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J\® 153.

Sonntag, den 6. Juli 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. - m - Druck u. Berlaa der Fuldaer aictienbrurfrrpi (91 Siirrmn„„t

MT* Hierzu eine Beilage.

M Das Kaiser-Wilhelm-DenKmal.

Die Würfel sind gefallen; es wird eine Reiter­statue auf dem „Schloßfreiheits"-Platze. Der Reichs­tag hat sich des Widerspruches gegen den Wunsch Kaiser Wilhelm's II. begeben und zugleich die Last der Verantwortlichkeit von seinen Schultern gewälzt, indem er Platz und Form des Denkmals der Ent­schließung des Kaisers überließ. Und daran hat er klug gethan.

Als die Nachricht auftauchte, daß Kaiser Wil­helm II. von den sog. architektonischen Entwürfen nichts wissen wolle und eine plastische Verherrlichung der Person seines Großvaters in der Umgebung des königlichen Schlosses für die richtige Lösung der Denk­malsfrage halte, haben wir sofort erklärt, daß das deutsche Volk keine Veranlassung habe, sich gegen diese Lösung zu sträuben.

Es fehlt unserer Zeit anscheinend der Beruf zu Denkmalsgründungen im großen Stil. Die altherge­brachten Formen wollen uns nicht mehr recht befriedi­gen und über neue Formen vermögen wir uns noch nicht klar und einig zu werden. Wenn unter den preisgekrönten Entwürfen einer gewesen wäre, der die ganze Nation hingerissen hätte zu dem Ausruf: Das ist das Rechte, so muß es sein! — so würde die Kostenfrage gar nicht in's Gewicht gefallen sein. Aber trotz der Großartigkeit der Idee und der Durchführung, welche namentlich den ersten Entwurf mit dem Bar­barossa-Gewölbe auszeichnet, blieb die durchschlagende hinreißende Wirkung aus. Warum? Ich glaube, es haben dabei besonders folgende zwei Momente auf die Volksseele eingewirkt.

Wir legen auch an Kunstwerke in viel höherem Maße, als es manche frühere Perioden gethan, den Maßstab der Zweckmäßigkeit. Unsere Zeit hat Riesensummen auf den Ausbau des Kölner Domes verwendet; dabei wurde der Nützlichkeits-Trieb befrie­digt durch das Bewußtsein, daß das prächtige Bau­werk als Haus des Herrn, als gottesdienstlicher Fest- und Versammlungsraum seinen praktischen Beruf habe und erfülle. Wenn man nun aber großartige Kuppel­und Hallenbauten für 40 oder mehr Millionen er­richten wollte, die zu nichts anderem dienen würden, als zur Einfassung von Standbildern des verewigten Kaisers und feiner Paladine — so würden wir an dem Mißverhältniß zwischen den aufgewendeten Mitteln und dem praktischen Zweck uns stoßen. ' Das riesige Mauerwerk würde doch nur als Rahmen für das Bild Bedeutung haben; der Rahmen darf aber nicht das Bild erdrücken. ,

Dem Geschmack der alten Aegypter entsprach es, wenn der Pharao über das kleine Gemach, in welchem

In harter Schule.

Roman von G. I.

(Fortsetzung aus der Beilage.)

Der kleine Mann hustete, als sei ihm plötzlich etwas in die Kehle gekommen.

„Ich bin doch ein Egoist!" rief er, „denn ich lasse Sie nicht, ehe Sie mir nicht etwas versprochen haben!"

„Und das wäre?"

„Jedes Jahr bei mir zu gastiren."

„Hier meine Hand, Herr Lohmeyer, ich schließe nirgends ein Engagement ab, ohne diese Bedingung in den Kontrat mit ausgenommen zu haben."

»Lassen Sie sich umarmen, Kind, es ist nichts Böses dabei, ich könnte Ihr Vater sein!" rief der Direktor und legte seinen Arm um Leontine. „So sei es! Meine Bühne sei Ihre Heimath, zu der Sie all­jährlich wie ein Kind in's Vaterhaus zurückkehren."

Leontine seufzte, dieser Mann bot ihr das Vater­haus. Aber nur kurze Zeit gab sie sich dieser Betrach- tung hin; bald hatte sie den Eindruck überwunden und überlegte mit ihren Berathern, wie sie über ihre nächste Zukunft entscheiden solle.

