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V 157.

Freitag, den 11. Juli 1890

17. Jahrgang

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Roman von ®. I.

(85 Fortsetzung.)

„Die Brillanten und Perlen der verstorbenen Baronin!" sagte Hortense triumphirend, „ich wußte es ja, sie waren noch vorhanden. Reina hat sie mir nur nicht geben wollen, er hatte immer noch die verrückte Idee, er müsse sie für den Grasaffen, die Leontine, aufheben."

„So nimm sie Dir jetzt Mm Andenken mit," lachte Madame d'Arcourt. „Fräulein Leontine wird sie wohl kaum reklamiren. Dafür kannst Du schon etliche Kleider zurücklassen, die einzupacken jetzt keine Zeit mehr ist. Schließe den Schrank, ich lösche die Lichter aus und dann schnell fort."

„Einen Augenblick, meine Damen," ließ sich jetzt vom Schlafzimmer des Barons her eine Stimme ver­nehmen. Mit einem lauten Aufschrei wandten sich Beide um, Ulrich von Freiberg stand vor ihnen.

„Erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich die Sachen, die Sie in Ihrem Eifer dem geheimen Schranke meines Onkels entnommen haben, wieder dahin lege, wohin sie gehören," fagte er mit eiskaltem Hohne und nahm Hortense das Schmuckkästchen aus der Hand, das sie ihm, wie vom Schrecken gelähmt, ohne Wider­

streben überließ. Dann bemächtigte er sich der Tasche, die Madame am Arme hatte.

„Der Inhalt dieser Tasche ist so kostbar, daß ich Sie schon um Ueberlassung derselben bitten muß, meine Gnädigste," fügte er sich verbeugend hinzu; im Uebrigen soll hier Alles in dem Zustande bleiben, wie ich es vorgefunden habe. Mein Onkel mag sich durch den Augenschein überzeugen, auf welche Weise die Summen aus seinem Schranke gekommen sind, deren Verschwin­den er sich nicht zu erklären vermochte."

Hortense hatte jetzt die Sprache wiedergewonnen:

„Ulrich, Erbarmen! Erbarmen!" flehte sie und sank vor ihm nieder. „Sie wissen nicht, können nicht wissm, was mich, was uns zu diesem Schritte ver­mocht."

„So ziemlich weiß ich es," entgegnete der Lieu­tenant ruhig.

„Nein, mein lieber Sohn," sagte jetzt Madame und versuchte sich mit jener Würde zu drapiren, mit welcher sie dem jungen Manne früher so ost imponirt hatte. „Der Schein ist gegen uns, aber unsere Mottve —"

„Geben Sie sich keine Mühe, Madame," unterbrach sie Ulrich, „Ihre Rolle ist ausgespielt, lange, nur zu lange haben wir uns von Ihnen täuschen lassen."

„Ulrich! Ulrich!" rief Hortenfe und ihre Stimme nahm den schmelzenden Ausdruck der Liebe und Hin­

Deutsches Keich.

Berlin, 9. Juli.

* Der König von Schweden und Norwegen hat an den Wortführer der Stadtvertretung von C h r i st i a n i a, Anwalt Lous, folgendes Dankschreiben gerichtet: „Die ebenso glänzende wie herzliche Weise, in der die Ge­meinde sowie die Bevölkerung Christianias Meinen hohen Freund, S. M. den Kaiser Wilhelm, empfangen haben,, veranlaßt Mich, Ihnen Meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Es ist nur die Wahrheit, wenn Ich an­erkenne, daß alle Anordnungen, welche von der Stadt Christiania getroffen waren, sowie die Gefühle, die von der Bevölkerung von Anfang bis zu Ende Meinem Kaiserlichen Gaste gegenüber zum Ausdruck gebracht worden sind, in besonders hohem Grade dazu beige­tragen haben, Seinen Aufenthalt unter uns zu einem angenehmen und erinnerungsreichen zu gestalten. Das Gedächtniß daran wird von Mir in lieber und dank­barer Erinnerung behalten werden. Ich ersuche Sie, diese Mittheilung zur allgemeinen Kenntniß zu bringen und verbleibe Ihr und der Stadt Christiania besonders wohlgewogener Oscar."

