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JW 151.

Freitag, den 4. Juli 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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Deutsches Keich.

Berlin, 2. Juli.

* Die Reichstags-Kommission, welcher der Antrag der verbündeten Regierungen betreffs der Errichtung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. in Ber­lin zur Vorberathung überwiesen worden war, hat be­schlossen, die Entscheidung über die Platz frage dem Kaifer zu überlassen.

* Das deutsch-englische Abkommen über die Abgrenzung der Interessen - Sphäre in Ostafrika und die Abtretung Helgolands an Deutschland ist heute, wie verlautet, durch den Reichskanzler v. Caprivi und den englischen Botschafter Sir Malet unterzeichnet worden.

* Windthorst auf dem Miss mann k om- mers ist die Begeisterung und Freude aller dort An­wesenden gewesen. In dem Gespräch der Abgeordneten anderer Parteien klingt diese Stimmung noch immer wieder und auch deren Presse entzieht sich derselben nicht. So heißt es z. B. in der Schilderung des Wiss- mannskommerses an der betreffenden Stelle in der »Köln. Zeitung': Damit war die Reihe der offi­ziellen Toaste erschöpft. Schon standen einzelne von ihren Plätzen auf, um Freunde zu begrüßen und um vor allem die Bekanntschaft der Offiziere der Schutz­truppe zu machen, des jugendlichen Adjutanten Wiss- manns, Dr. Bumiller, des Chefs, Herrn von Eberstein, dann des im reichsten purpurfarbenen Gewände erschie­nenen jugendlichen Malis von Pangani, der sein Heil im Zuckerwasser suchte und mit offenbarer Freude an der Feier theilnahm, ein guter Freund der deutschen Sache, der in seiner Heimath große Dienste geleistet (er wurde auch auf seinen Wunsch, den „Wali Windt- horst" kennen zu lernen, durch den Grafen Hoensbroech dorthin geführt und durch Major von Wissmann in arabischer Sprache vorgestellt), dann des jugendfrischen Besteigers des Kilimandscharos, des kühnen Dr. Meier, der heute in der Uniform des Garde-Feld-Artillerie- Regiments prangt, zu dem er zu militärischer Uebung eingezogen ist. Dann wird noch einmal allgemeine Stille geboten: Dr. Windthorst erhebt sich, und bald zeigt sich, daß wir zum Glanzpunkt des Festes gekommen sind. Die kleine Excellenz ist in der heiter­sten Laune. Sein Gesicht strahlt vor Vergnügen, und die große Heiterkeit, die seine witzigen Bemerkungen er­zeugen, entfesselt neue geistreiche Wendungen und neuen lauten Beifall. So frisch und munter haben wir ihn feit langer Zeit nicht mehr gesehen; nicht, wie zuletzt im Reichstage, folgt nur zögernd und langsam ein wohl überlegter Satz auf den andern, nein, er spricht flie­ßend, angenehm, heiter mit lauter fester Stimme. Das Komitie habe ihm zu Liebe eine Aus-

In harter Schule. -

Roman von G. I.

(Z9. Fortsetzung.)

Die Schauspieler, welche bei den ersten Proben in Seontine mit ganz richtiger Witterung den Neuling erkannt und ihre schadenfrohen und hämischen Be­merkungen über die lange Pause, die man in den Vor­stellungen des Gastes eintreten zu lassen für gut be- funben hatte, gemacht hatten, wurden irre, als Leon­tine in den Proben zu Maria Stuart fester und un­befangener auftrat, und verstummten, als die Vorstell­ung selbst ihnen eine Leistung zeigte, vor der, für den Augenblick selbst der Neid schwieg.

Leontine brachte die Magdalena, aus welcher Schiller seine Maria gezeichnet hat, zur vollen Geltung, aber fie war nicht bloß die Magdalena, sie war auch das Weib, das noch voll und glühend das Leben in sich pulsiren sühlt und sich, indem es sein Schicksal als eine Buße für Vergangenes hinnimmt, doch hinaus­sehnt in die Welt, von welcher sie der Wille einer Königin, die Maria nicht einmal für ihres Gleichen, geschweige denn als ihre Richterin ansah, grausam verbannte. Sie war aber auch die Königin, sie war die Märtyrerin, die gläubig und ergeben in den Tod geht.