Man beschloß, daß sie zunächst noch kein festes Engagement annehmen, sondern während des Herbstes

er einst begraben sein wollte, eine Pyramide von un­geheuerer Ausdehnung nach allen drei Dimensionen bauen ließ; der unmäßige zwecklose Verbrauch von Material, Kraft und Geld imponirte den Leuten als Zeichen der Macht und des Reichthums des Grab- und Bauherrn. Wem wird es jetzt einfallen eine Grabeinfasfung von ähnlicher Ausdehnung zu bauen? Das Mausoleum von Charlottenburg war ursprünglich so knapp angelegt, daß es schon jetzt, als Kaiser Wil­helm I. und seine Gemahlin sich ihren Eltern zuge­sellten, eine Erweiterung erfahren mußte. Wenn aber die Leiche eines Gefeierten nicht einmal ausreicht, um ein großes Bauwerk gefüllt erscheinen zu lassen wie viel weniger ein Bildniß.

Das zweite Moment, welches die schnelle und all­seitig befriedigende Lösung der Denkmalsftage ver­hinderte, war die Unklarheit über den eigentlichen Gegenstand des Denkmals. Wem sollte es gelten, der Person oder der Zeit? Unter dem ersten Eindruck des Todesfalles schien es den Meisten, als ob Beides gleich sei, als ob Kaiser Wilhelm die Verkörperung seiner Zeitepoche, seine Person die Wurzel und der Träger ihrer Errungenschaften sei. Man sprach vom „Kaiser-Wilhelm-Denkmal" und „Nationaldenkmal", faßte den letzteren Begriff nicht bloß in dem Sinn, daß die Nation das Denkmal setzen solle, sondern auch in dem Sinn, daß die Neugestaltung der Nation durch das Denkmal verherrlicht werden sollte, und kam so zu einer wirren Mannigfaltigkeit der Wünsche und Vorstellungen, wie sie sich in den Entwürfen der ersten Konkurrenz spiegelte. Du fanden sich neben dem ein­fachen Standbilde des Monarchen, welches einige Quadratmeter Raum beanspruchte, Entwürfe mit zahl­losen Statuen und maßlosem Mauerwerk, die ein kleines Stadtviertel in Anspruch nehmen wollten.

Im Verlauf der zwei Jahre seit dem Tode Kaiser Wilhelm's ist itun unbeschadet der Pietät gegen den Verewigten, doch mehr und mehr das Gefühl zum Durchbruch gekommen, daß der Abschluß der einzelnen Phasen der nationalen Entwicklung nicht mit dem Hin­scheiden der einzelnen Träger der Krone zusammenzufallen braucht, daß mit dem Tode des ersten Kaisers wohl der rechte Zeitpunkt für ein persönliches Denkmal, aber nicht ohne Weiteres der rechte Zeitpunkt für ein Denk­mal der Reichsgründungs - Epoche als gekommen zu erachten ist. Der Enkel und Nachfolger des Verewigten hat zuerst in klarer und entschiedener Weise dem Ge­danken Ausdruck gegeben, daß ein Denkmal, welches die Person des Verstorbenen ohne ablenkendes und er­drückendes Beiwerk verherrliche, den zur Zeit obwal­tenden Verhältnissen am Besten entspreche. Zunächst soll die Kunst die Erscheinung des greisen Heldenkaisers verewigen in ähnlicher Form, wie die Gestalten des Großen Kurfürsten und Friedrichs II. zur Darstellung gelangt sind. Sollte sich später, etwa nach dem Hin- und Winters der Reihe nach an verschiedenen Theatern gastiren solle.

„Wenn es zum Engagement kommt, so wünsche ich für Sie das Berliner Hoftheater," sagte Ehlert.

„Nie, niemals!" rief Leontine.

„Das wird sich finden," antwortete Ehlert, der glaubte, sie wage nicht darauf zu hoffen.

„Gastiren Sie nur erst an einigen anderen bedeu­tenden Bühnen und Sie werden sehen, man bietet Ihnen dort Engagement an."

XXVII.

Der Herbst war herbeigekommen, die Eröffnung des Landtages stand vor der Thür, aber Baron Reina machte noch immer keine Anstalten, in die Residenz zurückzukehren. Er hatte vorläufig einen längeren Ur­laub genommen und dachte sogar daran, sein Mandat niederzulegen; der Aufenthalt in Berlin war ihm ver­leidet, ohne daß er sich die Gründe dafür recht einzu­gestehen wagte; er fürchtete sich vor einer zweiten Auflage der Saison, welche er im letzten Winter daselbst ver­lebt hatte.

Zu seiner geheimen Verwunderung drang auch Hor­tense gar nicht darauf, den Aufenthalt auf den Gütern mit dem in der Hauptstadt zu vertauschen. Er hätte sich gern überredet und überredete sich auch oft genug,

scheiden der ganzen, an den großen Ereignissen bethei- ligten Generation und nach dem vollen Abschluß der Entwicklung dieser Epoche, der Drang nach einem großen Werk zur Verherrlichung der nationalen Umgestaltung, zu einem wirklichen Natioualdenkmal und zugleich die Fähigkeit zur Lösung dieser schweren Aufgabe einstellen, so steht das Reiterstandbild Wilhelms I. in keinerlei Weise im Wege.

