JV 147.
Sonntag, den 29. Juni 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung.
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UHA7 Zweiers Blatt.
Letzte Nummer des gegenwärtigen zweiten Quartals.
Vom neuen Finanrminiller?)
Also Herr Miquel ist doch endlich Minister geworden. Ich gratulire pflichtschuldigst und kondolire von Herzen. Finanzminister zu sein ist ehrenvoll, aber unter den obwaltenden Verhältnissen ist es kein sogen. „Genuß". Steuerminister nennen ihn die bösen Zungen. Wenn der Kriegsminister neue Millionen braucht, muß der Finanzminister neue Steuern ersinnen; der Aerger der Steuerzahler richtet sich aber weniger gegen den, der das Geld verbraucht, als gegen den, der es eintreibt.
Ach, wo sind die schönen Zeiten, als Herr Camphausen als Finanzminister des Ueberflusses mit einem unnachahmlichen Lächeln satter Besriedigung auf seinem Sessel saß, die Hände behaglich auf seines Leibes Fülle ruhend lassend. So weidete er sich an dem Eindruck, welchen seine Ankündigung von dem neuesten Riesen- Ueberschuß gemacht hatte. Und wenn ein oppositioneller Redner ihn angriff, so suhr er „unentwegt" fort, die Daumen um einanderkreisen zu lassen, und seine ganze Erscheinung sagte: „Mir kann Keiner! Ich sitze im Fette. Gottes Segen bei Camphausen!" . . . Aber es kam ein Tag, wo Camphausen vor versammeltem Kriegsvolk weinte, echte, tropfbar-flüssige Thränen weinte. Denn auf die Milliardenzeit folgte überraschend schnell die Mangelzeit; aus dem Ueberflußminister sollte ein Besteuerungsminister werden. Herr Camphausen hatte auch den besten Willen, aus seiner vergnügten Haut zu fahren; aber es wurde ihm sauer, und als Bismarck das merkte, ließ er ihn hartherzig fallen. Die Rührung beim Abschiede war nur einseitig.
Auf den dicken folgte ein dünner Finanzminister. Herr Hobrecht hat in seinem Vorleben viel Aehn- lichkeit mit Miquel. Beide nationalliberal, beide Oberbürgermeister. Beide hatten es eigentlich nicht nöthig, sich ein so schweres Portefeuille aufzuladen. Herr Hobrecht hat den Ehrgeiz bald bereut; denn es dauerte gar nicht lange, da war er des Ministerpostens ledig, ohne den Bürgermeisterposten wieder zu bekommen.
Herr v. Bitter trat in die Bresche. Er war ein guter Mensch und sogar ein sehr guter Musikant, aber mehr in Moll- und Durnoten, als in Banknoten. Ein ehrenfester Beamter vom guten alten Schlage, der treu
*) Nachdruck nicht gestattet.
In harter Schule.
Roman von G. I.
(75 Fortsetzung.) XXV.
Die Zettel verkündeten mit großen Lettern das erste Auftreten der lang erwarteten Gästin Fräulein Schmidt, als Cordelia im Lear. Der Direktor hatte schmunzelnd überall' erzählt, daß er dem Publikum etwas ganz Außerordentliches, Prima-Qualität, wie er sich ausdrückte, zu bieten habe. Wer die neue Schauspielerin flüchtig im Hotel oder auf ihrem Wege nach dem Theater zu den Proben gesehen hatte, rühmte ihre seltene Schönheit und so war denn die Erwartung aufs Höchste gespannt, das Haus ausverkauft und schon lange vor Beginn der Vorstellung durch Diejenigen besetzt, die nicht durch einen numerirten Platz ein Pri- vilgium ans spätes Erscheinen erkauft hatten.
Leontine hatte kaum eine halbe Stunde nach der Entfernung des Direktors von diesem die Rolle der Cordelia erhalten, sich aber nicht blos mit dem Studium ihrer Partie beschäftigt, sondern sich mit ganzer Seele in das ganze Werk versent, ernst und tief nachgedacht über die dem phantastischen Stücke zu Grunde liegende tiefe Wahrheit, die bei aller Hingabe an das Kolorit der Zeit, an das Märchenartige der ganzen Darstellung doch zur Anschauung gebracht werden mußte.
Der Besuch der Garderobiere, welche ihr das Kostüm der
jeden Posten wahrnimmt, auf den ihn die Pflicht ruft. Auch er war bald vom Fürsten Bismarck verbraucht. Nun folgt eine angebliche „Capacität": Scholz, später v on S ch olz und Sekondelieutenant, zu „augenleidend".
