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JW 150.

17. Jahrgang

Donnerstag, den 3. Juli 1890.

Fuldaer Zeitung

s;. • 9«hmi0 D-ibel in RiUba. - ™ — Druck u. Verlag der Fulbaer Actienbruckerei (A. Dlllmann).

Druck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei ('21 Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda»

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Deutsches Keich.

Berlin, 1. Juli.

* Die,Hamburger Nachrichten' regen eine nationale Feier des 9 0. Geburts-Festes des General- Feldmarschalls Grafen v. Moltke an. Graf Moltke (geb. am 26. Oktober 1800 zu Parchim in Mecklenburg) feiert am 26. Oktober d. I., wenn ihn Gott dem Vaterlande erhält, sein 90. Geburts - Fest. Diesen Tag dürfte Deutschland, so meint das genannte Blatt, nicht vorübergehen lassen, ohne seinem greisen Helden eine allgemeine Ovation darzubringen. Sollte die Anregung Wiederhall finden, so wäre zum Beginn der Vorbereitungen für eine nationale Ovation der jetzige Zeitpunkt ein nicht zu früher.

* Major v. Wissmann wird nach belgischen Meldungen am Mittwoch früh als Gast des Königs im Königspalast zu Brüsfel absteigen.

* Immer klaffender werden die Lücken im Reichs­tage, die Tribünen aber weisen noch Besuch auf, da die jetzt aus Anlaß des deutschen Bundesschießens zahlreich nach Berlin kommenden Fremden vor Thores- schluß den Reichstag noch besuchen wollen. Heute wurde zunächst ohne erhebliche Debatte in erster und zweiter Berathung der die Konsulargerichtsbarkeit in Samoa betreffende Gesetzentwurf erledigt, der dem Hause gestern noch zugegangen ist. Durch diesen Ge­setzentwurf wird gemäß der am 14. Juni v. I. zwi­schen Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossenen Samoaakte die bisher ausgeübte Gerichtsbarkeit des deutschen Konsuls in Samoa eingeschränkt. Außerdem soll das Reich zu dem Gehalt des von den drei Vertragsmächten zu er­nennenden Oberrichters den dritten Theil beitragen. Bei der dritten Berathung des zweiten Nachtrag­etats wurden nur noch einige Wünsche allgemeiner Natur geäußert. So empfahl u. A. der unermüdliche Vorkämpfer für die Sonntagsruhe, der Abg. Dr. Lingens, eine ausgedehntere Sonntagsruhe für alle in den Staatsbetrieben beschäftigten Beamten und Arbeiter. Der Herr Abgeordnete führte laut Bericht der .Germania' aus: „Am 21. Januar d. Jahres hat der letzte Reichstag mit großer Majorität unter Mit­wirkung aller Parteien beschlosfen: den Herrn Reichs­kanzler zu ersuchen, auf eine weitere Förderung der Sonntagsruhe und Ermöglichung der Theilnahme am Gottesdienste sür alle Beamte des Reichs Bedacht zu nehmen. Gerne nehme ich Anlaß auszusprechen, daß sowohl bei der Reichspost- als bei der Reichs-Eisen- bahn-Verwaltung für den gedachten hohen Zweck in den letzten Jahren Anerkennungswerthes, insbesondere

In harter Schule.

Roman von G. I. , (78 Fortsetzung.)

Leontine blickte starr vor sich hin. Die großen grauen Augen schienen nach Innen zu sehen, ihre Ge­stalt schien zu wachsen, man hätte sie für eine fchöne Statue halten können, hätte nicht der sich sichtbar hebende und senkende Busen davon Zeugniß abgelegt, daß in dieser Gestalt ein heißes, volles Leben pulsire.

„Wer hat diesem Manne das Recht gegeben, in mein tiefstes Innere zu blicken, zu erkennen, welches Feuer in mir glüht, welche Kräfte in mir schlummern, welche Gestalten ich zu verkörpern vermag?" fragte sie sich; laut antwortete sie:

„Herr Ehlert hat Recht. Er bezeichnete Ihnen ganz genau das Rollen-Fach, das ich wählen möchte."

Lohmeyer rieb sich die Hände. „Das ist ja char­mant, ganz charmant, mein verehrtes Fräulein. Ich werde also das Repertoir entwerfen. Was das Hono­rar anbetrifst —"

Leontine fiel ihm in die Rede. „Ich halte Sie für ein Ehrenmann, Herr Lohmeyer, und glaube, daß ich mich in dieser Beziehung unbedingt auf Sie ver- laffen kann. Setzen wir darüber heule noch nichts fest. Warten wir noch einige Vorstellungen ab."

