Schiedsgerichten mehr Platz im Völkerrecht angewiesen werden. Sind doch heute die Parlamente der Kulturstaaten in der traurigen Lage, entweder mit schwerem Herzen die ungeheuren Militärlasten zu bewilligen oder den Verdacht und Vorwurf auf sich zu laden, es mangele ihnen an „Patriotismus". Im italienischen Parlamente ist nun von dem früheren Unterrichts- minister Bonghi folgender Antrag gestellt worden:
„In Gemäßheit ihrer bei früheren Fällen kundgegebenen Anschauungen und um denselben im Interesse der Finanzen, der Bolkswirthschaft und der fortschreitenden Verminderung der Militärausgaben der Staaten eine erhöhte Wirkung zu verleihen, fordert die Kammer die Regierung auf, mit allen Mitteln die Lösung aller zwischen den Nationen entstehenden Differenzen im Wege des Schiedsgerichts zu sichern und die Annahme des Schiedsgerichts, sei es durch schiedsgerichtliche Klauseln in Spezialverträgen, feststellen zu lassen."
Mutter dieses Antrages ist unstreitig dieMilitär- l a st, der Italien noch kaum gewachsen ist. Es ist itur ein aus der Zeit und ihren Bedürfnissen geborner Wunsch, dem der italienische Deputirte mit seinem Anträge Ausdruck gab. Mehr noch als der Kaiserstaat an der Donau seuszt unser italienischer Verbündeter unter der Last des Militarismus, und es ist sehr fraglich, ob Oesterreich und Italien auf die Dauer das Wettrüsten werden mitmachen können. Die Berathung des obigen Antrages ist übrigens auf Vorschlag Crispi's, der mit demselben sympathisirte, bis zur Erledigung der dringendstenGesetzentwürfe vorläufig zurückgestellt worden.
* Der Kaiser hat gestern den Reichskommissar Major Wißmann in den Adelstand erhoben.
* Die Kaiserin Friedrich besuchte gestern Nachmittag das Kunstgewerbe - Museum, um dort die Arbeiten in Augenschein zu nehmen, welche für das Mausoleum Kaiser Friedrich's III. bestimmt sind.
* In der heutigen Reichstagssitzung wurde die gestern abgebrochene zweite Berathung der Militärvorlage fortgesetzt. Haus und Tribünen waren wie schon gestern gut besucht, auf letzteren erblickte man besonders viele Offiziere. Zunächst machte der Präsident dem Hause Mittheilung von dem Tode des Abg. Graf v. Bernstorff (Hospitant des Centrums) der in seiner Heimath in dem ehrwürdigm Alter von 87 Jahren verstorben ist. Das Haus ehrte das Andenken des Verstorbenen in üblicher Weise durch Erheben von den Plätzen. In einem Schreiben zeigte der Abg. Dr. Miquel an, daß er zum preußischen Finanzminister ernannt worden sei. Das Schreiben wurde behufs Veranlassung des Weiteren der Geschäfts- ordnungskommission überwiesen. Gegen die Militärvorlage erhielt sodann das Wort der hannoversche Abg. v. d. Decken (wild). Derselbe führte aus, daß die Militärverwaltung bis zum Abläufe des Septennats mit der Vorlage hätte warten sollen. Durch die Vorlage werde das Septennat von der Regierung durchbrochen und die frühere Opposition gegen das Sep-
sagte ruhig: „Frau Psannenberg, ich dächte Sie könnten wissen, daß es bei mir ordentlich und anständig zugeht."
„Das wissen wir, Herr Lohmeyer, das wissen wir" begütigte Pfannen berg, „nehmen Sie sich's nicht zu Herzen, was meine Alte sagt, der geht manchmal die Zunge durch."
„Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, Herr Lohmeyer", versicherte nun auch die Wirthin, „Sie sind ein reputirlicher Mann, aber im Allgemeinen —"
„Giebt es Gesindel unter den Schauspielern, wie unter allen Ständen und um so mehr bei uns, weil man uns als die Parias der Gesellschaft immer noch, ansieht," fiel ihr der Direktor in die Rede.
