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Donnerstag, den 10. Juli 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (9t. Dillmann).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Deutsches Deich.

Berlin, 8. Juli.

* In englischen Marinekreisen wird, wie die Ham­burger Nachrichten' berichten, versichert, daß die Ueber- gabe Helgolands an Deutschland seitens beider Mächte unter Entfaltung eines großartigen Ceremoniells erfolgen soll. Eine englische Flotte unter dem Befehl des Herzogs von Edinburgh und eine deutsche mit Kaiser Wilhelm am Bord, würden an ein und dem­selben Tage auf der Rhede von Helgoland erscheinen. Die britische Flagge würde von der deutschen salulirt werden und sobald die Insel förmlich an Deutschland übergeben worden wäre, werde die britische Flagge ge­senkt und die deutsche unter Salutschüssen der britischen Flotte gehißt werden. Die Offiziere des britischen Ge­schwaders würden hernach an Bord des deutschen Admiralschiffes vom Kaiser Wilhelm bewirthet werden.

* Der neue Finanzminister D r. Miquel hat be­kanntlich vor einigen Tagen seinen Einzug in das Finqüzministerium gehalten. Es harren seiner eine Reihe großer und dringender Aufgaben, ein Stück Herkulesarbeit, wenn man dabei auch nicht gerade an den Augiasstall zu denken braucht, oder auch, mit Rück­sicht auf die Lage des Finanzministeriums, an die Kastanien, die Herr Miquel aus dem Feuer holen soll. Die Erbschaft des verflossenen Finanzministers v. Scholz ist keine sehr angenehme. Zur Schuldenmasse dieser Erbschaft gehört in erster Linie das dringliche, in einer Thronrede versprochene, ausgearbeitete, mit der königl. Ermächtigung zur Einbringung in den Landtag schon vor Ostern des vorigen Jahres versehene, dann zurück­gezogene Gesetz betr. die Resorm der direkten Steuern. Warum dieser ausgearbeitete Gesetzentwurf nicht an beu Landtag gelangt ist, blieb das Geheimniß des Finanzministeriums. Ob Herr Miquel inzwischen hinter das Geheimniß gekommen ist, kann dahin gestellt bleiben; jedenfalls dürfte es eine der ersten Arbeiten im Amte des Finanzministers sein, den Steuerreform- Gesetzentwurf seines Vorgängers kennen zu lernen und dann seinerseits einen Plan und einen Gesetzentwurf für die Reform der direkten Steuern auszuarbeiten. Nicht die Erfindung neuer Steuern, sondern die Ver­besserung des bestehenden Steuersystems, die gerechtere Vertheilung der Steuern, bildet die erste und größte Aufgabe des neuen Finanzministers. Wenn Miquel's Ernennung zum Finanzminister auch in einem großen Theil der Presse, der demselben als nationalliberalen Parteimann früher gegnerisch gegenüberstand, vertrauens­voll oder vielmehr ohne großes Mißtrauen ausgenommen wurde, so beruht das nicht allein in der Anerkennung der persönlichen Fähigkeiten des neuen Finanzministers, es spielt dabei vielmehr auch das in den weitesten Volkskreisen eingewurzelte Gefühl eine Rolle,'daß unser

In harter Schute.

Roman von G. I.

(84. Fortsetzung.)

„Wenn ich auch das Schloß bloßgelegt habe," sagte Hortense, ohne auf die letztere Bemerkung zu achten, „so ist es deßhalb doch noch nicht offen, Reina trägt den Schlüssel dazu beständig bei sich."

Madame d'Arcourt lachte. „Glaubst Du wirklich, ich käme so ganz unvorbereitet hierher? Da," sie wies aus die ihr am Arme hängende Tasche, Vincent schickt Dir hier eine Garnitur von Nachschlüsseln, denen fein Schloß zu widerstehen vermag. Ich höre von dm Lmten, der Baron sei zu einer Jagd gefahren; wann ernmrteft Du ihn zurück?"

„Erst spät in der Nacht."

»So laß uns unverzüglich an's Werk gehm."

Hortense zögerte.

„Komm, komm," drängte Madame.

„Es ist gefährlich, wenn uns die Leute sehen."

„Keine Ausflüchte'" sagte die Alte und erhob drohmd die Hand. „Das Kabinet des Barons liegt weit entfernt vom Dimer-Zimmer, und ist er nicht da, so kommt dorthin so leicht Niemand."

