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JM 144.

Donnerstag, den 26. Juni 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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Deutsches Keich.

Berlin, 24. Juni.

* Der preußische,Staatsanzeiger' meldet: „Se. M. der König haben Allergnädigst geruht: dem Staats­und Finanzminister Dr. von Scholz unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers, sowie unter Verleihung des Sterns der Großkomthure des Königlichen Hausordens von Hohenzollern, die nach­gesuchte Dienstentlassung zu ertheilen und den Ober­bürgermeister Dr. Miquel zum Staats-und Finanz- mimster zu ernennen." — Herr v. Scholz, der seit­herige Finanzminister Preußens, ist am 1. November 1833 geboren. 1854 trat er m den Staatsdienst und wurde 1864 Hilfsarbeiter im Kultusministerium. Aus diesem Ressort trat er 1871 als Geheimer Finanzrath in das Finanzministerium ein und wurde darin 1879 Unterstaatssekretär. Im Jahre 1880 übernahm er das Staatssekretariat des Reichsamts des Innern und 1882 das preußische Finanzministerium. Herr v. Scholz blickt also auf eine achtjährige Ministerlaufbahn zurück, die keine Erfolge zu verzeichnen hat. Herr v. Scholz be­herrschte, so urtheilt die ,Germania' über ihn, technisch sein Ressort in der gewandtesten Weise, er war ein ungemein zäher Arbeiter, aber — er war doch kein richtiger Finanzminister. Er hat das Tabakmonopol und das Branntweinmonopol versucht, er nahm ver­schiedene Anläufe zur Branntweinsteuer, er ließ die Zuckersteuer verfallen und beschäftigte sich mit Steuer­projekten, die nirgends Beifall fanden. Herr v. Scholz war kein Minister, der nach großen reformatorischen Ideen arbeitete, sondern er war Augenblickspolitiker, der sich den Ideen des Fürsten Bismarck nach den vermeintlichen Bedürfnissen der jeweiligen Situation anpaßte und jenen Form und Gestalt verlieh. Dabei hatte sich Herr v. Scholz eine Schroffheit im parla­mentarischen Verkehr angewöhnt, die ihn bei allen Parteien anstoßen ließ, auch bei den Konservativen. Der Austritt des Herrn v. Scholz aus dem Ministerium wird daher nirgends tieferen Eindruck machen.

* Reichskommissar Major Wißmann ist nach einem kurzen Aufenthalt in München heute früh um 6 Uhr auf dem hiesigen Anhalter Bahnhof eingetroffen. In feiner Begleitung befanden sich sein Adjutant Dr. Bumiller und der deutsche Mali von Pangani, Soli- man beit Nassr, nebst einem arabischen Koch und einem schwarzen Dolmetscher. Zur Begrüßung des Reichs­kommissars hatten sich persönliche Freunde desselben, Direktor Vohsen von der deutsch-ostafrikanischen Ge­sellschaft und die zur Zeit hier weilenden Offiziere der ostaftikanischen Schutztruppen auf dem Bahnhofe einge­funden. Beim Verlassen des Koupees wurde Herrn Wissmann ein Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-rother Schleife überreicht. Nach kurzer Begrüßung begaben

In harter Schute. '

Roman von G. I.

(72. Fortsetzung.)

Leontine sah die Frau verwundert und gleichzeitig erschrocken an. Was wollte diese Aeußerung sagen? Wußte sie schon, daß sie eine Flüchtige war und aus welcher Quelle?"

„Ra, du liebe Zeit, Fräulein, so sehen Sie doch man nicht so ängstlich aus," tröstete die gutmüthige Frau. „Erfahren mußte ich's ja doch einmal. Ich habe meinen festen Plan, und wenn das auch nicht wäre, geheim läßt es sich doch nicht halten, und es schadet Ihnen nichts bei mir, wahrhaftig, es schadet Ihnen nichts; wen die Meinhold empfiehlt, der ist brav, aber schreiben hätte sie mir's drum gekonnt."

„Ich verstehe Sie wirklich nicht, Frau Pfannen­berg," sagte Leontine, der es ganz unheimlich ward.

„Aber ich bitte Sie, Kind, Sie wollen doch hier gastiren?"

„Gastiren!" rief Leontine. „Gastiren! Wo denn?"

„Na, im Theater!" nein so was lebt doch nicht, wie kann man nur so verschlossen sein!"

„Ich soll gastiren!" wiederholte Leontine nochmals.

„Ich bin ja aber nicht Schauspielerin!"