„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen", sagte der Direktor, ihr die Hand schüttelnd, offenbar angenehm

durch Aufwendung von Stellvertretungsgeldern, erreicht worden ist. Gleichwohl sind Klagen an mich gelangt aus den Reichslanden und aus den Provinzen darüber daß vielfach die auf Nachtdienst folgenden Sonntage dem Personale immer noch angerechnet würden als für Ruhe und Sonntagsfeier zugesicherte freie Sonntage. Sind die Klagen begründet, und sie sind es, m. Herren, gemäß zuverlässiger Erkundigung, so beweisen sie einen Mißstand, der energische und schleunige Abhülfe heischt. Diese Abhülfe will ich anregen. Werden dafür weitere Geldaufwendungen erfordert, so bin ich versichert, nicht bloß im Namen der Äudgetkommission, sondern aus der Gesinnung aller Mitglieder dieses hohen Hauses heraus erklären zu dürfen, eine solche Bewilligung werde keinem Bedenken unterliegen." Sodann beschäf­tigte sich das Haus mit der zweiten Berathung des 3. Nachtragsetats, welcher im Wesentlichen die finanzielle Ergänzung der bereits genehmigten neuen Militär­vorlage bildet. Außer dem 3. Nachtragsetat standen noch Wahlprüfungen auf der Tagesordnung der heu­tigen vorletzten Sitzung. Die Wahl des antisemitischen Abgeordneten Pickenbach (Gießen) wurde wegen verschiedener Unregelmäßigkeiten beanstandet. Die morgen stattfindende letzte Sitzung vor der Ver­tagung soll bereits Vormittags 10 Uhr beginnen, da viele Abgeordnete schon mit den Mittagszügen Berlin verlassen wollen.

* Von den Mitgliedern des preußischen Mini­steriums ist Eisenbahnminister von Maybach 1822, Justizminister v. Schelling 1824, Finanzminister Dr. Miquel 1829, der Minister des Innern Herrfurth 1830 geboren. Die meisten unserer Herren Minister aber erblickten das Licht der Welt im vierten Decennium des Jahrhunderts, nämlich der Reihe nach Herr von Caprivi 1831, Herr v. Verdy du Vernois 1832, Herr v. Bötticher (gleich dem soeben gegangenen Herrn von Scholz) 1833, Freiherr von Lucius 1835, und Herr von Goßler 1838. Der jüngste ist Freiherr v. Ber­lepsch, aus dem Jahre 1844. Seit dem Regierungs­antritt Kaiser Wilhelms II. hat das preußische Mini­sterium, also in 2 Jahren, folgende Veränderungen erfahren: Ausgeschieden sind: Justizminister v. Fried­berg, Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, Minister­präsident und Minister des Auswärtigen Fürst v. Bis­marck, Staatsminister ohne Portefeuille Graf v. Bismarck, Finanzminister Dr. v. Scholz. Eingetreten sind: Justiz- nunister Dr. von Schelling, Kriegsminister von Verdy, Handelsminister von Berlepsch, Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen von Ccchrivi und Finanz­minister Miquel; von dem alten Ministerium Bismarck sind mithin noch im Amt: Vicepräsident v. Bötticher (ohne Portefeuille), von Maybach (Eifenbahnen und

berührt von einem Vertrauen, das ihm in seinen Ver­hältnissen nicht oft geboten werden mochte. „Siesollen sich in mir nicht getäuscht haben. Aber wünschen Sie nicht vielleicht etwas Vorschuß?"

„Ich leugne es gar nicht, Herr Lohmeyer, daß ich für meine Existenz arbeiten muß," antwortete Leontine heiter, „dennoch bin ich für die nächsten Wochen ver­sehen, so daß -ich vor meinem Wiederauftreten Sie nicht in Anspruch zu nehmen brauche."

„Das wird noch in den nächsten Tagen geschehen."

„Verzeihen Sie, Herr Direktor, Sie müssen mir wenigstens eine Woche Zeit lassen."

Lohmeyer fuhr sich mit den Händen in die Haare und rannte im Zimmer auf und ab, daß das Klirren der Sporen und das Klappern der großen Berloques an feiner Uhrkette die Musikbegleitung dazu bildete.

„Eine Woche, mindestens eine Woche, bedenken Sie, was Sie fordern!" rief er, „das Publikum brennt vor Begierde, Sie wiederzusehen, ich habe leere Häuser, so lange Sie nicht auf dem Zettel stehen!"

„Bedenken Sie auch, was Sie fordern, Herr Loh­meyer," entgegnete Leontine mit großer Bestimmtheit, „ich soll Rollen spielen, von denen jede einzelne die volle Kraft einer geschulten Künstlerin erfordert, und ich bin ein Neuling. Es erscheint mir fast wie Ver­messenheit, wenn ich mich anheischig mache, in einer Woche nur eine dieser Rollen studiren zu wollen."