„Wie sollm wir aber hin gelangen? Es liegt ja im andern Flügel."

gegenwärtiges Stmersystem ein ungerechtes ist und so bald als möglich einer gründlichen Reform bedarf. Nachdem Herr v. Scholz aus bisher unaufgeklärten Gründen feine vorjährige Steuerreform-Vorlage unter den Tisch hat fallen lassen, vielleicht auch hat fallen lassen müssen, hatte das Volk zu ihm das Vertrauen ver­loren, daß er der richtige Mann sei, der Steuermisere ein Ende zu machen. Nur im Erfinden von Monopolen und neuen Steuern, und selbst auch darin noch nicht einmal, wenn man an das Verhältniß zwischen v. Scholz und dem Fürsten Bismarck denkt, hat der frühere Finanzminister sich stark erwiesen; in Betreff der Steuer­reform aber, die überall als ein imabweisliches Be- dürfniß anerkannt wird, trat mit dem Verzicht auf die Steuerreform-Vorlage die Ohnmacht des Hm. v. Scholz auf diesem Gebiete klar zu Tage. Der Rücktritt des Hrn. v. Scholz wurde deshalb sehr kühl, ja mit einer gewissen Befriedigung aufgenommen und bei dieser Lage der Dinge ist es auch erklärlich, daß die Hoffnung sich auf den neuen Finanzminister richtete und sich vielfach bis zum Vertrauen steigerte.

* Major Wissmann veröffentlicht in der ,Post' ein längeres Schreiben zur Vertheidiguug seiner Aeuße- rungen über die Missionäre in Ostafrika. Er habe die evangelische Kirchenmissiou nicht diskreditirt, sondern nur die Vorzüge bestimmter katholischer Missions­anstalten hervorgehoben. Die Methode der katholischen Missionäre sei thatsächlich empfehlenswerth; sie hätten vor den evangelischen eine bessere Oberleitung voraus Nach Besserung seiner Gesundheit werde er sich aus­führlich über seine Erfahrungen im Missionswesen auslassen.

* Nachdem die Sozialdemokraten es im Reichs­tage auf 35 Mitglieder, mehr als je zuvor, gebracht hatten, erregte ihre Haltung natürlich besonderes Interesse. 9hm schreibt darüber die ,Nationallib. Korresp.': „Es wird der Partei das Zmgniß nicht versagt werden können, daß sie sich besonnen und maßvoll gezeigt hat, und daß ihre Haltung nichts von dem Siegesräusche hat verspüren lassen, der in den sozialdemokratischen Blättern und Versammlungen nach den letzten Wahlen wohl zum Ausdruck gekommen ist. Auch die parlamen­tarische Fraktion der Partei selbst ist in früheren Jahren provokatorischer aufgetreten im Reichstage, als jetzt, wo sie über 35 Sitze verfügt. Man darf in dieser Haltung wohl einen Beweis dafür erblicken, daß die parlamen­tarische Leitung der Partei gewillt ist, ihrerseits Alles aufzubieten, was die Störungen verhindern kann, die vielfach von der nun nahe bevorstehenden Rückkehr vom Ausnahme- zum gemeinen Recht erwartet werden. Ob die Bemühungen Erfolg haben werden, und ob es vor Allem gestattet ist, an die jetzige Haltung der Partei die Erwartung zu knüpfen, daß ihre Umwandlung aus einer revolutionären zu einer reformatorischen

Madame d'Arcourt lachte spöttisch: „Du hast wohl ganz vergessen, daß Ihr mich zu einer Monate langen Verbannung in diesem alten abscheulichen Schlosse ver- urtheilt hattet? Wie kannst Du da noch eine so er­bärmliche Ausrede machen? Denkst Du, ich wisse nicht, daß Deine Gemächer mit denen des Barons durch eine geheime Thür in Verbindung stehen? Wir können nach seinm Zimmern gelangen, ohne einen Menschen zu sehen oder von ihm gesehen zu werden."

„Und wenn der Baron morgen den Diebstahl ent­deckt," fragte Hortense, „wird er nicht doch Verdacht auf mich werfen?"

„Steht es schon so zwischen Euch, daß eine solche Möglichkeit denkbar ist?" entgegnete Madame achsel­zuckend, „bann möchte ich Dir steilich rathen, Schmuck, Kleiber und was Du sonst mitzunehmen wünschest, zu- sammmzupacken unb mit mir schleunigst das Weite zu suchen."

„Mit Euch!" stöhnte Hortens«

„Die Frau Baronin sind wohl zu vomehrn für uns geworben?" höhnte bie Alte. „Meinetwegen b eide hier; baß es Dich nur morgen ober übermorgen nicht gereut, bie gute Gelegenheit versäumt zu haben."

„Wie fommen wir fort?" fragte Hortmse.

„Kind, wie bist Du stupide. Bist Du nicht die Herrin? Du lässest Dich mit mir mit den schnellsten

bereits im Gange ist, das wird die Zukunft erst ent­scheiden können. Zunächst glauben wir nicht daran."