Bei Angelegenheiten solcher Art spricht man nicht gern vom Geldpunkt. Aber wenn Kaiser Wilhelm I. selbst noch sein Wort in die Wagschaale werfen könnte, so würde er zweifellos angesichts der jetzigen Finanz- und Steuerlage davon abmahnen, ein/ Menge von Millionen in einen überschwenglichen Denkmalsbau zu stecken, und dem Plane seines Enkels den Vorzug geben.

Wenn nun die Frage der Denkmals f o r m im Sinne des Reiterbildnisses entschieden ist, so braucht man um die Platzfrage sich nicht weiter aufzuregen. Ob die „Schloßfreiheit" zur Aufstellung geeignet ist, kann nicht von dem Reichstage oder dem Bundesrathe entschieden werden; denn diese Versammlungen sind zu politischen, und nicht zu technischen oder ästhetischen Erwägungen berufen und demgemäß zusammengesetzt. Die Brauch­barkeit des Platzes müssen die Sachverständigen unter­suchen; das Resultat aus diesen Untersuchungen zu ziehen, kann man ohne die geringste Gefahr des Rück­falls zu dem Absolutismus ruhig dem Kaiser über­lassen. Sollten die Berather des Kaisers sich etwa irren, so würde zweifellos nach dem Abbruch der Häuser und der Herrichtung des Platzes sich der Jrrthum Heraus­stellen und noch rechtzeitig ein-anderer Platz gewählt werden können. Ein Reiterbildniß ist von den Platz­verhältnisfen und der Umgebung bei Weitem nicht so abhängig, wie ein Bauwerk. Der oft erhobene Einwand, daß die hohe Schloßfront das Denkmal „erdrücken" werde, ist nach meiner Ansicht ganz grundlos. Eine Reiterfigur und eine Schloßmauer sind zwei grund­verschiedene Dinge, die man nicht mit demselben Maß­stabe mißt. Es gibt zahllose Standbilder, die viel näher an hohen Gebäuden stehen, als es in diesem Falle geplant ist, und doch zu recht guter Wirkung gelangen.

Eine unangenehme Seite der Sache ist die „Schloß- fteiheits-Lotterie". In der Reichstags-Kommission ist diese Art der Aufbringung der Mittel zur Freilegung des Platzes kritisirt und auch im Plenum davon Er­wähnung gethan worden. Der Reichstag ist an der Lotterie-Geschichte vollständig unschuldig. Die Freilegung des Platzes würde auf alle Fälle erfolgen, auch wenn der Reichstag darauf bestände, das Denkmal an einen andern Ort zu bringen. Auch der strengste Sittenrichter wird nicht behaupten können, daß man einen Platz, den andere Leute durch weniger schöne Mittel frei gemacht haben, unbenutzt liegen lassen müsse. Das Geld, welches die gewinnsüchtige Menge den Looshändlern zugetragen hat, ist sie nun doch endgiltig los geworden; wenn die die Lust am Landleben entspringe bei.seiner jungen Gemahlin aus dem Wunsche, möglichst viel und unge­stört in seiner Gesellschaft zu leben, hätte sie sich nicht, als es im Frühling hieß, der Stadt den Rücken zu kehren, in ziemlich energischer Weise seinem Plane, dm ganzen Sommer auf den Gütern zuzubringen, widersetzt.

Der Baron hatte diesen Plan — zum ersten Male in seinem Leben — aus ökonomischen Rücksichten ge­faßt; er hoffte auf dem Lande seine Einnahmen und Ausgaben endlich wieder in Einklang bringen zu kön­nen. Er mußte sich bald überzeugen, daß er die Rech­nung ohne den Wirth gemacht hatte. Zuvörderst hatte Hortense es ihm abgeschmeichelt und abgettotzt, daß er im Juli und August mit ihr auf Reisen gegangen war. Ihre Gesundheit hatte durchaus zuerst eine Kur in einem Badeorte der Schweiz und später eine Nachkur in Ostende nothwendig gemacht. Erst Mitte September war man zurückgekehrt. Abermals mit einem bedeu­tenden Defizit, aber doch in einer gewissm Befriedi- gung — die beiden Gatten waren wenigstens allein, Onkel Vivienne und Tante d'Arcourt befanden fich noch auf Reisen und hatten beschlossen, da sie sich nun ein­mal von ihrem geliebten Kinde nicht trennen konnten, zum Winter wieder gemeinschaftlich einen eigenen Haus­halt in Berlin einzurichten.