Herr v. Scholz hat allezeit Alles gethan, was er dem Fürsten Bismarck in den Augen absehen konnte. Aber in den letzten Jahren der Bisuiarck'schen Herrlichkeit vermochte er ihm nicht das Richtige abzusehen. Entweder lag das in dem „Augenleiden" des Herrn v. Scholz, oder es lag daran, daß Fürst Bismarck manchmal, z. B. in der Steuerreformfrage, selbst nicht wußte, was er wollte. Herr v. Scholz war schon lange der Minister mit der Thür in der Hand. Er ruhe sanft in Potsdam. Es heißt nämlich, er solle Präsident der Oberrechnungskammer werden. Ein Posten, um den ich ihn beneide! Dieser Oberrechnungsmeister ist der unverletzliche und unversetzliche Prüfer und Richter über das ganze öffentliche Buch- und Kastenwesen; er hält in der einen Hand das Scepter des Staatshaushalts und in der andern den Reichsapfel des Einmaleins und sieht die Wogen der politischen Brandung vor seinen Füßen zerschellen.
Nun soll Herr Miquel den festgefahrenen Karren flott machen. Er ist nicht bloß Bürgermeister in Osnabrück, sondern auch Bankdirektor in Berlin und Bürgermeister in Franffurt a. M. gewesen ; aber seiner Sprache merkt man es immer noch an, daß er ein rechter „Michel" ist aus dem schönen Nordwesten, wo man die Laute hinten in der Kehle fabrizirt. Bennigsen ist ein imposanter Redner, Miquel ein höchst geschickter und wirksamer. Bennigsen ist gut für die Parade, Miquel für den Felddienst. In Frankfurt sagen alle Leute, auch seine schärfsten politischen Gegner, daß sie keinen so tüchtigen Bürgermeister wieder kriegen könnten. Und ich glaube, daß sie Recht haben. Denn trotz der alten Gründerei und der neuen Kartellmeierei habe ich eine gewisse Vorliebe für Miquel. Als ich ihn zum ersten Mal im Parlament hörte, (es war vor etwa 18 Jahren) vertheidigte er das altehrwürdige heimath- liche Institut der Leinwand-Leggen gegen seine Parteigenossen und auch gegen die „Prinzipien" der Partei. Ich sagte mir gleich: der Mann ist eigentlich praktischer und vernünftiger, als ein Nationalliberaler sein darf. Auch wenn ich mich später zu den Miquel'schen Reden im schärfsten Gegensätze befand, habe ich immer den Eindruck behalten: Das ist ein Mann, mit dem man eher auskommen kann, als mit seinen sämmtlichen Parteigenossen. Von den Irrwegen des Kulturkampfs ist Herr Miquel eher abgeschwenkt, als die Andern; ebenso hat er für die sozialen Aufgaben der Zeit so viel Verständniß und Eifer entwickelt, wie außer Herrn Oechelhäuser kaum ein anderer Liberaler.
Cordelia vorlegte und um ihre Befehle in Betreff etwaiger Abänderungen bat, störte sie in ihrem Sinnen und Träumen. Sie hätte gern diese Garderobenfrage als etwas Aeußerliches von sich gewiesen, aber es ging nicht. Zu eng war sie verknüpft mit der Gestaltung der ganzen Rolle, auch erkannte Leontine bald, wie wesentlich das Kostüm nicht blos für die Jllussion des Publikums, sondern für die Illusion des Schauspielers selbst ist. Als ihr die Frau die goldgestickten Gewänder der königlichen Prinzessin, über deren Hand ihr Vater und Herr verfügen will, anlegte, da kam es über sie, als sei sie wirklich Cordelia, Lears Tochter, als habe sie ihren Brautschmuck zu rüsten, und es läge ihr daran, dem Manne ihrer Wahl schön entgegen zu treten.
So ward denn auch das anscheinend untergeordnete Geschäft der Ausstattung ihrer äußeren Erscheinung für sie poetisch verklärt und deshalb von ihr mit Sorgfalt und Hingebung behandelt.
Ihr geläuterter Geschmack, die künstlerische Durchbildung, die sie im Verkehr mit Wollenberg erhalten, kamen ihr dabei zu Statten und so brachte sie verschiedene Aenderungen in Vorschlag, welche der Garderobiere imponirten und sie den Schluß ziehen ließen, sie habe es mit einer Schauspielerin zu thun, welche gewohnt sei, an ersten Bühnen zu spielen.