* Der Wortlaut des deutsch-englischen Ab­kommens über Afrika liegt in englischen Blättern vor. Der wesentliche Inhalt ist bekannt, bemertt sei nur noch, daß die Festsetzung der Südgrenze des briti­schen Walfischbaigebietes der Entscheidung durch einen Schiedsspruch Vorbehalten wird, falls nicht inner­halb 2 Jahre von der Unterzeichnung dieses Ueberein- lvmmens eine Vereinbarung der Mächte über diese Grenze getroffen ist. Beide Mächte sind darüber ein­verstanden, daß, solange die Erledigung der Grenzfrage schwebt, der Durchmarsch und die Durchfuhr von Gütern durch das streitige Gebiet für die beiderseitigen Unterthanen frei und daß die Behandlung der Letzteren in dem Gebiete in jeder Hinsicht eine gleiche sein soll. Von Durchgangsgütern wird kein Zoll erhoben und bis zur Ordnung der Angelegenheit soll das Gebiet als neutrales betrachtet werden.

* Dr. Peters ist mit seiner Expedition am Dienstag in vollem Wohlsein in Bagamoyo eingetroffen und wird morgen (Donnerstag) in Sansibar erwartet.

* Im Oktober soll eine Zusammenkunft südwest­deutscher Reichstagsabgeordneter stattfinden, um gemein­same Anträge in Sachen der B r a n n t w e i n st e u e r zu Gunsten der Eigenbrenner zu vereinbaren.

* Eine Anzahl Hamburger Firmen ist beim Reichs­kanzler um Aufhebung des E i n f u h r v e r b o t s von amerikanischem Speck eingekommen.

* Schwerin, 5. Juli. Der am Mittwoch hier abgehaltene Deutsche Fleischer-Verbandstag nahm hin­sichtlich der Gesellenbewegung folgende Entschließung an: „Der Verbandstag erklärt: In allen Städten, wo

gebung an. „Ulrich, Du weißt, Du fühlst es ja längst, daß ich nur für dich lebe! Dein Blick hat mir schon lange verrathen, daß Du mich liebst, daß Du Dich nach mir sehnst, Ulrich, mein Freund, nimm mich hin! Was Du über mich bestimmst, das soll geschehen! Nur glaube nicht, daß ich schuldig bin! Alles kann ich er- ttagen, nur das nicht!"

Sie wollte sich an seine Brust werfen, er wies sie zurück und stand mit verschränkten Armen vor ihr.

„Wmn meine Blicke je eine so unwürdige Sprache geredet haben," sagte er, „so ist die Schmach dieser Stunde, in welcher das verbrecherische Weib meines Onkels mich zu ihrem Mitschuldigen machen will, meine schwere aber gerechte Strafe. Geben Sie sich keine Mühe, wiederhole ich Ihnen, ich habe Sie durchschaut und stehe schaudernd vor dem Abgrunde der Berworfen- jeit, in den Sie mich blicken lassen. Habe ich je mit Blicken oder Gedanken gegen meinen Onkel gesündigt, so will ich es sühnen, indem ich ihn von der Schlange befreie, die sich um sein Herz geringelt hat und es mit ihren Bissen vergiftet. O, daß ich ihm auch den Schmerz ersparen könnte, den ihm diese unselige Entdeckung be- reitm wird."

„So lassen Sie uns fort, ersparen Sie ihm unfern Anblick," bat Madame.