* Die offizielle Einladung zur 3 7. General­versammlung der Katholiken Deutschlands ist nun offiziell erlassen, unb sicher werben bereits vieler Orts bie Reisekarten unb Kursbücher zu Rath gezogen, wie ber ebefe Zweck der Theiluahme an dem Katholikentage am besten mit einem Besuche der schönsten Theile der herrlichen Rheiulanbe verknüpft wird. Das Programm der Generalversammlung wirb in fommenber Woche festgestellt. Die Ausschmückung der Ostseite der Fe st Halle, welche zu einer einige Meter erhöhten Estrade für bie Ehrengäste, für Vorstand unb Präsi­dium umgestaltet wird, bildet den Glanzpunkt ber Gesammtdekoration. Sie ist ebenso sinnig wie geschmack­voll geplant. Eine in boppelter Lebensgröße ausgeführte auf einem Thron sitzende Madonna mit dem Jesuskinde auf dem Schoß, bie Schutzpatronin von Coblmz, tobet beu Mittelpunkt. Sie hebt sich von einer als eine Art Belum gebuchten riesigen gelbweißen Fahne mit bem päpstlichen Wappen unb einem Wald grüner Zier­gewächse plastisch unb hellschimmernd ab. Die Wappm ber Diözese Trier und ber StabtCoblenz toben den unteren Abschluß ber äußerst lebendig unb wirkungs­voll dargestellten Gruppe. Etwas weiter gegen ben Saal hinausgerückt, befinden sich, umgeben von Blattpflanzen, die großen Büsten ber höchsten geistlichen unb welt­lichen Gewalten des Papstes unb des Kaisers. Der Bau der Festhalle ist in vollem Gauge unb wird trotz des schlechten Wetters bald beendet sein.

* Posen, 8. Juli. Das Domkapitel schlug als Kandidaten für ben Posener Erzbischofsstuhl vor: ben Kardinal Ledochowski, ben Prinz Radziwill, ben Weih­bischof Likowski und die Domherren Kraus unb Dors- zewski. Dieser Nachricht gegenüber ist Vorsicht rathsam!

* Aus Kloster Beuron kommt bie Trauer künde, daßErzabt Maurus Wolter gestern nach nur drei­tägigem Krankenlager im Herrn entschlafen ist.

Ausland.

* In Pariser diplomatischen Kreisen wird versichert, daß zwischen Paris und Petersburg über ein russisch- französische^ Bündniß unterhandelt werde.

* Wie schon gemeldet, hat ber hl. Vater im Konsi­storium vom 26. v. M. von Neuem gegen bie Re­form der frommenStiftungen in Italien prote- stirt. Der hl. Vater sagt wörtlich: „Ehrwürdige Brü­der! Als Wir im abgelaufenen Jahre, tief gebeugt von der stets zunehmenden Schwere der Widerwärtig­keiten von eben dieser Stelle aus zu Euch sprachen, deuteten Wir auf mehrere neue Anschläge hin, welche gegen die Kirche und den apostolischen Stuhl geplant wurden. Wir erwähnten namentlich des Gesetzes über die Opere pie, welches eben der Kammer vorgelegt Pferden nach der Station fahren. Ich habe Dich ge­holt, es gilt eine sehr wichtige Familienangelegenheit in Frankreich; Du kannst die Rückkehr des Barons nicht erwarten; er wird Dir morgen folgen. Laß meinetwegen einen Brief zurück, worin Du ihm der­artiges schreibst; wir wollen schon dafür sorgen, daß er unsere Führte nicht findet."

Hortense stand noch immer unschlüssig. Vor wenigen Minuten hatte sie die größte Lust gehabt, auf eigene Hand auf und davon zu gehen, um der Langeweile auf Reina zu entfliehen, und jetzt kam es sie doch hart an, sich aus der Baronin von Reina wieder in die Abenteurerin zu verwandeln.

Madame d'Arcourt blickte auf bie an ihrem Gürtel hängenbe Uhr.

„Es ist 5 Uhr", sagte sie; um 7 Uhr geht ber nächste Zug ab, bis bahin müssen wir an ber Station sein, um nach Berlin zu kommen unb morgen mit bem Frühesten der Stadt für immer Lebewohl sagen zu können. Komm jetzt und laß uns bas Gelb holen, so viel Zeit gebe ich Dir noch für Deine Entschließung, ich bleibe auf feinen Fall länger."

Sie zog die halb noch widerstrebende Hortense durch einige Gemächer. In bem letzten in ber Reihe brückte sie auf die Thür eines Schranfes im Renaissancestil, derselbe öffnete sich und enthüllte eine Thür, die auf