Frau Pfannenberg schüttelte den Kopf. Es ist wirk-

sich die Angekommenen nach dem in der Anhaltstraße für sie gemietheten Absteigequartier. Herr Wissmann hatte bereits eine Audienz im Auswärtigen Amt, heute wird er vom Kaiser empfangen.

* Die Vertagung des Reichstages soll Ende der ersten Juliwoche erfolgen.

* Die vielfach gehegte Erwartung, daß bei der heute im Reichstage stattfindenden dritten Be- rathung des ostafrikanischen Nachtragsetats alle die verschiedenen Stimmungen, welche die deutsch­englische Vereinbarung geweckt hat, zum Ausdruck kom­men würden, hat sich nicht erfüllt. Gleich bei Beginn der Berathung richtete nämlich der Staatssekretär Frhr. v. Marschall an das Haus die Bitte, das deutsch­englische Abkommen heute nicht zu diskutiren, weil noch Verhandlungen schwebten und eine Diskussion leicht die deutschen Interessen benachtheiligen könnte. Zugleich stellte der Herr Staatssekretär für die nächste Session einen Plan über die weitere Entwicklung unserer Kolonialpolitik in Aussicht, der sowohl unsere kolonialen Interessen, wie auch die Interessen der deutschen Steuerzahler wahren werde. Für die laufende Session kündigte der Herr Staatssekretär even­tuell noch eine Vorlage über die Abtretung von Hel­goland an, vorausgesetzt, daß das englische Parla­ment die betreffende Bill rasch und in zustimmendem Sinne erledigen werde. Nach dieser Erklärung wurde der Nachtragsetat ohne weitere Debatte unverändert angenommen. Der Reichskommissar Wissmannwar übrigens zu den Verhandlungen nicht erschienen. Hier­auf trat das gut besuchte Haus wie wir der .Germania' entnehmen in die zweite Berathung der Militär­vorlage ein, die von dem Referenten der Militär- Kommission, dem Abg. Udo Graf zu Stolberg mit einem Bericht über die Kommissionsverhandlungen ein­geleitet wurde. Von den Deutschfreisinnigen wurde durch den Abg. Dr. Bamberger der in der Kommission mit 18 gegen 10 Stimmen abgelehnte Antrag auf gesetzliche Einführung der zweijährigen Dienst­zeit für die Jüfanterie wiederholt. Außerdem wur­den die Resolutionen des Abg. Dr. Windthorst mit zur Debatte gestellt. Abg. Rickert plaidirte sür die einjährige Bewilligung des Militäretats uud ver­breitete sich eingehend über das Septennat und die Septennatswahlen. Durch die Vorlage sei das Sep­tennat durchbrochen, es liege „zerquetscht" am Boden. Nicht um eine parlamentarische Machtfrage oder Kraft­probe handle es sich bei der Forderung der einjährigen Bewilligung, sondern um die Wahrung des konstitutio­nellen Rechts; außerdem liege die einjährige Bewilli­gung sowohl im Interesse des Landes wie der Armee und vermeide die jetzigen Krisen. Mit Entschiedenheit wandte sich der Redner auch gegen die Interpretation welche der Kriegsminister in der Kommission dem Ar-

lich nicht recht von Ihnen, das abzustreiten, Fräulein, ich behalte Sie ja im Hause, wenn Sie auch Schau­spielerin sind. Mein Mann brachte mich erst darauf. Als ich ihm unten den Brief von der Meinhold zeigte, sagte er: ach, das ist das Fräulein Schmidt, auf das der Theaterdirektor schon zwei Tage wartet. Na, der wird froh sein, der hatte schon einen dicken Kopf, daß ihn sein Gast am Ende im Stich ließ. Ich will nur gleich hinschicken."

„Das ist ein Jrrthum, Frau Pfannenberg," be- theuerte Leontine, „ich habe—". Sie kam nicht weiter, denn nach einem lauten heftigen Klopfen wurde die Thür hastig aufgerissen und herein stürmte ein kleiner kugelrunder Mann, der nach Athem schnappte und sich mit einem großen gelbseidenen Taschentusche den ihm in Folge des schnellen Laufens in großen Tropfen auf der Stirn stehenden Schweiß abwischte.

Leontine schaute mit (Staunen auf den zwar gut bürgerlich, aber doch etwas absonderlich gekleideten kleinen Mann in dem hechtgrauen Paletot, zu dem sich der Cylinder, den er in der Hand hielt, ebenso komisch ausnahm, wie die darunter sichtbar werdenden Stiefel mit Sporen.

