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17. Jahrgang

Mittwoch, den 25. Juni 1890

-M 143

Fuldaer Zeitung

—____ ... ..., . ».äs.« — - ® ntrf u. Nerlaa der Fuldaer Actiendruckerei tA. Dillmannl.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

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Deutsches Keich.

Berlin, 23. Juni.

* Ein recht erbauliches Schauspiel spielt sich zur Zeit ab, nämlich die Fürsorge der Parteien von links für das Centrum. Begreiflicherweise steht _ die Militärvorlage im Vordergrund aller Diskussion und knüpfen sich an deren Annahme oder Ablehnung die verschiedenartigsten Kombinationen, selbst bis zu einem Bismarck redivivus, Militärdiktatur, Staats­streich u. s. w. Wie sich aus der Abstimmung über das Gesetz in der Kommissionsberathung ergeben, steht das Centrum nicht geschlossen da. Ein Theil desselben hält den Standpunkt der Bewilligung fest mit den Resolutionen Windthorst's, der andere Theil verlangt bindende Erklärungen seitens der Regierung für die Zukunft. Der Nothwendigkeit der Bewilligung, beson­ders angesichts der Ueberlegenheit der französischen Artillerie, entzieht sich kein Theil, wie auch das Ganze der Forderung sich innerhalb des Rahmens der vom Reichstag früher beschlofsenen und genehmigten Organi­sation bewegt. Der Differenzpunkt liegt darin, bei aller Einigkeit, über die Verwerfung des Militarismus, ob jetzt schon der Moment gekommen sei, der Militärfrage gegenüber entscheidende Stellung zu nehmen oder nicht, zumal das Wort „Konflikt" gar leicht zur Thatsache sich verdichten könnte. Welches nun auch die Stellung sei, welche die einzelnen Abgeordnete im Centrum ein­nehmen, so haben dieselben doch ein ganz entschiedenes Recht, sich des aufdringlichen Rathes feitens der Herren von Links entschieden zu erwehren und sich denselben zu verbitten. Wenn das sozialdemokratische .Berliner Volksblatt' von „dem alten Fuchs" Windt- horst spricht, der in die „Patsche" gerathen, so wird sich Niemand an solchen Kosenamen stoßen. Wenn aber Eugen Richter jetzt Tag für Tag Windthorst in geradezu „wasferstiefel" mäßiger Weise angreift, wenn Richter's Zeitung im Bunde mit der frankfurter Zeitung' u. a. linksliberalen Blättern fortgesetzt Windt­horst zu sich hinüberziehen wollen, der Centrumspartei fortgesetzt drohen, daß sie ihren Boden im Volk ver­liere, und die Centrumswähler auffordern, daß sie sich noch bei Zeiten aufraffen und Herrn Windthorst klar machen, daß die Wege, die er eben zu wandeln sich angeschickt hat, nicht die ihrigen sind", dann möchten die Herren Inspiratoren dieser Blätter sich doch ge­fälligst gesagt sein lassen, daß weder das Centrum, noch dessen Wähler ihren Rath erbeten, noch nach demselben sich richten werden. Das Centrum und seine Wähler halten sich für politifch fo reif und mündig, daß sie weder demokratischer noch fortfchrittlicher Bemutterung oder Gängelbandführung bedürfen. Herr Richter thäte wohl besser, dafür zu sorgen, daß der gummirte Papier-

In harter Schule.

Roman von G. I. ’

(71. Fortsetzung.)

Wiederholte Besuche bei Frau Meinhold lieferten kein Ergebniß, nur erfuhr der Baron von den Dienst­boten, die er durch die Zusicherung großer Beloh­nungen zum Sprechen zu bringen suchte, Fräulein Schmidt sei plötzlich, ohne daß Jemand vorher eine Silbe von dieser Absicht gewußt habe, abgereist. Der alte Ebers hätte an jenem Abend schnell eine Droschke holen müssen, in der sie ganz allein nach dem Bahn­hof gefahren.

„Nach welchem Bahnhof?" fragte der Baron.

Das wußte man nicht.

„Welche Nummer hatte die Droschke?"

Die hatte man sich nicht gemerkt.

Es blieb zuletzt kein Zweifel, Leontine war wirklich fort und man mußte sich überzeugen, daß hier mit Gewalt oder mit Hilfe der Polizei nichts auszurichten sei. Der Baron hatte keinen Beweis, daß das junge Mädchen, welches in diesem Hause gewohnt hatte, wirklich seine Tochter gewesen sei.

