JV 154.
Dienstag, den 8. Juli 1890
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Eröffnung der Ausstellung hessischer Drucke in Marburg.
(Abdruck aus der .Oberhessischen Zeitung' Nr. 151.) Marburg, 29. Juni 1890.
Die von dem hiesigen Zweigvereine des Hessischen Geschichtsvereins im Rittersaale des Schlosses veranstaltete Ausstellung wurde heute im Beisein zahlreicher Mitglieder des Vereins und eines größeren Publikums eröffnet und zwar mit nachstehender Rede des Vorsitzenden, Hrn. Archivraths Dr. K ö n n e ck e:
Hochgeehrte Anwesende!
Gestatten Sie, daß ich Sie im Namen der Herrn unseres Ausschusses und im Namen unseres Geschichtsvereins herzlich willkommen heiße und Ihnen für das Interesse danke, welches Sie di'.rch Ihr Erscheinen für unsere Ausstellung bekunden. Unser altes Schloß ist jetzt leider eine unwirthliche Stätte, aber unser Rittersaal'ist derselbe geblieben und Sie werden hoffentlich für die Unbequemlichkeit, welche Sie jetzt zu überwinden hatten, bevor Sie hier eintreten konnten, durch das was Ihnen geboten werden kann, einigermaßen entschädigt werden. Wir wollen heute die Ausstellung, welche wir zur Feier des 450. Geburtstages der Erfindung der Buchdruckerkunst veranstalteten, eröffnen. Es gilt in erster Linie ihres großen Erfinders, Johannes Gutenbergs, ehrenvoll zu gedenken. Erwarten Sie aber von mir nicht eine Geschichte seines Lebens, Leidens und Schaffens, eine Geschichte seiner Erfindung, eine Schilderung der weltumgestaltenden Bedeutung des Buchdrucks. Wir wollen Gutenbergs Andenken in anderer Weise feiern, wir wollen durch unfere Ausstellung des Näheren zeigen wie seine Kunst und die ihr verwandten hier in unserem Hesfenland ihren Anfang genommen, wie sie sich bis zur Gegenwart entwickelt haben.
Gestatten Sie daher, daß ich Sie kurz auf das Hinweise, was wir bei unserer Ausstellung erstrebt und daß ich Ihnen zeige, was wir erreicht haben.
Sie werden sehen, daß wir den ausgestellten Stoff in 5 Abtheilungen gliederten. Da die Druckkunst erst verhältnißmäßig spät in Hessen ausgeübt ist — bekanntlich hier in Marburg im Jahre 1527 — es aber bei einer Gutenbergsfeier zwecksmäßig erschien, Werke aus des Meisters Presse selbst vorzuführen und die Entwickelung seiner Kunst in einigen Hauptwerken, welche vor 1527 liegen, zur Anschauung zu bringen, um so eine historische Verbindung zwischen den ersten Anfängen der Buchdruckerkunst und dem Zeitpunkte, in welchem bei uns zuerst gedruckt wurde, zu erhalten, so wurden in der I. Abtheilung derartige, natürlich nichthessische, Drucke ausgelegt. Den Anfang machen 5 Erzeugnisse der Presse Gutenbergs selbst. Ein Blatt seiner berühmten 36zeiligen Bibel, die Hälfte eines Ablaßbriefes von 1454 — übrigens der erste existirende Druck,
Roman von G. I. (82. Fortsetzung.)
