Beilage zu Nr. 153 der „Fuldaer Zeitung".
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei ('21. Dillmann).
' Sonntag, den 6. Juli 1890.
△ Zeitgemäße Plauderei.
Berlin, 4. Juli.
Auf den Berliner Bahnhöfen wird es die nächsten Tage ein befonders großes Gewimmel geben. Die Gäste zum „Bundesschießen" kommen in Hellen Schaaren und eine Menge von ferienfrohen Kindern mit ihren Angehörigen gehen von dannen. Extrazüge verwirren den Tagesdienst der Bahnbeamten; der übergroße Andrang, die Unmasse Familiengepäck, die außerordentliche Verlängerung der Züge, die daraus sich ergebenden 23er= spätunqen - Alles das trägt zur Erhöhung der Gefahren des Eisenbahnverkehrs bei. Um so mehr Anerkennung verdient die Umsicht und Ausdauer der Leute, welche unter der Last einer schweren Verantwortlichkeit in diesem Wirrwarr die nöthige Ordnung und Sicherheit des Betriebes aufrecht zu erhalten haben. Es wird nicht fetten darüber geklagt, daß die Bahnbeamten nicht höflich und zuvorkommend genug seien. Welche Anforderungen werden aber auch manchmal an die Nerven dieser Leute gestellt! Nach meinem Geschmack ist eine gewisse Strammheit im Eisenbahnwesen mehr am Platze, als Komplimente und Katzenbuckelei. Das Publikum muß sich mehr an Selbsthilfe gewöhnem
Die Feierlichkeiten zum X. deutschen Bundesschießen haben heute mit dem Einzuge der amerikanischen Schützenbrüder ihren Anfang genommen. Auffallender Weife hatten die Amerikaner gutes Wetter bei ihrer Parade. Ob es dem großen Festzuge am Sonntag ebenso gut gehen wird? Mit dieser Frage beschäftigen sich jetzt Tausende von Spekulanten und Hunderttausende von Neugierigen. Wenn es nicht gar zu arg regnet, wird es ein mörderisches Gedränge geben; denn auf solche Straßenaufzüge sind die Berliner mit einer wahrhaft kleinstädtifchen Neugier versessen. Ich wünsche den Schützenvrüdern alles Gute, wenn ich auch nicht gerade für das übliche Verknallen von Pulver, Trink- fprüchen und Pfropfen zu schwärmen vermag. Aber kläglich muthet es mich an, daß man neben der Festhalle eine ganz gewöhnliche „Vogelwiese" eingerichtet hat mit all' dem kindischen, rohen und gemeinen Schau- und Spielbudenzeug, wie man es auf den Kirmessen in irgend einem Krähwinkel gewohnt. Vom zweiköpfigen Kalb bis zur frischgestrichenen Riesendame, von den dreffirten Flöhen bis zu den dressirten „Damen" in kurzen Röckchen — all' der alte faule Zauber ist hier massenhaft vertreten und wird den fremden Schützen in der Hauptstadt der Intelligenz zur Augen- und Herzensweide dargeboten. Seid getrost, ihr biedern Leute aus Hinterpommern und vom Hundsrück; man kocht hier in Berlin bei einem Weltfeste mit demselben Wasser, wie bei euch auf den kleinen Jahrmarktsfesten.
Während die Dinte noch feucht ist, mit der ich das Wetterglück der amerikanifchen Schützen gepriesen habe, schlägt ein Windstoß mir dicke Tropfen durch das Fenster auf den Tisch. Es regnet 'mal wieder. Ein herrliches Wetter für die Pilze!"
Beim Eintritt der Schulferien wälzt sich der stärkste Strom der Berliner Familien zur Ostsee. Das ist so recht ein Meerchen für zarte Frauen und Kinder. Mild — einige fügen matt — wie Limonade. Aber der große Vorzug der Ostsee ist die Eintracht von
In harter Schule.
Roman von G. I.
(81. Fortsetzung.)
