen Kaffern-Gauen, daß der Jnkos (der große Herr von Mariannhill) doch nicht gar so tyrannisch ist wie ein Pascha, wie sie gemeint hatten. Sie betrachteten es als eine außerordentliche Gunst, daß auch sie zum Kloster kommen, in die Kirche und den Predigt - Schuppen eintreten durften. Allerdings durften sie beim Kloster sich noch nicht aufhalten, mußten ehrbar bedeckt sein und nach dem Gottesdienste den Platz sofort räumen. Noch ein anderer Umstand be- nfügte die Weiber. Als wir die Emte der Erd- oder
Affennüsse hielten, erachteten wir es für besser, diese zeitraubende Arbeit durch Weiber und Kinder machen zu lassen. Wir akkordirten die Arbeit so, daß jedes Weib und jedes Kind täglich einen Schilling verdienen konnte. Diese Schillinge waren mitten im Winter, wo sonst nichts zu verdienen ist, eine große Labung; jetzt konnten sie wieder recht Zucker und Brod, ihre Lieblings-Genüsse, kaufen.
Das größte Ereigniß aber war der Befuch eines Kaffern - Häuptlings in unserem Kloster. Unser Mr. Benjamin, der kaffrische Lehrer, hatte ihn gelegentlich zu einer Visite eingeladen. Die Antwort auf die Einladung war eines Häuptlings würdig. Er komme, sagte er, wenn es Fleisch, Kaffee und Wein gebe. Er hielt Wort und hatte mehrere Begleiter bei sich. Man hatte ihn im Schulzimmer bewirthet, und zwar mit all' seinen Lieblingsfachen, Fleisch, Wein und Kaffee. Es war im Verhältniß seines Umfangs keine Unmäßigkeit, wenn er gleich etwa fo viel aß wie drei andere Menschenkinder, denn er hatte ein paar Herkules-Schultern.
Man leitete das Gespräch auch darauf, ob er nicht seine Söhne zu uns in das Waisenhaus geben wolle. Dazu wollte er nicht Ja sagen; aber sie in die Schule zu senden, das wünschte er. Der Unterschied besteht nämlich darin, daß jene Kinder, welche nur die Schule besuchen, alle Tage wieder in ihre Kraals zurückkehren und dort übernachten, die anderen aber, welche in unser Waisenhaus ausgenommen sind, Tag und Nacht bei uns bleiben und von uns nicht bloß unterrichtet, sondern auch erzogen werden. Die Waisenkinder lernen bei uns arbeiten, Handwerke oder Feldarbeiten; die anderen gehen nach der Schule fort. Ohne Arbeit sind sie ja nur halbe Menschen und unter den Eingeborenen im Kraale sehen sie täglich alles Schlechte und entwöhnen sich nicht ihrer alten Gewohnheiten. Ich glaube, dieses ist auch der Hauptgrund, daß die bisherigen Kaffernfchulen so wenig Erfolg aufzuweisen haben. Dieses Völklein kennt noch viel zu wenig die Wohlthat der Arbeit.
Deßhalb machte ich dem Häuptling den Vorschlag, ihn im Kloster und in den Werkstätten herumzuführen und ihm zu zeigen, was wir thun und was wir die Knaben lehren. Nachdem er ein paar Werkstätten durchschritten und gesehen, was die weißen Knaben schon zu machen im Stande waren, da verstummte er ganz; nur mit seinen Händen und ausgestreckten Armen gab er Zeichen des Staunens, mit Stöhnen und Seufzen ließ er seiner Verwunderung ihren Lauf. Und nachdem er aus der Druckerei herausgetreten war, erklärte er ohne weitere Veranlassung: jetzt wolle er seine Kinder auch hergeben, daß wir sie solche Dinge lehren — für Tag und Nacht, also ins Waisenhaus.
Als ich ihm bann noch zeigte, wie die Knaben bei uns aus Betten schlafen (nicht auf der Erde), wie jeder doppelte Wäsche hat, und was sie zu essen bekommen (schönes Brod, Lieblingsspeise der Kaffernkinder), als ich ihm endlich zeigte, tote unser Vieh mit Süßerdäpfel gefüttert wird, wie unsere Kälbchen und das alte Vieh auf Streu gebettet sind und unter Dach wohnen können, und unsere Stallungen viel kostbarer sind, als die Kafiernkraals, — da sagte er: „Ich habe genug; ich kann das nicht begreifen." — Ein paar Tage darauf sandte er zwei Knaben, einen Verwandten und seinen Erbprinzen. Seit dieser Zeit sind die beiden Knaben bei uns und halten sich gut.