Bon ihrem Schwünge, ihrem Feuer, chrer Begei­sterung wurden die Mitspielendenfortgerissen, und als

nähme gemacht und ihm das Wort gestattet, freilich unter der Bedingung, daß er sich politischer Anspielung enthalte. Er freue sich, in seinem hohen Alter neben einem so jungen thatkräftigen erfolgreichen Offizier zu sitzen, der so jung schon so Hervorragendes geleistet und noch so Vieles verspreche. Was die verlangte fernere Unterstützung anbelange, so wolle er sich nicht binden, vielmehr freie Hand behalten. Es komme darauf an, was und wie viel verlangt werde. Wir müßten spar­sam sein, aber wir hätten auch Sparkassen, und aus diesen würde man gerne zuschießen. Sein Wahrspruch sei der althannoversche: „Nunquam retrorsum“, so lange der gute Major nicht zu viel verlange — Offi­ziere gingen darin leicht zu weit — werde sich leicht ein Einverständniß erzielen lassen. Denn das deutsche Prestige war und komme auch ferner noch in Frage. Welchen Eindruck hätte es in der Welt gemacht, wenn Wissmann hätte mit langer Nase abziehen müssen. Es scheine, daß Wissmann nur gekommen sei, die früher bewilligten Geldmittel zu holen und neue Forderungen anzukündigen, aber er, Windthorst, werde Wissmann nicht verlassen. Man kann sich denken, welche Freude diese knappen und klaren Worte, zumal bei der jetzigen Zusammensetzung des Reichstages hervorriefen; aber noch mehr zündete der Schluß. Windthorst ver­ließ die Kolonialfrage und wandte sich an das mensch­liche G emüth. Mit Wärme gedachte er der Mutter des Reichskommissars. Alle deutschen Herzen schlügen heute hoch dem Manne entgegen, der in seinen Jugend­jahren die deutsche Fahne in fremden Landen so stolz entfaltet und hochgehalten habe. Aber dem Zurückge­kehrten schlage am wärmsten mit größter Dankbarkeit gegen Gott das Herz seiner ehrwürdigen Mutter ent­gegen. Und dieses ihr gewidmete Gedenken wurde mit lautem Jubel, unter tiefer Bewegung des Herrn von Wissmann, von allen Anwesenden getheilt. Das war der Höhepunkt des Festes.

* Die heutige letzte Reichstagssitzung währte nur eine Stunde. Sie war überaus schwach besucht, da wohl die meisten Abgeordneten schon abgereist sind. Die auf der Tagesordnung stehenden Gegmstände wur­den ohne Debatte erledigt, nämlich in dritter Berath- ung der Gesetzentwurf, betreffend die Konsulargerichts­barkeit auf Samoa und der dritte Nachtragsetat. Heber den Antrag der verbündeten Regierungen, betr. die Errichtung eines Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. referirte Namens der Kommission Abg. Frhr. v. Unruhe-Bomst. Es wurde ohne Debatte der bereits gestern von uns mitgetheilte Antrag der Kom­mission angenommen, die Entscheidung über die Denk­mals-Angelegenheit einschließlich der Platzfrage dem Kaiser zu überlassen. Gegen diesen Antrag stimmten, endlich der Vorhang fiel und der Beifall des Publi­kums sich in einem Sturme Luft machte, wie ihn das kleine Theater und die kleine Stadt wohl noch selten gesehen, da galten die Ovationen in erster Linie aller­dings der Darstellerin der Maria, man fühlte doch aber auch, daß man im Ganzen eine vortreffliche Vor­stellung gehabt, und was die Schauspieler anbetraf, so hatte beinahe Jeder das Bewußtsein, zum Gelingen des Ganzen beigetragen zu haben und seinen Theil an den Ehren des Abends beanspruchen zu dürfen.

Langsam aber stetig schritt Leontine nun in dem gewählten Rollenfache vorwärts. Man hatte in Neu­brandenburg vielleicht niemals so viele Dramen ersten Ranges auf dem Repertoir gehabt, wie während der diesjährigen Saison; aber das Publikum, die Direktion und, was am meisten zu verwundern war, die Schau­spieler waren zufrieden mit dieser Einrichtung.

Ehlert und seine Schülerin, denn als solche wollte Leontine stets betrachtet sein, hatten es bei dem Direk­tor, der seinen Gast am liebsten jeden Abend hätte spielen lassen, durchgesetzt, daß Leontine wöchenllich nur zwei Mal und dabei immer einmal in der Wieder­holung einer bereits gegebenen Rolle auftrat. Dadurch wurde erreicht, daß nicht nur die junge Dame selbst ihrer Rolle vollständig Herr werden konnte, sondern daß auch ein treffliches Znsammmfpirl ermöglicht ward.

