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Samstag, den 5. Juli 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 3. Juli.
* Wie man dem ,Fränk. Volksbl/ aus München schreibt, scheinen die Pfälzer Nationalliberalen in der Kandidatur des Fürsten Bismarck für das erledigte Kaiserslauterer Mandat ein Haar gefunden zu haben, denn bis zur Stunde haben sich die liberalen Parteihäupter noch nicht schlüssig gemacht, ob sie dem Fürsten die Kandidatur antragen sollen. Die Thatsache, daß in maßgebenden Kreisen Berlins ein Eintreten des Ex- Kanzlers in die politische Arena des Parlamentes nicht gewünscht wird, scheint abkühlend auf die anfängliche Begeisterung gewirkt zu haben, zumal die Berliner nationalliberalen Kreise ganz entschieden abgewunken haben. Es tritt in Folge dessen auch mit großer Bestimmtheit das Gerücht auf, daß die Nationalliberalen des Kaiserslauterer Wahlkreises einem Gutsbesitzer der dortigen Umgegend das Mandat angetragen hätten. Zu der neuerlichen Zurückhaltung betreffs einer Kandidatur Bismarcks trägt auch der Umstand bei, daß der Wahlkreis selbst für die Nationalliberalen durchaus nicht sicher ist und die Partei deshalb Bedenken tragen muß, den Ex - Kanzler der Gefahr einer Niederlage auszusetzen. Die Demokraten daselbst entfalten bereits eine sehr eifrige Agitation, um den Wahlkreis bei der Ersatzwahl zu gewinnen, nachdem bei der letzten Wahl nur eine Differenz von ca. 40 Stimmen bestand und wegen vorgekommener Inkorrektheiten die Wahl Miquels angefochten worden war. Die Katholiken hätten selbstverständlich dem Fürsten Bismarck ihre Stimme nicht gegeben, sondern wieder einen eigenen Centrums- Kandidaten aufgestellt; sie sind aber bei der Stichwahl Ausschlag gebend. Nach Lage der Dinge scheint eine Kandidatur Bismarcks heute bereits ausgeschlossen zu sein und jene übereifrigen Bismarckschwärmer, die sich im Anfänge dafür so sehr eingesetzt hatten, erlitten ein sehr empfindliches Desaveu. Bismarck dürfte sich übrigens, da er sich selbst zum Frondeur gemacht, sehr schwer thun, ein Mandat zu erhalten, er müßte denn bei den Sozialdemokraten anklopfen.
* Der Reichstag ist mit seiner Zustimmung bis zum 18. November vertagt worden, nachdem er noch endgiltig das Gesetz über die Gewerbegerichte, die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke, die Beamtenbesoldungserhöhungen und das Gesetz über die Gerichtsbarkeit in Samoa angenommen hatte. Hinsichtlich der Errichtung eines Denkmals für Kaiser Wilhelm I. wurde beschlossen, die Entscheidung über die Platzfrage und über Gestaltung des Standbilds der Entschließung des Kaisers zu überlassen. Die Kommission zur Vor- berathung zur Gewerbeordnungsnovelle hat die Arbeiterschutzbestimmungen durchberathen und tritt bereits am 5. November wieder zusammen, um den Rest ihrer
In harter Schule.
Roman Bon®. I.
(80. Fortfetzung.)
»Es liegt in der Natur der Sache," hatte er ihr gesagt, daß Sie während der Badesaison weniger be- schäftigt sein werden. „Das klassische Drama hat keinen sehr günstigen Bodm an einem Orte, der durch sein Hazardspiel und seine Pferderennen zur Berühmtheit gelangt ist, ich halte aber diese Sachlage gerade für eine günstige. Sie erhalten Muße, sich den großen Aufgaben, die Sie sich gestellt haben, mit voller Hingebung zu widmen, und ich habe Gelegenheit, Ihnen noch als Berather zur Seite stehen zu können."
So brach denn Leontine mit der Gesellschaft Ende Juni nach dem Seebade auf, begleitet von heißen Thränm, unzähligen guten Lehren und Wünschen von Frau Pfannenberg und einem praktischen Beweis der Umsicht und Fürsorge ihrer bisherigen Wirthin in der Gestalt eines anstelligen ordentlichen Kammermädchens. Zum ersten Male erschien sie sich wie vollständig selbstständig, denn sie lebte vom Ertrage ihrer Arbeit, stand unter Niemandes Schutz, hatte zur Richtschnur ihres Handels lediglich chr eigenes Ermeffen — und den Gedanken an Wollerberg, der sie wie ein Talisman begleitete.