Aber auch andere Kaffern scheinen ihre Gesinnungen geändert zu haben. Früher sagten sie: Wir brauchen keine Tischler, keinen Schmied oder Zimmermann für unser Haus, und der weiße Mann zahlt uns nichts für solche Arbeiten! Jetzt haben sich schon manche für das Waisenhaus gemeldet. Gegenwärtig birgt es 100 Kinder. Noch eine Bewegung anderer Art ist unter den Kaffern entstanden. Nachdem sie die Wohlthat des Schulbesuches und der Kirche eingesehen, wollen alle recht nahe bei uns wohnen und bitten uns deßhalb, wir möchten recht viel Land um unser Kloster herum kaufen, damit sie als unsere Pächter auf Kloster- grund kommen. Ich finde das Hereinbringen der Kaffern auf unfern Boden sehr erfolgreich. Wenn sie auf unferm Klostergrunde sitzen, haben wir viel mehr Einfluß auf ihre Civilisirung und Bekehrung. . . .
Ich glaube fest, dieser von mir vorgeschlagene Weg ist der einzige, um in kurzer Zeit den Urstock einer katholifchen Kafferngemeinde zu bilden. D a s P r e d i g e n allein thut's nicht; man muß die Kaffern zuerst andere Dinge lehren, man muß sie wie kleine Kinder ankleiden, man muß sie lehren essen mit dem Löffel (nicht mit den Fingern), man muß sie lehren arbeiten, man muß sie lehren in menschenwürdigen Häusern zu wohnen, also auch menschenwürdig aufrecht aus- und eingehen, nicht hundemäßig aus- und einkriechen, und endlich müssen wir sie auf unserm Klosterboden haben, wie auch Pflegeeltern das fremde Waisenkind in ihr Haus aufnehmen, wenn sie selbes nach ihrer Idee erziehen wollen. ... In Japan und China mag ein Missionär wohl imponiren, wenn er in seidenen Kleidern und mit goldenen Uhrketten auftritt; das gilt aber bei den Kaffern nichts. Jedoch ein Mann mit viel Land und Vieh, mit großer Mannschaft und weitläufigen Wohnungen, der gilt ihnen groß, wenn er auch (wie die Trappisten) barfuß geht, gering ißt und mit gemeinen Arbeiten sich beschäftigt.
Aus der Schrift des P. Franz ließen sich auch noch manche interessante Stellen anführen, welche die Wirkung des feierlichen Ceremoniells der katholischen Kirche auf die Gemüther der Heiden beleuchten. Herr v. Wissmann spricht, um den protestantischen Heißspornen keinen nnnöthigen Anstoß zu geben, von „Äußerlichkeiten"; er verkennt aber den hohen Werth der Ceremonien für die Erbauung der Gemüther, welche noch nicht an das Abstrakte gewöhnt sind. P. Franz machte jedesmal den Taufakt zu einem großen Feste: feierliche Prozession mit Vermischung der weißen und schwarzen Christen zum Zeichen der Gleichberechtigung, Gottesdienst mit Gesang und Musik, dann gemeinschaftliches Mahl. Auch fönst wurden gelegentlich Volks- und Schulfeste veranstaltet, bei denen die Zöglinge des Klosters öffentlich ihre Angehörigen mit Erzeugnissen ihres Handwerks beschenkten und eine größere Menge von Kleidungsstücken" unter das Volk vertheilt wurden.
Man sieht, daß Major von Wissmann und der Trappistenabt durch ihre Erfahrungen in Afrika zu gleichen Ansichten gekommen sind.
Deutsches Deich.
Berlin, 11. Juli.
* Der ,Reichsbote' begleitet die Zuschrift Wifs- manns an die ,Post', betreffend die Missionen in Ostafrika, mit folgenden Worten: „Diese Erklärungen Wissrnanns, die sich von dem jüngsten Vertuschungsversuch des offiziöfen Telegraphen-Bureaus mit offenem Visiere losfagen, sind in hohem Grade dankenswerth. Sie reinigen nicht nur die frühere Wiedergabe der Aeußerungen Wissrnanns von Mißverständnissen, die Bedenken erregen mußten und auch erregt haben, sie regen vor allem die Diskussion über die evangelische Mission und ihr Wirken in Deutsch-Ostafrika an und verweisen sie auch dort aus der leicht überfluthenden Zeitungspolemik an die sachlichen Instanzen. Wir schließen uns diesem Wege an und sprechen erneut die Hoffnung aus, daß die Frucht ein der evangelischen Sache dienender Aufschwung der evangelisch-afrikanischen Mission sein wird. Es wäre eine verhängnißvolle Empfindlichkeit der evangelischen Missionskreise, wollten sie sich die werthvollen Erfahrungen des Reichs- Kornmifsars, auch wo sie nicht von dem staatlichkulturellen Gesichtspunkte aus gesammelt sind, nicht mit Unbefangenheit zu Nutzen zu machen suchen. Das Einzelne nach allen Seiten zu erörtern, mag somit den nach der Genesung Wissrnanns in Aussicht gestellten Konferenzen überlassen bleiben." Das klingt doch schon ganz anders als jenes Anathema orthodoxer evangelischer Kreise, welche sich durch die Kritik eines „Laien" belästigt fühlten, und die, wie das ,Berl. Tgbl.' wissen will, Wissmann an hoher Stelle anzuschwärzen versucht haben.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht heute das Abkommen zwischen Deutschland und Großbritannien über Afrika und die Abtretung der Insel Helgoland an Deutschland. Die Veröffentlichung erfolgte