Pfannenberg kannte Lohmeyer und wußte, daß er wenn er auf dieses Thema kam, stundenlang ununterbrochen fortreden konnte. Er hörte das zuweilen recht gern, heute fand er aber die Tagesarbeit nicht geeignet dazu und so suchte er ihn schnell abzulenken, indem er sagte:
„Frau, das Fräulein ist ja kein Kind, das Du bemuttern sollst. Sie hat ja ihr Thun und Lassen, und wenn sie dem Direktor aushilst, so wird sie darum nicht gleich Schauspielerin." Das Letztere, fügte er hinzu, da er sah, daß Lohmeyer wieder einen Anlauf zum Sprechen nahm.
JV 145.
Freitag, den 27. Juni 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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3. Guartal 1890
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Irland.
Unter allen Völkern der Erde ist für uns Deutsche keines so schwer zu verstehen, wie das Volk von Irland. In seinen politischen Bestrebungen sehen die Einen den glühendsten Patriotismus, während die Anderen nur Revolution und Empörung darin finden. In dem Kampfe itm den Wiederbesitz seines heimath- lichen Bodens erblicken die Einen den verzweifelten Aufschrei eines mit roher Gewalt niedergetretenen Volkes, die Anderen reden nur von Gesindel, von Dieben, Räubern und Verbrechern. In dem katholischen Leben Irlands erblicken die Einen die blühendste Entfaltung der katholischen Religion, die Anderen erkennen darin nur Bigotterie und Aberglaube, unfähig, um ein Volk auch nur gegen Trunksucht und Meuchelmord zu schützen.
Wie schwer ist selbst dem römischen Stuhle in den letzten Jahren die Aufgabe geworden, in dem furchtbaren Befreiungs-Kampfe, den Irland führt, die Linie zu zeichnen, wo Recht und Unrecht sich scheiden! Wie merkwürdig, daß der alte Gladstone den Rest seiner Tage daran setzt, dem irischen Volke seine Freiheit und sein Recht erkämpfen zu helfen! Wir als ferne Zuschauer dieses wunderbaren Kampfes lauschen gerne auf die Urtheile großer Männer, die diesem Kampfe nahe stehen. Kardinal Manning hat kürzlich sein Urtheil abgegeben, in einem an Mr. William O'Brien gerichteten Briefe. Dieser Letztere, ein Vertreter Irlands im englischen Parlamente, hatte eine Novelle geschrieben : „When we were boys — Aus unserer Knabenzeit" und hatte dieselbe dem Kardinal zugeschickt. Dieser schrieb jüngst dem irischen Parlamentarier Folgendes:
In harter Schule.
Roman von G. I.
' (73 Fortsetzung.)
„Na, hören Sie mal, erst wartete ich doch ab, ob die Echte nicht käme, sonst gibt's eine nette Karambolage."
Der kleine Mann stand unschlüssig, Pfannenberg lachte sich in's Fäustchen, und seine Frau, die zu einer Seitenthür hereingetreten war und den letzten Theil der Unterhaltung gehört hatte, machte ihm mahnende Zeichen, die er aber nicht beobachtete. Der Eintritt eines Telegraphen - Boten wirkte wie das Erscheinen eines Deus ex machina.
„Ist denn der Herr Schauspiel-Direktor Lohmeyer hier?" fragte er, „man wies mich aus seiner Wohnung hierher!"
„Ich bin's, ich bin's, was bringen Sie?" rief Lohmeyer hastig.
„Ein Telegramm, bitte, unterschreiben Sie!"
„Das hatte aber gute Wege. Zuvörderst riß der Direktor die blaue Enveloppe auf, entfaltete das Telegramm und las, nachdem er den Inhalt überflogen, laut: „Fräulein Schmidt ernstlich erkrankt, kann nicht kommen!" — „Ha, Schlange, Verrätherin, Wortbrüchige!" tobte er.