Zum ersten Male trat das junge Mädchen an jenem Abend wieder in den Kreis ihrer Standes - Genossen, aber welche Wandlungen waren seitdem mit ihr vorgegangen! Sie war schon früher Monarchen vorgestellt worden, hatte Gnaden-Beweife von ihnen erfahren, das gatt aber Alles ihrem Namen, ihrer Herkunft. Heute ward sie selbst, wurde das ausgezeichnet, was sie durch eigene Anstrengung errungen, und mit diesem Bewußtsein fühlte sie sich weit erhaben über jene Herren und Damen vom Hofe, welche sich so unendlich viel mehr wähnten als die Schauspielerin, es für eine unverzeihliche Anmaßung erklärten, daß sie ruhig, bescheiden, aber im Bewußtsein ihres Werthes frei und ohne Befangenheit den Herrfchaften gegenüberstand.
Man würde, hätte man gewußt, welcher Familie das junge Mädchen anzehörte, entsetzt gewesen sein, daß sie die Traditionen ihres Hauses so weit vergessen, man würde sie beklagt und sich bemüht haben, sie zurückzuführen und den übereilten Schritt, den sie gethan, der Vergesfenheit anheim fallen zu lassen, und Leontine kam es dagegen vor, als habe sie einen weiten Weg zu freier Höhe erklommen, als heiße eine Umkehr ein Rückschritt. Jetzt erst wurde es ihr klar, daß sie sich nicht nur äußerlich von dem Kreise gelöst hatte, in dem sie geboren, sondern daß sie auch für immer mit desfen Vorurtheilen und hergebrachten Anschauungen gebrochen habe. — Als sie an diesem Abend das Theater verließ, war es ihr unmöglich, sogleich in ihre Wohnung zurückzu-
Wald und See. Dieses Jahr wird der Andrang zur Ostsee, insbesondere nach Rügen, noch größer als gewöhnlich sein, weil die Kaiserin mit ihren Kindern in Saßnitz Sommeraufenthalt genommen hat. Bei sehr vielen Leuten ist ja der Drang, sich in der Nähe der höchsten Herrschaften zu sonnen, in einem leidenschaftlichen Maße entwickelt. Ich wundere mich, daß die von der Zudringlichkeit der Menge fort und fort belästigten Herrschaften der Versuchung zur Menschenverachtung widerstehen können.
Obschon die Ostseeküste und verschiedene andere „Gegenden" im Hochsommer von jungen nnd alten Berlinern überfluthet sind, merkt man keine Leere in der Stadt. Es sind eben nur einige Tausende, die sich den Luxus einer Sommerfrische gestatten können, und die fallen bei einer Bevölkerung von mehr als l’/ä Mill, nicht ins Gewicht. Dafür kommen ja auch im Sommer besonders viel Fremde nach Berlin. Dieselben finden zu ihrem Erstaunen, daß es auch in den Hundstagen ganz gut in dem Steinmeere der großen Stadt auszuhalten ist. In der That, Berlin hat den Vorzug, daß es auch bei der größten Hitze in gutem Gerüche bleibt. Wäre nicht die Kanalisation durchgeführt, so würde vermuthlich Berlin ein ebensolcher Seuchenherd sein, wie Madrid, Marseille, Neapel und sonstige Riesen- Schmutzhaufen des Erdballes. Wir haben keine schmutzigen Rinnsteine und keine versumpften Flußufer. Also Bacillen, die dem Magen und den Gedärmen gefährlich werden, züchtet man hier nicht. Anders steht es freilich mit den Gefahren für Rachen und Lunge. Die Luft, welche man in den Städten einathmet, ist mit Verbrennungsgasen, Rauch- und Staubtheilchen erfüllt. In der Regel spürt man diese schädlichen Beimischungen kaum, aber wer täglich wechselt zwischen der städtischen und der Landluft, wie ich es thue, der wird sich des Unterschiedes wohl bewußt. Gewöhnlich glaubt man, die Blässe der Städter sei auf den Mangel an Bewegung außerhalb des Haufes zurückzuführen. Aber demgegenüber steht die Thatsache, dafi die großstädtische Bevölkerung zu einem großen Theile alltäglich Wege zurücklegen muß, wie sie mancher Dorfbewohner kaum in der ganzen Woche macht. Ich glaube eher, es geht den Großstädtern wie den Kohlenbergleuten: die schmutzige Luft schädigt die Lungen und die Blutbildung.
