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17. Jahrgang

Samstag, den 12. Juli 1890.

Af 158

Fuldaer Zeitung

Pubmia Deibel in Rulba. » ff: Druck u. «erlag der Fuldaer Aetiendruckerei (A. Tillmann).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Orden gebracht haben, ergibt sich auch daraus, daß ein Theil der katholischen Kirche noch schlechter behandelt wird als die Sozialdemokratie. Das Sozialistengesetz läuft mit dem 30. September d. Js. ab, und damit ist den ausgewiesenen Sozialdemokraten die Rückkehr nach Deutschland bezw. in ihre frühere Heimath freige­stellt, während das Jesuitengesetz es den Jesuiten, Redemptoristen und den sogen, verwandten Orden ver­wehrt, im Vaterland als Ordensleute zu leben. Gönnt der .Reichsbote' wirklich den Katholiken die volle Frei­heit und Selbstständigkeit und die Aufhebung aller ent­gegenstehenden Gesetze, nun dann hebe man eben alle diese Gesetze vollständig auf, auch die mildernden Novellen, und stelle die Verfasfungs-Artiel wieder her, welche der katholischen ebenso wie der evangelischen Kirche die Freiheit und Selbstständigkeit in der Ver­waltung ihrer inneren Angelegenheiten gewährleisteten, um dadurch wieder den Status quo ante zu gewähr­leisten. Die Katholiken werden gerne darauf verzichten, daß die Minister den Bischöfen ihre Aufwartung machen, wenn die Minister ihrerseits darauf, verzichten, einen maßgebenden Einfluß auf die Bischofswahlen zu er­langen. Sollen wir nun noch die Frage der „Parität in Preußen" anschneiden, um dem .Reichsboten' zu be­weisen, daß er nicht den geringsten Grund hat, eine „Katholiken - Verhätschelung zu befürchten? Ist das etwa Katholiken-Verhätschelung, daß von allen höchsten Beamtenstellen die gläubigen Katholiken so gut wie ganz ausgeschlossen sind? Ist das etwa Katholiken- Verhätschelung oder auch nur Uebung der Parität, wenn die Bedürfniß-Zuschüsse für die katholischen und die evangelischen Geistlichen so verschieden verthetlt werden, wie dies im letzten und vorletzten Etat ge­schehen ist?" In demselben Augenblicke, wo der .Reichs­bote' versichert, daß nicht Neid und Eifersucht ihn bei seinem Warnungsruf geleitet hätten, fucht er Neid und Eiferfucht gegen die katholische Kirche zu erregen, und dies dazu noch durch Entstellung thatsächlicher Verhält­nisse in einer Art und Weise, die mit der Wahrhaftig­keit und Ehrlichkeit schwer in Einklang zu bringen ist. Die volle Freiheit und Selbstständigkeit, die wir für die katholische Kirche beanspruchen, gönnen wir selbst­verständlich gern auch der evangelischen Kirche, wir überlassen es den Mitgliedern dieser Kirche, ihre Organisation selbst zu bestimmen. Will der .Reichsbote' seine Agitation für die hirtenamtliche Einrichtung der evangelischen Kirche fortsetzen, will er seinen Leserkreis dafür interessiren, so haben wir nichts dagegen; aber dagegen müssen wir Einspruch erheben, daß dies durch unwahre Angaben über die „volle Freiheit und Selbst­ständigkeit" der katholischen Kirche und mit dem Schreck­gespenst der „Katholikenverhätschelung" geschieht. Wo soll da der konfessionelle Friede bleiben?

„Ja, das ist der Fall," sagte Ulrich ohne Bedenken. „Da es mir vorkam, Sie wünschten gleich mir nicht yon ihr gesehen zu sein, so stellte ich die Frage, die Sie mir dadurch, daß Sie den Namen jener Frau nannten, bereits beantwortet ^haben."

„Ihren Namen," lächelte Ehmig bitter, sie führt deren viele; wer vermöchte zu sagen, welches der richtige sei!"

„Ha, Sie kennen sie!" rief der Lieutenant.

„Bester als Sie, junger Mann, obgleich Sie sich in letzterer Zeit redlich Mühe gegeben haben, sie kennen zu lernen."

„Das wissen Sie, Herr?"

„Warum nicht? Ich war noch etwas besser bedient als Sie, Herr von Freiberg."

„So waren Sie derjenige, der gleichzeitig mit mir die Abenteurer überwachen ließ?"

Ich war es."

,,Aus welchem Grunde?"

„Die Frage könnte ich Ihnen zurückgeben, ich will aber nicht weiter Verstecken mit Ihnen spielen, sondern offen gestehen, daß mir die Gründe Ihrer Handlungs­weise bekannt sind, auch daß Sie mir kein Fremder waren, als wir gemeinschaftlich das Coupe bestiegen. Dagegen gestatten Sie mir, Ihnen die Gründe, welche mich bestimmten, jene Leute zu verfolgen, noch kurze

„Katholikenverhätschelung" ?