„In meinem letzten Briefe versprach ich Ihnen wieder zu schreiben, sobald ich Ihr Buch gelesen haben würde. Aber als ich mit dem Buche fertig war, vergaß ich ha§ Buch und konnte nur denken an Irland, an seine mannigfachen Leiden und seine unentwirrbaren Drangsale. Seit Jahren sage ich diese Worte: „Das irische Volk ist das am tiefsten christliche und das am energischsten katholische Volk auf dein ganzen Erdkreise." Die Irländer sind heimgesucht worden mit jeder Art von Leiden, in barbarischer und ausgesuchter Art; Alles, was hundertjähriger Krieg der Raye gegen die Raoe, der Religion gegen die Religion über ein Volk bringen kann, ist ihr Erbtheil gewesen. Aber der Tag der Wiederherstellung ist im Anzuge. Ich hoffe den Anbruch des- Tages zu erleben und hoffe, Sie werden den Mittag dieses Tages schauen, wo das Volk von Irland soweit als möglich wieder zugelassen sein wird zu dem Besitze seines eigenen Bodens und zugelassen sein wird zu seiner eigenen Verwaltung und Gesetzgebung, während es nicht aufhört, theilzunehmen an der Gesetzgebung, durch welche das Kaiserreich mächtig und stark ist. Dann werden Irland und England nicht mehr getrennt sein. Ihr ergebener Heinrich Eduard, Kardinal-Erzbischof." Mögen die Urtheile solcher Männer zur Klärung der Meinungen über Irland beitragen.
Deutsches Keich.
Berlin, 25. Juni. "
* Die internationale Schiedsgerichts- Propaganda macht Fortschritte und hat bekanntlich in der italienischen Deputirtenkammer einen Erfolg gehabt, nachdem erst jüngst der spanische Senat und der letzte panamerikanische Kongreß in Washington sich für die Einsetzung internationaler Schiedsgerichte ausgesprochen. Es ist dies eine höchst beachtenswerthe Erscheinung. Sie beweist, daß die noch vor wenigen Jahrzehnten von verlachten Schwärmern gehegte und verkündete Idee, Streitigkeiten zwischen zwei Staaten, statt sie auf blutigen Schlachtfeldern auszukämpfen, durch schiedsgerichtlichen Spruch beilegen zu lassen, immer mehr in den Vordergrund tritt und sich allmälig auch den praktischen Politikern aufdrängt. Und es kann gar nicht anders kommen. Angesichts der entsetzlichen Anschwellung der Kriegsbudgets der Kulturstaaten und der unnatürlichen Anspannung aller Bolks- kräfte zu kriegerischen Zwecken, angesichts der Aussicht, daß die ungeheueren Rüstungen mit einem Finale enden können, welches die Welt von Kanonendonner erzittern macht; angesichts der geheimen Furcht, daß mit dem Ausbruch des Weltkrieges auch zugleich die Weltordnung der jetzigen bürgerlichen Gesellschaft zusammenstürzen kann, ist es nur zu erklärlich, daß die Auffassung immer mehr Boden gewinnt, es müsse den internationalen
„Bitte, unterschreiben Sie, Herr Direktor, ich habe keine Zeit," mahnte der Bote.
Es bedurfte der Intervention Pfannenberg's, der durch ein Schnäpschen die Geduld des Boten verlängerte und durch Zureden Lohmeyer zur Erfüllung der Formalität vermochte.
Während der kleine Mann seinen Namen unterschrieb, schien er sich etwas zu sammeln, denn er sagte aufblickend verhältmßmäßig ruhiger:
Pfannenberg, jetzt folge ich Ihrem Rathe, das falsche Fräulein Schmidt muß das echte werden."
„Erlauben Sie 'mal, Herr Direktor," mit diesen Worten vertrat ihm die Wirthin dm Weg, „das geht denn doch nicht so."
„Frau, machen Sie mich nicht rasend!" rief Lohmeyer und machte verzweifelte Anstrengungen, die Thür frei zu bekommen. „Sie ist mein letzter Rettungsanker."
„Das Fräulein ist mir empfohlen."
„Desto besser, sie soll Ihnen Ehre machen."
„Es geht mir gegen das Gewissen, sie hier unter die Komödianten gerathm zu lassm!" rief die dicke Frau eifrig.
Lohmeyer wandte sich nach ihr um. Alles Gespreizte, alles Komische war wie mit einem Schlage von ihm gewichen. Traurig blickte er vor sich nieder, dann sah er Frau Pfannenberg fest ins Auge und