Aufgabe zu erledigen und den Bericht über ihre Arbeiten dem Reichstage alsbald nach dessen Wiederzusammentritt unterbreiten zu können.
* Im Reichstage sind im Augenblicke seiner Vertagung noch 2 Initiativanträge eingegangen: Eine Anzahl, meist süddeutscher, Centrumsabgeordneter beantragen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, eine Revision der Ausführungsbestimmungen zum Branntweinsteuergesetz in der Richtung eintreten zu lassen, daß die Verhältnisse der kleinen landwirthschaftlichen Brenner eine größere Berücksichtigung finden und, wenn erforderlich, eine hierauf bezügliche Aenderung des Branntweinsteuergesetzes in Vorschlag zu bringen." — Ferner haben die Freisinnigen ihren Antrag auf Abänderung des Wahlgesetzes für den deutschen Reichstag in Form eines Gesetzentwurfs wieder eingebracht. Der Antrag will, daß die Stimmzettel in staatlich gelieferten und abgestempelten Kouverts abgegeben werden."
* Der angekündigte Rücktritt des Kriegsministers v. Verdy ist noch nicht erfolgt, es ist auch in Abrede gestellt worden, daß Herr v. Verdy überhaupt demisstoniren werde. Jedenfalls dürfte vor Rückkehr des Kaisers eine Entscheidung nicht erfolgen.
* Major von Wissmann beabsichtigt, wie verlautet, um seine Entlassung als Reichskommissar von Ostafrika nachzusuchen. Kompetenz- und Verwaltungsfragen sollen dieser Absicht zu Grunde liegen. Vor Kurzem hieß es übrigens schon, Major von Wissmann werde nicht nach Ostafrika zurückkehren, sondern anderweit im kolonialen Reichsdienst beschäftigt werden.
* Um für die neugebildeteKolonialabtheilung des Auswärtigen Amts einen sachkundigen Beirath zu schaffen, soll aus den Kreisen der Kolonialinteressenten ein Kolonialrath gebildet werden, der sich über organisatorische und andere Fragen der deutschen Kolonialpolitik gutachtlich zu äußern und Anregung zu geben haben würde.
* Nachdem verschiedene zwischen Deutschland und England bestandene Differenzen durch das erwähnte Abkommen beigelegt sind, finden auch zwischen Frankreich und England wegen Beseitigung verschiedener Streitfragen Unterhandlungen statt. Es handelt sich dabei um die französische Anerkennung des englischen Protektorats über Sansibar, die Neufundländische Fischereifrage, Gebietsabgrenzungen in Afrika und dergleichen. Es scheint, daß die Grundlagen zu einer Vereinbarung im Wesentlichen bereits gefunden sind.
Ausland.
* Das erste der böhmischen Ausgleichsgesetze, das Schulaufsichtsgesetz, ist vom Kaiser Franz Joseph sanktionirt worden. Damit ist die erste Frucht der Ausgleichsverhandlungen gereift. — Die Kaiserin von Oesterreich wird eine 4 monatliche Seereise antreten,
Im Seebade fand sie bald eine hübsche, freundliche Wohnung in Ehlert's Nähe, und wenn sie gewollt hätte, würde sich auch mancher anregende Verkehr geboten haben. Sie entzog sich jedoch allen derartigen Anmuthungen. Ihre Kunst nahm sie voll in Anspruch, mit ihr wollte, mußte sie allein sein, Angesichts des erhabenen, uralten, ewig neuen Meeres. Hier am Strande studirte sie die Medea, hier ging ihr aber auch das Verständniß auf für Goethe's klassisches Gebilde, die Frucht ftiner italienischen Reise — für Jphigenia.
Jetzt verstand sie auch Wollenberg, daß er sich, wie er sagte, in seine Arbeit einspinnen, die Thür gegen die gesammte Außenwelt abschließen müsse; war es ihr doch zuweilen sogar störend, mit Ehlert zu sprechen. Es gibt eine Periode im Leben des echten, wahren Künstlers von Gottes Gnaden, wo er des unberührten Wachsens in der Stille und Verborgenheit, umgeben von einer großen, erhabenen Natur, bedarf.
Leontine wurden einige Wochen stiller Einkehr zu Theil. Lohmeyer war ein alter, gewiegter Schauspiel- Direktor, der den Boden, auf dem er operiren wollte, sehr genau zu sondiren pflegte, und er sah sehr bald, daß es sein Pulver vorzeitig verschießen hieße, wollte er jetzt mit seinem „Paradepferde", wie er Leontine, wenn sie nicht zugegen war, wohl zu nennen pflegte,
während welcher ein Besuch der holländische», französischen, spgnischen, sowie afrikanischen Küste in Aussicht genommen ist.