„Nun machen Sie's mit dem Herrn Direktor selbst aus," rief Frau Pfannenberg und eilte aus dem Zimmer. Der Herr Direktor hatte inzwischen Athem

tikel 63 der Reichsverfassung gegeben. Es sei nicht richtig, daß nach diesem Artikel her Kaiser die Präsenz­stärke des Heeres zu bestimmen habe, ebensowenig sei das Septennat von 1874 ein Kompromiß zwischen Reichsregierung und Reichstag gewesen. Des Weiteren verbreitete sich Herr Rickert über das die Völker ruini- rende Wettrüsten, für das Deutschland zu arm sei, und befürwortete die gesetzliche zweijährige Dienstzeit, welche die Mehrheit des Volkes als Kompensation wünsche. Nach Ablehnung ihres Antrages würden die Freisinnigen für die Windthorst'schen Resolutionen stimmen, denn es sei werthvoll, daß das Parlament wenigstens seiner Meinung Ausdruck gebe. Der Abg. Rickert schloß seine anderthalbstündige Rede mit einer Empfehlung der internationalen schieds­gerichtlichen Propaganda, wie sie neuerdings im spanischen Senat und in der italienischen Deputirten- kammer zu Tage getreten. Wenn die Regierung der europäischen Staaten nicht bald abrüsteten, drohe die Gefahr einer internationalen Verbrüderung der Massen. Der Abg. Dr. Windthorst, der nach Rickert das Wort erhielt, empfahl den Zusammentritt eines inter­nationalen Schiedsgerichtskongresses nach Analogie der internationalen Arbeiterschutzkonferenz und gedachte bei dieser Gelegenheit mit Anerkennung des Schiedsgerichtsantrages, den der Deputirte Bonghi jüngst in der italienischen Kammer gestellt hat. Die Militärvorlage habe das Volk tief erschüttert, und gegenüber der Haltung der preußischen Regierung in der Sperrfondsfrage koste es ihm zwar große lieber- Windung, der Regierung entgegen zu kommen, allein als treue Unterthanen seien seine Parteigenossen ver­pflichtet, „alles zu thun was recht ist, auch für diejenigen, die uns schlagen." Nach sorgfältiger Prüfung sei er zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Vorlage eine Nothwendigkeit sei und nicht abgelehnt werden dürfe. Die französische Artillerie sei uns überlegen und er könne es nicht verantworten, unsere Brüder etwa mit einer inferioren Artillerie in's Feld ziehen zu lassen. Was hier verlangt werde, könne noch ans den jetzigen Einnahme - Quellen gedeckt werden, aber nunmehr sei neben thunlichster Sparsamkeit die Aufstellung eines Finanz-Planes für das Reich und die Einzel-Staaten nothwendig. Er sei für einjährige Bewilligung der Friedens - Präsenz und für die zweijährige Dienstzeit, die vom Volke mit elementarer Gewalt verlangt werde; bei dieser Vorlage aber könne man diese Forderungen nicht durchsetzen. Deshalb schlage er in seinen Reso­lutionen ein Programm für später vor, das zugleich einProtest gegen die dunkeln militärischen Zukunfts-Pläne sei. Reichskanzler v. Caprivi erklärte hierauf, daß die verbündeten Regierungen nicht gesonnen seien, von der Vorlage abzugehen und die freisinnigen Anträge anzunehmen. Er

genug gefunden, um wenigstens einen kleinen Theil deffen, was er auf dem Herzen zu haben schien, her­vorsprudeln zu können.

„Den Göttern sei Dank, daß meine Augen Sie endlich sehen, Holdigste!" rief er. „Wenn Sie wüßten, welche Angst und Sorge ich um Ihretwillen ausge­standen habe!"

„Ich bedaure, mein Herr," begann Leontine, er fiel ihr aber in die Rede.

„Sie bedauern, o, Sie sind ein Engel; doch be­dauern Sie mich nicht, sondern handeln wir; wir müsscn heute noch eine Probe haben. Zwei kostbare Tage sind schon verloren."

„Herr Direktor —"

„Sie wollen mir sagen, Sie sind noch von der Reise ermüdet; Sie wollen sagen, eine Schauspielerin wie Sie bedürfe keiner Probe, das mag sein, aber be­denken Sie meine Leute, wir haben den König Lear noch nicht auf geführt."

Er rang wieder nach Athem und mußte nothge- brungen eine Pause machen. Diese benutzte Leontine, um dem Redseligen zu erwidern:

„Ich wollte weder das Eine noch das Andere sagen, sondern —"

„Was haben Sie denn noch für ein Bedenken —" „Mein Herr," unterbrach ihn Leontine, „wollen