Der Maria Stuart war als zweite Rolle die Kriemhild in Hebbel's Nibelungen gefolgt, dann war

wie wir dem Bericht der .Germania' entnehmen, nur die Sozialdemokraten und einige Freisinnige, darunter der Abg. Richter. Hierauf verkündigte Staatssekretär von Bötticher die Vertagung des Reichstages vom 8. Juli bis zum 18. November d. I. Der Präsident erbat und erhielt die Ermächtigung, die nächste Sitzung und Tagesordnung nach eigenem Ermessen je nach Lage der Geschäfte zu bestimmen, und wünschte den Reichsboten glückliche Heimkehr und gesundes Wieder­sehen. Nachdem noch Abg. Dr. Windthorst Namens des Hauses dem Präsidenten den Dank und die Aner­kennung für die unparteiische Führung der Geschäfte ausgesprochen, wurde die Sitzung vom Präsidenten mit einem Hoch auf den Kaiser geschlossen, in welches die Versammlung drei Mal begeistert einstimmte.

* Die Arbeiterschutz-Kommission des Reichs­tags berieth heute über die zulässigen Ausnahmen. Die Spinnereien wurden aus der Reihe derjenigen Betriebe gestrichen, für welche Ausnahmen gestattet werden kön­nen. Auch wurde ein vom Abg. v. Kleist-Retzow bean­tragter Zusatz angenommen, wonach die Nachtarbeit 10 Stunden nicht übersteigen darf. Die Kommission tritt am 5. November zusammen, um ihre Arbeiten fortzu­setzen.

* Kriegsminister v. Verdy tritt am Mittwoch einen öwöchigen Urlaub an und begleitet seine in der Rekonvaleszenz befindliche Gemahlin nach Salzburg.

* Die Vermählung der Prinzessin Victoria von Preußen, Schwester des Kaisers, mit dem Prinzen Adolf von SchauMburg-Lippe findet am 21. November, dem Geburtstage der Kaiserin Flierich in Berlin statt.

* Gestern fand, wie die ,Pos. Ztg.' meldet, im Kapitelsaale der Posener Domkirche durch die Mitglieder der beiden Domkapitel der Erzdiözese Posen-Gnesen und die Ehrendomherrn die Aufstellung der Kandi­datenliste für den erledigten erzbischöflichen Stuhl statt. Die Liste wird nunmehr Sr. Maj. dem Kaiser und König unterbreitet werden.

* Köln, 1.Juli. An der heutigen Hauptversamm­lung der deutschen Kolonialgesellschaft nahmen mehrere hohe Staats- und städtische Beamte, der Erzbischof, zahlreiche Offiziere und ein sehr gewähltes Publikum Theil. Die Gallerten waren von Damen besetzt. Staats­minister a. D. Hoffmann begrüßte als Vorsitzender die Versammlung und spendete Major v. Wissmann und dessen Verdiensten, hauptsächlich um die Unterdrückung des Sklavenhandels, hohes Lob. Die Versammelten ehrten Wissmanns Verdienste durch Erheben von den Sitzen, die Kolonialgesellschaft hat denselben zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt. — Major Siebert, sehr sym­pathisch begrüßt, berichtete sodann über die militärische Sage in Ostafrika, nachdem er Major v. Wissmann

die Prinzessin Eboli in Schillers Don Carlos, dann Rosenthals Deborah an die Reihe gekommen. Medea und Sady Macbeth wünschte Ehlert als spätere Sei- stungen aufzubewahren.

„Es kommt mir jetzt bei uns vor, wie in der klas­sischen Zeit zu Weimar", sagte er eines Tages zu Sohmeyer.

„Es ist nur zu bedauern, daß wir keinen Herzog Karl August haben", bemerkte jener.

„Wozu, damit er uns einen Hund auf die Bühne brächte?" fragte Ehlert kurz.

„Saß doch die dumme Hundegeschichte", wehrte Sohmeyer. „Ich meine, wir brauchten um so weiter spielen zu können, eine Bühne, die nicht gänzlich ab­hängig wäre von der Gunst ober Ungunst des Pub­likums."

„Nun, ich dächte, auch darüber hättest Du Dich nicht zu beklagen."

„Ich muß Dir gestehen, ich staune, daß man bei dem Repertoir Stich hält und nicht zur Abwechselung die Posse haben will; wie lange wird das noch so fortgehen?"

„So lange Du dem Publikum wirklich Gutes bietest", antwottete Ehlert bestimmt.

Sohmeyer zuckte die Achseln. Du bist und bleibst der alte unverbesserliche Idealist, Freundchen, ich kenne meine Pappenheimer besser."

Es schien jedoch, als sollte^diesmal der Idealist