Ein Versuch, Gringmuth zur Rede zu stellen, lief noch übler ab. Baron von Reina war schließlich stoh, als er das Zimmer des unbarmherzigen, alten Wucherers,

streifen, welcher die einander widerstrebenden Theile der sog. freisinnigen Partei vorläufig wieder zufammen- gelegt erscheinen läßt, nicht verweicht und zerreißt. Wenn Herr Richter triumphirend verkündet, daß die ganze Partei gegen das Gesetz geschlossen stimme, so wird sich nach' der Abstimmung ja ziffernmäßig nach­weisen lassen, daß die anwesenden Mitglieder da­gegen gestimmt. Gleichzeitig mögen die Herren vom nengeleimten Fortschritt daran denken, daß, als sie 1887 zum Kampfe sich aufgemacht, ihre Leute ihnen nicht Stand gehalten. Warum wohl Herr Richter nebst frankfurter Zeitung' 2c. so sehr für das Centrum be- forgt sind, daß es ja nicht seinen Charakter als Volks­partei verliere? Fast möchte man auf den Gedanken kommen, den Herren wäre es darum zu thun, selber in die parlamentarische Stellung des Centrums ein­zurücken. Man ist zu sehr besorgt um das Centrum, währenddem inan doch innerlich demselben durchaus nicht so grün ist, und gerade dieser Umstand, daß man in Centrumskreisen letzteres weiß, läßt ersteres als durchaus nicht von Uneigennützigkeit eingegeben er­scheinen und macht mißtrauisch in der Sache selbst. Möge man deßhalb seine Liebesmühe einstellen, das Centrum mag so ober so, getheilt oder geschlossen stimmen, das wird es mit sich und seinen Wählern ausmachen ohne der Hebammendienste des Fortschritts zu bedürfen.

* Finanzminister von Scholz hat seine Demis­sion eingereicht, deren Genehmigung unmittelbar be­vorsteht.

* Die Wahlprüfungskommission hat be­schlossen, die Wahl des Abg. Pickenbach (1. Hessen, Antisemit) zu beanstanden, bis die Erhebungen über die in den eingegangenen Protesten behaupteten Unregel­mäßigkeiten erledigt sind.

* Der Reichstag setzte heute die 2. Berathung der Vorlage über die Gewerbegerichte fort. § 491 Berufung gegen die Entscheidung der Gewerbegerichte, wird in Kommissionsfassung angenommen, die einge­brachten Anträge abgelehnt. § 501 Zwangsvollstreck­ungsverfahren aus den Urtheilen der Gewerbegerichte wird mit einem Antrag Eberty (d.f.) angenommen, wonach die für den Beginn des Zwangsvollstreckungs­verfahrens nöthigen Zustellungen durch die Gewerbe­gerichte zu geschehen haben. § 56 behandelt die Eigen­schaft der Gewerbegerichte als Einigungsämter hierzu hat Abg. Ackermann (konf.) einen Antrag gestellt, wo­nach vor dem Eintritt in das Einigungsverfahren die betr. Parteien zu Protokoll geben sollen, daß sie sich dem Spruch des Gerichts unterwerfen wollen. Der Antrag wird unter Hinweis darauf, daß die Parteien welche jene Gerichte anrufen, schon moralisch verpflichtet sind, sich deren Spruch zu unterwersen, der § wird sonst unverändert angenommen. § 69 bestimmt, daß der ihm die bittersten Wahrheiten mit ganz höflicher Miene sagte, wieder im Rücken hatte.

„Auf Wiedersehen, Herr Baron!" hatte ihm der Alte'noch nachgerufen. „Ich werde nicht verfehlen, Ihnen eines Tages den heutigen Besuch zu erwidern."

Das hatte wie eine Drohung geklungen, bei der es dem Baron ganz unheimlich werden wollte.

XXIV.

Es war ein kalter Märzmorgen, als Leontine in Neubrandenburg ankam. Der Winter, der dem Anscheine nach schon seit Wochen dem Frühling die Herrschaft eingeräumt hatte, war unversehens noch einmal mit Sturm und Schnee zurückgekehrt, und die Reisende hatte alle Ursache gehabt, Alwine dankbar zu sein, daß sie sie vorsorglich mit Fußsack, Decke und Mantel ver­sehen hatte.

Trotz aller dieser Umhüllungen trat sie halb erstarrt aus dem Coupo, in dem sie den größten Theil der Reise allein zurückgelegt hatte, auf den Perron und blickte bang und fragend in den dunkeln Morgen, in die schneebedeckte Gegend hinaus. Hier schien nicht ein­mal ein Fuhrwerk vorhanden, das sie nach dem Hotel „Zum Großherzog" bringen, kein Führer, dem sie sich in Ermangelung jenes anvertrauen konnte.