Neuerdings habe ich wieder viel gelesen von ge- nosfenschaftlichen Anstrengungen zur Herstellung gesunder und billiger Wohnungen außerhalb des städtischen Dunstkreises. Dabei ärgere ich mich immer, daß man um den Grund- und Eckstein aller solcher Bestrebungen sich so wenig kümmert: Verkehrs-Mittel, welche auch für den Arbeiter billig und schnell genug und auch für Frauen und Kinder bequem genug sind — darauf läuft im Grunde die ganze Wohnungs-Frage hinaus. Weder die Pferdebahnen, noch die Eisenbahnen in ihrem jetzigen kostspieligen und schwerfälligen Betriebe reichen zu einer wirklichen „Dezentralisation" der Bevölkerung aus. Man liest immer von neuen Erfindungen, aber man sieht nichts davon. Und doch ist die Menschentransport-Frage ein wesentliches Stück der sozialen Frage.
Wie ganz anders würde es in der Wett aussehen,
kehren, zu voll war ihr Herz. Sie kam sich wie wiedergeboren vor, und indem sie zum Strande ging, in die Wellen blickte und die Hand in's Meer tauchend mit dem kühlen Naß ihre glühende Stirne berührte, war es ihr, als empfange sie gleichsam die symbolische Weihe eines neuen Lebens.
„Jetzt, jetzt sind wir gleich!" flüsterten ihre Lippen, „ich bin Künstlerin, Du Künstler, Beide sind wir Bürger eines freien, schönen Reiches, nichts steht mehr zwischen uns!" „Aber," fügte sie nach einer Weile ernst hinzu, „denkt er denn noch meiner, ich Habenichts wieder von ihm gehört!"
Sie verfank in tiefes Sinnen, plötzlich ging es aber wie Sonnenschein über ihr Gesicht.
„Ich fühle und weiß es," sagte sie, „wir gehören zu einander. Eins ruht fest und sicher im Andern, wir werden uns Wiedersehen, uns finden und halten, das sagt mir eine Stimme in meinem Herzen, so laut und deutlich, daß sie mich nicht täuscht. Getrost weiter, mein Weg ist jetzt hell und licht, ich habe meine Kunst und meine Liebe!"
Der Ruf der vorzüglichen Künstlerin, die so plötzlich aufgetaucht war, von der man, wie vom Mädchen aus der Fremde, sagen konnte, „man wußte nicht, woher sie kam," hatte sich schnell in weiteren Kreisen verbreitet, und ehe noch die Bade-Saison zu Ende war, gingen ihr von mehreren Seiten höchst vortheilhafte Anerbieten für festes Engagement wie für Gastspiele zu.
In ihrer offenen Weise theilte sie diese Offerten sowohl dem Direktor wie Ehlert mit.
„Sie sind jetzt eine Schauspielerin, welche den richtigsten Maßstab für ihr Wollen und Können in sich
wenn der Schöpfer dem Menschen Flügel gegeben hätte und natürlich auch die nöthige Muskelkraft zum ergiebigen Gebrauch der Flügel. Dann hätte Stanley nicht sein zweibändiges Werk über die abenteuerliche Fahrt durch das dunkelste Afrika zu schreiben brauchen. Dann wäre Afrika schon ganz und gar „Helle" geworden. Es würde seit Jahrhunderten von fliegenden Postillonen durchzogen worden sein und das Zwergvolk, durch welches sich Stanley jetzt mühsam durcharbeiten mußte, wäre ein altes und thätiges Mitglied des Welt- post-Vereins. Die Reise-Geschichten aus Afrika machen es uns recht klar, daß die menschlichen Beine doch ein recht schwacher Apparat sind. Wenn die Kunstwege aufhören und der Mensch durch Dick und Dünn mar- schiren soll, dann sinkt die Schnelligkeit auf den Schneckenpunkt und doch wirkt die Anstrengung aufreibend. Jede ungünstige Bodengestaltung, jeder Sumpf, jedes Gestrüpp bilden Hindernisse, bei deren Ueberwindung eine Unmasse von Zeit und Kraft verloren geht. Und in einer mäßigen Höhe ist die schöne, freie Luftbahn, die der Vogel leicht und schnell durchstreicht; der „Herr der Welt" aber haftet an der unwegsamen Oberfläche. Menn er es wagt, mittelst einer riesigen Gasblase sich in die Höhe zu schwingen, so wird er zum Spott der Winde und Wolken, deren Launen er sich auf Gnade und Ungnade überlasten muß. Gewöhnlich werden bahnbrechende Erfindungen gerade bann gemacht, wenn das Bedürfniß, dem sie abhelfen sollen, den Höhepunkt der Dringlichkeit erreicht hat. Nun gut, dann sollte man meinen, jetzt müsse der Zeitpunkt für die Erfindung einer Flügel - Maschine oder des lenkbares Luftschiffes gekommen sein. Denn ein stärkeres Bedürfniß nach Luftreise-Gelegenheit, wie es zur Zeit in Afrika herrscht, kann man sich doch kaum denken.