Lohmeyer senkte den Kopf; er fah die Richtigkeit

öffentliche Arbeiten, Lucius v. Ballhausen (Landwirth- schaft), Dr. v. Goßler (Kultus), Herrfurth (Inneres).

* Die 13. schlesische Katholikenversamm­lung wird dieses Jahr in Glatz abgehalten werden und soll dieselbe nach Uebereinkunft mit dem Kom- missarius der schlesischen Katholikenversammlungen, Ab­geordneten Freiherrn v. Huene, am 8., 9. und 10. September stattfinden; für Donnerstag, den 11. Sep­tember, ist ein gemeinschaftlicher Ausflug geplant.

* Breslau, 1. Juli. Der Schlachtviehmarkt wurde von gestern ab für seuchenfrei erklärt. Das Verbot des Abtriebes von Schlachtvieh nach Auswärts ist aufgehoben.

* München, 30. Juni. Daß in München trotz der liberalen Propaganda und des schlimmen Einflusses des modernen großstädtischen Lebens immer noch im Volke ein starker Fond religiöser kath. Gesinnung vor­handen ist, das beweist das rege Interesse, welches alle Schichten der Bevölkerung der erst vor Kurzem durch Stadtpfarrer Huhn neubegründeten Bruderschaft zum hl. Geist zuwendet, welche binnen wenigen Tagen über 2000 Mitglieder erhielt.

* Aus der Rheinpfalz, 28. Juni, schreibt man der ,Franks. Ztg.': Zur Reichstags-Kandidatur Bismarck im Wahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolan­den kann ich Ihnen berichten, daß mir schon vor vier Wochen die bestimmte Mittheilung gemacht wordm war, im Falle der Kassirung der Wahl Miquel's werde nicht mehr dieser, sondern der frühere Reichskanzler als Kandidat aufgestellt werden. Mein Gewährsmann, desfen Zuverläfsigkeit außer allem Zweifel steht, hat diese Nachricht von so autoritativer Seite im national­liberalen Lager Kaiserslautern's erhalten, daß ich die­selbe für unbedingt richtig halte.

* Der auf Grund des Sozialistengesetzes über Leipzig verhängt gewesene kleine Belagerungszu­stand ist am 28. Juni abgelaufen. Mit Rücksicht darauf, daß das Sozialistengesetz in diesem Jahre außer Kraft tritt, hat die sächsische Regierung darauf verzichtet, eine Verlängerung der über Leipzig und Umgegend verhängten Ausnahmemaßregel zu bean­tragen. Der über „Klein Paris" verhängte „Belage­rungszustand" beschränkte sich übrigens auf die Be- fugniß zur Ausweisung von Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu besorgen war. Er bestand seit dem 29. Juni 1881. Seitdem ist von der erwähnten Befugniß in 157 Fällen Gebrauch gemacht worden. Im ersten Jahre wurden 74, 1882=16, 1883=6, 1884=4, 1885=3, 1886 = 13, 1887=24, 1888 8, 1889 und 1890 eine Person ausgewiesen. In 25 Fällen konnte die Aus­weisung später wieder zurückgenommen werden.

dieser Behauptung ein, vielleicht hatte ihm Ehlert schon Aehnliches gesagt. „So muß ich mich fügen," versetzte er seufzend. Setzen wir also Ihr nächstes Auftreten für heute über acht Tage an. Zu welchem Stücke foll ich die Rollen vertheilen lassen?"

„Das berathen wir wohl am besten mit Herrn Ehlert," antwortete Leontine. „Ich habe außerdem noch an ihn die Bitte zu richten, die Rollen mit mir zu studiren."

Lohmeyer sah sie mit einem Blicke an, in dem sich Bewunderung und Hochachtung mischte.

„Sie nehmen es ernst mit der Sache, Fräulein Schmidt," sagte er, „das freut mich aufrichtig. Sie werden es weit bringen, das prophezeie ich Ihnen. Und wenn Sie auch nicht lange bei mir bleiben — man wird Sie mir bald genug wegkapern — so schadet das auch nichts. Ich habe Sie doch entdeckt, den Ruhm werden sie dem alten Lohmeyer schon lassen müssen. Ich schicke Ihnen Ehlert."

Es ward in Folge dessen zwischen dem Direktor, Ehlert und Leontine ganz genau die Reihenfolge der­jenigen Stücke vereinbart, in denen sie auftreten follte, und für die nächste Vorstellung Maria Stuart fest­gesetzt. Ehlert ging mit großer Bereitwilligkeit darauf ein, die Rollen mit Leontine zu studiren, und es ward für jeden Tag eine bestimmte Zeit für den Unterricht in Aussicht genommen.

Nachdem dies Alles geordnet war, schrieb Leontine