Immer noch stand sie unschlüssig und schaute vor sich hin. Schon dachte sie daran, den Tag im Warte-

bie Gerichte nicht ans Apotheker unb Hanbelspersonal sowie Mllitärarbeiter ausgebehnt werben sollen. Ein soz.- bem. Antrag verlangt Streichung bes §. In ber hierüber folgenden Debatte werben die Verhältnisse in den Militärwerkstätten seitens ber Sozialdemokraten einer scharfen Kritik unterzogen, bie regierungsseitig zurück­gewiesen wirb. Der § wirb unveräubert angenommen. § 72a verlangt Beibehaltung ber schon bestehenden Gewerbegerichte. Der § wirb mit einem Zusatz v. Cuny angenommen, baß auch bei biesen rechtsgebildete An­wälte nicht zugelassen werben sollen. Der Rest ber Vorlage wirb ohne Debatte angenommen unb bamit ist deren 2. Lesung beendet. Nächste Sitzung: Dienstag. Tages - Ordnung.: Kolonialnachtrags - Etat, Militär- Vorlage.

* Köln, 21. Juni. Der hiesige Verein gegen Unwesen in Handel und Gewerbe hielt kürzlich eine Versammlung ab, in welcher zunächst eine Immediat­eingabe verlesen wurde, welche der Verein unter’ni 3. Mai d. I. an den Kaiser gerichtet hat, in der die Bitte ausgesprochen und begründet wird, der Monarch möge „bie Unvereinbarlichkeit ber Organisation des Waarenhanses für deutsche Beamte mit den Aufgaben des Beamtenthums allergnädigst auszusprechen geruhen." Die Coblenzer Handelskammer hat, wie bei dieser Gelegenheit mitgetheilt wurde, den gegen jenes Waarenhaus gerichteten Bestrebungen bereitwillig ihre Unterstützung zugesagt. Sodann beschäftigte man sich mit der jetzt vielfach behandelten Frage der Sonn­tagsruhe für Kaufleute, deren Lösung im Sinne ber hiesigen kaufmännischen Vereine gewünscht wurde (4 Stunden Sonntagsarbeit, Schluß 12 Uhr), und mit den Bestrebungen der hiesigen Sch nhm ach er-Innung gegen bie Strafanstalts -Magazine. Auf eine in dieser Sache an das Ministerium des Innern gerichtete Eingabe der Innung erwiderte dasselbe, es sei nicht in der Lage, die für das Schuhwaarenlager eines Kölner Händlers gebrauchte Bezeichnung „Strafanstalts-Ma­gazine" zu untersagen, obgleich eine solche Bezeichnung mit Bezug auf Strafanstalten des Ressorts des Mi­nisteriums des Innern unzutreffend und auch unzu­lässig sei.

* Aus München, 22. Juni, meldet man der ,Germania': Major Wißmann, der seit gestern Abend 5 Uhr dort weilt, reifte soeben '//> Uhr mit dem Berliner Schnellzug ab. Eine kolossale Menschenmenge war am Bahnhofe, um den von Frhrn. v. Gr aven- reuth geleiteten Reichskommisfar zu fehen und bereitete ihm einen enthusiastifchen Empfang, der bis zur Ab­fahrt des Zuges dauerte. Wißmann, der von verschie­denen Journalisten interviewt werden sollte, empfing Niemand.

zimmer des Bahnhofsgebäudes zu erwarten, da fuhr ein Wagen heran, der Kutscher sprang vom Bock, näherte sich ihr und fragte, indem er sich offenbar Mühe gab, seine des Plattdeutschen gewohnte Zunge dem Hochdeutschen zu fügen:

„Sind Sie das Fräulein, das aus Berlin ange­meldet ist?" Als Leontine bejahte, fuhr er treu­herzig fort:

„Na, denn steigen Sie man flugs in den Wagen und nehmen Sie nichts für ungut, daß Sie warten mußten. Das Telegramm ist erst nicht lange ange­kommen und ehe Unsereins geweckt wird unb anspannt, barüber vergeht denn auch ’ne Weile."

Leontine war viel zu glücklich, daß man sie über­haupt abholte, um Anstand daran zu nehmen, daß sie warten mußte. So wußte man doch von ihr, so wurde sie doch erwartet. Es kam wie ein Heimatsgefühl über sie, als der Kutscher ihr leichtes Gepäck auf den Wagen lud, sie hineinpackte und nun mit ihr durch die schweigende Landschaft und die noch eben fo fchweigenden Straßen der Stadt bis zum Markte fuhr, an welchem sich das „Hotel zum Großherzog", das diese Bezeichnung in deutscher, französischer unb englischer Sprache in großen weithin sichtbaren Buchstaben an seiner Vorderfront trug, in voller Stattlichkeit erhob.

Ein freundliches Stubenmädchen empfing die junge