Am Abend war alsdann der Direktor nochmals gekommen und hatte ihr |ben ^Schauspieler vorgestellt,
Interessant ist der Wettlauf zwischen dem stelz beinigen Bennigsen und dem flinksüßigen Mique Als vor 13 Jahren für die Nationalliberalen der Portefeuille - Weihnachtsbaum aufgebaut werden sollte, ließ man Herrn Miquel links liegen. Herr v. Bennigsen saß mit dem großen Löffel vor der Schüssel, bis ihm — nach dem Ausdruck Bismarck's — Lasker in die Suppe spuckte; Miquel saß unbeachtet am Katzentische und büßte für die Betheiligung am Tanze um das goldene Kalb. Bald wurde Bennigsen so an die Wand gedrückt, daß er in den hannoverschen Schmollwinkel flüchtete. Inzwischen hob sich Miquel als Reformator der Partei auf die Höhe der Führung. Als die Beiden 1887 zurückkehrten, standen sie ungefähr im gleichen Range. Nun nahm Herr v. Bennigsen das Oberpräsidium von Hannover an; damit schien er den Frankfurter Bürgermeister bedeutend überholt zu haben. Doch Letzterer war klüger: als ihm auch ein verlockendes Oberpräsidium, und zwar in der schönsten preußischen Provinz, angeboten wurde, lehnte er dankend ab in der richtigen Berechnung, daß man von Frankfurt nach Berlin nicht den Umweg über Coblenz zu nehmen brauche, sondern ruhig auf dem warmen Posten am Main den durchgehenden Zug abwarten könne. Für Miquel kam der Zug; Bennigsen wartet noch.
Alles in Allem ergibt sich der Eindruck, daß Herr v. Bennigsen mit viel mehr Inbrunst als Miquel die Minister - Herrlichkeit angestrebt hat. Miquel scheint einen großen Abschen vor dem Berschlissenwerden gehabt zu haben. Aber freilich, als ihm der Kaiser sagte: „Sie sind mein Mann!", da war's um ihn ge- scheh'n.
Wie dieser geschickte Kopf es anstellen wird, um die riesigen Schwierigkeiten seiner Aufgabe zu überwinden — das wird ein höchst anziehendes nnd lehrreiches Schauspiel sein. Und zwar nicht bloß vom eigentlichen politischen Standpunkte, um den wir uns ja an dieser Stelle wenig kümmern. Auch für Diejenigen, welche sich um die Alltäglichen des politischen Getriebes weniger kümmern, wird es von großem Interesse gewesen sein, die erste Entwickelung des Herrn v. Caprivi in seinem neuen Berufe zu beobachten. Die anderen Minister standen bisher sämmtlich als altbekannte Erscheinungen im Hintergründe der Schaubühne. Jetzt tritt aber eine neue, fesselnde Persönlichkeit auf. Neben dem Politiker aus der Kaserne steht jetzt der Politiker aus dem Parlament und Rathhaus als Mitträger der „neuen Aera". Wie wird dieses ungleichartige Gespann sich bei der Fahrt bewähren?
Und wenn Caprivi und Miquel in Zwiespalt ge- rathen? Zweifellos ist Herr v. Caprivi an Charakterstärke dem neuen Kollegen über. Daß Herr v. Caprivi in dessen Händen die Rolle des Königs Lear war und welcher gleichzeitig als Regisseur wirkte. Herr Ehlert war dem Direktor innig befreundet, ihm allein hatte er anvertraut, welches Experiment er mit dem Auftreten der jungen Dame zu machen gedenke, und der Regisseur hatte dazu doch bedenklich den Kopf geschüttelt.
„Sieh sie nur erst, Herzensbruder, höre einen Ton ihrer melodischen Stimme und alle Bedenken werden schwinden", hatte ihm Lohmeyer zuversichtlich erwidert und ihn aufgefordert, ihn noch am Abend zu der jungen Dame zu begleiten.
Ehlert war gern darauf eingegangen, nicht nur aus Freundschaft für den Direktor, sondern weil er ein gewissenhafter Regisseur und ein Schauspieler war, der es mit seiner Kunst ernst nahm und sich bei jeder Rolle, die er durchzuführen hatte, nicht als Hauptperson, sondern als einen Theil eines Ganzen fühlte, dem er sich einzufügen und unterzuordnen hatte. Die Persönlichkeit und Eigenthümlichkeit Derjenigen, mit denen er zu spielen hatte, bildete daher bei ihm immer einen Gegenstand sorgfältigster Berücksichtigung und Erwägung. Er war aus diesen Gründen schon an und für sich kein Freund des Gastspiels, sondern legte großen Werth auf eine dauernde Rollenbesetzung und ein trefflich einstudirtes Gesammtfpiel, das er, soweit dies die Verhältnisse der Bühne, an der er thätig war, gestatteten, zu erreichen suchte, und erreichte; noch weit