An vielen Orten hat man jetzt das Gutenberg- Jubiläum gefeiert. Die Erfindung des Buchdrucks verdient in der Thal alle 50 Jahre bis zum jüngsten Tage verherrlicht zu Werben; benn sie ist eine Umwälzung ersten Ranges. Der gute Berthold Schwarz mit seiner sprichwörtlichen Pulver-Weisheit kann sich neben Gutenberg kaum sehen lassen. Etwas Ebenbürtiges mit Gutenberg's Erfinbung hat berEntbecker ber Dampf- traft geleistet. Die Eisenbahnen sinb im Grunde nur eine Ausnutzung ber Dampfkraft, unb beut Telegraphen kann man nicht biefelbe, bas ganze Leben auf neuer Grnnblage stellende Bedeutung zumesfen. Dagegen würde ich die Ermöglichung von Reifen durch die Luft, die Loslösung der sich bewegenden Menschen und Güter von der rauhen Oberfläche der Erde, den Triumph über die bis dahin allmächtige Schwerkraft, wieder für eine Erfindung allerersten Ranges halten, welche in die Geschichte der Menschheit entscheidend eingreift.
Träume sind Schäume. Wir träumen von einer Fahrt auf Wolken und laufen uns die Füße wund; wir träumen von der allgemeinen Abrüstung und müssen wohl oder übel Heeres-Verstärkungen bewilligen. Wir träumen von dem Fortschritt der Wissenschaften und können nicht mal die Cholera-Bazillen in Spanien vom Leben zum Tode bringen. Einige Leute träumen sogar von einem großen Gewinn in der Schloßfreiheits-Lot- terie, bis sie es schwarz auf weiß sehen, daß sie eine Niete haben. ------------
selbst Hal, ich kann Sie getrost entlassen," sagte bei einer solchen Gelegenheit der Letztere.
„Aber wo bleibe ich?" rief Lohmeyer und fuhr sich in seiner beliebten Manier durch die Haare. „Das hat man davon, wenn man einen Schatz entdeckt."
„Aber Lohmeyer, Du kannst doch nicht so egoistisch sein, zu wünschen, daß Fräulein Schmidt bei uns in unseren kleinen Verhältnissen bleibt," mahnte Ehlert vorwurfsvoll.
„Auch Du, mein Sohn Brutus!" rief der Direktor pathetisch. „Warum soll ich allein nicht egoistisch sein? Sind's jene Leute etwa nicht, die sie mir abwendig machen wollen? Aber ich begreife Dich nicht, daß Du Dich so leicht von Deiner Schülerin trennst, oder willst Du mich etwa auch verlassen?"
Er trat ihm ganz nahe und sah ihn durchbohrend an.
„Lohmeyer, Du glaubst ja selbst nicht, was Du sagst," versetzte Ehlert ruhig. Uebrigens hast Du Dich von Anfang an darauf gefaßt gemacht, Fräulein Schmidt bald zu verlieren."
„Ja, das habe ich!" Nur zu verlieren, müssen wir erwerben! Aber es thut wehe! Wohin wollen Sie gehen? Welches Anerbieten nehmen Sie an?" wandte er sich dann plötzlich zu Leontine, welche der Scene bis dahin stillschweigend beigewohnt hatte.
„Ich habe mich noch für nichts entschieden, ohne Ihren Rath thue ich nichts," antwortete sie.
„Und wenn ich Ihnen nun riethe, bei mir zu bleiben?"
„So thät ich's, denn ich glaubte, es wäre so zu meinem Besten. Ich habe Sie nicht als Egoisten kennen gelernt, Herr Lohmeyer," sagte sie, ihm die Hand reichend. (Forts, im Hauptblatt.)