Madame d'Arcourt fing sehr geschickt an zu kränkeln, die besorgte Nichte zog Aerzte zu Rathe und wußte verschiedene Badereisen verordnet zu erhalten; die nächste Station mußte Karlsbad sein. Gerade für diesen Termin war der Tante eine bedeutende Summe, die sie gekündigt und auf bereit pünktliches Eintreffen rechnend, sie ihre Dispositionen getroffen hatte, ausgeblieben. Es hätte natürlich bei dem Baron, so sagte Hortense zu Ulrich, dem sie diese Kamalität klagte, nur ein Wort gekostet, so gab er die nöthige Summe, aber dieses Wort zu sprechen, hatte die Tante in ihrer großen Delikatesse mit Entschiedenheit verboten und bei ihrer durch ihr Leiden verursachten Reizbarkeit wage sie nicht, diesem Verbote zuwider zu handeln. Von der anderen Sette könne und dürfe sie aber nicht dulden, daß Madame d'Arcourt, wie sie vor habe, die Reise ausschiebe, bis andere Summen flüssig gemacht wären und darüber eine für ihre Gesundheit kostbare, möglicherweise unwiederbringliche Zeit versäume. So habe sie sich denn entschlossen, allerdings auch ohne Vorwiffen der Tante, sich an Ulrich zu toenben. Dieser solle ihr unter
welcher mit einer Jahreszahl versehen ist — tmb 3 Deutsche Plakat-Drucke aus ben Jahren 1461—62. Ist ber Altmeister so auch nicht mit umfangreichen Prachtwerken vertreten, so genügt boch bas, was vorliegt, um Feststimmung zu machen, welche jeben ergreifen muß, welcher Originalerzeugnisfe bes ersten Druckers sieht. Hieran schließt sich eine sorgfältig ausgewählte Reihe von Inkunabeln der verschiedensten Druckstätten Deutschlands und der Nachbarländer. All- mählig werden wir so zur Abtheilung II geleitet, zu den Hessischen Drucken. Bei der Auswahl und Aufstellung dieser Abtheilung leitete uns die Absicht, womöglich von allen älteren Hessischen Druckern, und zwar womöglich aus dem ersten und letzten Jahre ihrer Druckthätigkeit, Druckerzeugnisse zusammen zu stellen. Unter Hessen ist der Umfang des ehemaligen Kurfürstenthums, soweit es jetzt zum Regierungsbezirk Kassel gehört, verstanden, eingeschlossen jedoch Bockenheim und den Kreis Biedenkopf, welcher historisch nicht nach Nassau, sondern zu Hessen gehört; hinzugenommen sind auch die ehemaligen Bayrischen Gebietsteile, Orb und Gersfeld. — Die Anordnung dieser Abtheilung erfolgte alphabetisch nach den Städten; innerhalb der Städte sind die einzelnen Drucker nach der Zeitfolge aufgelegt. Von den drei Doppelreihen der mit Glas bedeckten Schauschränke sind den Druckern Hessens 50 zugewiesen; die untern, wagerechten Abtheilungen sind mit ihren Druckerzeugnissen angefüllt. In den obern senkrechten Theilen sind meist Holzschnitte, Kupferstiche, welche sich auf den im untern Schranke bezüglichen Druckort beziehen, untergebracht. Wo es anging sind die ältesten Abbildungen der jedesmaligen Druckorte in den oberen Theilen der Schränke ausgestellt; in der Abtheilung Kassel erschien es zweckmäßig bei den Druckern, welche nach der Westfälischen Zeit druckten, die Hessische Geschichte von 1813 bis auf unsere Tage in charakteristischen Flugschriften, Plakaten und sonstigen Druckschriften, sowie in Abbildungen darzustellen. Auch sonst ist bei der Auswahl der Druckschriften in den unteren Kästen, sowie bei Zusammenstellung der in den oberen Kästen aufgehängten Stücke immer daran gedacht, ein Stück Geschichte, Kulturgeschichte oder Stadtgeschichte zu bringen. Wenn dabei anscheinend unwichtiges neben wichtigem liegt, so wollen Sie gütigst bedenken, daß das anscheinend geringfügige oft das charakteristische ist und daß sich Zeitströmungen häufig am verständnißvollsten in nebensächlichen Zügen wiederspiegeln.
Es ist in Hessen, wie bekannt, erst sehr spät gedruckt worden. Erst infolge der Stiftung unserer Universität kam ein Drucker ins Hessenland, in die neue Hochschule: es war Johannes Loersfelt, welcher 1527 hier die neue Kunst auszuüben anfing. Er hat nur ein Jahr hier gedruckt. Ueber ihn und seine nächsten Nachfolger darf ich wohl hinweggehen: von dem Vorgeben, ein Loos, das sie in einer Wohlthätig- keitslotterie mit ihm gespielt habe, hätte einen Haupttreffer gewonnen, eine Summe Geldes in Gegenwart von Madame d'Arcourt überbringen, die sie alsdann der alten Dame aufdrängen werde. Der Lieutenant gab das Geld, was blieb ihm als Kavalier und notorisch reichem Manne einer Dame gegenüber im Grunde weiter übrig? Aber die Sache machte ihn doch in mehr als einer Hinsicht stutzig. Zuvörderst widerstrebte ihm die ganze Komödie, zu der er hier die Hand reichen sollte, selbst wenn dieselbe, woran er noch nicht zweifeln mochte, zu einem guten Zwecke aufgeführt ward. Alsdann setzte es ihn in Erstaunen, daß Hortense, die, wie er wußte, ein sehr reiches Nadelgeld erhielt, der Tante nicht aus eigener Kasse aus der Verlegenheit zu helfen vermochte, obgleich es allerdings eine hohe Summe war, welche die Dame für ihre Reise gebrauchte. Dazu kam noch die allzu vollendete Art, mit der Hortense die ein- studirte Scene, bei der er sich wie ein Schulknabe vorkam, spielte, und die Art und Weise, mit welcher Madame d'Arcourt den ihr dargebrachten Gewinn annahm. Es hatte ihm plötzlich das Verhältniß der beiden Damen etwas Gemachtes, Theatralisches, die längst als Verleumdungen konstatirten Erzählungen des Grafen Falkenburg fielen ihm, er wußte selbst nicht recht wie,