Ulrich überlegte. „Vielleicht sollte ich es thun. Wo-

* Die europäische Kage

scheint in der letzten Zeit eine kleine aber bedeutsame Verschiebung erhalten zu haben. Das deutsch-englische Kolonial-Abkommen und die Reise des Kaisers deuten darauf hin. Beide Erscheinungen bewegen sich, wie die ganze deutsche Politik in der Richtung, die beiden unruhigen Elemente im europäischen Konzerte, Frank­reich und Rußland immer mehr zu isoliren. Die nor­dischen Reisen des Kaisers dürften nicht ohne politische Folgen bleiben. Die Aeußerung des Königs Oskar von Schweden, daß er niemals seine Waffen gegen Deutschland kehren, sondern mindestens neutral bleiben werde, und die besonderen Umstände, welche den Be­such des Kaisers Wilhelm in dem dänischen Fredens- borg begleiteten, lassen das deutlich erkennen. Der Kaiser hat auch geäußert, daß er von seinem Aufent­halte am dänischen Hofe entzückt sei. Die Bevölkerung fühlte sich dadurch geschmeichelt, daß der Kaiser nur zwei Jahre nach seinem ersten Besuche wieder das Bedürfniß fühlte, die dänische Königsfamilie zu be­grüßen und das Land zu besuchen. Es werden hieran Hoffnungen geknüpft, die so bekannt sind, daß man sie nicht näher zu bezeichnen braucht. Die Heirath des Prinzen Christian mit der Schwester des Kaisers der Prinzessin Margarethe, gilt in dänischen Hoskreisen als eine abgemachte Sache, nur wolle man, heißt es, vorläufig mit der Verkündigung der Verlobung warten, weil der Prinz noch zu jung sei. (Die Verlobung soll inzwischen vollzogen sein.) Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an einen so jungen Prinzen wird als eine seltene Auszeichnung betrachtet, die ihren besonderen Grund haben müsse. Wenn man mit diesen Vorgängen die Andeutungen des gar nicht schlecht un­terrichteten „Daily Chronicle" zusammenhält, wonach man gegenwärtig weit weniger gegen Frankreich als gegen Rußland sich vorzusehen bemüht sei, so kommt ichon einiges Licht in das diplomatische Halbdunkel der jüngsten Ereignisse. Daß Rußland in Konstantinopel Minengänge bohrt, um mit Hilfe der türkischen Diplo­matie die bulgarische Frage zum Explodiren zu bringen, wird glaubhaft gemeldet: Die Abreise des Prinzen Ferdinand von Sofia soll den Ränkeschmieden dabei zu Statten kommen. Daß schon jetzt ein Er­folg erzielt werden möchte, ist nicht anzunehmen. Im­merhin ist und bleibt aber Bulgarien die wunde Stelle Europas und mit Rücksicht hierauf ist es an der Zeit die nordischen Staaten für den Ernstfall zur Bewahr­ung der Neutralität zu gewinnen, deren wirksamer Schutz der britischen Flotte zufallen würde. Dies scheint der Kern eines geheimen Abkommens, das Deutschland mit England getroffen hat.

sich Fleischergesellen-Fachvereine auf Grund sozialdemo­kratischer Ideen bilden, ist zunächst durch belehrenden Einfluß einzuwirken. Wenn dies ohne Erfolg bleibt, dann sind die betreffenden Gesellen, unter Entziehung des Verbandsbuches, aus der Arbeit zu entlassen, und die Namen der betreffenden Gesellen durch das Ver­bandsorgan zu veröffentlichen. Ferner ist auf alle Nachbar-Innungen einzuwirken, daß Gesellen, die einem solchen Fachvereine angehören, nicht in Arbeit genom­men werden. In allen Städten sind Vereinigungen, wie sie bereits als „Gesellenbrüderschaften" bestehen, zu pflegen. Die Gründung solcher Vereinigungen ist auf Grund der Gewerbeordnung zu begünstigen. Bei ausbrechenden Arbeitseinstellungen sollen sich die benach­barten Innungen nach Kräften beistehen, um die Arbeitseinstellungen möglichst schon im Keime zu er­sticken."

* Der Hamburger Maurer st rike ist zu Ende. Die Gesellen sind unterlegen.

* Aachen, 6. Juli. Hier wurde kürzlich unter dem Titel „Bischof - Ketteler-Verein" ein katholischer Verein gegründet, der sich die Wahrung der Interessen des christlichen Arbeiterstandes und die Bekämpfung der Sozialdemokratie zum Zwecke setzt.

Ausland.

* Brüssel, 6. Juli. Die bisherigen christlich­sozialen Kongresse Belgiens haben auf dem Gebiete der Sozialreform unstreitig sehr fördernd gewirkt. Es ist sehr zu begrüßen, daß auch heuer wieder ein solcher zu Lüttich am 7. September stattfindet, zu welchem so­eben Graf Waldbott-Bassenheim eine öffentliche Ein­ladung erließ. Der Kongreß wird sich insbesondere auch mit der Frage des Arbeiterschutzes beschäftigen und sind auch hervorragende auswärtige katholische Sozialpolitiker geladen.

* Der frühere Fürst von Bulgarien, Graf Hartenau, hat erklärt, für die Kinder des erschossenen Majors Panitza zu sorgen; die Stimmung ist übrigens eine sehr erregte und die Hinrichtung wird nachträglich viel getadelt.

* Madrid, 8. Juli. Das neue konservative Kabinet findet einen günstigen Empfang, was auf die liberale Mißwirtschaft des Freimaurer-Kabinets wohl begreiflich ist. Demselben erwächst aber auch eine sehr schwere Aufgabe, den Augias-Stall rein zu kehren und in Spanien wieder geordnete Zustände einzuführen. — Die CH olera wüthet im Lande immer noch sehr stark und häufen sich namentlich in der Provinz Valencia die Todesfälle.

* Der um die Sache der Arbeiter schon so hoch verdiente englische Kirchenfürst Kardinal Mann in g hat an den schweizerischen National-Rath Dr. Decur- tius ein Schreiben gerichtet, das also lautet:

Fuldaer Zeitung

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).