* Die Antisklavereikonferenz in Brüssel hat ihre Arbeiten abgeschlossen. Die Unterzeichnung der Generalakte hat am Mittwoch stattgefunden. Wider Erwarten hat Holland seine Unterschrift verweigert, weil es die Bestimmung über die Gestattung eines 10% Werth - zolls von in die Länder des Kongobeckens eingehenden Maaren nicht annehmen zu können erklärt. Auch der türkische Delegirte hat noch nicht unterzeichnet, da er noch ohne Instruktion war. Es wurde beschlossen, Holland eine 6monatliche Frist zur Unterzeichnung zu gewähren.
* Die Meldungen über eine Erneuerung des Dreibunds, welche der italienische Ministerpräsident Crispi bestätigt haben soll, haben die revolutionären Elemente Italiens zu lebhafter Propaganda gegen die Tripel-Allianz veranlaßt. Die Mazzini-Vereine versenden bombastische Proteste gegen die Erneuerung.
* Der Ex-König von Serbien, Milan, hat auf einem von den Professoren der Belgrader Universität gegebenen Bankette eine scharfe Rede gegen die herrschende Partei in Serbien, die Radikalen, gehalten, die vielfach als die Einleitung einer Aktion gegen die heutige Regierung aufgefaßt worden ist. Dem ist König Milan aber selbst mit der Erklärung entgegengetreten, es habe sich für ihn nur darum gehandelt, sich gegen Verleumdungen zu vertheidigen und er denke nicht daran, eine aktive politische Rolle wieder zu über- nebmen. In der That verläßt er Serbien auch wieder und wird zunächst in Pest Aufenthalt'nehmen. Begreifliche Erregung hat in Serbien die Ermordung des serbischen Konsuls in der türkischen Stadt Prischtina durch Arnauten hervorgerufen. Voraussichtlich wird die Türkei dem an sie gerichteten Ersuchen Serbiens um strengste Untersuchung in loyaler Weise entsprechen.
* Die Cholera in Spanien hat sich bisher in mäßigen Dimensionen gehalten. Erkrankungen und Todesfälle kommen allerdings noch immer vor.
* In London tagt augenblicklich eine internationale Konferenz um Vereinbarung von Maßregeln gegen den Fang junger Fische in der Nordsee. Auf dieser Konferenz wurde auch der Zusammenttitt einer internationalen Konferenz der europäischen Seemächte behufs Feststellung einer Konvention, kraft welcher die Landung und der Verkauf unreifer Seefische verboten wird.
Afrika-Verein deutscher Katholiken.
Die statutengemäße halbjährliche Versammlung des Central-Vorstandes des Afrika-Vereins deutscher Katholiken fand, wie wir bereits vor Kurzem erwähnten, am 25. v. M. zu Köln unter dem Vorsitze des hochvorreiten. Es wurden also Lustspiele und kleine Schauspiele, auch Possen gegeben, und erst als die Saison auf ihrer Höhe und der Hof im Seebade angekommen war, ward zur nicht geringen Verwunderung der Badegesellschaft „Lady Macbeth" angesetzt.
Wie Lohmeyer vorausgesehen hatte, war das Haus nur mäßig besetzt; wer wollte sich am schönen Sommerabend, wo Alles zum Genüsse der Natur einlud, in die engen Mauern des Schauspielhauses zwängen! Man war gekommen, um die angegriffenen Nerven durch Seeluft und Seebad zu stärken, nicht um sie sich durch die Schauertragödie des großen Briten erschüttern zu lassen. Man begriff nicht, wie der sonst so gescheidte Lohmeyer auf den Einfall kommen konnte, ein solches Stück zu geben, man begriff noch weniger diejenigen, die ttotz alledem hineingingen, weil sie gehört hatten, es befinde sich eine Dame bei der Gesellschaft, welche in Neu-Brandenburg in den Heldinnenrollen Triumphe gefeiert habe.
„In Neu-Brandenburg Triumphe feiern, dürste nicht schwer halten," hieß es achselzuckend.
So sprach man am Tage der Vorstellung; am Morgen nach derselben hatte sich die Situation vollständig verändert. Aus der Promenade, am Strande, beim Frühconcert, in den Restaurattonssälen, überall