berufenster Seite wird ja demnächst unsere Jubiliäums- festschrift erscheinen, welche die ersten Marburger Drucker, nämlich diejenigen vom Jahre 1527—67, ausführlich behandeln wird. Umfassend war ihre Druckthätigkeit nicht, es werden kaum viel mehr als 100 Drucke fein, welche aus ihrer Presse sich erhalten haben. Der erste bedeutendste ist Paul Egenolph, welcher von 1587—1617 druckte. Er ist auch in unserer Ausstellung mit einer stattlichen Anzahl von Drucken vertreten. Das erste Drittel des XVII. Jahrhunderts war einer gedeihlichen Entwickelung des Marburger Druckes nicht hold. Zwar wurde der typographus academiae von der Universität durch Geld- und Naturalienlieferung unterstützt; aber es entstanden in Hessen (in Kassel 1597) und in den Nachbarlanden (1564 in Schmalkalden, 1593 in Hanau) selbst Druckereien. Nach dem Tode Ludwigs des Testators begann der Bruderzwist zwischen Hessen-Kassel und Darmstadt, die Universität Gießen wurde gegründet und auch hier (1606) eine Druckerei angelegt. Es folgen die Wirren des 30jährigen Krieges. Harte Schläge hatten namentlich die alma mater Philippina getroffen. Aber der langersehnte Frieden kam herbei, 1653 wurde die Universität neu begründet — die Ein- weihungsfeier fand bekanntlich im Rittersaale statt — und allmählig hob sich auch in Marburg wieder das Druckwesen, welches noch bis heute innig mit dem jeweiligen Zustande der Universität verknüpft ist. Salomon Schadewitz, die Kürsner, die Stock, hatten blühende Druckergeschäfte. In einer Zeit, in welcher Christian Wolf hier lehrte, konnten auch die Pressen des Philipp Casimir Müller, des Joh. Georg Ebersbach zu hoher Blüthe sich entwickeln. — Mit Aufführung dieser Buchdruckernamen sind wir schon in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts getreten. Es ist jetzt Zeit, auch auf andere Hessische Drnckstätten zurückzukommen. Zunächst ist natürlich Kassel zu berücksichtigen. Es ist zu verwundern, daß Landgraf Wilhelm IV., der Stifter der Kasseler Bibliothek bei seinen gelehrten Neigungen keine Druckerei in Kassel anlegte. Erst sein Sohn, Moritz der Gelehrte, that es. Er berief den Drucker und Formschneider Wilhelm Wessel und richtete in seinem Lusthause eine Druckerei für diesen ein. Viele Werke, welche hier entstanden, tragen noch auf dem Titel die Worte: ex typographia Mauritiana, aus der Fürstl.-Hessischen Druckerei. 1597 begann Wessels Thätigkeit. Er tritt gleich mit stattlichen Werken auf: Wilhelm D i l i ch, der bedeutendste Zeichner und Kupferstecher Hessens in der Spätrenaissance, versah viele Druckwerke der Weffel'schen Offizin mit seinen Bildern. — Die Zeit des großen Krieges macht sich auch in den Kasseler Druckverhältnissen geltend, nicht das Manritianum, nicht die nur ein Scheinleben führende Kasseler Universität half dem Buchdruck auf. Drucker, wie Schadewitz und Ketzel, wieder ein. Als sich Hortense in ihrer naiv kindlichen Weise zu ihm neigte und ihm die Wange znm Kuß bot, dafür, daß er den Glücksboten gemacht und sie in den Stand gesetzt habe, ihre liebe Tante auf Reisen zu schicken, und ihm dabei wieder der sie umgebdnde Duft entgegenwehte, zuckte er förmlich zusammen. Er gedachte wieder des Dustes, den er in dem Schranke seines Onkels bemerkt hatte.
Es ist wunderbar, wie blind wir sind, so lange wir unbedingtes Vertrauen hegen, und wie sich, sobald unser Argwohn erst einmal erwacht ist, fast unmerklich ein Schleier hebt, sich uns Thatsachen, an denen wir acht- und arglos vorübergegangen sind, in einem ganz anderen Lichte darstellen, eine sich an die andere reiht, bis wir endlich eine Beweiskette in Händen haben, die Glied für Glied mit furchtbarer Genauigkeit in einander schließt. So erging es Ulrich. Der Heliotropengeruch im Schreibschrank seines Onkels war für ihn gleichsam der erste ganz schwache Schimmer gewesen, der ihm verkündet, daß er sich in der Nacht der Blindheit befunden habe. Er hatte sein Auge davor verschlossen; er verschloß es auch noch, als Hortense eine erste Anforderung an seine Kasse richtete und dabei eine theatralische Scene aufführte.
Als aber diese Anforderungen sich unter verschie-