Der ,Reichsbote' glaubt allen Ernstes davor warnen zu müssen, daß man an die Stelle der „Katholiken­hetze" des Kulturkampfes die „Katholikenverhätfchelung" setze Ein Verhätscheln, eine Bevorzugung der Katho­liken in Preußen! Wer will, das für möglich halten? Erstaunt fragt man, welchen Grund hat denn der Reichsbote', vor der Katholikenverhätschelung zu warnen? Wo sind die Anzeichen dieser drohenden Gefahr? Zu­nächst hat es „das Entgegenkommen gegen Rom" dem ,Reichsboten' angethan, während die evangelische Kirche vergeblich größere Freiheit vom Staate verlange. Da­gegen erhielt, wie das Blatt mit maßloser Uebertreibung behauptet, „die römische Kirche wieder volle Freiheit und Selbstständigkeit; alle Gesetze, welche dieselbe em- schränken, sind abgeschafft worden, obgleich sie noch vor kurzem als Waffen gegen die Uebergriffe der römischen Hierarchie bezeichnet wurden...." „Dabei mehren sich — so heißt es weiterhin in dem Artikel — „ine An­zeichen großen Entgegenkommens gegen die römische Kirche noch immer; römische Bischöse werden wie Fürsten empfangen, Minister machen ihnen ihre Aufwartung, wenn sie in die Residenz kommen, die Armee bringt ihnen Ständchen und Offiziere feiern sie in Toasten...." Wenn dann noch kleine Umstände hinzukommen, wie das Lob, welches jetzt überall Windthorst und dem Centrum bezüglich seiner Zustimmung zur Militär - vorlage gespendet wird und nun das Erscheinen Wiß- mann's am Arme Windthorst's auf dem Kommers, wie so manches andere, so wird jene Wirkung nur noch verstärkt." Die ,Köln. Volksztg.' bemerkt dazu:

So viel sollte der ,Reichsbote- wissen, daß der Kulturkampf, wenn er auch nicht mehr den früheren Charakter einer förmlichen Katholikenhetze hat, doch keineswegs zu Ende ist, daß die „römische Kirche" noch keineswegs ihre volle Freiheit und Selbstständigkeit wieder erlangt hat, daß keineswegs alle Gesetze, welche dieselbe emschränken, abgeschafft worden sind. Vollständig und formell abgeschafft ist nur das Priester - Auswei­sungsgesetz und tatsächlich auch das Sperrgesetz, dessen traurige Hinterlassenschaft die 16 Millionen Mark Sperr­gelder bilden, welche der Staat der katholischen Kirche noch immer vorenthält bezw. nur in Rentenform und unter unannehmbaren Bedingungen zahlen will. Die Maigesetze sind im Uebrigen nicht aufgehoben, sondern nur „revidirt", nur gemildert. Und hält der ,Reichs­bote' etwa die Anzeigepflicht für vereinbar mit einer vollen Freiheit und Selbstständigkeit der katholischen Kirche? Ist das voll Freiheit, wenn sogar die Ordensthätigkeit der Barmherzigen Schwestern unter staatliche Genehmigung und Konttole gestellt wird? Wie herrlich weit wir es mit der „vollen Freiheit und Selbstständigkeit" für die katholischen

In harter Schule.

R o m a n v o n G. I.

(86 Fortsetzung.)

Beide Herren blickten sich einen Moment wie fragend an, dann folgten sie der Aufforderung und der Wagen setzte sich in Bewegung.

„Ich bin der Freiherr Ulrich von Freiberg, der Neffe des Barons von Reina," stellte sich Ulrich vor, darf ich fragen, ob Sie zu meinem Onkel wollen?".

Der Fremde verneigte sich wie Jemand, der eine ihm bereits bekannte Thatfache erfährt, sie aber aus Höflichkeit für eine Neuigkeit nimmt. „Ich möchte aller­dings den Herrn Baron aufsuchen," antwortete er, mein Name ist Ehmig."

Ulrich sah dem Fremden, einem brünetten Herrn mit glattrasirtem Kinn und feinen intelligenten Zügen, der dem Anschein nach ein hoher Dreißiger war, offen ins Gesicht und sagte: ,

„Verzeihen Sie, Herr Ehmig, eine gerade Frage. Hat Ihre Reise nach Reina etwas mit der Dame zu thun, die vor uns ein Coupe erster Klasse verlassen und einen Wagen bestiegen hat?"

„Dars ich dagegen fragen, ob auch Ihre Reise nach Reina mit jener Dame d'Arcourt in Verbindung steht?" fragte der Herr mit feinem Lächeln.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Juli.

* Die .Germania' kommt nochmals auf die Sperr- gelder-Vorlage zurück und polemisirt gegen den aus bekannten Gründen beim Zentrum sehr mißliebigen Herrn von Goßler, indem sie schreibt: „In Rom ist man erstaunt gewesen Über die Auslegung des Herrn v. Goßler, und als er trotz aller Widerlegungen fest bei derselben blieb, trat sogar ein anderes Gefühl an die Stelle des Erstaunens. In Rom war nichts be­kannt, als: es solle nicht Kapital, sondern Rente ge­zahlt werden, diese aber vertheilt werden an die Diö­zesen. Daß nach § 3 der Vorlage der Kultusminister die Hand auf der Rente behalten sollte und diskretio­när die von den Bischöfen gewünschte Verwendung sollte annehmen ober verwerfen dürfen, war neu gegen­über dem in Rom Mitgetheilten, nach welchem man dort an freie Verfügung der Bischöfe über die Rente geglaubt hatte. Das Goßler'sche Elaborat wurde in Rom von Anfang an verworfen. Herr v. Goßler ist kein geeigneter Vertreter einer Förderung des Friedens zwischen Kirche und Staat."

* Major von Wißmann hat unterm 6. Juli von Lauterberg am Harz an die „Post" ein Schreiben gerichtet, worin er seine in manchen protestantischen Kreisen so übel vermerkte Erklärung wiederholt, daß „als jetzt bestehender Kulturfaktor ohne Zweifel die kathol. Mission bei Weitem den Vor­rang vor der evangelischen verdient." Die Gründe hierfür erblickt der Reichskommisiar einmal in der Leitung und Disziplin der katholischen Missionäre in der Eigenart des katholischen Kultus, sowie darin, daß die kathol. Mission den Wilden zunächst zu einem höheren Wesen erzieht und ihm dann das Verständ- niß für die Religion beizubringen sucht. Es mag dahingestellt bleiben, ob Wißmann die Gründe für die erfolgreiche Wirksamkeit der kathol. Mission durchaus richtig und erschöpfend abwickelt, jedenfalls kommt es zunächst nur auf das Anerkenntnis an, daß die evan­gelische Missionsthätigkeit auch nicht entfernt einen Vergleich mit der katholischen aushält. Herr v. Wiß­mann schreibt u. A.:

„Jeder Kenner des Afrikaners oder wilder Völker über­haupt wird mir beipflichten, daß ein Berständniß der christlichen Religion der Liebe bei Völkern derartig niedriger Kulturstufe nicht zu erwarten ist; daß also der richtige Weg für Missionen der sein muß, daß man den Wilden zu einem höheren Wesen erzieht und ihm dann das Berständniß für die Religion beizu­bringen sucht. Dies streben die römischen Mifsionen an, indem sie den Grundsatz befolgen: Labora et ora und nicht wie die evangelischrn Missionen den für Völker auf höherer Kulturstufe passenden Spruch: Ora et Labora. — Ein anderer äußerst wichtiger Punkt der großen Erfolge der römischen Missionen ist das von vielen Seiten angegriffene Aufkäufen von Skla­venkindern. Zunächst ist an und für sich dieses Vorgehen ein gutes Werk, wenn man bedenkt, was sonst aus den weit Zeit zu verschweigen. Noch heute werde ich die ganze Geschichte Ihrem Herrn Onkel enthüllen und Sie sollen Zeuge sein. Sie werden bann begreifen, daß man der­gleichen nicht gern zweimal erzählt."

„Auch Sie kommen also in der Absicht —"

'',Die Frau Baronin und ihre vermeintlichen Ver­wandten zu entlarven," unterbrach ihn der Herr.

„So sind wir Bundesgenossen!" rief Ulrich lebhaft, feine" Hand ergreifend.

„Das sind wir, und ich kann mich rühmen, daß Sie an mir einen mächtigen Bundesgenossen haben, ich bringe erdrückendes Material." .

Sie waren unter diesen Gesprächen in die Nähe des Edelsitzes gekommen.

„Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, sagte Ulrich, „daß wir die letzte Strecke Weges zu Fuß qinqen. Ich führe Sie durch den Park und Garten und wir erreichen auf biefe Weise ohne Aufsehen bas Schloß. Eine Ueberrumpelung bes Feindes kann nicht schaden."

„Um so weniger," stimmte der Andere bei, „als Madame d'Arcourt's plötzliche Abreise nach Reina darauf deutet, daß sie einen besonderen Schlag zu führen gedenkt."

Sie ließen halten, fanbten den Kutscher zurück und setzten ihren Weg zu Fuß fort.

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